Jakob Hein : Herr Jensen steigt aus

Herr Jensen steigt aus

Jakob Hein

Herr Jensen steigt aus

Herr Jensen steigt aus Originalausgabe: Piper Verlag, München 2006 ISBN: 978-3-492-04857-6, 134 Seiten, 14.90 € (D) Piper Taschenbuch, München 2007 ISBN: 978-3-492-25076-4, 134 Seiten, 7 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Unvermittelt wird der Briefträger Jensen entlassen. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich arbeitslos zu melden, und die Sachbearbeiterin nötigt ihm eine sinnlose Qualifikationsmaßnahme für den Beruf des Kellners auf (während ein arbeitsloser Kellner auf Logistik umgeschult wird). Herr Jensen lernt, dass er nichts tun muss. Er wirft den Fernseher aus dem Fenster und entzieht sich den gesellschaftlichen Zwängen. Gleichzeitig kapselt er sich immer rigoroser von der Umwelt ab ...
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Kritik

Die Figur des Herrn Jensen weist nur wenige Facetten auf. Jakob Hein hat für "Herr Jensen steigt aus" eine knappe und sehr schlichte Sprache gewählt. Gleichmütig und unaufgeregt erzählt er die kurze, einfache Geschichte.
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Herr Jensen trug bereits als Gymnasiast in den Ferien Briefe aus. Damals hatte er es einfach seinem Mitschüler Matthias Gertloff nachgemacht. Dem war der Ferienjob bald zu langweilig, aber Herr Jensen ließ sich auch in den folgenden Jahren von der Post weiterbeschäftigen, und seit er vor zehn Jahren sein Studium abgebrochen hat, arbeitet er das ganze Jahr über als Briefträger.

Sein Vater, der nach dem Abitur im Familienunternehmen Jensen Hydraulik angefangen hatte, war entsetzt, als er das Studium hinwarf. Weil die Geschäfte von Jensen Hydraulik immer schlechter liefen, verkaufte der Vater das Unternehmen ebenso wie das Privathaus und bezog mit seiner Frau in dem Bergdorf, in dem sie mehr als zwanzig Jahre lang die Sommer- und Winterurlaube verbracht hatten, eine altersgerechte Wohnung. Vor dem Ortswechsel half er noch seinem Sohn, eine billige Wohnung zu mieten.

Bei der Postzustellung und in seiner Freizeit ist Herr Jensen viel allein. Er hat weder Freunde noch eine Freundin. Mit einer Frau wäre er schon gern zusammen, aber er will seine Zeit nicht mit der falschen verschwenden. Inzwischen las er mehrere Bücher mit Ratschlägen, wie man Erfolg bei Frauen hat. Um sie anwenden zu können, müsste Herr Jensen allerdings erst einmal mit einer Frau in Kontakt kommen. Während des Studiums war das einmal ohne sein Zutun passiert. Sabine besuchte dasselbe Seminar über Strömungslehre wie er. Eines Abends ließ sie sich von ihm nach Hause begleiten und nahm ihn mit in ihre Wohnung. Nachdem sie ihm ein Glas Wein eingeschenkt hatte, ging sie ins Bad. Da ahnte Herr Jensen, was sie vorhatte, und weil er befürchtete, alles falsch zu machen, flüchtete er.

Unvermittelt kündigt ihm sein Vorgesetzter, Herr Boehm, obwohl er ihm zugleich versichert, er habe sich nichts zu schulden kommen lassen.

„Wir müssen Ihnen leider im Rahmen unseres neuen Programms zur Verhinderung betriebsbedingter Kündigungen kündigen.“

Herrn Jensen bleibt nichts anderes übrig, als sich arbeitslos zu melden.

Beim Ausfüllen der Anträge fiel ihm auf, dass seine einzige Qualifikation im Austragen von Post bestand und der einzige in Frage kommende Arbeitgeber ihm gerade gekündigt hatte.

Sein Wecker ist nun bloß noch eine normale Uhr, denn Herr Jensen braucht nicht mehr früh aufzustehen.

Selbst seine Mahlzeiten variierten kaum noch. Es war ihm zu anstrengend, darüber nachzudenken, was er gern essen wollte.

Beim Warten im Arbeitsamt wird er von einem arbeitslosen Kellner angesprochen. Der hatte drei Jahre lang in Hotels der Spitzenklasse gelernt und gilt als hoch qualifiziert. Gerade deshalb findet er keine Stelle. Er ist zu teuer. Wirte und Hoteliers ziehen Aushilfskräfte vor. Nun soll er an einem Kurs mit dem Titel „Fit for Logistics“ teilnehmen, um sich für eine Tätigkeit in dem Bereich zu qualifizieren, in dem Herr Jensen gerade entlassen wurde.

Frau Ortner, die für Herrn Jensen zuständige Sachbearbeiterin im Arbeitsamt, fragt ihn zunächst, ob er nicht statt in der Brief- in der Paketzustellung arbeiten könne. Aber dafür bräuchte er einen Führerschein. Aus der Tatsache, dass er keinen hat, schließt Frau Ortner auf die Notwendigkeit einer Qualifikationsmaßnahme. Jensen meint zwar, das sei nicht nötig, aber die Sachbearbeiterin meldet ihn für einen Sechs-Wochen-Kurs mit dem Titel „Fit for Gastro“ an. Er soll sich als Kellner qualifizieren.

Seltsamerweise wird in dem Kurs nur wenig über die Gastronomie gesprochen. Eine praktische Unterweisung ist überhaupt nicht vorgesehen. Auch nicht bei der Einführung in den Umgang mit Rechnern und dem Internet. Die erfolgt ohne Computer.

Die wesentliche Qualifikation, die ihre Lehrer vorzuweisen hatten, war, dass sie früher Kollegen von Herrn Fegers [= Institutsleiter] gewesen waren.

Wichtig ist offenbar nur die Anwesenheit der Kursteilnehmer, die jedes Mal überprüft und protokolliert wird. Für die regelmäßige Teilnahme erhält man am Ende einen Schein. Den gibt Herr Jensen beim Arbeitsamt ab.

Zu Hause sieht er nun viel fern. Zuerst wählt er gezielt Sendungen aus, dann lässt er den Apparat einfach eingeschaltet. Nach einiger Zeit nimmt er sich vor, Talkshows zu vergleichen und zu analysieren. Weil einige davon gleichzeitig laufen, kauft er vier gebrauchte Videorekorder, zeichnet Sendungen auf und notiert beim Anschauen, was ihm auffällt. Während einem früher gesagt wurde, wie man sich zu benehmen hat, zeigt das Fernsehen, wie man nicht leben darf. Als Herr Jensen daraus ableitet, was als normal gilt, stellt er erstaunt fest, dass er es nicht ist und am Rand der Gesellschaft lebt. Ohne große Erregung wirft er das Fernsehgerät aus dem Fenster und die vier Rekorder hinterher.

Kurz darauf begegnet er seinem früheren Mitschüler Matthias Gertloff auf der Straße. Dessen teure Kleidung lässt darauf schließen, dass er Karriere gemacht hat.

„Und was machst du so?“, fragte er Herrn Jensen schließlich.
„Nichts.“
„Wie nichts?“ Diese Antwort hatte Matthias offensichtlich noch nie gehört. „Irgendetwas musst du doch machen.“ Die übliche Reaktion.
„Das dachte ich auch“, antwortete Herr Jensen. „Aber man muss gar nichts machen […]
So gut wie im Moment ist es mir noch nie gegangen. Sieh mal, ich bin mein eigener Chef, ich kann aufstehen, kommen und gehen, wann ich will. Und im Gegensatz zu anderen Selbstständigen trage ich keinerlei unternehmerisches Risiko […]“
„Aber was tust du den ganzen Tag?“, fragte Matthias […]
„Wie ich schon sagte: Ich mache nichts.“
„Ich kann mir das nicht vorstellen. Ich wüsste gar nicht, wie ich den Tag herumbekommen soll.“
„Das genau ist die Kunst“, sagte Herr Jensen […]
„Und wie bringst du nun die Tage zu? Schaust du den ganzen Tag Fernsehen, oder was?“
„Absolut nicht“, sagte Herr Jensen stolz. „Ich habe weder Fernsehen noch Radio, und Zeitung lese ich auch nicht.“

Eines Tages fällt Herrn Jensen im Eingangsbereich des Mietshauses ein überquellender Briefkasten auf. Es ist sein eigener. Er schraubt ihn ab und wirft ihn in den Müll.

Immerhin schaut er sich die Post an, die er dem Briefkasten entnahm und erfährt auf diese Weise, dass er sich am nächsten Tag im Arbeitsamt melden muss.

Frau Ortner kündigt ihm Leistungskürzungen an. Er habe doch sicher aus den Medien von der schlechten wirtschaftlichen Lage erfahren, meint sie. Deshalb müsse man den Gürtel enger schnallen. Herr Jensen beteuert, vom Konjunktureinbruch nichts mitbekommen zu haben. Bei ihm zu Hause sei alles unverändert.

„Herr Jensen, ich bitte Sie!“, sagte Frau Ortner. „Sie können doch nicht von Ihrer kleinen Welt Rückschlüsse auf die schlechte gesamtwirtschaftliche Lage ziehen. Auch wenn es vielleicht bei Ihnen zu Hause nicht zu sehen ist: Die Lage ist schlecht, sehr schlecht.“
„Woher wissen Sie denn das, wenn ich fragen darf“, gab Herr Jensen zurück. „Haben Sie bei sich zu Hause irgendetwas bemerkt?“
„Nein, natürlich nicht“, zischte Frau Ortner. „Bei mir zu Hause sieht auch alles aus wie sonst […] Aber das heißt doch nichts für die Lage der Nation […]
Sie müssen doch nur den Fernseher anmachen oder eine Zeitung aufschlagen, dann sehen Sie doch, was los ist.“
„Nun, wie ich gerade sagte, tue ich genau das nicht mehr […]
Warum sollen diese Meldungen, die Sie aus zweiter und ich aus dritter Hand höre, realer sein als die Wirklichkeit, die wir beide kennen?“

Sobald Herr Jensen das Büro verlassen hat, beschließt Frau Ortner, seine Bezüge weiterlaufen zu lassen und ihn nicht noch einmal einzubestellen, denn mit seinen Ansichten macht er ihr Angst.

Herr Jensen geht in die Öffentlichkeit. Er stellt sich demonstrativ vor das Rathaus und registriert zufrieden, dass ihn zwei Polizisten argwöhnisch beobachten. Eine ganze Nacht lang läuft er durch die Stadt. Da er immer wieder Polizeistreifen sieht, nimmt er an, dass seine Demonstration aufmerksam verfolgt wird.

Am nächsten Tag wird er vor dem Joghurt-Regal in der Kaufhalle von Herrn Boehm angesprochen. Der fragt ihn, ob er nicht wieder als Briefzusteller arbeiten wolle, zumindest vorübergehend, denn bei der Post gebe es Engpässe. Herr Jensen führt die Anfrage sogleich auf seine Demonstration zurück.

„Tun Sie doch nicht so harmlos, Herr Boehm. Einen Job? Interessant. Was wollen Sie mir denn noch anbieten? Ein Auto, eine Frau? Wie weit dürfen Sie gehen? Es ist Ihnen alles ein bisschen weit gegangen, nicht wahr? Sie hätten nicht gedacht, dass ich soweit kommen würde? Und jetzt wollen Sie mich wieder zurückholen. Aber dafür ist es zu spät, Boehm. Sagen Sie denen das. Sagen Sie, Jensen ist ausgestiegen und steigt nie wieder ein.“

Herr Jensen öffnet seine Wohnungstüre nicht mehr, wenn es klingelt, und er geht nur auf die Straße, wenn er unbedingt etwas einkaufen muss.

Plötzlich stehen zwei Männer bei ihm im Wohnzimmer. Ein dritter Mann wartet vor der Tür. Eine Frau ist auch dabei. Wie die Leute hereinkamen, kann Herr Jensen sich nicht erklären. Um Einbrecher scheint es sich nicht zu handeln. Man habe Hinweise bekommen, sagt die Frau, dass es ihm nicht gut gehe, und sie moniert, dass er auf mehrere Schreiben nicht reagierte. Sie rät ihm, mitzukommen, aber dazu ist Herr Jensen nicht bereit. Er will weiter in seinem Sessel sitzen und nicht gestört werden.

Nachdem die Eindringlinge gegangen sind, schraubt Herr Jensen das Türschild ab.

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Herr Jensen ist kein Rebell, aber ein einsamer Sonderling, ein Verlierer. Durch die Arbeitslosigkeit lernt er, dass er nichts zu tun braucht und beginnt, sich den gesellschaflichen Zwängen zu entziehen. Gleichzeitig kapselt er sich immer rigoroser von der Umwelt ab.

Jakob Hein zeigt in seinem Roman „Herr Jensen steigt aus“ die Absurdität und Trostlosigkeit der Welt eines Arbeitslosen in Deutschland. Tragikomisch sind die Szenen auf dem Arbeitsamt und bei einer sinnlosen Qualifizierungsmaßnahme. Aber für eine gesellschaftskritische Satire ist „Herr Jensen steigt aus“ zu harmlos.

Die Figur des Herrn Jensen – die an Bartleby von Herman Melville erinnert – weist nur wenige Facetten auf, und ihre Entwicklung vom pflichtbewussten Briefträger zum psychopathischen Eigenbrötler ist kaum nachvollziehbar. Die Darstellung bleibt oberflächlich. Der Kunstgriff, dem Protagonisten keinen Vornamen zu geben, führt übrigens dazu, dass Jakob Hein ihn auch in einer Rückblende, in der er noch ein Kind bzw. ein Jugendlicher ist, „Herr Jensen“ nennen muss.

Jakob Hein hat für „Herr Jensen steigt aus“ eine knappe und sehr schlichte Sprache gewählt. Gleichmütig und unaufgeregt erzählt er die kurze, einfache Geschichte. Diese bewusste „Kunstlosigkeit“ wirkt allerdings ein wenig aufgesetzt.

Den Roman „Herr Jensen steigt aus“ von Jakob Hein gibt es auch als Hörbuch, gesprochen von Wanja Mues (Regie: Franziska Paesch, Hamburg 2007, 2 CDs, ISBN 978-3-8337-1866-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Piper Verlag

Michel Houellebecq - Unterwerfung
"Unterwerfung" ist sowohl Utopie und Gedankenexperiment als auch Satire. Michel Houellebecq spielt mit den Ängsten vor der Islamisierung und Überfremdung der Gesellschaft, nimmt aber nicht den Islam aufs Korn, sondern die bestehenden Verhältnisse in Frankreich.
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