Julia Franck : Liebediener

Liebediener

Julia Franck

Liebediener

DuMont Buchverlag, Köln 1999
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Beyla zieht in die Wohnung ihrer bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommenen flüchtigen Bekannten Charlotte. Im gleichen Haus lebt ein Mann, in den Beyla sich verliebt und mit dem sie bald auch ein Verhältnis hat. Nach kurzer Zeit wird ihr klar, dass er nicht ehrlich zu ihr ist – und sie nicht nur die Nachfolgerin Charlottes in der Wohnung ist ...

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Kritik

Schnörkellos beschreibt die Erzählerin ihre Erlebnisse und Eindrücke mit ihrem Geliebten, dessen Verhalten sie immer mehr irritiert. Verdient er ihr Vertrauen?
Julia Franck schreibt frisch und unverkrampft; das macht "Liebediener" zu einer unterhaltsamen Lektüre.
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Beyla verdient sich ihren Lebensunterhalt als Clown in einem Zirkus. Sie lebt in Berlin in einer billigen, muffigen Kellerwohnung. Mit den Leuten im Haus hat sie kaum Kontakt. Allein mit Charlotte unterhält sie sich manchmal im Treppenhaus.

Am Ostermorgen sieht Beyle vor dem Haus, wie ein roter Ford aus einer engen Parklücke herauszufahren versucht. Charlotte tritt aus der Haustür. Wahrscheinlich durch das plötzlich ausscherende Auto irritiert, springt sie erschrocken auf die Straße und läuft geradewegs in eine Straßenbahn. Sie ist so schwer verletzt, dass sie bald danach stirbt. Beyla hat den Unfall beobachtet, gibt dem ermittelnden Polizeibeamten aber zu verstehen, dass sie als Zeugin nicht in Frage kommt.

Mehr aus Pflichtbewusstsein denn aus innerem Antrieb nimmt sie an der Beerdigung Charlottes teil. Dabei lernt sie deren Tante kennen, die Beyla vorschlägt, in die freundlichere Wohnung von Charlotte in der oberen Etage zu ziehen. Sie könne auch das Inventar behalten.

Bei der anschließenden Beerdigungsfeier wird Beyla auf einen Mann aufmerksam, der ihr auf Anhieb gefällt – und sie meint, in ihm den Fahrer des roten Ford zu erkennen.

Beyla zieht in die Wohnung Charlottes. Der Gedanke, diese Zimmer für sich zu beanspruchen, macht sie beklommen: das Parfum und der Geruch der Kleidung, die die kurz vorher Verstorbene getragen hat, hängen noch immer in der Luft.

In einer der Wohnungen, in die Beyla von ihrem Fenster aus schauen kann, lebt Albert. Er könnte der Mann sein, der ihr auf der Beerdigung aufgefallen ist. Sie sieht ihn oft telefonieren, und sein Klavierspiel, das bis zu ihr hinauf zu hören ist, gefällt ihr. Sie richtet es so ein, dass sie ihn trifft, und sie verabreden sich. Bald schon haben sie ein Verhältnis und sie liebedienert sich ihm an, indem sie zum Beispiel selbst gekochtes Essen mitbringt, wenn sie ihn in seiner Wohnung besucht.

Sie erzählt von sich, ihrer Vergangenheit und ihren Wünschen, wohingegen Albert mit seinen Auskünften recht zurückhaltend ist. Sie zweifelt immer mehr, ob er sie so liebt wie sie ihn. Und dann kommt ihr immer wieder eine Frage in den Sinn: War er der Fahrer des roten Ford, und wenn ja, weiß er, dass er indirekt Charlottes Tod verursacht hat?

Aufgrund irritierender Beobachtungen wächst ihr Misstrauen: Albert ist Nichtraucher, aber in seiner Wohnung riecht es hin und wieder nach Zigarettenrauch; wenn in ihrem Beisein das Telefon läutet, nimmt er nicht ab, und er geht keiner geregelten Arbeit nach. Auto hat er auch keines.

Dann erfährt Beyla, dass Albert mit Charlotte ein Verhältnis hatte. Auch eine andere Hausbewohnerin besucht er regelmäßig, wohl nicht nur zum Kaffeeplausch.

Das Unbehagen über ihre Liebesbeziehung wächst. Nicht nur, dass sie in die frei gewordene Wohnung Charlottes gezogen ist, sie hat nun auch denselben Liebhaber. Sie leidet darunter, dass sie sich nicht in Alberts Leben einbezogen fühlt, und sie spricht ihn daraufhin an.

„Ist dir die Wahrheit nicht wichtig? Ich meine, sie ist doch die Grundlage von Vertrauen, oder nicht?“
„Für mich nicht. Vertrauen ist etwas ganz anderes, das hat mit Wahrheit wenig zu tun, eher mit Echtheit. Wenn ich dir sage, dass ich dir nicht immer die Wahrheit sagen kann und dass es manchmal besser ist, Geheimnisse für sich zu behalten, was stört dich daran?“ …
„Alles – dass ich dich dann weniger kenne.“ …
„Es ist doch schön, wenn der, der einen liebt, nur auserwählte Seiten von einem kennen lernt, oder nicht? Wo liegt sonst das Privileg?“
„Das Privileg liegt darin, dass man im Gegensatz zu anderen Menschen nicht nur die schönen Seiten, sondern auch den Schmerz, die Hoffnung, die Angst des anderen erfährt.“
„Das ist doch Blödsinn, du willst mir doch auch nicht beim Scheißen zusehen.“

Sie ist verletzt, dass Albert sie nicht verstehen will.

Trotzdem war ich entschlossen, glücklich zu sein, und ich war auch glücklich, denn ich tröstete mich, dass man ja nicht in allen Punkten einer Meinung sein musste.

Um Beyla einen Wunsch zu erfüllen, schlägt Albert ihr vor, in die Umgebung zu fahren und in einer Pension zu übernachten. Für den Ausflug will er ein Leihauto mieten. Er kommt mit einem roten Ford vorgefahren. Endlich einmal mehr Zeit am Stück, die sie mit ihm verbringen kann – und sie hofft, dabei seine Reserviertheit aufbrechen zu können. Sie will wissen:

„… Vertraust du mir?“
„Wie meinst du das, Beyla, du bist ziemlich anstrengend mit deinen ständigen Fragen … Warum sollte ich dir nicht vertrauen?“
„Weil du so wenig von dir aus erzählst.“
„Es gibt doch nicht ständig etwas zu erzählen. Möchtest du über Probleme sprechen? Ist es das? Oder willst du welche erfinden, damit wir etwas zu reden haben?“

Beyla räumt weiter Charlottes Wohnung aus und stößt dabei auf private Unterlagen und Fotos. Auf einem erkennt sie Albert. Die Rückseite des Fotos ist mit einem Aufkleber versehen:

Meine kräftigen Hände wollen dich verwöhnen
Spiel und Ernst
jetzt und gleich
ruf mich an
Du und ich

Darunter die Telefonnummer von Albert und das Honorar: „120 Mark pro halbe Stunde, eine Nacht von sechs Stunden nur 1000 Mark.“

Beyla konfrontiert Albert mit dem Foto: „Schulde ich dir viel?“ Er gibt unverhohlen zu, dass er seine Liebesdienste des schnellen Geldes wegen anbietet, und „es meistens auch Spaß macht … sonst könnte ich den Job wohl nicht so gut machen.“

Beyla hört jetzt nur noch Alberts Klavierspiel aus seiner Wohnung. Und dann auch das nicht mehr.

Nachts wachte ich von einem Weinen auf, erst nach einer Weile wurde mir klar, dass ich es war, die weinte, deren Haare nass und verklebt waren. Nicht um ihn weinte ich, einzig um meine guten Gedanken und guten Wünsche, so selbstsüchtig waren meine Tränen. Ich hasste mich, ich verriet meine Liebe. … Es war meine Idee, Albert zu entfernen.
Nur weil ich glaubte: Es war nicht mehr Albert, der unter mir kein Geräusch machte. Es war der Tod.
„Albert?“

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Die Ich-Erzählerin beschreibt schnörkellos ihre Erlebnisse und Eindrücke mit ihrem Geliebten, dessen Verhalten sie immer mehr irritiert. Sie ist sich der Einseitigkeit ihrer Gefühle bewusst und muss schließlich feststellen, dass sie ihr Vertrauen einem professionellen „Liebediener“ geschenkt hat.

Die junge Autorin Julia Franck (*1970) erzählt frisch und unverkrampft; das macht den Roman zu einer unterhaltsamen Lektüre.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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