Anna Mitgutsch : Wenn du wiederkommst

Wenn du wiederkommst

Anna Mitgutsch

Wenn du wiederkommst

Wenn du wiederkommst Originalausgabe: Luchterhand Literaturverlag, München 2010 ISBN: 978-3-630-87327-5, 272 Seiten, 19.95 € (D) Taschenbuch: btb, München 2011 ISBN: 978-3-442-74202-8, 272 Seiten, 9.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Die Ich-Erzählerin trauert um ihren verstorbenen Lebensgefährten Jerome. Sie erinnert sich an die lange Zeit, in der sie ihm nahestand, denkt an glückliche Erlebnisse ebenso wie an gegenseitige Verletzungen. Im Gespräch mit anderen, die Jerome ebenfalls kannten, lernt sie, dass ihr Bild von ihm subjektiv ist. Ältere Fotos und Briefe in der Hinterlassenschaft des Verstorbenen, die nicht mit ihrer Erinnerung übereinstimmen, lassen sie sogar an ihrem Selbstbild zweifeln ...
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Kritik

Anna Mitgutsch konzentriert sich in ihrem einfühlsamen und ergreifenden Roman "Wenn du wiederkommst" auf die Trauerarbeit, das Erinnern und die Selbstreflexion. Die Charaktere sind ihr weniger wichtig.

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Durch einen Anruf ihrer einunddreißigjährigen Tochter Ilana erfährt die in Österreich lebende Ich-Erzählerin vom Tod ihres Ex-Mannes Jerome in Boston-Dedham. Vor wenigen Wochen erst besuchte sie ihn. Sie nimmt das nächste Flugzeug, um an der Trauerfeier teilzunehmen und die Schiwa mit Ilana im Haus des Verstorbenen zu verbringen.

Sie und der sechs Jahre ältere Jurist Jerome hatten sich vor siebenunddreißig Jahren in Heathrow beim Check-in für eine El Al-Maschine nach Israel kennengelernt. Sie waren ins Gespräch gekommen und hatten sich benachbarte Sitze geben lassen. Jerome wollte einen Sommer lang als Volontär in einem Kibbuz arbeiten. Die Erzählerin, die damals in Yorkshire lebte, reiste einem zwanzigjährigen Gitarristen nach – und begriff erst später, dass er sich nichts aus ihr machte.

Ein Jahr lang lebten sie und Jerome zusammen. Dann heirateten sie standesamtlich, obwohl Jerome zuvor erklärt hatte, er könne und wolle nicht treu sein; nur Spießer seien monogam. Zur Vorbereitung auf die religiöse Trauung trat sie zum Judentum über und nahm den jüdischen Namen Michal an, aber sie schoben die Zeremonie zehn Jahre lang vor sich her – bis es zu spät war. Nach zwanzig Jahren Ehe ließen sie sich scheiden, in derselben Town Hall, in der sie geheiratet hatten.

Und jedes Mal fuhren wir anschließend mit unseren Zeugen, unseren Anwälten, die auch unsere gemeinsamen Freunde waren, zum Essen ans Meer und danach zusammen nach Hause, als hätte sich nichts geändert. Wo hätte ich sonst hinfahren sollen, ich hatte nie ein anderes Zuhause gehabt, nicht in diesem Land.

In den fünfzehn Jahren seit der Scheidung riss die Verbindung nicht ab. Beim letzten Besuch der Österreicherin bei ihrem Ex-Mann in Boston kamen sie sich wieder so nah, dass sie an einen Neuanfang glaubten. In ein paar Monaten wollte die Erzählerin für ein halbes Jahr zu Jerome kommen.

Wie schon seit langem nicht mehr machten wir Pläne.

Wir waren nach fünfzehn Jahren zueinander zurückgekehrt […] Ich ahnte nicht, dass seine Gelassenheit vielleicht Erschöpfung war und sein Bedürfnis nach Nähe die Angst vor dem Tod.

Jerome war mit einer Klientin in der Innenstadt unterwegs, als er mit einem Herzinfarkt zusammenbrach und ins Mass General Hospital gebracht wurde, wo ihm die Ärzte allerdings nicht mehr helfen konnten.

Ilana und Jeromes Bruder Harold, der mit seiner Ehefrau Emily aus San Francisco anreiste, holen die Erzählerin vom Logan Airport ab.

Bei der jüdischen Beerdigung und während der Schiwa lassen die Verwandten sie spüren, dass sie seit ihrer Scheidung nicht mehr zu ihnen gehört. Louise, eine frühere enge Freundin von ihr, die vor sechzehn Jahren eine Liebesbeziehung mit Jerome angefangen hatte, gebärdet sich, als sei sie die Witwe. Eine junge Anwältin meint, Jerome sei sehr einsam gewesen und habe ein ganzes Leben lang vergeblich nach einer ebenbürtigen Frau gesucht.

Ich hatte befürchtet, dass ich irgendwann in der Schiwa-Woche die Beherrschung verlieren würde, nicht in den ersten Stunden, und nicht gleich am ersten Tag, aber die Tage laufen ineinander, und jeden Nachmittag sitzen sie auf unseren Stühlen und unserem Sofa, holen sich in der Küche Kaffee und Mineralwasser, jeden Abend sitzen sie an unserem Tisch und ich kann ihre Reden nicht mehr hören, die Freunde, die ich kaum oder gar nicht kenne, die Verwandten, die mich ignorieren, der Schwager, der sich dagegen verwahrt, dass ich ihn meinen Schwager nenne, Louise, die sich als Witwe feiern lässt, Leslie, der verleumderische Anekdoten über Jerome erzählt, und irgendwann fange ich an, die unerträgliche Wahrheit einzuklagen, dass der Tod ein Schlächter ist, und dass sie mit ihren selbstgefälligen Phrasen, ihrem Beharren auf Normalität, den Schmerz, den er uns zugefügt hat, noch verstärken.

Abends, nachdem die letzten Besucher gegangen sind, reden Ilana und ihre Mutter über sie.

Wir reden über die Besucher und erinnern uns an frühere Zeiten mit ihnen und Jerome, wir überlegen, wie er über sie dachte, ob er sie mochte, mit welchen witzig sarkastischen Bemerkungen er sie charakterisiert hätte.

Die Ich-Erzählerin zerreißt das Foto einer Frau. Sie hieß Suleyma. Jerome hatte die Tochter eines russisch-jüdischen Vaters und einer irisch-katholischen Mutter vor siebenunddreißig Jahren im Kibbuz kennengelernt. Sie war verheiratet und hatte Kinder. Aber die beiden blieben die ganze Zeit über in Kontakt. Vor eineinhalb Jahren erzählte Jerome seiner Ex-Frau, Suleyma sei unheilbar an Krebs erkrankt. Inzwischen ist sie tot.

Harold fungiert als Testamentsvollstrecker. Die Ex-Frau wird im Testament seines Bruders nicht erwähnt. Weil Ilana das Haus ihres Vaters in Dedham nicht übernehmen möchte, beschließen sie, ihr Onkel und ihre Tante, es zu räumen und zu verkaufen. Emily durchwühlt Schränke und Schubladen. Vierzig Müllsäcke füllt sie mit Dingen, die sie nicht für wert hält, aufgehoben zu werden – darunter auch alle Briefe der Erzählerin an Jerome. Und offenbar auch einen Lottoschein mit fünf Richtigen, den Jerome eine Woche vor seinem Tod ausgefüllt hatte.

Jerome liebte das Glückspiel und war des Öfteren in Las Vegas.

Wir reden von seiner Lebensfreude, seiner Freude an gutem Essen, an der Musik, seiner Leidenschaft für das Theater, seinem fast naiven Interesse an allen Menschen und seinem Glück, wenn er sie unterhalten und begeistern konnte, wenn sie lachten und ihm applaudierten. Dazu gehörte wohl auch sein Ergötzen an der Vielfalt weiblicher Schönheit. Aber sein unstillbarer Appetit auf alles, was das Leben zu bieten hatte, war nur die eine Seite seiner widersprüchlichen Natur, denn dicht daneben lag immer ein Hang zur Selbstzerstörung, der auf Verluste keine Rücksicht nahm, und eine Trauer, als käme alles Licht aus einer unerreichbar fernen Quelle.

Jerome war ein Sammler, er sammelte Münzen, Porzellan, Wein und Frauen.

Jerome war ein Sammler, der alles hortete, Münzen, Porzellan, Fotos, alte Bücher mit Signaturen.

Er steckte voller Ideen, die sich nicht verwirklichen ließen. Zu Beginn seiner Karriere als Rechtsanwalt hatte er sich mit dem Bruder einer Ex-Freundin zusammengetan, der sich für vom Aussterben bedrohte Tierarten einsetzte und darüber die Arbeit vernachlässigte. Nachdem Jerome die Kanzleigemeinschaft mit ihm aufgekündigt hatte, feierte er als Strafverteidiger Triumphe und avancierte zum Teilhaber einer renommierten Kanzlei in Boston. Aber dann beschäftigte er sich mit dem Asylrecht, um Betroffenen helfen zu können, und seine Partner ekelten ihn aus der Kanzlei hinaus. Jerome engagierte sich dafür, dass auch mittellose Menschen zu ihrem Recht kamen.

Aber sie achteten ihn nicht, er war zu sehr einer von ihnen geworden, und für die wichtigen Prozesse nahmen sie bekannte Anwälte und hatten auf einmal auch das Geld dafür.

In Jeromes Nachlass befindet sich ein umfangreiches Dossier über einen 1912 geborenen Deutschen namens Heribert Hacker. Es dauert einige Zeit, bis die Erzählerin begreift, warum Jerome sich mit dem Mann beschäftigte, der sich im September 1938 von seiner jüdischen Frau hatte scheiden lassen und in die NSDAP eingetreten war. Bei der verstoßenen Frau handelte es sich um Paula, geborene Hocheiser, die ältere Schwester von Jeromes Mutter. In dem Glauben, an der Seite ihres „arischen“ Ehemanns sicher zu sein, war sie im Deutschen Reich geblieben, als ihre beiden jüngeren Schwestern 1934 mit der Mutter das Land verlassen hatten. Jeromes Vater war kurz vor Kriegsausbruch ebenfalls emigriert. Seine Schwägerin Paula kam in einem Konzentrationslager ums Leben. Offenbar suchte Jerome vergeblich nach dem Mann, der seine Tante den nationalsozialistischen Mördern ausgeliefert hatte.

Nachdem Emily und Harold das Büro des Verstorbenen aufgeräumt haben, bringen sie der Schwägerin einen Brief an Jerome aus dem Jahr mit, in dem sie nach Österreich zurückgekehrt war. Bei der Absenderin handelte es sich um ihre damals beste Freundin. In dem Brief heißt es:

Es tut mir schrecklich leid, dass Dich Deine Frau verlassen hat und auch dass es Dir so nahegeht, aber ich kann Dir dabei nicht helfen. Du weißt ja, wie sie ist, egoistisch und uneinsichtig, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Ich fürchte, niemand kann sie dazu bewegen, zu Dir zurückzukehren, jedenfalls nicht jetzt.

Die Erzählerin ist verblüfft, als sie das liest, denn sie dachte, Jerome habe sie verlassen und nicht umgekehrt.

Ich beginne zu begreifen, dass mir der Versuch, Jeromes Leben mit meinen Erinnerungen zur Deckung zu bringen, nur widerspruchslos durchgeht, solange ich keine Zeugen anrufe. Ich kann zwei Drittel seiner Fotos vernichten, ich kann den Bademantel, den ihm seine letzte Freundin zum Geburtstag geschenkt hatte, mit rachsüchtigem Vergnügen in den Müll werfen, und all die kleinen Andenken, die Musikkassetten und CDs, die ihn an schöne Augenblicke erinnerten, ich kann sein Leben im nachhinein zensieren, aber ich kann seine Erfahrungen nicht ungeschehen machen. Es gab eine Wirklichkeit und es gibt Zeugen.

Die größte Pein verursacht mir das Versäumte, das Unterlassene, dass wir viel zu wenig zusammen unternommen haben und an so vielen Orten, nach denen wir uns sehnten, nicht gewesen sind, dass wir einander vieles nicht verziehen, noch nicht einmal um Vergebung gebeten haben.

In Jeromes Schlafzimmer reißt die Zimmerdecke auf, Regenwasser tropft herab und ruiniert das Bett.

Nach der Scheloschim lassen Ilana und ihre Mutter die Dinge, die sie aus Jeromes Haus mitnehmen, von einer Speditionsgesellschaft nach Rhode Island bzw. Österreich transportieren. Als die Erzählerin die Kisten zu Hause auspackt, zerschneidet sie sich die Hände an Glas- und Porzellanscherben. Das meiste ist zerbrochen.

Zum Abschluss des Trauerjahres fliegt sie noch einmal nach Boston und geht mit Ilana und anderen Verwandten auf den Friedhof.

Hier finde ich Jerome nicht. Hier begruben sie nur seine Leiche.

Ilana, die in Yale Theaterwissenschaften, Regie und vergleichende Literaturwissenschaften studiert hatte, beschloss während der Schiwa, ihren Verlegenheitsjob an der Brown University in Providence zu kündigen, nach New York City zu ziehen und dort ihr Glück als Theaterproduzentin zu versuchen. Ihre Mutter ist erleichtert, als sie nun hört, dass Ilana sich mit einem Sabbatical begnügt. In fünf Monaten soll ihr erstes Theaterstück in Providence aufgeführt werden.

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In dem Roman „Wenn du wiederkommst“ von Anna Mitgutsch trauert die Ich-Erzählerin, deren Namen wir nicht erfahren, um ihren verstorbenen Lebensgefährten Jerome. Die Handlung beginnt mit dem letzten Besuch bei ihm, wenige Wochen, bevor er einem Herzinfarkt erliegt, und endet mit dem Ablauf des Trauerjahrs. Die Erzählerin erinnert sich an die lange Zeit, in der sie Jerome nahestand. Sie denkt an glückliche Erlebnisse ebenso wie an gegenseitige Verletzungen. Im Gespräch mit anderen, die Jerome ebenfalls kannten, lernt sie, dass ihr Bild von ihm subjektiv ist und es durchaus abweichende Vorstellungen gibt. Ältere Fotos und Briefe in der Hinterlassenschaft des Verstorbenen, die nicht mit ihrer Erinnerung übereinstimmen, lassen sie sogar an ihrem Selbstbild zweifeln. Das Trauerjahr dient deshalb auch der Selbstfindung.

Anna Mitgutsch konzentriert sich in „Wenn du wiederkommst“ auf die Trauerarbeit, das Erinnern und die Selbstreflexion. Die Charaktere sind ihr weniger wichtig.

„Wenn du wiederkommst“ ist ein atmosphärisch dichter, einfühlsamer und ergreifender Roman mit Tiefgang. Anna Mitgutsch erzählt in einer ruhigen, geschliffenen Sprache ohne Larmoyanz.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Luchterhand Literaturverlag

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