Guido Golla : Rosemarie Nitribitt

Rosemarie Nitribitt

Guido Golla

Rosemarie Nitribitt

Rosemarie Nitribitt. Recherchen und Theorien Originalausgabe: BoD, Norderstedt 2013 ISBN: 978-3-7322-5384-5, 216 Seiten, 28.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In seinem Buch über den unaufgeklärten Mordfall Rosemarie Nitribitt aus dem Jahr 1957 trägt Guido Golla mit wissen­schaft­licher Akribie alles zusammen, was er darüber herausgefunden hat. Nachdem er das Material systematisch geordnet dargestellt hat, bewertet er Schritt für Schritt die einzelnen Puzzleteile und rekonstruiert schließlich, was am 29. Oktober 1957 seiner Ansicht nach geschah. Verschwörungstheorien weist er zurück; er hält den wegen Mangels an Beweisen freigesprochenen Heinz Pohlmann für den Täter.
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Kritik

Der Wert des Buches "Rosemarie Nitribitt" von Guido Golla liegt weder in einer dramaturgisch gesteigerten Geschichte noch in einer spektakulären Enthüllung, sondern in einer sorgfältigen Zusammenstellung und Bewertung von Fakten.

In seinem Buch „Rosemarie Nitribitt. Recherchen und Theorien“ geht es Guido Golla nicht darum, die Leserinnen und Leser mit einer dramaturgisch gesteigerten Geschichte zu fesseln. Stattdessen trägt er mit wissenschaftlicher Akribie alles zusammen, was er über den unaufgeklärten Mordfall aus dem Jahr 1957 herausgefunden hat. Selbstverständlich hat er die einschlägige Literatur und die wichtigsten Zeitungsartikel darüber gelesen, aber er bekam als erster Autor auch Zugang zu den erst im August 2013 freigegebenen, vom Hessischen Hauptstadtarchiv in Wiesbaden aufbewahrten Akten zum Mordfall Rosemarie Nitribitt. Dabei entdeckte Guido Golla Akteninhalte, die früheren Spekulationen zufolge beseitigt worden waren, um prominente Freier oder gar den von Verschwörungstheoretikern in diesen Reihen vermuteten Mörder Rosemarie Nitribitts zu schützen.

Als Erstes berichtet Guido Golla, was landläufig über die Ereignisse am 1. November 1957 bekannt ist, also wie Rosemarie Nitribitts Leiche aufgefunden wurde und die Ermittlungen begannen. Dann stellt er Rosemarie Nitribitt vor, von der Kindheit bis zu ihrer Ermordung im Alter von 24 Jahren. Für beides verwendet er gerade einmal 34 Seiten. Den Löwenanteil des Buches (100 Seiten) nehmen die Ermittlungen ein: Spurensicherung, Obduktionsergebnis, zwölf Personenbefragungen. Es folgt ein Kapitel mit der Überschrift „Analysen und Widersprüche“, und am Ende fasst Guido Golla auf 26 Seiten seine Schlussfolgerungen zusammen („Conclusio“).

Systematisch und sorgfältig ordnet Guido Golla das Material an, das er auch mit zahlreichen Fußnoten belegt. Dann bewertet er Schritt für Schritt die einzelnen Puzzleteile und rekonstruiert schließlich, was am 29. Oktober 1957 vermutlich/wahrscheinlich geschah.

Verschwörungstheorien, denen zufolge der Mörder weit oben in der Gesellschaft zu finden gewesen wäre, weist er zurück.

Der Polizei unterliefen am Tatort und bei den Ermittlungen gravierende Fehler, und der Tatverdächtige Heinz Pohlmann (1930 – 1990) wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Aber Guido Golla nimmt an, dass die Ermittlungsergebnisse richtig waren: Er hält Heinz Pohlmann für Rosemarie Nitribitts Mörder. Ein überraschendes Resultat ist das nicht, aber der Wert des Buches „Rosemarie Nitribitt. Recherchen und Theorien“ liegt nicht in spektakulären Enthüllungen, sondern in der ebenso umfassenden wie akribischen Zusammenstellung der Tatsachen und Bewertung der Hypothesen.

Chronologie der Ereignisse am 29. Oktober 1957 nach offiziellen Ergebnissen:

02 ❘ Heinz Pohlmann ruft am späten Vormittag bei Nitribitt an und verabredet sich mit ihr. Gegen 13.00 Uhr trifft er mit seinem Wagen in der Stiftstraße ein.
03 ❘ Die Aufwartefrau Erna Krüger betritt gegen 14.00 Uhr Nitribitts Wohnung; sie trifft dort auf Heinz Pohlmann, der verschwitzt aussieht. Nach kurzer Zeit und einem Disput mit ihrer Auftraggeberin verlässt Krüger die Wohnung wieder.
04 ❘ Pohlmann kocht auf Wunsch Nitribitts einen kleinen Topf Reisbrei.
05 ❘ Um 15:00 Uhr betritt ein Freier die Wohnung. Nitribitt peitscht ihn im Schlafzimmer aus; sie ist nackt. Das Bett bleibt unberührt.
06 ❘ Nach dem Auspeitschen isst Nitribitt im Beisein des Kunden einen Frühstücksteller Reisbrei; der Kunde raucht währenddessen eine Zigarette. Sie unterhält sich mit ihm und spricht davon, dass sie Angst hat.
07 ❘ Gegen 16:00 Uhr verlässt der Kunde das Appartement. Nitribitt zieht sich an, um Besorgungen zu machen und möglicherweise ab 17:00 Uhr ihren Wagen aus der Mercedes-Werkstatt (Kriegkstraße) abzuholen.
08 ❘ Der Täter – nach Ansicht der Frankfurter Kripo Heinz Christian Pohlmann – betritt am 29. 10. 1957 nach dem letzten Freier schätzungsweise zwischen 15:45 und 16:30 Uhr die Wohnung von Rosemarie Nitribitt bzw. wird in die Wohnung gelassen. Ein gewaltsames Eindringen ist nicht erkennbar; die Wohnungstür weist keine Einbruchspuren auf. […]
09 ❘ Nitribitt bietet dem Besucher einen Schnaps an.
10 ❘ Es findet ein Gespräch statt, in dessen Verlauf es zum Streit kommt. Die Situation eskaliert; der Gesprächspartner wird handgreiflich.
11 ❘ Nitribitt fühlt sich bedroht, greift zum Telefon auf der Kommode (Minibar) neben dem Sofa. Der Täter versucht, Nitribitt an der Nutzung des Telefons zu hindern, packt sie von hinten am Hals und reißt sie zurück.
12 ❘ Nitribitt fällt rückwärts zu Boden, wobei das Telefon von der Minibar gerissen wird. Sie schlägt mit dem Hinterkopf auf eine Sessellehne – oder wird auf die Sessellehne aufgeschlagen – und zieht sich eine etwa 4 cm lange Platzwunde am rechten Hinterkopf zu.
13 ❘ Nitribitt bleibt benommen am Boden liegen. […]
14 ❘ Der Täter hebt die Verletzte hoch und legt sie auf das Sofa […]. Nitribitt kommt auf dem Sofa zu Bewusstsein und setzt sich zur Wehr. Der Täter erwürgt sie mit beiden Händen von hinten […].
15 ❘ Nitribitt rutscht leblos vom Sofa.
16 ❘ Der Täter legt Nitribitt ein Handtuch unter die blutende Kopfwunde, versucht sie womöglich in eine stabile Lage zu bringen, weil er zunächst nicht davon ausgeht, dass Nitribitt tot ist.
17 ❘ Er entwendet 18 000 DM aus dem Wohnzimmerschrank Nitribitts.
18 ❘ Der Täter beseitigt Fingerabdrücke von einer Schnapsflasche (Slibowitz), dreht die Fußbodenheizung auf und zieht die Wohnungstür hinter sich zu.

Anders als die Polizei erklärt Guido Golla die Platzwunde an Rosemarie Nitribitts Kopf durch einen Aschenbecher, den der Täter gegen sie schleuderte. Golla glaubt auch nicht, dass der Mörder die Fußbodenheizung aufdrehte, um die Ermittlung des Tatzeitpunktes zu erschweren. Es liegt nahe, dass Rosemarie Nitribitt eine verhältnismäßig hohe Raumtemperatur bevorzugte, weil sie und die Freier sich nicht nur im Bett nackt aufhielten.

Einer Theorie zufolge wurde Rosemarie Nitribitt ermordet, weil sie einen oder mehrere Freier mit Tonbandaufnahmen zu erpressen versucht hatte. Als Beleg

dafür wurde auf das Tonband in ihrer Musiktruhe hingewiesen. Guido Golla hat die Tatortfotos genau studiert und herausgefunden, dass das Tonbandgerät auf eine Aufnahme vom Plattenspieler eingestellt war und es gar nicht möglich gewesen wäre, Gespräche in der Wohnung aufzuzeichnen. Die viel zitierte, von der Polizei untersuchte, aber wegen der schlechten Qualität kaum auswertbare Tonbandaufnahme sei bei einer früheren Gelegenheit entstanden, meint Guido Golla, etwa während eines Zechgelages oder einer Familienfeier.

Festzuhalten ist, dass die Vermutung, Nitribitt habe ggf. zur Durchsetzung von Erpressungsabsichten regelmäßig heimliche Sprachaufzeichnungen ihrer Kunden gemacht, bereits aufgrund der fehlenden technischen Möglichkeiten zu verwerfen ist.

Aus Guido Gollas Conclusio:

01 ❘ Der Täter betritt die Wohnung mit hoher Wahrscheinlichkeit am 29. Oktober 1957 in der Zeit von 16:15 bis 16:35 Uhr. […]
03 ❘ Der Täter betritt das Appartement nicht überraschend […] Er wird, da es sich wahrscheinlich um einen Freund oder Bekannten, weniger um einen Kunden, mit Sicherheit nicht um einen neuen Kunden handelt, von Nitribitt in das Appartement gelassen oder […] mit in die Wohnung genommen. […]
04 ❘ Der Streit eskaliert etwa 10 bis 15 Minuten, nachdem der Besucher das Appartement betreten hat. […]
08 ❘ Zu vermuten ist, dass der Täter einen auf dem Wohnzimmertisch befindlichen Aschenbecher aus Glas in einer Impulshandlung aus kurzer Distanz Richtung Nitribitt wirft und sie am Hinterkopf trifft. […]
09 ❘ Nitribitt wird von hinten mit zwei Händen gewürgt […].
14 ❘ Tötungsart und das am Tatort vorgefundene Szenario deuten auf eine nähere Täter-Opfer-Beziehung hin. […]
17 ❘ Am Tatort befindet sich eine Summe von schätzungsweise mindestens 12 000 DM in Nitribitts Appartement. […]
20 ❘ Dass kein Schmuck entwendet wird, kann darauf zurückzuführen sein, dass der Täter (a) einen kurzfristigen Bedarf an liquiden Mitteln hat […].

Anschließend listet Guido Golla Verdachtsmomente gegen Heinz Pohlmann auf und schildert dann nochmals den von ihm angenommenen Tathergang.

Ein „Buchtrailer“ zu „Rosemarie Nitribitt. Recherchen und Theorien“ ist bei YouTube zu finden: Buchtrailer.

Guido Golla (*1966) studierte 1986 bis 1991 VWL an der Universität zu Köln und promovierte 1993 über „Nationalsozialistische Arbeitsbeschaffung 1933 bis 1936“ (Shaker Verlag, Aachen 2008).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2014
Textauszüge: © Guido Golla

Rosemarie Nitribitt (tabellarische Biografie)

Eine Biografie von Rosemarie Nitribitt finden Sie in dem Buch
„Unerschrockene Frauen. Elf Porträts“ von Dieter Wunderlich (Piper-Taschenbuch, München 2013)

Mirjam Pressler - "Grüße und Küsse an alle"
"'Grüße und Küsse an alle'. Die Geschichte der Familie von Anne Frank" ist eine exemplarische Familienchronik, aber keine Gesellschaftsanalyse, und Mirjam Pressler geht auch nicht näher auf den Holocaust ein.
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