Jean-Paul Sartre


Jean-Paul Sartre wurde am 21. Juni 1905 in Paris als Sohn eines Marineoffiziers geboren. Als er fünfzehn Monate alt war, starb sein Vater an einer Darmkrankheit, und seine Mutter Anne-Marie – eine Cousine Albert Schweitzers (1875 – 1965) – kehrte daraufhin mit dem Kind zu ihren Eltern zurück. 1916 heiratete sie den Direktor einer Schiffswerft in La Rochelle. Dort kam Jean-Paul Sartre im Jahr darauf aufs Gymnasium, aber 1920 schickte ihn sein Stiefvater in ein renommiertes Lyzeum in Paris, wo er zwei Jahre später das baccalauréat bestand und Philosophie zu studieren begann.

Weil er 1928 durch die agrégation fiel, bereitete er sich im Frühjahr 1929 erneut für die Prüfung vor.

Trotz seines unattraktiven Aussehens war er wegen zahlreicher Affären mit Frauen berüchtigt. Er und seine drei Jahre jüngere Kommilitonin Simone de Beauvoir erzielten bei der agrégation die besten Ergebnisse. Erst nach längerem Abwägen vergaben die Professoren den ersten Platz an Jean-Paul Sartre und den zweiten an Simone de Beauvoir. Nach dem Erfolg trafen sich die beiden nahezu jeden Tag im Jardin Luxembourg, um über sich, ihre Beziehung, ihr Leben, ihre Pläne zu reden und sich über ihre Standpunkte klar zu werden. Die beiden schlossen einen Pakt: Sie lehnten die Monogamie ab, wollten nicht auf erotische Beziehungen mit anderen verzichten, nahmen sich aber vor, für die Dauer von zwei Jahren keinen Gebrauch von ihrer sexuellen Freiheit zu machen und in dieser Zeit so eng wie möglich zusammenzuleben, ohne unter dem gleichen Dach zu wohnen. Außerdem versprachen sie, einander weder zu belügen, noch voreinander etwas zu verbergen.

Trotz ihrer engen Beziehung blieben Jean-Paul Sarte und Simone de Beauvoir ein Leben lang beim „Sie“ und wohnten auch nie zusammen.

Nach dem Militärdienst teilte das französische Kultusministerium Jean-Paul Sarte 1931 als Philosophielehrer für ein Lyzeum in Le Havre ein, während Simone de Beauvoir als Lehrerin in Marseille anfing und erst im Oktober 1932 eine Stelle in nach Rouen, also in Sartres Nähe, bekam. Als sie im Herbst 1936 nach Paris-Passy versetzt wurde, schlug Sartre sogar eine Beförderung aus, um in ihrer Nähe bleiben zu können.

Jean-Paul Sartre legte keinen Wert auf ein exklusives Verhältnis mit Simone de Beauvoir, sondern betrachtete sie, die Studentin Olga Kosakiewicz, deren zwei Jahre jüngere Schwester Wanda und Olgas Liebhaber Jacques-Laurent Bost als seine „Familie“. Nach Olga soll er auch Wanda erobert haben. Trotz seiner zahlreichen Amouren scheint Jean-Paul Sartre kein leidenschaftlicher Liebhaber gewesen zu sein. Für das Zusammenleben Simone de Beauvoirs und Jean-Paul Sartres spielte die Sexualität bald keine bedeutende Rolle mehr, aber sie blieb sein intellektuelles Alter Ego, die unentbehrliche geistige Lebensgefährtin, die ihm durch verständnisvolle Fragen und Anregungen half, Ideen auszubauen, Widersprüche aufzudecken und Gedanken klar zu formulieren. (Darüber hinaus missbrauchte er sie, um sich vor lästig gewordenen Geliebten abschirmen zu lassen.)

Nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs meldete Jean-Paul Sartre sich bei den Militärbehörden und wurde in die meteorologische Abteilung einer Artillerieeinheit im Elsass abkommandiert. Im März 1941 – als die Deutschen längst Frankreich erobert hatten – kehrte er nach Paris zurück. Kurze Zeit später unternahm er einen amateurhaften und vergeblichen Versuch, eine Widerstandsgruppe zu gründen.

Im Januar 1945 flog Jean-Paul Sartre mit fünf französischen Journalisten nach New York: Das US-Außenministerium hatte sie eingeladen, sich zwei Monate lang in den Vereinigten Staaten von Amerika umzusehen. Während die Journalisten in verschiedene Bundesstaaten reisten und dann wie vorgesehen nach Europa zurückkehrten, um ihre Berichte zu schreiben, blieb Sartre vier Monate lang in New York, wo er Dolores Vanetti Ehrenreich begegnet war, einer französischen Schauspielerin, die sich zu Beginn des Krieges nach Amerika abgesetzt und einen reichen Arzt geheiratet hatte.

Im Dezember flog Jean-Paul Sartre noch einmal für ein Vierteljahr nach New York, und er teilte Simone de Beauvoir mit, er beabsichtige, von nun an in jedem Jahr einige Monate gemeinsam mit Dolores zu verbringen.

Jean-Paul Sartre ging davon aus, dass der Einzelne sich durch seine Handlungen überhaupt erst definiert: „Die Existenz geht der Essenz voraus.“ So formulierte er die Grundthese des Existentialismus und meinte damit, dass es anfangs nur die bloße Tatsache des Daseins gebe, eine Phase, in der das menschliche Individuum weder gut noch böse, sondern neutral wie die unbelebte Realität sei. Erst im Handeln entscheide sich das Individuum und entwickle einen bestimmten Charakter. Dabei sei jeder auf sich selbst angewiesen, ohne sich an vorgegebenen Werten orientieren zu können, und es komme darauf an, sich dieser Verantwortung zu stellen, sich nicht hinter Traditionen und Religionen, Doktrinen und Ideologien zu verschanzen – auch wenn es Angst hervorrufe.

Wenn der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht definierbar ist, so darum, weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst in der weiteren Folge sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen. Der Mensch ist lediglich so, wie er sich konzipiert – ja nicht allein so, sondern wie er sich will und wie er sich nach der Existenz konzipiert, wie er sich will nach diesem Sichschwingen auf die Existenz hin; der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht […]
Aber wenn wirklich die Existenz der Essenz vorausgeht, so ist der Mensch verantwortlich für das, was er ist. Somit ist der erste Schritt des Existentialismus, jeden Menschen in Besitz dessen, was er ist, zu bringen und auf ihm die gänzliche Verantwortung für seine Existenz ruhen zu lassen.
[…] Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. (Jean-Paul Sartre)

Um den Gläubigen „gefährliche Zweifel“ zu ersparen, setzte die Kurie die Werke Jean-Paul Sartres 1948 auf den Index der verbotenen Schriften, aber der Existentialismus wurde in der Nachkriegszeit von vielen Menschen begierig aufgegriffen.

Allerdings engten die meisten den Existentialismus auf das Postulat der individuellen Freiheit ein und verwechselten die eigentliche Philosophie mit einer Lebensart, deren Anhänger sich durch unkonventionelles Verhalten und eine betont nachlässige Kleidung zu erkennen gaben. Nachdem sie sich anfangs dagegen gewehrt hatten, fanden sich Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir schließlich damit ab, dass sie als die Idole der Bewegung angesehen wurden und Scharen von Neugierigen an den Straßencafés in Saint-Germain-des-Prés vorbeistrichen, um sie zu begaffen.

Jahr für Jahr wurden die beiden weltberühmten Schriftsteller zu ausgedehnten Reisen aufgefordert, weil sich Organisationen oder Regierungen davon eine positive Resonanz in der Öffentlichkeit versprechen. Auch privat reisten sie gern in andere Länder, um das Leben dort besser zu verstehen, über die politisch-sozialen Verhältnisse zu schreiben, durch diese Öffentlichkeitsarbeit Druck zu erzeugen und auf diese Weise zu positiven Veränderungen beizutragen.

Nachdem Arlette Elkaim, eine ebenso hübsche wie intelligente achtzehnjährige Studentin, im Sommer 1956 Jean-Paul Sartre angerufen hatte, um ihn über eines seiner Bücher zu befragen, gehörte sie bald zur „Familie“. Sartre hielt sich immer häufiger in Arlettes Wohnung auf, aber Simone de Beauvoir, die längst an seine amourösen Abenteuer gewöhnt war, fühlte sich keineswegs alarmiert. Um so heftiger traf sie der Schlag, als sie 1965 von Jacques-Laurent Bost erfuhr, dass Sartre am 26. Januar 1965 die Adoption Arlettes beantragt hatte. Er begründete den Schritt damit, dass er zum einen die aus Algerien stammende Jüdin zur französischen Staatsbürgerin machen wollte und zum anderen eine junge und sowohl geistig als auch charakterlich geeignete Person suchte, die einmal seinen literarischen Nachlass ordnen sollte.

Den Nobelpreis für Literatur für das Jahr 1965 wies Jean-Paul Sartre zurück.

Diese Haltung beruht auf meiner Vorstellung von der Arbeit eines Schriftstellers. Ein Autor, der politisch, gesellschaftlich und litearisch Stellung bezieht, sollte nur mit seinen eigenen Mitteln handeln, d. h. mit dem geschrieben Wort. Alle Ehrungen, die er annimmt, setzen seine Leser einem Druck aus, den ich nicht für wünschenswert halte. Es ist nicht das Gleiche, ob ich mit „Jean-Paul Sartre“ unterschreibe oder mit „Jean-Paul Sartre, Nobelpreisträger“. (Jean-Paul Sartre in einer Presseerklärung am 24. Oktober 1964)

Jean-Paul Sartre aß reichlich, liebte Süßigkeiten, rauchte, trank Unmengen Scotch und Rotwein, schluckte abwechselnd Barbiturate und Amphetamine. Bei dieser ungesunden Lebensweise war es nicht erstaunlich, dass er im Alter von sechsundsechzig Jahren zwei Gehirnschläge erlitt.

Auf dem rechten Auge war er seit seiner frühen Kindheit nahezu blind, und 1973 verschlechterte sich die ohnehin eingeschränkte Sehkraft seines linken Auges so stark, dass er nur noch groß gedruckte Texte mit dem Vergrößerungsglas lesen konnte und seine eigene Handschrift nicht mehr zu entziffern vermochte.

Simone de Beauvoir fand ihn am Morgen des 19. März 1980 auf der Bettkante sitzend, nach Luft ringend. In der Klinik diagnostizierten die Ärzte ein Lungenödem, Leberzirrhose und Durchblutungsstörungen des Gehirns. Einige Wochen später, am 15. April 1980, starb Jean-Paul Sartre.

Jean-Paul Sartre: Bibliografie (Auswahl)

Literatur über Jean-Paul Sartre

  • Christa Hackenesch: Jean-Paul Sartre (Rowohlt Bildmonographie)

© Dieter Wunderlich 2005
Einige Passagen stammen aus Dieter Wunderlichs Buch

Simone de Beauvoir (Kurzbiografie)
Jean-Paul Sartre: Die Fliegen
Jean-Paul Sartre: Die Mauer

Martin Walser - Die letzte Matinee
"Die letzte Matinee" ist eine Satire auf die Intellektuellen, die Existenzialisten der Fünfzigerjahre, die den Bezug zur Realität verloren haben. Martin Walser schildert diese surreale, kafkaeske Geschichte teils ironisch, teils sarkastisch in einer funkelnden Sprache.
Die letzte Matinee

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