Thomas Meyer : Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Thomas Meyer

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse Originalausgabe: Salis Verlag, Zürich 2012 ISBN: 978-3-905801-59-0, 276 Seiten, 22.95 € (D) Diogenes Taschenbuch, Zürich 2014 ISBN: 978-3-257-24280-5, 283 Seiten, 10.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mordechai ("Motti") Wolkenbruch ist 25 Jahre alt, studiert Wirtschaftswissenschaften und wohnt noch bei den Eltern in Zürich. In der jüdischen Familie hat nicht der Vater, sondern die Mutter das Sagen. Und die findet, dass ihr Sohn längst verheiratet sein müsste. Deshalb versucht sie, ihn mit einer jungen Frau aus anderen jüdischen Familien zu verkuppeln. Motti schmachtet jedoch heimlich eine nichtjüdische Kommilitonin an, obwohl eine "schickse" für einen orthodoxen Juden tabu ist ...
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Kritik

Thomas Meyer erzählt in dem satirischen Entwicklungsroman über einen jungen Mann, der sich von seiner dominanten Mutter und dem orthodoxen Judentum emanzipiert. Zum Lesevergnügen tragen auch jiddische Einsprengsel bei.
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Mordechai („Motti“) Wolkenbruch ist 25 Jahre alt, wohnt noch bei den Eltern in Zürich, studiert Wirtschaftswissenschaften und hilft im Versicherungsunternehmen des Vaters Moische mit. Das Sagen in der jüdischen Familie hat Judith Wolkenbruch, geborene Eisengeist. Und die findet, dass ihr Sohn, den sie weiterhin „Mottele“ ruft, längst verheiratet sein müsste. Immer wieder versucht sie, ihn mit einer jungen Frau aus einer anderen jüdischen Familie zu verkuppeln, aber Motti gefällt keine von ihnen, denn sie sehen alle wie seine Mutter aus. Als er ihr einmal berichtet, dass da kein Funke übergesprungen sei, ruft sie:

„Kejn funk! […] Was brauchst du a funk! Du brauchst a froj!“

Michèle Blattgrün geht es ähnlich wie Motti. Als die Mütter die beidenzusammenbringen, verstehen sie sich auf Anhieb und vereinbaren, die Kupplerinnen erst einmal im Glauben zu lassen, dass sie heiraten würden, denn auf diese Weise können sie sich etwas Luft verschaffen.

Heimlich schmachtet Motti eine Kommilitonin an.

Doch allein schon der Tatsache, dass sie hojsn trug – wohlgemerkt auffallend sportlich geschnittene –, war zu entnehmen, dass es sich bei dieser froj um eine schickse handelte; auch ihr unjüdischer Name verriet, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit regelmäßig Schweine aß und am schabbes hemmungslos elektrische Gerätschaften in Gang setzte. Dennoch empfand ich den Namen Laura als Wohlklang, und ich muss gestehen, dass sich die Achse meiner jiddischkajt an diesem frimorgn leicht verschob.

Als „schickse“ ist Laura für Motti tabu. Für einen Juden wie ihn ist der Weg vorgezeichnet:

Er wird geboren und beschnitten, besucht den jüdischen Kindergarten, wird bar-mizwe, hält jeden frajtik-uwnt ein schabbes-Essen ab und geht in die schul; er feiert roscheschone, jom-kiper, sukes, chanike und pajsech, lässt sich von der mame frojen vorsetzen, sagt irgendwann erschöpft zu einer Ja, führt sie unter die chuppe, macht mit ihr viele kleine jidn, feiert eines fernen, leisen toges seine letzte chanike, wird wenig schpejter von seiner mischpuche zu Grabe getragen und erhält ein jor darauf einen stolzen Stein, auf welchem nicht nur sein Name steht, sondern auch jener seines Vaters […]

Asoj ist der Fahrplan. Und es gibt nichts, was den jid veranlassen würde, diesen Pfad zu verlassen zugunsten von einem, den er plötzlich selbst zeichnen würde. Denn es ist der Schöpfer, der die Lebenswege bestimmt, und nicht das Geschöpf.

Motti hat allerdings manchmal Zweifel am Verhalten orthodoxer Juden, beispielsweise wenn sie auf dem Weg zur Synagoge Tricks austauschen, wie sie das Verbot umgehen können, am Sabbat ein Elektrogerät wie den Mikrowellenherd einzuschalten.

Als seine Brille bei einem von der Mutter verursachten Auffahrunfall zerbricht, sucht Motti den jüdischen Optiker in Zürich auf, bei dem alle Mitglieder der jüdischen Gemeinde ihre Brillen kaufen. Motti will die Gelegenheit nutzen, um eine anders aussehende Brille zu erwerben. Weil ihm Herr Grünstern jedoch nur Gestelle anbieten kann, die genauso aussehen wie das kaputte, wagt er sich in ein nichtjüdisches Brillengeschäft und bestellt nach dem Anprobieren schließlich das Modell „Tomorrow Noon“. Dann folgt er auch gleich noch dem Rat des Optikers, kauft sich einen Rasierapparat und trimmt damit zu Hause seinen Bart. Die Mutter ist entsetzt über sein neues Aussehen und meint:

„A furchtbare briln. Du siehst aus wie Woody Allen.“

Als er dann auch noch gesteht, dass es mit ihm und Michèle Blattgrün nichts wird, muss er zum Rabbiner Georges Wolf. Der empfiehlt eine Reise nach Israel und erwartet, dass Motti sich dort auf die Wurzeln des Judentums besinnt.

In Israel wohnt Motti bei Onkel Jonathan Eisengeist, dem Bruder seiner Mutter, und dessen Frau Malka. Und die leben nicht im traditionsreichen Jerusalem, sondern in der hochmodernen Stadt Tel Aviv. Motti, der bis dahin noch nie eine nackte Frau gesehen hat, lernt denn auch in der Meditationsgruppe seiner Tante eine attraktive Jüdin namens Michal kennen, die ihn mit nach Hause nimmt und in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einweist.

Die beiden liegen noch im Bett, als Mottis Mutter anruft und fragt, ob er endlich „a meijdl“ kennengelernt habe. Mottis Ja begeistert Judith Wolkenbruch, und sie möchte die vermeintliche Braut so schnell wie möglich sehen. Motti erkundigt sich bei Michal, wie man das nenne, was zwischen ihnen sei. Michal zieht ihr T-Shirt wieder aus, legt seine Hand auf ihre nackte Brust und antwortet: „A schtup.“ Das bedeutet Geschlechtsverkehr. Also vermeldet Motti dies seiner Mutter und meint, ein Besuch erübrige sich.

Mit neuen Kleidungsstücken, die er mit seiner Tante zusammen in Tel Aviv ausgesucht hat, kehrt Motti nach Zürich zurück.

Durch das neue Aussehen fällt er Laura Rotacher im Seminar auf. Sie spricht ihn an und fragt ihn schließlich:

„Und darfst du […] einer Nichtjüdin auf den Arsch schauen?“

Sie trinken zusammen Kaffee, und beim zweiten Treffen 13 Tage später wechseln sie zu Gin Tonic. Das ist so neu für Motti wie der Joint, den er einige Zeit später auf einer Party in Lauras WG raucht. Als er am nächsten Morgen nach Hause kommt, sind zwei Polizisten da, denn seine Mutter meldete ihn inzwischen als vermisst. Dass er mit einer Nichtjüdin im Bett war, trifft sie so tief, dass sie ihm seine Sachen vor die Tür stellt und das Schloss austauschen lässt. Motti trifft sich daraufhin mit Lauras Mitbewohner Enzo Magnano. Der kommentiert seinen Bericht mit den Worten:

„Jetzt werfen die Juden einander schon selbst aus ihren Häusern.“

Enzo arbeitet als Webdesigner, und bei Thorsten, der für ihn programmiert, kommt Motti unter. Als Thorsten allerdings einige Zeit später nach Hause kommt, im Treppenhaus der vergeblich von ihm umworbenen Laura begegnet und dann auf den nur mit einer Unterhose bekleideten Motti trifft, muss dieser sich ein Hotelzimmer nehmen.

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Bei „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ handelt es sich um einen Entwicklungsroman von Thomas Meyer über einen jungen Mann, der sich nicht nur von seiner dominanten Mutter, sondern auch vom orthodoxen Judentum emanzipiert. Das neue Ziel des tragikomischen Protagonisten besteht darin, nicht länger dem vorgegebenen Weg zu folgen und sich von seiner Mutter eine Braut aussuchen zu lassen, sondern selbst über sein weiteres Leben zu bestimmen.

Die Figuren in „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ sind mehr Karikaturen als Charaktere. Das gilt vor allem für die Eltern des Antihelden, den duckmäuserischen Vater und die Mutter, die alles zu kontrollieren versucht. Und wenn ein 25-jähriger Student in Zürich, der noch nie eine nackte Frau gesehen hat, nach „naket froj“ googelt, wird der Roman vollends zur Satire.

Thomas Meyer erzählt witzig und humorvoll. Stringent ist die Darstellung nicht, denn es gibt eine Reihe von Einzelheiten oder sogar Szenen, die für die Handlung bedeutungslos sind und Figuren, die einfach fallen gelassen werden wie zum Beispiel Michèle Blattgrün.

Ungewöhnlich sind die jiddischen Einsprengel nicht nur in den Dialogen, sondern auch im Text des Ich-Erzählers. Das sind zumeist nur einzelne Wörter, aber mitunter auch ganze Sätze wie:

Ale zejner soln bej im arojsfaln, nur ejner sol im bleibn; ojf zejn-wejtik!

Diese jiddischen Einschübe tragen maßgeblich zum Lesevergnügen bei.

Thomas Meyer wurde 1974 in Zürich geboren und arbeitete nach einem abgebrochenen Jura-Studium als Werbetexter und Reporter. Mit „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ präsentierte er sein Romandebüt, und dafür wurde er 2012 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Inzwischen schreibt Thomas Meyer am Drehbuch für die Verfilmung seines Romans.

Den Roman „Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“ von Thomas Meyer gibt es auch als Hörbuch, gelesen vom Autor (Regie: Martha Schoknecht, Zürich 2014, 287 Minuten, ISBN 978-3-257-80339-6).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Salis Verlag

 

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