Giulio Andreotti


Giulio Andreotti wurde am 14. Januar 1919 als jüngstes von drei Geschwistern in Rom geboren. Als er zwei Jahre alt, starb der Vater, ein Lehrer.

Während Giulio Andreotti in Rom Jura studierte und in einer Steuerkanzlei jobbte, schloss er sich einer katholischen Verbindung an (Federazione Universitaria Cattolica Italiana) und begann, ein Kontakt-Netzwerk zu knüpfen. 1938 begegnete er in der Bibliothek des Vatikans Alcide de Gasperi, der bereits die Gründung der Democrazia Cristiana vorbereitete. Als Aldo Moro, der Präsident der Federazione Universitaria Cattolica Italiana, 1942 zum Kriegsdienst eingezogen wurde, löste Giulio Andreotti ihn ab. Zwei Jahre später wurde Andreotti Mitglied der Nationalversammlung der Democrazia Cristiana, 1946 gehörte er der Verfassunggebenden Versammlung an und 1947 ließ er sich in die italienische Deputiertenkammer wählen.

Der Journalist Indro Montanelli soll kolportiert haben, dass Alcide de Gasperi in der Kirche mit Gott sprach, Giulio Andreotti dagegen nur mit dem Priester. Warum? Weil Gott nicht wählen geht.

1964 ordnete ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss an, die über 157 000 italienische Bürger angelegten Dossiers zu vernichten. Im zuständigen, von Giulio Andreotti geführten Verteidigungsministerium wurden sie jedoch zuvor für die Freimaurerloge „Propaganda Due“ („P2“) kopiert.

Nachdem Giulio Andreotti ab 31. Mai 1947 einigen Regierungen bereits als Staatssekretär bzw. Minister angehört hatte, amtierte er 1972/73 erstmals selbst als Ministerpräsident. Er regierte erneut, als die Roten Brigaden (Brigate Rosse) am 16. März 1978 seinen Parteifreund Aldo Moro entführten und dabei fünf Leibwächter töteten. Giulio Andreotti lehnte Verhandlungen mit den Terroristen ab, die daraufhin ihre Geisel mit acht Schüssen ermordeten. Aldo Moros Leiche wurde am 9. Mai 1978 im Kofferraum eines in Rom geparkten Autos gefunden.

Als Ministerpräsident amtierte Giulio Andreotti (1) vom 17. Februar 1972 bis 26. Juni 1972, (2) vom 26. Juni 1972 bis 7. Juli 1973, (3) 29. Juli 1976 bis 11. März 1978, (4) vom 11. März 1978 bis 20. März 1979, (5) vom 20. März 1979 bis 4. August 1979, (6) vom 22. Juli 1989 bis 12. April 1991 und (7) vom 12. April 1991 bis 28. Juni 1992. Er war an 33 der 54 zwischen 1945 und 1999 amtierenden Regierungen beteiligt, darunter insgesamt sechs Jahre lang als Außenminister (1983 – 1989) und achtmal als Verteidigungsminister.

Von 1948 bis 1991 gehörte Giulio Andreotti dem italienischen Parlament an. Staatspräsident Francesco Cossiga ernannte ihn 1992 zum Senator auf Lebenszeit,

bevor er am 28. April zurücktrat. Giulio Andreotti wollte Cossigas Nachfolger werden, aber als am 23. Mai 1992 der Jurist Giovanni Falcone, eine Symbolfigur des Kampfes gegen die Cosa Nostra, zusammen mit seiner Ehefrau Francesca Morvillo und drei Leibwächtern bei einem Sprengstoffanschlag starb, stürzte Italien in eine Krise, und statt Giulio Andreotti, dem Verbindungen zur Mafia nachgesagt wurden, erhielt Oscar Luigi Scalfaro bei der Wahl am 25. Mai 1992 die meisten Stimmen.

Während Giulio Andreotti Regierungen führte oder daran beteiligt war, fanden zahlreiche politisch motivierte Morde statt. Man sagte ihm nicht nur Verbindungen zum organisierten Verbrechen nach, sondern brachte ihn auch in Zusammenhang mit einigen der Gewalttaten wie der Ermordung des Enthüllungsjournalisten Carmine („Mino“) Pecorelli am 20. März 1979 in Rom. Im September 1999 wurde Giulio Andreotti von der Mordanklage freigesprochen, aber am 17. November 2002 kam ein Gericht zu dem Schluss, er habe die Ermordung Pecorellis in Auftrag gegeben und verhängte gegen ihn und den Mafia-Paten Gaetano Badalamenti langjährige Haftstrafen. Das Urteil hatte jedoch keinen Bestand und wurde nach einem halben Jahr aufgehoben.

Die einen hielten ihn für einen der korruptesten Politiker Italiens; die anderen werden es Giulio Andreotti nicht vergessen, dass er den Staat vor der Machtübernahme durch die Kommunisten rettete. Seine Freunde preisen ihn als bescheidenen und kultivierten, fleißigen und diskreten Mann. Zwischen „göttlichem Julius“ und „Beelzebub“ schwankt sein Bild in Italien. (Jörg Bremer, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. Mai 2013)

2006 kandidierte Giulio Andreotti mit Unterstützung des Parteienbündnisses „Casa delle Libertà“ des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi für das Amt des Senatspräsidenten. Gewählt wurde am 29. April im dritten Wahlgang jedoch Franco Marini.

Giulio Andreotti starb am 6. Mai 2013 im Alter von 94 Jahren.

Paolo Sorrentino drehte über Giulio Andreotti den Film „Il Divo“.

© Dieter Wunderlich 2016

Paolo Sorrentino: Il Divo

A. F. Th. van der Heijden - Die Movo-Tapes
A. F. Th. van der Heijden verknüpft in "Die Movo-Tapes" mehrere Handlungsstränge. Einige Passagen sind witzig, aber er schreckt auch nicht davor zurück, die Geduld des Lesers auf die Probe zu stellen.
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A. F. Th. van der Heijden

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