Andrea Heuser : Augustas Garten

Augustas Garten

Andrea Heuser

Augustas Garten

Augustas Garten Originalausgabe: DuMont Buchverlag, Köln 2014 ISBN: 978-3-8321-9763-6, 219 Seiten, 16.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als Barbara sich von ihrem Ehemann Andreas trennt und mit der fünfjährigen Tochter zu ihrem neuen Lebensgefährten Eduard zieht, gaukelt sie Augusta einen Besuch bei einem Freund vor und vertröstet sie jedes Mal, wenn sie nach dem Zeitpunkt der Rückkehr fragt, auf "bald". Erst am Tag vor dem sechsten Geburtstag erfährt Augusta die Wahrheit. Eine Welt bricht für sie zusammen, und sie verliert das Vertrauen in die Mutter. Augusta reißt aus ...
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Kritik

Andrea Heuser entwickelt die anrührende Geschichte im ständigen Wechsel aus den Perspektiven des Kindes und der Mutter. Schrittweise ergibt sich ein Bild der Gegenwart und der Vergangenheit. Die Struktur ermöglicht zugleich die Erzeugung von Spannung.
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Als Augusta fünf Jahre alt ist, fährt ihre Mutter Barbara mit ihr im Auto weg, und das Kind sieht durchs Heckfenster, wie der vor dem Haus stehende Vater immer kleiner wird. Augusta geht das Bild nicht aus dem Kopf, aber als sie losfuhren, freute sie sich, denn sie erwartete so etwas wie einen Ausflug mit ihrer Mutter.

Und sie hat sich gar nichts dabei gedacht. Schlimmer noch: Sie hat sich sogar gefreut. Darüber, dass die Mama und sie eine Reise machen, dass sie jemanden besuchen fahren, dass sie so viele Sachen mitnehmen. Sachen, die zu Hause immer so langweilig ausgesehen haben in den Ecken und Schränken, jetzt im Auto aber auf einmal lustig: der Staubsauger zum Beispiel, neben ihr auf dem Sitz, oder die große Stehlampe.

Seither sind sie zu Besuch bei Eduard Krüger, dem Rektor der Schule, in der Barbara Kurowski als Lehrerin unterrichtet. Immer wieder fragt Augusta ihre Mutter, wann sie zurückkehren werden, und die Antwort lautet stets „bald“.

„Und wann gehen wir wieder nach Hause?“
Die Mama zögert.
„Bald.“
„Wann ist ‚bald‘?“
„Bald ist bald. Jetzt sind wir erst einmal hier.“

Als Barbara nach der Trennung von Andreas mit ihrer Tochter zu ihrem neuen Lebensgefährten Eduard zog, dachte sie, es sei auch das Beste für Augusta.

In Eduards Haus wird sie Platz haben, sich austoben können. Und mit der Zeit, ja, sie wird sich eingewöhnen. Sie wird andere Kinder kennenlernen. Sie wird in die Schule gehen, ihre Welt wird größer werden. Und Andreas wird sie sehen dürfen, so oft sie will. So oft es eben möglich ist. Barbara lehnt sich an Eduard. Alles wird besser werden.

Doch obwohl Augusta Eduards Gästezimmer bekommen hat, sehnt das Mädchen sich nach seinem Vater und dem (alten) Zuhause zurück. Am Tag vor ihrem sechsten Geburtstag sagt Augusta:

„Ich will, dass wir wieder nach Hause gehen, Mama. JETZT.“ […]
Barbara holt tief Luft. Eigentlich wollte sie ja bis nach dem Geburtstag warten. Vielleicht ist es aber auch besser, sie weiß es vorher. […] Sie beugt sich vor, nimmt Augustas Hand in ihre und schaut ihr ruhig und fest ins Gesicht.
„Wir bleiben hier wohnen, bei Eduard. Das ist jetzt unser Zuhause. Weißt du, dein Papa und ich, wir können nicht mehr zusammen wohnen.“

Für Augusta bricht eine Welt zusammen.

Bald gehen wir wieder nach Hause, hat die Mama gesagt. Immer wieder hat sie die Mama das gefragt, und immer wieder hat die Mama geantwortet: „Bald.“ Und dann stimmt das gar nicht. Die Wahrheit ist, dass sie nicht mehr nach Hause gehen, nie mehr.

Während ihre Mutter am nächsten Tag den Geburtstagstisch und die Geschenke herrichtet, bittet Augusta um die Erlaubnis, zum Spielplatz gehen zu dürfen. Von der im Wohnzimmer beschäftigten Mutter unbemerkt, packt Augusta dann ein paar Sachen in ihren Kinderrucksack, darunter den als Sparbüchse benützten Porzellan-Frosch, und verlässt den Bungalow. Die Mutter hat ihr zwar eingeschärft, auf dem Spielplatz in der Nähe zu bleiben, aber daran glaubt Augusta sich nach all den Lügen nicht halten zu müssen. Sie will nicht länger bei Eduard wohnen und reißt deshalb aus.

Als Augusta nicht zurückkommt, sucht Barbara auf dem Spielplatz und in der Umgebung nach ihr. Vergeblich. Aufgeregt ruft sie die Polizei, und Kommissar Lauterbach kommt zu ihr. Während sie nach einem Foto Augustas für ihn sucht, klingelt das Telefon.

Ehe sie es richtig begriffen hat, hält sie schon den Hörer in der Hand. Am anderen Ende der Leitung ist eine Stimme. Nicht Augusta, nicht die Polizei oder das Krankenhaus, kein Entführer, nur irgendeine Stimme, die nichts mit Augustas Verschwinden zu tun hat. Barbara legt den Hörer wieder auf, ohne ein Wort zu sagen. Ihr Herz rast, und sie kämpft gegen den unmittelbaren heftigen Brechreiz. Als das Telefon erneut klingelt, brauchen ihre Hände eine Weile, um den Weg zum Hörer zu finden.
„Was sollte denn DAS?!“
„Andreas?“
„Augusta. Gib sie mir bitte.“
„Wie?“
„Wir haben doch ausgemacht, dass ich heute am Geburtstag mit ihr spreche.“
„Ruf später noch mal an.“
„Ich will mit meiner Tochter reden!“

Ein Gespräch mit Andreas kommt für Barbara jetzt nicht in Frage. Eduard ist bei einer Tagung. Bevor Kommissar Lauterbach geht, rät er Barbara, eine Freundin anzurufen. Aber sie hat keine Freundin. Früher war sie mit Gisela befreundet, aber der Kontakt ist abgerissen. Stattdessen wählt sie die Nummer des Tagungshotels, denn sie will, dass Eduard sofort zu ihr zurückkommt und ihr beisteht.

„Herr Krüger ist noch nicht zurück. Aber wir werden ihn umgehend verständigen.“
„Sagen Sie ihm, es ist dringend.“ – Barbara legt den Hörer auf. Jetzt muss sie auch noch auf Eduard warten. Anscheinend hat er das Hotel verlassen, um spazieren zu gehen.

Barbaras Gedanken schweifen in die Vergangenheit. Sie wurde am 29. Dezember 1944 in Breslau geboren. Einmal erhielten sie und die anderen Schülerinnen in der Klasse die Aufgabe, sich zur Vorbereitung für einen Aufsatz über ihre Herkunft zu informieren.

„Ich komme von hier“, hatte sie gleich gesagt. Und das stimmt auch, denn sie kann sich an keinen anderen Ort in ihrem Leben erinnern. Aber die Lehrerin hatte nur den Kopf geschüttelt. „Frag deine Eltern.“
Als ob das so einfach wäre. Es gibt vieles, was sie die Mutter gerne fragen würde. Zum Beispiel, warum die kleine Sophia, die in einem Grab unter der Erde liegt, die Kerze sehen kann, die die Mutter jeden Sonntag für sie anzündet.

Der Vater wurde nach dem Krieg vermisst.

„Er kommt bald heim. Ganz bestimmt“, sagt die Mutter. Barbara nickt, als ob das, was die Mutter sagt, dadurch wirklicher wird. Denn sie muss schon so lange warten. Sie muss warten, weil die Mutter wartet.

Schließlich kehrte der Vater zurück, aber er ist anders als der, den Barbara erwartete.

Der normale Vater, der aufrecht sitzt, der an den besseren Abenden Geschichten erzählt, der ihre Schuhe flickt, der am Tisch herrscht und in der guten Stube, der die Rede bestimmt und das Schweigen, der die Blicke zuteilt und die Strafen, dieser Vater ist jetzt verschwunden. Der andere Vater ist heimgekehrt. Der, der komisch aussieht und riecht und auch nicht mehr richtig gehen oder sitzen kann.

Der Vater schickte Barbara als einziges der vier Kinder aufs Gymnasium.

Sie ist die einzige in der Familie, die aufs Gymnasium geht. Der Spott, der verdeckte Stolz der Brüder, die Verständnislosigkeit der Mutter, ihre Frage nach dem Nutzen einer so langen Schulzeit für ein Mädchen, all dies hatte der Vater überraschend mit einem einzigen Satz beendet: „Sie geht. Mal sehen, wie weit sie kommt.“

„Wie weit sie kommt. – Ja, der Vater wartet nur darauf, dass sie aufgibt, dass sie heimgeschlichen kommt, während die Mutter – „Studieren? Aber du heiratest doch eh, Kind!“ – ganz andere Nachrichten erwartet.

Während des Studiums verdiente Barbara mit Skripten über Vorlesungen etwas Geld. Andreas war einer der Dozenten, von dem sich die Studentin ein Manuskript als Vorlage für das Skript auslieh. Er wurde am 11. Dezember 1944 in Gleiwitz geboren, ist also nur ein paar Tage älter als sie. Sie kamen sich rasch näher. Während der Flitterwochen, die sie auf einem Campingplatz in Holland verbrachten, rauchten sie Haschisch, und Barbara zog sich in dem schlechten Wetter einen hartnäckigen Husten zu.

Vor einiger Zeit fing Barbara wieder als Lehrerin zu arbeiten an – und verliebte sich in Eduard Krüger, den Rektor der katholischen Schule.

Während Barbara sich Sorgen macht, sitzt Augusta mit ihrem Rucksack auf einer Bank an einem fremden Spielplatz. Ein fremder Mann setzt sich zu ihr, isst Gummibärchen und bietet ihr auch welche an. Augusta glaubt die Stimme ihrer Mutter zu hören, die sagt, dass man von Fremden nichts annehmen dürfe. Aber das Verbot gilt nicht mehr, denn die Mutter ist eine Lügnerin. Eine Weile weigert Augusta sich, aber dann nimmt sie doch die Gummibärchen, die der Mann ihr gibt: zwei rote, ein grünes und zwei weiße. Er fragt sie, ob er ihr ein Geheimnis anvertrauen soll.

„Es ist aber sehr geheim.“
Augusta schaut ihn neugierig an.
„Was ist es denn?“
„Ich zeig es dir. Du musst nur ein kleines bisschen näher kommen.“


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Kurz darauf findet Kommissar Lauterbach, der die Gegend nach dem vermissten Mädchen absucht, auf einer Anlagenbank an einem Spielplatz einen Kinderrucksack, aus dem der Kopf einer als Frosch geformten Porzellan-Sparbüchse hervorschaut. „Könnte das Augustas Rucksack sein?“, fragt er sich. Aber warum hat sie ihn liegen lassen?

Dann sieht er sie rennen.

Und das Mädchen, Augusta – ja, er erkennt sie sofort, schließlich hat er die ganze Zeit ihr Bild vor sich gehabt. Wenn ihm auch die Details erst später, als er sich die Szene wieder und wieder vor Augen ruft, einfallen, genauer gesagt: sie fallen ihm zu. Einprägsam und doch nutzlos, wie eine nachträgliche Geschichte. Das verstörte Gesicht, die Hast, die aufgeschlagenen Knie … Sie war weggelaufen, und nun hatte sie das Weglaufen, so schien es, eingeholt. Wäre sie weitergelaufen, hätte sie ihn nicht gehört, wer weiß, vielleicht hätte sie es noch geschafft, aber so … Augusta hat ihn gehört, und sie hat sich nach ihm umgedreht. Das hat sie Zeit gekostet. Einige Sekunden nur, aber kostbare Sekunden, die sie nicht hatte … Und Dirk Lauterbach ruft, er hebt die Arme, er rennt, so schnell er kann, und doch weiß er es schon während er läuft und ruft. Nein, er ist nicht schnell genug.

Augusta sieht nichts, sie rennt. Ihr Herz rast. Einmal, da stolpert sie, aber dann rennt sie ganz schnell weiter. Der Mann … Nein, sie ist aufgesprungen, weg von der Bank, und jetzt, jetzt rennt sie, so schnell sie kann. […]
Das Auto sieht sie gar nicht kommen. Und auch den Polizisten sieht sie nicht.

Im Krankenhaus muss Augustas rechter Fuß amputiert werden. Aber die zentralen Nervenstränge unterhalb der Wirbelsäule sind unverletzt. Bei der Einschulung muss sie zwar im Rollstuhl sitzen, aber die Ärzte sind zuversichtlich, dass die Prothese richtig anwächst und Augusta in einiger Zeit wieder gehen kann.

Alle wollen auf einmal ständig wissen, wie es ihr geht. Die Mama, der Papa. Auch Frau Knoll, die Lehrerin in der Schule. Selbst Eduard.

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Andrea Heuser erzählt in ihrem Roman „Augustas Garten“ ohne Effekthascherei von einem Mädchen, das am sechsten Geburtstag fortläuft, weil es sein Vertrauen in die Mutter verloren hat. Die anrührende Geschichte wird im ständigen Wechsel aus den Perspektiven des Kindes und der Mutter entwickelt. Dabei versetzt Andrea Heuser sich einfühlsam in die Welt des Kindes und passt auch die Sprache an. In dem anderen Erzählstrang, dessen Protagonistin die Mutter ist, hat die Autorin immer wieder Erinnerungen eingefügt. Diese Struktur ermöglicht es nicht nur, schrittweise ein Bild der Gegenwart und der Vergangenheit aufzubauen, sondern Andrea Heuser nutzt sie auch, um Spannung zu erzeugen, spätestens als sich ein fremder Mann dem allein auf einer Anlagenbank sitzenden Kind nähert.

Andrea Heuser wurde 1972 in Köln geboren. Sie studierte Germanistik, Politik und Vergleichende Religionswissenschaften in ihrer Heimatstadt und in Bonn. 2008 promovierte sie mit einer Studie zur deutsch-jüdischen Literatur („Vom Anderen zum Gegenüber. Jüdischkeit in der deutschen Gegenwartsliteratur“, 2011). Im selben Jahr erschien ihr Lyrik-Band „vor dem verschwinden“. Die von Moritz Eggert komponierte Kinderoper „Dr. Popels fiese Falle“, für die Andrea Heuser das Libretto schrieb, wurde 2002 in Frankfurt/M uraufgeführt. Ebenfalls von Moritz Eggert und Andrea Heuser stammt die 2012 in Bremen uraufgeführte Oper „All diese Tage“. „Augustas Garten“ ist Andrea Heusers erster Roman.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © DuMont Buchverlag

Jörg Fauser - Der Schneemann
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