Alice Munro : Tricks. Acht Erzählungen

Tricks. Acht Erzählungen

Alice Munro

Tricks. Acht Erzählungen

Originalausgabe: Runaway Alfred A. Knopf, New York 2004 Tricks Übersetzung: Heidi Zerning S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2006 ISBN 3-10-048826-1, 380 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ausreißer – Entscheidung – Bald – Schweigen – Leidenschaft – Verfehlungen – Tricks – Kräfte – Von den acht Erzählungen aus dem Buch "Tricks", handeln die Kapitel "Entscheidung", "Bald" und "Schweigen" von derselben Protagonistin: Juliet. Von Geschichte zu Geschichte werden die schicksalhaften Ereignisse tragischer, die die junge Frau zu verkraften hat.
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Kritik

Das Leben der Protagonistin Juliet wird von Alice Munro in "Tricks" eindringlich, aber nicht drastisch vorgetragen. So wie die Autorin das Verhalten der jungen Frau schildert, ist nachvollziehbar, welche schmerzlichen Erfahrungen sie zu verarbeiten hat.
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Entscheidung

Die einundzwanzigjährige Altphilologie-Studentin Juliet arbeitet gerade an ihrer Dissertation. Sie fährt mit der Bahn nach Vancouver, um an einer privaten Mädchenschule Latein zu unterrichten. Ein Mann setzt sich zu ihr ins Abteil und drängt ihr ein Gespräch auf. Obwohl sie merkt, dass er nicht mit ihr flirten will – er hatte nur den Wunsch geäußert, sich während der langen Fahrt mit ihr „irgendwie zusammentun“ zu wollen – ist sie verärgert und zieht sich in den Aussichtswagen zurück. An einem kleinen Bahnhof hält der Zug; einige Leute steigen aus und vertreten sich die Beine. Die Aufforderung des Schaffners, wieder an die Plätze zurückzukehren, wird befolgt und die Fahrt geht weiter. Gleich darauf stoppt der Zug abrupt, weil, wie sich herausstellt, jemand auf den Gleisen überfahren wurde. Sie erfährt, dass es jener Mann war, den sie gerade abblitzen ließ. Es ergibt sich, dass Juliet durch ihre Nachfrage mit einem anderen Fahrgast ins Gespräch kommt, und dieser Mann lädt sie in den Speisewagen ein. Eric Porteous ist Mitte dreißig, hatte ein paar Semester Medizin studiert, verdient seinen Lebensunterhalt aber nun als Krabbenfischer. Er ist verheiratet; seine Frau Ann hatte vor acht Jahren einen Autounfall und ist seither gelähmt, kann nicht nicht mehr sprechen und versteht nicht, was um sie herum vorgeht. Mit Hilfe einer Nachbarin – sie heißt Ailo –, die ihm bei der Pflege zur Hand geht, versorgt er Ann bei sich zu Hause. Vom Aussichtswagen aus betrachten sie die Sterne, deren Namen und Konstellationen Eric ihr erklärt, wohingegen sie zu den griechischen Namen der Sternbilder die entsprechenden mythologischen Geschichten erzählen kann. Sie gehen zu ihren Schlafwagenbetten und verabschieden sich.

[…] sie suchten das Gleichgewicht auf dem ruckelnden Boden, damit er sie gründlich küssen konnte. Als das fertig war, ließ er sie nicht los, sondern hielt sie in den Armen, strich ihr über den Rücken und küsste sie über das ganze Gesicht. (Seite 93)

Nach einem halben Jahr fährt Juliet nach Whale Bay, um Eric zu besuchen. In seinem Haus trifft sie lediglich auf Ailo, die damit beschäftigt ist, Geschirr zu spülen und das Haus aufzuräumen. Am Tag vorher war nämlich die Beerdigung von Ann. Eric ist nicht da; er ist zu seiner Freundin Christa gefahren. Die mürrische Ailo stellt es Juliet frei, allein im Haus zu übernachten, weil es wohl umständlich wäre, mit dem Bus zurückzufahren.

Am nächsten Morgen hört sie einen Lastwagen auf dem Hof einfahren. Eric ist gekommen. Sie ist schrecklich aufgeregt und würde sich am liebsten verstecken.

Es ist wie der Augenblick in der Schule, bevor der Gewinner des jährlichen Leistungspreises verkündet wird. Nur schlimmer, weil sie keinen Grund zu Hoffnung hat. Und weil es in ihrem Leben nie wieder eine so weitreichende Entscheidung geben wird. (Seite 99)

„Du bist da“, sagt er, lacht und breitet seine Arme aus.

Sie hört seiner Stimme an, dass er sie für sich fordert.[…] Er geht auf sie zu, und sie fühlt sich, als fiele jemand von Kopf bis Fuß über sie her, von Erleichterung überflutet, vom Glück bestürmt. Wie erstaunlich das ist. Wie nah am Erschrecken. (Seite 100)

Bald

Juliet hat inzwischen eine dreizehn Monate alte Tochter: Penelope. Der Vater ist Eric, in dessen Haus in Whale Bay sie lebt. Sie möchte ihren Eltern, die in der Nähe von Vancouver wohnen, ihr Enkelkind zeigen und außerdem zu Hause nachsehen, wie es den beiden geht. Sam, ihr Vater, war fast dreißig Jahre Lehrer, hatte aber zuletzt den Eindruck, bei Beförderungen übergangen worden zu sein und quittierte den Schuldienst. Er findet nun Freude daran, Gemüse auf dem eigenen Grundstück anzubauen, sein Obst zu ernten und zu verkaufen. Damit verdient er den Lebensunterhalt. Sara, seine Frau, ist seit Jahren kränklich und lässt sich auch etwas gehen, sodass sie eine Hilfe für den Haushalt und das Geschäft eingestellt haben: Irene Avery, „die gute Fee“. Sie ist drei Jahre jünger als Juliet, zweiundzwanzig, verhärmt und zurückhaltend. Ihr Mann kam vor einem Jahr bei einem Unfall ums Leben, und sie muss ihre zwei kleinen Kinder, die bei ihrer Mutter untergebracht sind, allein durchbringen. Jetzt hat sie einen wesentlich älteren Witwer kennen gelernt, den sie wohl heiraten wird. Das bekümmert Sam, denn er schätzt Irenes Arbeit und ihre Unterstützung sehr. Zu sehr, wie Juliet findet. Ihres Erachtens verhält er sich zu vertraut seiner Bediensteten gegenüber und seine Bemerkung „sie hat mir meinen Glauben an die Frauen zurückgegeben“ kommt ihr bedenklich vor.

Juliet fühlt sich in ihrem Elternhaus nicht wohl. Das Verhalten ihres Vaters Irene gegenüber ist ihr unbehaglich, und sie spürt deutlich die Missbilligung ihrer Eltern, dass sie mit Eric nicht verheiratet ist. An einem Nachmittag bekommt Sara Besuch: ein Mann, den sie ihrer Tochter als ihren Freund Don und geistlichen Beistand vorstellt. Obwohl Sara und Sam eigentlich keiner Kirche angehören, schaut der Trinitarier wegen der „bezaubernden Dame“ hin und wieder mal vorbei. Juliet war zwar zur Sonntagsschule der Anglikanischen Kirche gegangen, hatte aber später für Religion nichts mehr übrig. Der Geistliche verwickelt Juliet in ein Gespräch, in dessen Verlauf er herausbekommt, dass sie nicht verheiratet ist und Penelope nicht getauft wurde. Juliet lässt ihn wissen, dass sie keiner Konfession angehört und vorhat, ihr Kind ohne Religion zu erziehen, woraufhin die Unterhaltung in einen giftigen Disput umschlägt.

Einige Monate nach diesem Besuch muss Juliet noch einmal in das Haus ihrer Kindheit zurück – zu Saras Beerdigung. Irene ist nicht mehr da, wahrscheinlich ging sie mit dem Witwer weg. Sam heiratet zwei Jahre nach Saras Tod eine Lehrerkollegin. Zweimal besuchen sie Juliet und Eric in Whale Bay.

Juliet kommt zum Bewusstsein, dass sich ihre Einstellung in Bezug darauf, wo sie sich zu Hause fühlt, geändert hat.

Nicht in Whale Bay bei Eric, sondern wieder da, wo sie früher zu Hause gewesen war, ihr früheres Leben lang.
Denn das geschieht, wenn man wieder im alten Zuhause ist, man versucht, es zu bewahren und zu beschützen, so gut man kann, so lange man kann. (Seite 143)

Nach dem hitzigen Gespräch mit dem Geistlichen damals hatte ihr Sara etwas anvertraut. Daran muss Juliet jetzt denken:

„Mein Glaube ist nicht so einfach“, sagte Sara. […] Er ist ein … wundervolles … Etwas. Wenn es wirklich schlimm für mich wird … wenn es so schlimm wird, dass ich … weißt du, was ich dann denke? Ich denke, gut. Ich denke … Bald.
Bald werde ich Juliet sehen.“ (Seite 141)

Darauf wusste Juliet keine Antwort.

Warum war ihr das so schwer gefallen? Einfach Ja zu sagen. Sara hätte es sehr viel bedeutet – und sie selbst hätte es sehr wenig gekostet. (Seite 143)

Schweigen

In der Beziehung des Paares Juliet und Eric kriselt es. Juliet will einige Dinge geklärt haben. Christa ist seit langer Zeit Juliets beste Freundin. Dass sie früher Erics Freundin und Geliebte war, nimmt sie Eric nicht übel – zumal er sich ja von Christa trennte, als er mit Juliet zusammenzog – nur verdächtigt sie ihn jetzt, dass er während ihrer Reise zur Beerdigung ihrer Mutter vor zwölf Jahren wieder etwas mit Christa hatte. Auf ihre Vorhaltungen gesteht Eric, dass es in betrunkenem Zustand passierte; und jetzt, wiederum bei erhöhtem Alkoholpegel gibt er zu, dass es „wahrscheinlich öfter passiert war“.

Penelope, die jetzt dreizehn Jahre alt ist, wird mit ihrer Freundin Heather in den Ferien in ein Sommercamp fahren. Juliet ist das ganz recht, so bekommt das Mädchen nicht mit, dass zu Hause die Stimmung getrübt ist. Eric hätte allerdings seine Tochter lieber daheim gehabt.

Juliet hält sich die Zusicherung Christas vor Augen, dass es mit Eric nichts Ernstes gewesen sei. Das ist auch Erics Version. Nachdem der Seitensprung nun zwölf Jahre zurückliegt, lässt sich Juliet beruhigen und zeigt sich versöhnlich. Ihrer beider Kummer, den anderen gekränkt zu haben, verhilft ihnen zu einer leidenschaftlichen Liebesnacht.

Danach verabschiedet sich Eric. Er fährt mit dem Boot hinaus, um nach seinen Garnelenkörben zu sehen. Es regnet, und im Laufe des Tages kommt Sturm auf, der bis spät in die Nacht anhält. Es werden Boote vermisst. Auch das von Eric. Am dritten Tag wird Erics Leichnam geborgen. Juliet darf ihn nicht sehen. Etwas habe sich über ihn hergemacht, nachdem die Leiche ans Ufer gespült worden sei, heißt es. Damit ist wohl ein Tier gemeint. Weil der Leichnam in diesem Zustand nicht aufgebahrt werden kann, will man von einer offiziellen Bestattung absehen. Erics Freunde schlagen vor, ihren Fischerkollegen am Strand zu verbrennen. Juliet hat nichts dagegen. Kaffee wird ausgeschenkt. Die Bierflaschen bleiben vorerst in den Lastwagenkabinen. Die Zeremonie nimmt den Charakter eines heidnischen Rituals an. Juliet weigert sich, den Scheiterhaufen in Brand zu setzen. Das macht dann ein Nachbar.

Juliet blieb mit weit aufgerissenen Augen hocken und streckte das Gesicht der Hitze entgegen […] Es war nur Fleisch, das da brannte. Nichts, was mit Eric verbunden war. (Seite 163)

In dem Feriencamp, in dem Penelope sich aufhält, erfährt sie nichts vom Tod ihres Vaters. Als sie wieder in Vancouver ist, ruft sie vom Telefon ihrer Schulkameradin Heather zu Hause an. Christa ist bei Juliet in Whale Bay und bringt ihre Freundin zu Penelope. Diese nimmt die Nachricht zwar zuerst „mit allen Anzeichen des Entsetzens“ auf, dann aber „eher mit Verlegenheit“. Von der Leichenverbrennung erzählt Juliet nichts.

Heathers Mutter bittet Juliet um einen Gefallen: Die Familie sei gerade im Aufbruch zu einem lange geplanten Verwandtenbesuch. Nun will ihre Tochter aber nicht mitkommen, sondern bei Penelope bleiben. Ob Juliet sich in dem Haus nicht um die zwei Mädchen kümmern möchte? Ein Aufenthalt an einem neutralen Ort würde ihr obendrein gut tun.

Juliet genießt die Annehmlichkeiten in dem von ihr als luxuriös empfundenen großen Haus und die unbeschwerte Atmosphäre mit den Mädchen. Allerdings ist sie erschüttert, als sie durch Zufall hört, wie Penelope zu einem Nachbarkind, das sich nach ihrem Vater erkundigt, sagt: „Na ja, eigentlich kannte ich ihn kaum.“ Eric war immer so stolz auf sie gewesen, wenn sie zusammen aufs Meer hinausgefahren waren und sie sich für seine Arbeit interessiert hatte. Nun lässt sie ihn fallen, denkt Juliet.

Aber auch Juliet verbannt Eric aus ihren Gedanken. Das Haus in Whale Bay verkauft sie, wie auch das Fischerboot. Die Suche nach einer Arbeitsstelle an einem neuen Wohnort lenkt sie ab und befreit sie von der üblen Stimmung der letzten Monate. Sie wünscht, Eric könnte sie jetzt sehen, wie energisch und tüchtig sie ist.

So dachte sie die ganze Zeit an Eric. Nicht, dass ihr nicht bewusst gewesen wäre, dass Eric tot war – das geschah keinen Augenblick. Trotzdem bezog sie sich im Geiste ständig auf ihn, als sei er immer noch der Mensch, für den ihr Leben wichtiger war, als es für irgend jemand anders sein konnte. […]
Der Sturm, die Bergung der Leiche, die Verbrennung am Strand – das war alles wie ein Historienspiel, dem sie hatte zuschauen und Glauben schenken müssen, das jedoch nichts mit Eric und ihr zu tun hatte. (Seite 167)

Juliet bekommt eine Anstellung in einer Bibliothek und findet eine neue Wohnung. Penelope geht als Externe in die Schule zurück.

Als Juliet eines Abends nach Arbeitsschluss auf den Bus wartet, löst ein rot gefärbter Abendhimmel, der sie an frühere Zeiten erinnert, einen Stimmungsumschwung bei ihr aus.

Das also ist Trauer. Sie fühlt sich, als sei ein Sack Zement in sie hineingekippt worden, der rasch zu Beton aushärtet. […] Und jetzt muss sie das vor Penelope verbergen. (Seite 168)

Beim Abendessen fängt sie zu zittern an. Und Penelope begreift die Situation: „Es ist Dad, nicht wahr?“ Sie streichelt sie und kümmert sich mehrere Tage um sie. So kann ihr Juliet auch endlich alles über den Verlauf der letzten Tage in Whale Bay gestehen (einschließlich der Leichenverbrennung am Strand).

Juliet kehrt wieder in die Welt zurück. Durch ihre Tätigkeit in der Bibliothek lernt sie Mitarbeiter eines Fernsehsenders kennen, die ihr eine Stelle als Moderatorin und Journalistin anbieten. Sie hat Freude an dieser Art Arbeit und ist erfolgreich mit ihrer Berichterstattung.

Penelope arbeitete als Zimmermädchen in der Sommersaison und fuhr per Anhalter nach Neufundland und mit dem Bus durch Mexiko. Vergeblich wartet Juliet auf Penelopes Rückkehr. Sie wird halb verrückt vor Sorge. Erst nach einem halben Jahr kommt eine Karte: „Hoffe, dich Sonntagnachmittag zu sehen. Es ist Zeit.“ Penelope hat noch eine grobe Skizze für die Anfahrt zum Treffpunkt gezeichnet. An beschriebener Stelle findet Juliet verlotterte Gebäude auf einem ungepflegten Stück Land vor. Sie wird freundlichst empfangen von einer Frau, die sich Joan nennt, und von dieser erfährt sie, dass Penelope nicht da ist. Joan kann ihr nicht sagen, wo ihre Tochter ist, aber wofür sich Penelope auch entschieden habe, „es wird das Richtige für sie sein. Es wird das Richtige für ihre Spiritualität und ihr Wachstum sein“. (Seite 150) Juliet hätte nur gerne gewusst, wohin sie Penelope eventuell Sachen schicken könnte. Das amüsiert Joan: „Penelope liegt im Moment nicht sehr viel an ihren Habseligkeiten.“ Dann hält Joan der unglücklichen Mutter noch vor, dass bei ihrer Erziehung wahrscheinlich die „spirituelle Dimension“ gefehlt habe und sie vermutlich nicht in einem gläubigen Elternhaus aufgewachsen sei. Juliet kann sich nicht vorstellen, dass Penelope auf eine Frau wie Joan, die sie für sich Hexe Shipton nennt, und deren „zweitklassigen religiösen Fassade“ hereingefallen sein soll.

Ein paar Wochen später trifft bei Juliet eine indifferente Geburtstagskarte mit vorgedrucktem Text ein – am Tag von Penelopes einundzwanzigstem Geburtstag; sie ist nicht unterschrieben und aus dem Poststempel ist nur Canada Post zu entnehmen. Trost findet sie bei Christa, die von Whale Bay weggezogen war und nun wegen multipler Sklerose in einer betreuten Wohnanlage lebt. Später erfährt Juliet von Penelopes Freunden, sie habe ein Jahr lang aussetzen wollen und sei wohl ohne festgelegte Route auf Reisen. Immer noch schaut Juliet, wenn sie nach Hause kommt, als Erstes nach, ob das Lämpchen am Anrufbeantworter blinkt. Sie wollte eigentlich auch in eine andere Wohnung ziehen, aber da würde sie dann keine Post mehr nachgeschickt bekommen, sollte ihr Penelope doch noch schreiben.

Wenn ich sie in die Sonntagsschule gesteckt hätte und ihr beigebracht hätte, ihre Gebete zu sprechen, wäre das wahrscheinlich nicht passiert. Ich hätte es tun sollen. Ich hätte es tun sollen: Es wäre wie eine Schutzimpfung gewesen. Ich habe ihre Spiritualität vernachlässigt. Behauptet die Hexe Shipton. (Seite 157)

Erst wieder im Juni, so wie im letzten Jahr, kommt erneut eine ähnliche Karte, auch diesmal ohne ein geschriebenes Wort. Alles was an Penelope erinnert, verbannt sie in deren Zimmer und hält die Tür verschlossen.

Nach fünf Jahren hören die Geburtstagskarten auf. Christa meint, Penelope wolle damit sagen, dass sie zwar irgendwo am Leben sei, und Juliet das jetzt auch begriffen habe und ihr keine Spürhunde nachschicken soll. Juliet macht sich ein schlechtes Gewissen, dass sie zwei Affären mit Männern hatte, als ihre Tochter zwischen vierzehn und einundzwanzig Jahre alt war. Ob sie ihr damit zuviel zugemutet hatte?

Juliet zieht dann doch um und stellt die mit Penelopes Sachen vollgestopften Mülltüten in den Keller. Sie hat wieder einen Freund, der von ihrer Tochter nichts erfährt. Auch mit Christa spricht sie nicht mehr oft über sie. Ihre langjährige Freundin stirbt dann bald ganz unerwartet.

Juliet sucht nochmals eine Wohnung, eine kleinere, preiswertere. Die Art von Fernsehsendungen, die sie moderiert, gefallen nicht mehr und werden aus dem Programm genommen. Deshalb widmet sie sich wieder ihren Studien und führt ein zurückgezogenes Leben. Sie lernt zwar Männer kennen, aber sie sind nicht nach ihrem Geschmack. Mit Christas Bruder – Gary Lamb –, der eine geschiedene Ehe hinter sich hat, kommt sie wieder in Kontakt, und seine Gesellschaft tut ihr wohl.

Sie ist mit Gary unterwegs, als eine Frau auf sie zugeht. Es ist Heather, die frühere Freundin von Penelope; sie muss jetzt wohl Ende dreißig sein. Heather sagt, sie sei nur kurz in der Stadt und komme gerade von ihrem Bruder in Edmonton – und dort sei sie Penelope begegnet; Heather hätte sie fast nicht erkannt. Penelope wollte für ihre zwei Jungen, die sie dabei hatte, Schuluniformen kaufen und erzählte noch, dass sie mit dem Flugzeug von einem Ort oben im Norden gekommen sei. Insgesamt habe sie fünf Kinder.

Juliet versucht, sich die Lebensumstände Penelopes zusammenzureimen: Fünf Schwangerschaften; hat sie zugenommen, weil Heather sie anfangs nicht erkannte? Schuluniformen bedeuten Privatschule, also Geld. Juliet hatte sich doch vorgestellt, dass Penelope zur Mystikerin geworden war, in Weltabgewandtheit spartanisch lebte und einen Ehemann hatte, der mit den Kindern auf Fischfang ging. Aber was Heather erzählte, klang eher nach dem Leben einer wohlhabenden Hausfrau, Arztgattin vielleicht oder Ehefrau eines Verwaltungsbeamten. Sie brauche sich also keine Sorgen mehr um Penelope zu machen, denkt Juliet.

Penelope war kein Phantom, sie war in Sicherheit, so weit man nur in Sicherheit sein konnte, und sie war vermutlich so glücklich, wie man nur sein konnte. Sie hatte sich von Juliet gelöst und höchstwahrscheinlich auch von ihren Erinnerungen an Juliet, und Juliet konnte nichts Besseres tun, als sich ihrerseits lösen. (Seite 179)

Nach der Begegnung mit Heather erzählt Juliet Gary jetzt zum ersten Mal von Penelope. Und Juliet überlegt, ob die Neuigkeiten, die sie gerade erfahren hat, es einfacher machen würden, mit Gary eine feste Bindung einzugehen. Die Existenz von Penelope würde sie aus ihrer Beziehung ausblenden. Denn:

Die Frau, die Heather in Edmonton getroffen hatte, […] deren Gesicht und Körper sich so verändert hatten, dass Heather sie nicht erkannte, war niemand, den Juliet kannte.
Glaubte Juliet das? (Seite 180)

An diesem Abend wird Juliet und Gary jedoch bewusst, dass sie nicht zusammenleben werden.

Juliet erinnert sich an einen Ausdruck ihres Vaters, der von jemandem sagte, den er nicht leiden konnte, „er habe keine Verwendung für diesen Menschen“.

Könnten diese Worte nicht einfach das bedeuten, was sie sagen? Penelope hat keine Verwendung für mich.
Vielleicht kann sie mich nicht ausstehen. Möglich ist es. (Seite 180)

Sie hofft weiterhin auf ein Wort von Penelope, aber nicht sehnlich oder gar inständig. Sie hofft, wie Menschen wider besseres Wissen hoffen, auf einen unverdienten Glücksfall, auf spontanen Straferlass, auf derlei Dinge. (Seite 181)

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Die Kapitel „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“ handeln von derselben Protagonistin: Juliet. Von Geschichte zu Geschichte werden die schicksalhaften Ereignisse tragischer, mit denen die junge Frau sich auseinanderzusetzen hat. Von der durch einen unvorhersehbar dramatischen Vorfall überschatteten Begegnung mit ihrem zukünftigen Lebensgefährten und späteren Vater ihrer Tochter Penelope erfahren wir in der ersten Erzählung. Die zweite führt uns die Konfrontation der jungen Mutter mit den ihr fremd gewordenen Eltern vor Augen. In der dritten Geschichte kommt Juliets Lebenspartner bei einem Schiffbruch um und wird bei einem nahezu heidnisch inszenierten Ritual bestattet. Darüber hinaus verliert Juliet auch ihre inzwischen erwachsene Tochter an eine obskure Sekte.

Der Verlust ihres Lebenspartners und der traumatisierende Umstand der „verlorenen Tochter“ zwingen Juliet dazu, sich selbst beziehungsweise ihre eigene Mitte zu finden. Juliet ist durch die folgenschweren Ereignisse, die sie zu verarbeiten hat, eigentlich zu kurz gekommen im Leben.

Der kanadischen Schriftstellerin Alice Munro (*1931) gelingt es in „Tricks“, ohne verbale Donnerschläge die unvorhersehbaren Wendungen und tragischen Zäsuren in dem eigentlich unspektakulären Lebenslauf Juliets anschaulich zu schildern. Wie die junge Frau sich mit den schmerzlichen Erfahrungen auseinandersetzt und seelisch verarbeitet, ist für den Leser nachvollziehbar.

2013 erhielt Alice Munroe den Nobelpreis für Literatur.

Pedro Almodóvar verfilmte die drei Kurzgeschichten „Entscheidung“, „Bald“ und „Schweigen“ von Alice Munro unter dem Titel „Julieta“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2006
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Pedro Almodóvar: Julieta

Cynthia d'Aprix Sweeney - Das Nest
Obwohl Cynthia D'Aprix Sweeney die Familiengeschichte mit zusätzlichen Figuren, Handlungssträngen und Mi­nia­turen spickt, behält sie alles unter Kontrolle. Geschickt wechselt sie die Perspektive. Man kann "Das Nest" als Satire lesen. Auf jeden Fall ist es eine unterhaltsame Lektüre.
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