Gripsholm

Gripsholm

Gripsholm

Originaltitel: Gripsholm - Regie: Xavier Koller - Drehbuch: Stefan Kolditz, nach Motiven aus Kurt Tucholskys Roman "Schloss Gripsholm" - Kamera: Pio Corradi - Schnitt: Patricia Rommel - Musik: Olivier Truan und David Klein, interpretiert von Kol Simcha und Jasmin Tabatabai - Darsteller: Ulrich Noethen, Heike Makatsch, Jasmin Tabatabai, Marcus Thomas, Sara Föttinger, Anette Felber, Rudolf Wessely u.a. - 2000; 95 Minuten

Inhaltsangabe

Kurt Tucholsky und seine lebensfrohe Geliebte Lydia verbringen den Sommer 1932 als Gäste des Barons Valberg auf Schloss Gripsholm. Trotz der schönen Stunden verfällt der Schriftsteller wegen der politischen Entwicklung in Deutschland immer wieder in trübsinnige Gedanken und zweifelt daran, ob es noch Sinn macht, etwas zu schreiben ...
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Kritik

In seinem Film "Gripsholm" beschränkt Xavier Koller sich nicht auf die Adaptation der literarischen Vorlage, sondern verbindet Motive aus dem Roman mit der Biografie Kurt Tucholskys. Dabei geht er allerdings sehr frei mit den Tatsachen um und verlegt die Handlung von 1929 ins Jahr 1932.
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1931 schreibt der Berliner Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky (Ulrich Noethen) in einem Artikel: „Soldaten sind Mörder“. Im Jahr darauf reicht die Reichswehr deshalb eine Klage gegen ihn ein. Sein Verleger (Rudolf Wessely) ist besorgt, weil der respektlose Autor, den er sehr schätzt, aus seiner politischen Haltung kein Hehl macht und dadurch immer stärker mit der Obrigkeit in Konflikt gerät, zumal sich der Wind gedreht hat. Er rät ihm deshalb, die bevorstehenden Ferien zu nutzen, um eine leicht zu lesende Sommerliebesgeschichte zu Papier zu bringen, „etwas, das die Leser ihrer Freundin schenken können, zart im Gefühl, ironisch und mit einem bunten Umschlag!“ Im Treppenhaus ruft Tucholsky zurück: „Eine Liebesgeschichte? Wer liebt denn heute noch?“

Tucholsky holt seine vierundzwanzigjährige Freundin Lydia (Heike Makatsch) mit einem Taxi ab. Im Zug geht es weiter nach Schweden, wo sie fünf Wochen bleiben wollen. Überrascht stellt Lydia fest, dass ihr Quartier sich in einem idyllischen Schloss befindet – Schloss Gripsholm – und sie Gäste des Barons Valberg (Leif Liljeroth) sind, der allerdings am Morgen nach ihrer Ankunft für einige Zeit verreisen muss.

Seine Schreibmaschine hat der Schriftsteller zwar im Gepäck, aber am Bahnhof vergaß er sie beinahe, und er hat auch nicht vor, etwas zu schreiben, denn er ist aufgrund der politischen Entwicklung zu besorgt um die Zukunft Deutschlands und zweifelt inzwischen daran, mit Schreiben etwas ändern oder aufhalten zu können. „Man kann auf Dauer nicht gegen das anschreiben, was das Volk will.“ Er überlegt sogar, ob er nicht in Schweden bleiben soll. Zunächst lässt er sich aber von der lebensfrohen Lydia, die er zärtlich „Prinzessin“ nennt, überreden, die Ferien mit ihr zu genießen. „Wir genießen zusammen den Sommer“, schlägt sie vor. „Und wenn er vorbei ist, werden wir wissen, was zu tun ist.“

Bei einer Radtour werden sie von einem niedrig fliegenden Doppeldecker mit deutschen Hoheitszeichen überrascht. Noch vor der Landung erkennen sie den waghalsigen Piloten: Es handelt sich um Tucholskys Freund Karlchen (Marcus Thomas). Zu Lydias Entsetzen klettert Tucholsky in die Maschine und fliegt eine Runde. Sie wusste gar nicht, dass er einen Pilotenschein besitzt. Zum ersten Mal merkt sie, dass er ihr keineswegs alles erzählt. Ein erster Schatten fällt über die glücklichen Tage.

Karlchen weist Tucholsky darauf hin, dass dessen Name ganzen oben auf schwarzen Listen stehe. Das bekümmert den Schriftsteller weniger als seine Feststellung, dass sein Freund von den nationalsozialistischen Parolen infiziert ist und naiv daran glaubt, dass etwas Ordnung und Zukunftshoffnung nötig sind. Die beiden Männer versuchen, ihre unterschiedlichen politischen Überzeugungen durch Erinnerungen an sorglose Tage in der Vergangenheit zu retten.

Ärgerlich reagiert er darauf, dass Lydia ihre beste Freundin eingeladen hat, denn die laszive Chansonsängerin Billie Sunshine (Jasmin Tabatabai) ist ein Star des Berliner Nachtlebens und erschwert es ihm, in der ländlichen Idylle die Gedanken an die aktuelle Entwicklung in der Reichshauptstadt zu verdrängen.

Tucholsky, Lydia, Billie und Karlchen unternehmen zusammen Ausflüge. Einmal mieten sie einen zweiten Doppeldecker, damit sie alle vier gleichzeitig fliegen können. Billie sitzt vor Tucholsky in der Maschine und ist begeistert; Lydia, die mit Karlchen fliegt, hat Angst. Weil Tucholsky sein Flugzeug auf die andere Maschine zusteuerte und damit das Leben aller vier Insassen riskierte, ohrfeigt Lydia ihn nach der Landung, und es kommt zu einem heftigen Streit zwischen den beiden Männern. Daraufhin reist Karlchen zurück nach Deutschland. „Lass uns wenigstens die Vergangenheit bewahren“, sagt Tucholsky zum Abschied.

Bei einem ihrer weiteren Ausflüge bemerken Tucholsky, Lydia und Billie ein kleines Mädchen aus einem nahen Kinderheim, das offenbar sehr traurig ist. Das Kind heißt Ada (Sara Föttinger) und leidet unter der harten Erziehung der Heimleiterin Adriani (Anette Felber).

Eines Abends küssen Lydia und Billie sich. Dann beziehen sie Tucholsky in ihrer erotisches Spiel mit ein.

Nachdem Billie zurück nach Berlin gefahren ist, wo ein Angebot aus Babelsberg auf sie wartet, geht der Sommer zu Ende. Lydia hat sich inzwischen mit der Mutter Adas brieflich in Verbindung gesetzt und eine Vollmacht erhalten, sie aus dem Kinderheim zu befreien. Sie reist mit dem Kind ab; Tucholsky bleibt in Gripsholm zurück. „Man denkt oft, die Liebe sei stärker als die Zeit. Aber immer ist die Zeit stärker als die Liebe.“

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Kurt Tucholsky wurde 1890 als Sohn eines großbürgerlichen jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren. Nach dem Jurastudium in Berlin und Genf und der Promotion 1915 in Jena leistete er Kriegsdienst. 1912 hatte er bereits den Roman „Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte“ veröffentlicht. Nach dem Krieg, von 1918 bis 1920, war er Chefredakteur einer satirischen Beilage des Berliner Tageblatts. Dann verdiente er seinen Lebensunterhalt als freier Journalist und Schriftsteller, bis er nach einem kurzen Zwischenspiel als Volontär bei einer Bank 1926 Herausgeber der Zeitschrift „Die Weltbühne“ wurde. Zwei Jahre nach der Scheidung von Else Weil, mit der er von 1920 bis 1922 verheiratet war, heiratete er Mary Gerold. Auch diese Ehe scheiterte und wurde 1933 geschieden.

Seit er im April 1924 als Korrespondent der „Weltbühne“ und der Vossischen Zeitung nach Paris gegangen war, kehrte er nur hin und wieder für einige Zeit nach Deutschland zurück. Nach einem Urlaub 1928 in Skåne zog er 1929 nach Schweden und mietete schließlich die Villa „Nedsjölund“ in Hindås, die er Anfang 1930 bezog. Im Herbst 1930 kam er bei der Durchreise von einem Sanatoriumsaufenthalt in der Schweiz noch einmal durch Deutschland.

Nach „Schloss Gripsholm“ publizierte Tucholsky keine Zeile mehr. Am 23. August 1933 stand sein Name auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nationalsozialisten. Am 19. Dezember 1935 nahm Kurt Tucholsky in seiner Villa gewollt oder versehentlich eine Überdosis Veronal ein und starb zwei Tage später in einem Krankenhaus in Göteburg. Er wurde auf dem kleinen Friedhof in Mariefred in der Nähe des Schlosses Gripsholm beigesetzt.

Nicht 1932, wie Xavier Kollers Film suggeriert, sondern von Ende April / Anfang Mai bis Mitte Oktober 1929 hielt Kurt Tucholsky sich mit seiner gut vier Jahre jüngeren Geliebten, der Journalistin Lisa Matthias, in dem kleinen Badeort Fjälltorp Läggesta am Ufer des Mälarsees gegenüber Schloss Gripsholm auf. Lisa Matthias veröffentlichte 1962 eine Autobiografie, in der sie beteuerte, sich nicht an der Bettszene zu dritt beteiligt zu haben.

Kurt Tucholskys im Mai 1931 erschienener Roman „Schloss Gripsholm“ wurde 1963 zum ersten Mal verfilmt (Regie: Kurt Hoffmann, Buch: Herbert Reinecker, Hauptdarsteller: Walter Giller, Nadja Tiller). Anders als Kurt Hoffmann 37 Jahre vor ihm, beschränkt der Schweizer Regisseur Xavier Koller sich im Jahr 2000 nicht auf eine Adaptation der literarischen Vorlage, sondern verbindet Motive aus dem Roman mit der Biografie Kurt Tucholskys. Dabei geht er allerdings sehr frei mit den Tatsachen um und verlegt die Handlung von 1929 ins Jahr 1932.

Übrigens fanden die Dreharbeiten zu „Gripsholm“ nicht auf Schloss Gripsholm westlich von Stockholm statt, sondern in zwei Schlössern bei Landskrona.

Die Musik – darunter die vier von Jasmin Tabatabai gesungenen Lieder – stammt von der 1986 von Josef Bollag und David Klein gegründeten Schweizer Klezmer-Band Kol Simcha (hebräisch: „Die Stimme der Freude“) mit Oliver Truan (Klavier), David Klein (Schlagzeug), Michael Heitzler (Klarinette), Roman Glaser (Flöte) und Daniel Fricker (Bass).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003

Jean Améry - Die Schiffbrüchigen
Mit einer weniger von grammatikalischen als von stilistischen Gesichtspunkten bestimmten Sprache hat Jean Améry in dem Roman "Die Schiffbrüchigen" das subtile Psychogramm eines hoffnungslosen Menschen gezeichnet.
Die Schiffbrüchigen

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