Spotlight

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Spotlight – Originaltitel: Spotlight – Regie: Tom McCarthy – Drehbuch: Tom McCarthy, Josh Singer – Kamera: Masanobu Takayanagi – Schnitt: Tom McArdle – Musik: Howard Shore – Darsteller: Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel McAdams, Liev Schreiber, John Slattery, Stanley Tucci, Brian d'Arcy James, Jamey Sheridan, Billy Crudup, Richard Jenkins, Paul Guilfoyle, Len Cariou, Neal Huff, Michael Cyril Creighton, Laurie Heineman u.a. – 2015; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Marty Baron, der neue Herausgeber des Boston Globe, setzt Anfang 2001 das Investigativ-Team "Spotlight" auf Fälle von Kindesmissbrauch im Erzbistum Boston an. Die Reporter tragen in monatelanger Kleinarbeit Beweismaterial zusammen, aber Baron geht es nicht darum, einzelne Priester anzuprangern. Er hält die Erkenntnisse unter Verschluss, bis der Boston Globe Anfang 2002 das ganze System der Vertuschung durch die Kirche aufdecken kann ...
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Kritik

Der packende Thriller "Spotlight" hält sich eng an die Tatsachen. Ohne Effekt­hascherei, ruhig und zurück­hal­tend erzählt Tom McCarthy von der mühsamen Kleinarbeit der Jour­na­listen, die den Miss­brauchs­skandal in der katholischen Kirche in Boston aufdeckten.
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Der Herausgeber (Mairtin O’Carrigan) der Tageszeitung The Boston Globe verabschiedet sich Anfang 2001 in den Ruhestand. Sein Nachfolger Martin („Marty“) Baron (Liev Schreiber) kommt aus Miami und arbeitete davor in New York. Während seines Antrittsbesuchs bei Bernard Francis Kardinal Law (Len Cariou), dem Erzbischof von Boston, meint dieser, für die Stadt sei es am besten, wenn die Institutionen – Kirche, Politik, Wirtschaft, Medien – zusammenarbeiten. Ebenso freundlich erwidert Marty Baron, seiner Überzeugung nach müsse eine gute Zeitung eigenständig bleiben. Zum Abschied schenkt ihm der katholische Geistliche einen Katechismus, obwohl er weiß, dass sein Besucher Jude ist.

In einer kleinen Pressemeldung liest Marty Baron vom sexuellen Missbrauch eines Jungen durch den Priester John Geoghan. In der Redaktionskonferenz erfährt er, dass der Erzbischof Gerüchten zufolge nicht nur diesen Missbrauchsfall zu vertuschen versuchte. Marty setzt „Spotlight“, das Investigativ-Team des Boston Globe, darauf an: Walter („Robby“) Robinson (Michael Keaton), Michael („Mike“) Rezendes (Mark Ruffalo), Sacha Pfeiffer (Rachel McAdams) und Matt Carroll (Brian d’Arcy James). Robby, der dem Chefredakteur Ben Bradlee (John Slattery) unterstehende Leiter des Teams, erklärt Marty, dass die Spotlight-Recherchen für eine Enthüllung normalerweise ein Jahr dauern. Das ist lang, zumal die Auflagenzahlen sinken und The Boston Globe den Trend mit einem Scoop brechen möchte, aber das Selbstverständnis lässt nur sorgfältig geprüfte, mehrfach abgesicherte Berichte zu.

Matt durchforstet mit Hilfe der Kollegin Lisa Tuite (Michele Proude) das Archiv des Boston Globe.

Sacha spricht mit Phil Saviano (Neal Huff), einem führenden Mitglied der Organisation „Survivors Network of those Abused by Priests“ (SNAP). Phil, der selbst im Alter von elf Jahren von einem katholischen Geistlichen missbraucht wurde, behauptet, von 13 Priestern allein in Boston zu wissen, dass sie Kinder missbrauchten. Vor Jahren schickte er der Redaktion des Boston Globe Material darüber, aber niemand interessierte sich dafür.

Mike wendet sich an den armenisch-stämmigen Rechtsanwalt Mitchell Garabedian (Stanley Tucci), der in 84 Missbrauchsfällen Kläger gegen die Kirche vertrat. Der frustrierte Jurist, der nicht verhindern konnte, dass die Kläger von der Kirche durch Geldzahlungen zum Schweigen gebracht und die Fälle durch Versetzungen der Beschuldigten vertuscht wurden, glaubt nicht an ein ernsthaftes Aufklärungs­interesse des Journalisten. Mehrmals weist er Mike ab, aber der lässt sich nicht abschütteln und erreicht schließlich, dass Garabedian ihm ein Gespräch mit Patrick McSorley (James LeBlanc) vermittelt, einem Mann, der als Zwölfjähriger von einem Priester missbraucht wurde.

Sacha trifft sich mit einem anderen Opfer, mit Joe Crowley (Michael Cyril Creighton).

Das Spotlight-Team befragt Richard Sipe (Richard Jenkins), einen 1970 von seinem Ordensgelübde entbundenen Pastoralpsychologen, der seit vielen Jahren Daten über römisch-katholische Geistliche erhebt. Ob er 13 pädophil aktive Priester in Boston für realistisch halte, wird er gefragt. Er antwortet mit „nein“, aber nicht, weil er die Zahl für zu hoch hält! Seinen Forschungsergebnissen zufolge missbrauchen sechs Prozent der Priester Kinder. In Boston ist also mit rund 90 von ihnen zu rechnen.

Weil die Kirche die beschuldigten Priester versetzte, um die Fälle zu vertuschen, prüft das Spotlight-Team die Jahresverzeichnisse der katholischen Kirchengemeinden und stößt auf 87 Verdächtige.

Rechtsanwalt Eric MacLeish (Billy Crudup) vertrat das Erzbistum Boston in einer Reihe von Missbrauchsfällen, aber es gibt darüber keine Gerichtsakten, denn mit den betroffenen Eltern wurden außergerichtliche Vergleiche geschlossen. Als Robby ihm mit einer Zeitungsstory über einen Anwalt droht, der durch die Vertuschung von pädophilen Straftaten Geschäfte macht, behauptet Eric MacLeish, dem Boston Globe im Dezember 1993 eine Liste mit 20 Namen geschickt zu haben, aber eine Reaktion sei ausgeblieben.

Robby, der damals den Lokalteil leitete, verfolgte das Thema nicht weiter. Das ist jetzt anders.

Nach einigen Monaten verfügt das Spotlight-Team über genügend gesichertes Material für einen Artikel, und Mike kann es kaum erwarten, die pädophilen Geistlichen anzuprangern. Je länger The Boston Globe mit der Veröffentlichung wartet, desto höher ist das Risiko, dass eine andere Zeitung vorprescht, aber Marty Baron geht es nicht um Einzelfälle, sondern er will das System aufdecken: die organisierte Vertuschung durch die katholische Kirche.

Robby wurde in Boston geboren und ist mit anderen, ebenfalls zur Elite gehörenden Persönlichkeiten wie dem Kirchenanwalt Jim Sullivan (Jamey Sheridan) befreundet, die versuchen, ihn von weiteren Recherchen oder gar einer Veröffentlichung über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche abzubringen. Peter Conley (Paul Guilfoyle), der Pressesprecher des Erzbischofs von Boston, weist darauf hin, dass Marty Baron nicht aus Boston stamme und seine Karriere voraussichtlich in einer anderen Stadt weiterführen werde. Robby hingegen gehöre in Boston dazu und werde hier bleiben. Das dürfe er sich im eigenen Interesse nicht kaputt machen.

Mitchell Garabedian beantragt die Herausgabe von Akten aus früheren Verfahren, die zwar als öffentlich deklariert, aber auf Betreiben der Kirche aus dem Archiv des Gerichts ausgelagert wurden. Richterin Constance Sweeney (Laurie Heineman) urteilt zugunsten des Antragsstellers. Das Erzbistum geht zwar in Berufung, aber am Ende kann Mike Rezendes die Dokumente einsehen. Sie beweisen, dass Kardinal Law persönlich über Missbrauchsvorwürfe gegen seine Diözesanpriester unterrichtet worden war, ihnen aber nicht in hinreichender Weise nachging.

Am 6. Januar 2002 beginnt The Boston Globe mit den Enthüllungen. Am nächsten Morgen laufen die Telefonleitungen in der Redaktion heiß, und bei den meisten Anrufern handelt es sich um Missbrauchsopfer. In insgesamt 600 Artikeln deckt The Boston Globe die Vorwürfe auf. 249 Priester werden allein im Erzbistum Boston wegen Missbrauchs von Kindern angeklagt. The Boston Globe erhält 2003 den Pulitzer-Preis.

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Tom McCarthy und Josh Singer halten sich in dem Kinofilm „Spotlight“ eng an die Tatsachen: Die Tageszeitung The Boston Globe deckte Anfang 2002 in einer Flut von Berichten auf, dass im Erzbistum Boston Missbrauchsfälle systematisch vertuscht worden waren. Bernard Francis Kardinal Law (* 1931) trat am 13. Dezember 2002 zurück und entzog sich einer Vorladung der gegen ihn ermittelnden Staatsanwaltschaft durch einen Umzug nach Rom. Auch bei Martin Baron, Ben Bradlee, Walter Robinson, Michael Rezendes, Sacha Pfeiffer und Matt Carroll, Patrick McSorley und Joe Crowley, Phil Saviano und Richard Sipe, Constance Sweeney, Mitchell Garabedian, Eric MacLeish und Peter Conley handelt es sich nicht um fiktive Filmfiguren.

Der in „Spotlight“ mehrfach genannte John Geoghan (1935 – 2003) soll in sechs verschiedenen katholischen Kirchengemeinden 130 Kinder sexuell missbraucht haben. Nachdem ihn ein Gericht im Januar 2002 zu neun bis zehn Jahren Haft verurteilt hatte, wurde John Geoghan am 23. August 2003 im Souza-Baranowski Correctional Center in Shirley/Massachusetts von dem Mithälftling Joseph Druce erdrosselt.

Das Drama „Spotlight“ dreht sich um zwei Themen: um die systematische Vertuschung des Missbrauchs von Kindern durch pädophile Geistliche und die Aufdeckung eines monströsen Skandals durch investigative Kleinarbeit. Ohne die Enthüllungsjournalisten als Helden der Aufklärung zu stilisieren, veranschaulichen Tom McCarthy und Josh Singer in „Spotlight“ die Bedeutung freier Medien. Dass eine Zeitungsredaktion ein Jahr lang recherchiert, bevor sie die Ergebnisse veröffentlicht, ist in der von Tweets und SMS geprägten Welt selten geworden. Aber gerade an diesem Beispiel wird deutlich, wie wertvoll eine solche Vorgehensweise ist: Hätte The Boston Globe lediglich über einzelne Missbrauchs­fälle berichtet, wäre das Vertuschungssystem vermutlich nicht sichtbar geworden.

Tom McCarthy und Josh Singer glorifizieren Journalisten ebenso wenig wie sie die Kirche verteufeln. „Spotlight“ stellt den religiösen Glauben nicht in Frage.

Im Prolog von „Spotlight“ ist zu sehen, wie ein katholischer Würdenträger 1976 auf einer Polizeiwache auf die Mutter (Stefanie Drummond) eines sexuell von einem Priester missbrauchten Kindes einredet und sie dazu bringt, auf eine Anzeige zu verzichten. Nach dem Vorspann geht es weiter mit der Verabschiedung des Herausgebers des Boston Globe im Jahr 2001, und von da an verfolgen wir die mühevolle Kleinarbeit der investigativen Journalisten chronologisch bis zur Aufdeckung des Skandals Anfang 2002.

Gerade die seriöse Zurückhaltung macht „Spotlight“ zu einem überzeugenden und herausragenden Kinofilm. Auch aus Respekt vor den Opfern verzichten Tom McCarthy und Josh Singer zum Beispiel auf spektakuläre Rückblenden bei den Aussagen etwa von Patrick McSorley und Joe Crowley. Ohne Effekthascherei und Emotionalisierung wird die Geschichte vor allem in Dialogen entwickelt. Dennoch handelt es sich bei „Spotlight“ um einen packenden Thriller. Das ist auch dem hochkarätigen Schauspieler-Ensemble zu verdanken.

Das Drehbuch für „Spotlight“ stellten Tom McCarthy und Josh Singer bereits im Juni 2013 fertig. Aber die Dreharbeiten begannen erst am 24. September 2014 in Boston. Die Uraufführung von „Spotlight“ fand am 3. September 2015 bei den 72. Internationalen Filmfestspielen von Venedig statt.

„Spotlight“ wurde mit zwei „Oscars“ ausgezeichnet (Bester Film, Bestes Originaldrehbuch) und war für vier weitere nominiert worden (Tom McCarthy für die Regie, Tom McArdle für den Schnitt, dazu die Darsteller Rachel McAdams und Mark Ruffalo).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016

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