Viktor Glass : Schüssler und die verschwundenen Mädchen

Schüssler und die verschwundenen Mädchen
Originalausgabe: Schüssler und die verschwundenen Mädchen Pendragon Verlag, Bielefeld 2018 ISBN: 978-3-86532-609-6, 296 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Augsburg 1890. Ein junger Soldat wendet sich an den Privatermittler Ludwig Schüssler und beauftragt ihn, nach seiner vermissten Braut zu suchen, die bisher als Dienst­mädchen in einem Augsburger Haushalt arbeitete. Bald darauf erfährt Schüssler, dass es sich bei den Modellen einiger Aktgemälde in einer Ausstellung des Künstlers Eginald Berwanger um Mädchen handelt, die inzwischen aus Augsburg verschwunden sind ...
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Kritik

Viktor Glass weiß viel über die Augsburger Industrie- und Sozialgeschichte. Einiges davon bringt er konkret und bildlich in seinen Kriminalroman ein. Das macht "Schüssler und die verschwundenen Mädchen" zum Lesevergnügen.
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Ludwig Schüssler

Augsburg 1890. Ludwig Schüssler besuchte zwar drei Jahre lang die Polizei- und Gendarmerieschule in Fürstenfeldbruck, wurde dann jedoch kein Polizist, sondern Privatermittler. Wie sechs andere alleinstehende Herren auch, bewohnt er bei der Witwe Meitinger in Augsburg ein Zimmer.

Um die Zeitung zu lesen, geht Ludwig Schüssler in ein Gasthaus.

Draußen hatte Schneetreiben eingesetzt, und der Sturm rüttelte an den Fenstern des Gasthofs Zum Lahmen Hasen in einem nordwestlichen Vorort der uralten Reichsstadt Augsburg, als ein Mann mit gerötetem Gesicht den schweren Filzvorhang des Windfangs teilte und einen Schwall Kälte in den Saal mitbrachte. Er entfernte sich ein paar Schritte vom Eingang, hängte seinen langen schwarzen Gehrock an einen freien Haken an der Wand, seinen alten Melonenhut darüber. Er rieb sich die Hände, nahm einen Lesestab mit der heutigen Zeitung mit an einen Tisch direkt an einem der dicken Pfeiler und winkte einer Kellnerin, bevor er seine drahtige Gestalt auf einen Stuhl platzierte und die Augsburg-Münchener Abendzeitung parallel zur Tischkante zurechtrückte.
„Bringen Sie mir bitte ein Bier“, sagte er, „und eine Virginia.“
„Gleich zum Anzünden?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich rauche sie erst zum zweiten Bier.“
Er begann die politischen Nachrichten auf der eng bedruckten ersten Seite zu lesen […] Er fand einen Bericht, in dem wie so oft über die Sozis hergezogen wurde, da sie angeblich im ganzen Reich die Dienstboten aufgehetzt hätten. Überall verlangte das Hauspersonal jetzt scheinbar Lohn, als ob die Leute nicht schon kostenloses Essen und Wohnen bekämen, manchmal sogar die abgelegte Kleidung ihrer Herrschaft. Was wollten sie also mit zusätzlichem Lohn? Mit Geld könnten Dienstboten doch gar nichts anfangen, da sie schließlich keine freie Zeit hätten, in der sie es ausgeben könnten, entschied der Schreiber der Zeilen. […]
Dabei sollten diese Hausangestellten wirklich froh sein, dass sie etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf hatten, denn so einfach war das nicht. Arbeit im Haushalt gab es immer weniger, und in der Industrie sah es nicht besser aus. Überall rüsteten die Fabriken, in denen sich bisher leicht Arbeit finden ließ, auf Maschinen um […]

Ein junger Soldat kommt zu Ludwig Schüssler an den Tisch und stellt sich vor: Augustin Hipp, Viertes Chevauxlegers-Regiment König. Seine Zukünftige ist kurz vor der geplanten Verlobung spurlos verschwunden und arbeitet auch nicht mehr als Dienstmädchen bei der Familie Häberle. Nun hofft er, dass der Privatermittler Luise Habenicht findet.

Caroline Geiger

Ludwig Schüssler hat zunächst noch als Ladendetektiv zu tun. Dabei lernt er Caroline Geiger kennen, eine junge Frau, die fünf alten in einem Stift lebenden Ordensschwestern – Alba, Adelhild, Agnes, Antonia und Adorata – den Haushalt führt.

Die 84-jährige Alba lässt sich von Caroline Geiger zu einer Ausstellung des Augsburger Malers Eginald Berwanger im leer stehenden Haus des Zuckerbäckers Hansmann begleiten, der wegen Missbrauchs junger Mädchen eine 20-jährige Haftstrafe im Zuchthaus Straubing verbüßt. Einige der Mädchen, die dem Künstler offenbar für seine Aktgemälde Modell standen, kennt Alba. Es sind Dienstmädchen aus Augsburg. Eine von ihnen heißt Anna Valentin und stammt wie Luise Habenicht aus Anhausen.

Nachdem Caroline Geiger darüber mit Ludwig Schüssler gesprochen hat, sucht er Eginald Berwanger auf und erfährt, dass der Künstler seine Modelle nackt fotografiert und dann nach diesen Vorlagen malt.

Aktfotos

Augustin Hipp zieht seinen Auftrag unerwartet zurück. Erst auf Nachfrage legt er Ludwig Schüssler eine Karte mit dem Foto einer nackt auf dem Bett liegenden Prostituierten vor, das er bei einem Kameraden entdeckte. Das sei Luise, erklärt er, und er wolle nichts mehr mit ihr zu tun haben. Der Ermittler rät ihm, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen und gibt ihm zu bedenken, dass er nicht wisse, wie das Bild zustande kam. Möglicherweise wurde Luise betäubt. Und bei den unscharf zu sehenden Männern könnte es sich um das Ergebnis einer Fotomontage handeln.

Als Nächstes wandern Ludwig Schüssler und Caroline Geiger nach Anhausen. Anna Valentin, die in Augsburg kurze Zeit in einer Großwäscherei gearbeitet hatte, wohnt wieder bei ihren Eltern, seit sie an Schwindsucht erkrankte. Sie hält es für möglich, dass Luise durch einen alle zwei Wochen nach Rommelsried kommenden Arbeitsvermittler eine neue Stelle bekommen habe.

Der Mann heißt Hugo Halbleib. Ludwig Schüssler kennt ihn: er verkauft in Gaststätten wie Zum Lahmen Hasen Ansichtskarten mit Augsburger Motiven (Correspondenz-Karten) und bietet heimlich auch Aktfotos an. Der Privatermittler sucht ihn auf und findet seinen Verdacht bestätigt: Die Fotografien, die Hugo Halbleib drucken lässt, stammen von Eginald Berwanger. Der Maler überredet Mädchen, die in Not geraten sind, ihm Modell zu stehen und bezahlt sie gut dafür. Allerdings betäubt und vergewaltigt er sie auch. Falls sie ein Quartier benötigen, bringt er sie zu Hugo Halbleib, der sie ebenfalls sexuell missbraucht und ihnen dann vielleicht eine Anstellung vermittelt.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Das Verbrechen

Durch Zufall erfährt Ludwig Schüssler von Knochen, die der Steuerinspektor Alois Bader bei einem Ausflug fand. Als der Ermittler, Caroline Geiger, Augustin Hipp und der Wachtmeister Kilian Huber sich am beschriebenen Ort umsehen, entdecken sie eine verweste Frauenleiche. Sie eilen zu einem nahen Bauernhaus. Dort brennt es. Nachdem sie das Feuer gelöscht haben, finden sie den Bewohner Peter Hauser volltrunken vor. In Käfigen kauern drei verängstigte nackte Frauen. Eine von ihnen ist Luise Habenicht, die es schrecklich findet, dass Augustin Hipp sie so sieht. Man habe sie geschändet, stammelt sie, aber er versichert ihr, dass sich an seinen Heiratsabsichten nichts geändert habe.

Peter Hauser, Hugo Halbleib und Eginald Berwanger müssen sich vor dem Obersten Bayerischen Landgericht in München verantworten. Mindestens zwei ihrer Opfer nahmen sich aus Scham und Verzweiflung des Leben, und durch Hausers brutale Behandlung starben fünf weitere Dienstmädchen. Während der Künstler mit einer Haftstrafe davonkommt, verurteilt das Gericht die beiden anderen Angeklagten zum Tod.

Augustin Hipp und Luise Habenicht heiraten wie geplant. Anna Valentin kuriert ihre Lunge in Innsbruck aus und fängt danach an, für die fünf Stiftsdamen zu kochen, die ihr die Reise und den Aufenthalt ermöglichten.

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„Schüssler und die verschwundenen Mädchen“ ist alles andere als ein reißerischer Thriller. Viktor Glass kommt es bei dem Kriminalroman mehr auf das Milieu und Ambiente an, als auf Action und Suspense.

Die Handlung spielt 1890 in Augsburg, und wir erfahren viel über das Alltagsleben der damaligen Zeit. Opa Lindemann zieht mit einem Bollerwagen durch die Stadt und sammelt Pferdeäpfel, die überall herumliegen, weil die Fahrzeuge und Fuhrwerke noch fast ausschließlich mit Muskelkraft gezogen werden. Er säubert auf diese Weise die Straßen und bekommt ein bisschen Geld von Gartenbesitzern, die den Mist benutzen, um Gemüse und Erdbeeren zu düngen. Lebendig ist auch die Beschreibung einer Wäscherei. Wegen der Hitze und des Dampfes arbeiten einige der Frauen an den Waschbrettern mit nacktem Oberkörper. Da in der Regel nur Dienstmädchen die Wäsche bringen und abholen, brauchen sie auch keine Männerblicke zu befürchten. Die frisch gewaschenen Sachen werden anschließend auf einer eigens ausgewiesenen Bleichwiese in die Sonne gelegt.

Viktor Glass (*1950) studierte Sinologie und Publizistik in Bochum. Sein konkret und bildlich eingebrachtes Wissen über die Augsburger Industrie- und Sozialgeschichte macht „Schüssler und die verschwundenen Mädchen“ zum Lesevergnügen.

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