Hans Erich Nossack : Spätestens im November

Spätestens im November

Hans Erich Nossack

Spätestens im November

Spätestens im November Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Berlin 1955 399 Seiten Bibliothek des 20. Jahrhunderts Hg.: Walter Jens, Marcel Reich-Ranicki Deutscher Bücherbund, 1981 348 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Marianne Helldegen ihren Ehemann Max bei der Verleihung eines von ihm gestifteten Literaturpreises vertritt, lernt sie den Schriftsteller Berthold Möncken kennen. Noch am selben Abend verlässt sie ihre Familie und fährt mit Berthold weg. Aber der Autor nimmt sich für Marianne nicht mehr Zeit als Max es tat. Sie vereinsamt an seiner Seite. Nach zwei Monaten kehrt sie zu ihrem Mann und ihrem Sohn zurück. Einige Zeit später wird die Premiere des neuen Stücks von Berthold Möncken angekündigt ...
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Kritik

In seinem Roman "Spätestens im November" zeigt Hans Erich Nossack den Zusammenhang zwischen Eros und Thanatos auf. Die Liebe kontrastiert hier nicht nur mit der Vernunft, sondern vor allem mit der gefühllosen Welt erfolgreicher Industrieller.
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Beim Festakt anlässlich der erstmaligen Verleihung eines Literaturpreises des Industrieverbandes in der Kunsthalle vertritt Marianne Helldegen ihren Ehemann Max, der geschäftlich in Kassel zu tun hat. Eine Jury sprach den Preis, den die Helldegen-Werke stifteten, dem Schriftsteller Berthold Möncken zu.

Der Oberbürgermeister erkundigte sich, was mein Mann zu der Wahl, die die Jury getroffen hätte, gesagt habe und ob er damit einverstanden sei. Ja sehr, antwortete ich, und er finde es großartig, wie alles gemacht sei. Es ging sie nichts an, dass Max sich überhaupt nicht mehr darum gekümmert hatte. Ich glaube, er wusste nicht einmal den Namen. Max hatte andere Dinge im Kopf; wer den Preis kriegte, war ihm nicht wichtig. Nur der Preis selber, und dass er auf seine Anregung gestiftet worden war, darauf legte er großen Wert. Es war eine Reklame für ihn. Oder für die Fabrik.

Marianne Helldegen und Berthold Möncken fühlen sich vom ersten Augenblick an verbunden. Als sie nach der Preisverleihung aufeinander zugehen, sagt der Schriftsteller unvermittelt zu der ihm noch unbekannten Frau: „Mit Ihnen lohnt es sich zu sterben.“ Ohne auch nur ihren Namen zu kennen, folgt er ihr zu einem Taxi und fährt mit ihr zu der Villa, in der sie mit ihrem Mann und dem fünfjährigen Sohn Günther wohnt.

Sie ist jetzt achtundzwanzig. Vor sieben Jahren, als sie noch in ihrem Elternhaus in Uelzen lebte, hatte sie eine Affäre mit Arnim von Cismar, einem Gutsbesitzer, der verheiratet war und Kinder hatte. Ihrem Vater zuliebe brach sie die Beziehung ab, bevor es zu einem Skandal kam, und heiratete den Unternehmer Max Helldegen, obwohl sie ihn nicht liebte. Bei der Trauung trug sie statt des Brautstraußes ein Blumenbukett, das Arnim ihr geschickt hatte. Seit der Hochzeit vor sechs Jahren wohnt sie hier in der Villa ihres Schwiegervaters, der sich kürzlich in ein Gästezimmer im zweiten Stockwerk zurückzog und ihnen den Rest des Hauses überließ.

Dort kommt Möncken zur Besinnung. Er will sich verabschieden, aber Marianne lässt ihn nicht fort. Sie beabsichtigt, mit ihm zusammen das Haus zu verlassen. Nachdem sie ihren Sohn ins Bett gebracht hat, packt sie ein paar Sachen. Zwischendurch überlegt sie, ob sie Möncken nicht doch fortschicken soll, aber dann macht sie weiter.

Max Helldegen ist noch nicht aus Kassel zurückgekehrt. Anwesend sind sein Vater, seine „rechte Hand“, Herr Blanck, und Fräulein Gerda, die offiziell als Kindermädchen eingestellt wurde, deren Aufgabe es jedoch auch ist, den über siebzig Jahre alten Gründer des Familienunternehmens zu beobachten, der an diesem Tag nach langem Zögern dem Drängen seines Sohnes nachgab und eine Erklärung unterschrieb, mit der er sich gewissermaßen selbst entmündigte. Über das Motiv, ein Unternehmen aufzubauen, sagt er einmal:

„Mein Vater war warm und erfolglos, seine Lage erbitterte mich so, dass ich mir vornahm, reich zu werden. Das ist das ganze Geheimnis meines Erfolgs, keinerlei große Ideen und nicht einmal eine überragende Tüchtigkeit, sondern Neid und Hass gegen die Armut.“

Marianne ist noch in ihrem Zimmer, als Max Helldegen eintrifft. Herr Blanck („alles Nachahmung und Ehrgeiz“) stellt ihm den Gast vor, und der Industrielle wendet sich an ihn:

„Welch eine Freude, mein verehrter Herr Möncken, dass ich Ihnen noch persönlich die Hand schütteln darf. Ich konnte leider heute Nachmittag bei dem Festakt nicht dabei sein, ich hätte viel darum gegeben. Aber unsereiner ist nicht Herr seiner Zeit. Umso dankbarer bin ich meiner Frau, dass sie Sie hierhergebeten hat. Wirklich, ein großartiger Gedanke von ihr.“

„Ich, und das geht den meisten von uns so, wir können es uns einfach nicht leisten, uns ablenken zu lassen. Die Helldegen-Werke zum Beispiel beschäftigen schon heute dreitausend Leute. Mit den Angehörigen wären es also rund zehntausend Menschen, deren Wohl und Wehe davon abhängt, dass bei uns alles klappt.“

Da kommt Marianne die Treppe herunter. Ihrem Mann fällt sofort auf, dass sie einen Mantel über dem tief ausgeschnittenen Kleid trägt, das sie für den Festakt ausgesucht hatte. Sie erklärt ihm, dass sie mit Berthold Möncken wegfahren werde.

„Du kennst diesen Herrn da schon länger?“, fragte er […]
„Nicht sehr lange. Erst seit heute Nachmittag.“
„So, hm? Und der Zweck des Unternehmens?“
„Der Zweck?“ Was sollte ich darauf antworten. Ich wurde nervös. „Der Zweck? Mein Gott, Max …“
„Und wohin soll es gehen, wenn ich fragen darf?“
„Irgendwohin.“ Ich zuckte die Achseln. „Das wissen wir noch nicht.“
„So, hm? Und für wie lange?“
„Für immer.“

Während sie ihren Ehemann stehen lässt, umarmt sie ihren Schwiegervater zum Abschied. Sie weiß, dass er ebenfalls von seiner Frau verlassen wurde, als Max sieben Jahre alt war.

Während Marianne und Berthold mit einem Taxi zum Bahnhof fahren, sagt Max zu seinem Vater: „Was will sie mit diesem … diesem … das ist Romantik, weiter nichts. Frauen sind nun einmal so.“ Er hält sich zugute, „zäh und nüchtern“ zu sein und meint: „Gefühle haben keine lange Lebensdauer.“

Berthold löst noch eine Fahrkarte für Marianne. Sie fahren nach D., wo er wohnt. Sie reden nicht viel.

Er ist vierunddreißig, sechs Jahre älter als Marianne. Mit Frauen hatte er bisher kein Glück. Das führt er darauf zurück, dass er sie immer gleich heiraten wollte und sie damit verschreckte.

Marianne vergleicht sich mit ihrer Mutter:

„Meine Eltern zum Beispiel, sie lebten so, wie es sein muss. Etwas andres kam gar nicht für sie in Frage. Meine Mutter hat nie auch nur versucht, meinen Vater zu verlassen; es ist komisch, sich so etwas überhaupt nur vorzustellen; sie wird nicht einmal die Sehnsucht gehabt haben. Aber nicht weil sie so glücklich war; glücklich waren meine Eltern nicht. Sie waren auch nicht unglücklich, ich weiß nicht, was sie waren; es war alles so tot und gleichmäßig, heute wie gestern und morgen wieder so und immer so weiter.“

Und sie erinnert sich in diesem Zusammenhang an einen Vers:

Dass wir vom Glücke träumen und es kennen / und doch nicht haben, das ist unser Unglück.

Weil in Bertholds Zimmer kein Platz ist, wird Marianne bei einem jungen Paar einquartiert, das fast ebenso beengt wohnt. Zwei Wochen lang bleiben Berthold und Marianne in D. Dann fahren sie in den Grenzort Ludwigshof und nehmen sich ein Zimmer in einer Pension. Dort sind sie glücklich, werden jedoch nach kurzer Zeit vom Regenwetter vertrieben. In einer anderen Stadt richten sie sich ein. Die Vermieterin des Zimmers, Frau Viereck, stammt aus dem Osten und lebt erst seit einigen Jahren hier. Ihr gehört im Mietshaus eine ganze Etage mit sieben oder acht Räumen, die sie alle vermietet hat. Sie selbst wohnt in einer fensterlosen Kammer.

Berthold beginnt wie besessen an einem neuen Roman zu arbeiten.

„Wenn ich nicht schreiben würde, wäre ich schon nicht mehr da.“

Aber zufrieden ist er dabei nicht:

„Es ekelt mich vor allem, was ich geschrieben habe.“

Um ihn nicht zu stören, verbringt Marianne die Vormittage bei schönem Wetter im Park oder bei Regen in Museen. Sie leidet darunter, dass Berthold sich auch nicht mehr Zeit für sie nimmt als Max es tat. Hin und wieder gehen sie ins Kino, aber sonst unternehmen sie nichts. Die Vereinsamung stört Berthold nicht. Er will keine Gespräche mit anderen Menschen führen:

„Um Gottes willen, es läuft nur auf Geschwätz hinaus.“

Zwei Monate nachdem Marianne ihren Mann verließ, kündigt ihr Schwiegervater seinen Besuch an. Er habe sich gerade in Berchtesgaden erholt, schreibt er und komme für eine Nacht in die Stadt, in der Marianne und Berthold jetzt leben. Falls ihnen sein Besuch ungelegen komme, sollten sie ihm eine Nachricht im Europäischen Hof hinterlassen, wo er ein Zimmer reserviert habe. Marianne geht am Hotel vorbei, kann sich jedoch nicht zu einer Absage entschließen. Aus Sorge, Berthold könne sich durch die Nachricht gestört fühlen, verschiebt sie die Mitteilung immer wieder, bis es zu spät ist und der Schwiegervater vor der Türe steht.

Nachdem ein paar Worte gewechselt sind, verlässt Berthold die Wohnung unter dem Vorwand, Kaffee und Zigaretten kaufen zu müssen. Er ahnt, dass Marianne fort will, überlässt ihr die Entscheidung und gibt ihr die Gelegenheit, mit ihrem Schwiegervater unter vier Augen zu reden. Marianne schüttet dem Besucher denn auch ihr Herz aus.

„Manchmal glaube ich, ich störe ihn nur, und er braucht mich nicht. Er braucht überhaupt keinen anderen Menschen, sie sind ihm nur lästig. Er braucht mich nicht zum Essen und nicht zum Schlafen und nicht zum Knopfannähen. Ich weiß nicht, wozu ich da bin. Es ist schlimmer als Verheiratetsein. Es ist schlimmer als Totsein.“

Als Berthold wieder da ist, lässt Mariannes Schwiegervater sich von einem Taxi zum Hotel fahren. Marianne packt ihren Koffer und folgt ihm, ohne dass Berthold sie aufzuhalten versucht.

Ihr Ehemann und ihr Sohn holen sie und ihren Schwiegervater vom Bahnhof ab. Der Chauffeur wartet am Wagen. Wenn Max nach Marianne gefragt wurde, log er, sie erhole sich ein paar Wochen lang in einem Sanatorium. Er verhält sich tadellos und wirft seiner Frau nichts vor. Das Thema ist für ihn erledigt. Er lässt Marianne in Ruhe, auch im Bett, und sie ist ihm dankbar dafür. Auf seinen Rat hin fährt sie mit Günther für vier Wochen nach Kampen. Dort besucht er sie zwischendurch, obwohl er in der Firma viel zu tun hat und sich eigentlich keinen Urlaub gönnt.

Vier Monate nach ihrer Rückkehr liest Marianne in der Lokalzeitung etwas über Berthold Möncken: Sein neues Bühnenstück „Revision verworfen“ soll am 23. November am hiesigen Theater uraufgeführt werden. Marianne ist entsetzt. Warum hat er ausgerechnet ihren Wohnort für die Premiere ausgesucht? Aber vermutlich entschied er das gar nicht selbst, sondern die Verantwortlichen wählten den Ort, an dem man den Namen des Autoren anlässlich der Preisverleihung schon einmal gehört hat.

Marianne kauft zwei Karten, ohne weiter darüber nachzdenken.

Dann steht in der Zeitung, der Schriftsteller sei erkrankt und könne deshalb nicht zur Premiere anreisen.

Am Tag vor der Erstaufführung druckt die Zeitung ein Foto von ihm. Weder Max noch sein Vater sagen etwas zu Marianne. Nur Fräulein Gerda weist sie am Morgen vor der Premiere auf das bevorstehende Ereignis hin. Und sie ist ganz aufgeregt, weil sie den Autor vor einigen Monaten persönlich kennenlernte, als er hier im Haus war. Marianne tut so, als wisse sie von nichts, schenkt Gerda die beiden Theaterkarten, die angeblich mit der Post kamen und gibt ihr für den Abend frei. Gerda kann ihr Glück kaum fassen. Sie wird ihren Verlobten, der vor knapp zwei Jahren aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkam und Ingenieurwissenschaften studiert, dazu überreden, mit ihr ins Theater zu gehen.

Obwohl es heißt, der Autor könne bei der Uraufführung seines Stücks nicht dabei sein, fühlt Marianne, dass er kommt. Am Abend zieht sie das tief ausgeschnittene Kleid an, das sie bei der Preisverleihung vor einem halben Jahr trug.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Max erfährt von der Premiere eines Stücks aus der Feder seines Nebenbuhlers erst wenige Stunden vorher. Aus Sorge, es könne Anspielungen auf die zurückliegenden Ereignisse oder die Familie Helldegen geben, schickt er Blanck ins Theater. Erkundigungen ließ er schon vor einem halben Jahr einziehen. Dabei fand er heraus, dass Berthold Möncken vor zehn oder fünfzehn Jahren politisch links stand.

„Man kennt diese Sorte. Zu faul, um einen richtigen Beruf zu ergreifen. Er ist lange Fabrikarbeiter gewesen, trotz seiner Herkunft.“

Als Max vom Büro nach Hause kommt, rät sein Vater ihm, offen mit Marianne zu reden, aber dazu ist er nicht in der Lage. Marianne kommt herunter und trinkt drei Gläser Pernod, was sie sonst nie tut. Sie warten zusammen, bis Gerda aus dem Theater kommt. Aufgeregt erzählt sie von dem Stück und berichtet, dass Berthold Möncken am Schluss auf die Bühne gerufen wurde.

Max zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück, um ein geschäftliches Telefongespräch zu führen.

Als er sich wieder zu den anderen gesellt, ahnt Marianne, dass Berthold anrief. Max bestätigt es und sagt, er habe gelogen, sie sei in Italien. Sie hätte sich ohnehin geweigert, mit ihm zu sprechen, sagt Marianne.

Nachdem sie in ihr Zimmer hinaufgegangen ist, hört sie Hagel gegen ihr Fenster prasseln. Bald darauf klingelt es an der Haustüre. Max öffnet. Berthold ist gekommen, um sie abzuholen. Er wolle mit ihr zur Premierenfeier im Theaterkeller, erklärt er Max. Der fordert ihn auf, das Haus zu verlassen und droht mit der Polizei, aber Berthold lässt sich nicht einschüchtern. Marianne geht hinunter, und Berthold fällt sofort auf, dass sie dasselbe Kleid wie vor einem halben Jahr trägt. Die Szene scheint sich zu wiederholen. Nur ist er diesmal angetrunken.

Seit kurzem besitzt er ein Auto. Marianne geht mit ihm hinaus und steigt ein. Unterwegs sagt Berthold, er wolle mit ihr schlafen und schlägt vor, statt zum Theaterkeller zu einem Hotel zu fahren.

Und dann kam der Wagen ins Fliegen. Da, wo die Lichtgirlande ins Dunkle abbiegt. Wir schwebten. Wie leicht wir waren! Federleicht. Wir wurden zu dem Pfeiler der Eisenbahnbrücke hingeweht. Immer schneller.

Mariannes Schwiegervater rät seinem Sohn, ihr zum Theaterkeller nachzufahren. Das sei seine einzige Chance und auch seine Pflicht, meint er. Aber davon will Max nichts wissen.

Zwei Polizisten klingeln und überbringen die Nachricht, dass Marianne Helldegen und Berthold Möncken tödlich verunglückten. Max steigt zu ihnen ins Auto und sagt zu seinem Vater: „Ich will sehen, wie sich das ordnen lässt.“

Fräulein Gerda taucht oben an der Treppe auf:

„Herr Generaldirektor.“
Mein Schwiegervater blickt sehr ruhig nach oben.
„Ist etwas Schlimmes passiert, Herr Generaldirektor?“, fragt Fräulein Gerda.
Mein Schwiegervater schüttelt den Kopf.

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In seinem Roman „Spätestens im November“ zeigt Hans Erich Nossack den Zusammenhang zwischen Eros und Thanatos auf. Die Liebe kontrastiert hier nicht nur mit der Vernunft, sondern vor allem mit der gefühllosen Welt von erfolgreichen Industriellen zur Zeit des Wirtschaftswunders in der Bundesrepublik Deutschland Anfang der Fünfzigerjahre. Hans Erich Nossack kritisiert nicht nur den Kapitalismus, sondern nimmt auch den verlogenen Kulturbetrieb satirisch aufs Korn.

Über das von Berthold Möncken verfasste Theaterstück „Revision verworfen“ stellt Hans Erich Nossack einen Bezug zwischen dem Plot von „Spätestens im November“ und einer mittelalterlichen Tragödie her, einer wahren Geschichte, die auch Dante Alighieri in der „Göttlichen Komödie“ aufgriff.

Das Kindermädchen Gerda berichtet nach dem Theaterbesuch:

„Es ist eine alte Geschichte, vor vielen hundert Jahren. In Italien natürlich. Aber gespielt würde in modernen Kleidern, genauso wie wir.“

Um eine Fehde mit der in Rimini ansässigen Familie Malatesta zu beenden, verheiratete Guido da Polenta, ein Edelmann aus Ravenna, seine schöne Tochter Francesca (1255 – 1285) mit Giovanni Malatesta. Weil der Erbe des Hauses Malatesta gelähmt und entstellt war, gab sich sein Bruder Paolo als Bräutigam aus. Als Francesca da Rimini den Betrug durchschaute, war es bereits zu spät. Sie verliebte sich in Paolo Malatesta, und er erwiderte ihre Gefühle. Als der gehörnte Ehemann Giovanni Malatesta davon erfuhr, ermordete er das Liebespaar.

Im Vorwort des Programmheftes zur Premiere seines Stückes „Revision verworfen“ schreibt Berthold Möncken:

Es geht nicht um Francesca und Paolo. Ihr Schicksal hat sich erfüllt und gilt uns als Erfüllung […]
Das Recht ist auf seiten Malatestas, darüber ist kein Zweifel möglich. Auch heute noch. Dass eine humanere Gesetzgebung es dem Ehemann nicht mehr gestattet, seine Frau und ihren Liebhaber zu erschlagen, ist eine so geringfügige Nuance, dass der ernsthafte Beurteiler dieses Falles sie nicht in Betracht zu ziehen braucht […]
Was geht uns Malatesta an! Er ist schwer genug bestraft dadurch, dass die Welt ihm Recht gibt, dass er Erfolg hat und dass er weiterleben muss?

„Spätestens im November“ hat auch märchenhafte Züge. Obwohl die Geschichte von einer der Hauptfiguren in der Ich-Form erzählt wird, wechselt die Perspektive. Was Marianne Helldegen nicht selbst erlebt hat, schildert sie so, wie man es ihr berichtet hat, oder sie stellt sich vor, wie es gewesen sein könnte. Erst am Ende begreifen wir, dass sie bereits tot ist.

Hans Erich Nossack (1901 – 1977) wurde mehrfach ausgezeichnet, so zum Beispiel 1961 mit dem Georg-Büchner-Preis, 1963 mit dem Wilhelm-Raabe-Preis und 1973 mit dem Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Alain Claude Sulzer - Privatstunden
In "Privatstunden" erzählt Alain Claude Sulzer von Einsamkeit und verratener Liebe. Eine dramatischere Handlung hätte ebenso wie jede andere Effekthascherei die melancholische Atmosphäre dieser traurigen Geschichte zerstört.
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