Hubert Fichte : Versuch über die Pubertät

Versuch über die Pubertät

Hubert Fichte

Versuch über die Pubertät

Versuch über die Pubertät Originalausgabe:Hoffmann & Campe, Hamburg 1974 S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 1979 Taschenbuch: Fischer Verlag, Frankfurt/M 1982 ISBN 3-596-25402-7, 298 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mit zwölf verdient der Schüler Hubert nebenher als Schauspieler schon mehr als seine allein erziehende Mutter, die sich als Souffleuse durchschlägt. Bei der Untersuchung einer Urinprobe stellt sich heraus, dass er "halb androgen und halb östrogen" ist. So entdeckt Hubert seine Bisexualität. Er bricht die Oberschule ab und trampt mit achtzehn nach Südfrankreich, um dort als Knecht in der Landwirtschaft zu arbeiten.
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Kritik

Hubert Fichte springt von Assoziation zu Assoziation, ohne sich um die wechselnden Zeitebenen zu kümmern: "Versuch über die Pubertät" wirkt wie eine Collage, ein Stakkato aus kurzen Sätzen, denen es nicht an Sarkasmus fehlt.
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Huberts Mutter wird nach zwei Jahren als Souffleuse am Thalia-Theater in Hamburg arbeitslos, weil die Frau des Direktors sie nicht leiden kann. Mit zwölf verdient der Schüler durch seine Nebentätigkeit beim Rundfunk, bei Synchronisationen und als Kinderdarsteller schon mehr als seine Mutter und sein Großvater, ein Zollinspektor a. D.

Der ehemals moderne Betonklotz der Musischen Oberschule für Knaben und Mädchen, Sootbörn, fängt an, Blasen zu werfen.
Peter Jörg Jacobi hypnotisiert Helga Rose, die am schulischen Horizont aufsteigt mit zwei Milchdrüsen wie Brotfrüchten.
Ove Müller-Neff bespringt das Turnpferd.
Karl Jörn Endrulat wachsen Brüste.
Karin Plett bekommt zwei Beine.
Ilse Langeloh eine Frisur.
Jürgen Kühl eine unpassende Stimme.
Gerd Harbeck bohrt Werner Schmalenbach aus der Parallelklasse beim Turnen den Finger in den Arsch […]
Jedes Jahr kommen im staat-städtischen Schulbetrieb an jeder Bildungsanstalt zwei Parallelklassen in die Pubertät.
Die Reaktion des Lehrkörpers ist ein von Jahr zu Jahr zunehmendes Blinzeln, Husten, Schniefen, Spucken, Niesen, Speichelfäden Ablassen, in Nervenkliniken eingeliefert Werden, Masturbatoren Bauen, immer schwerer rückgängig zu machende Selbstmordversuche Unternehmen, Schüler zu den Akten Legen. (Seite 67)

In der Nachkriegszeit taucht ein gewisser Werner Maria Pozzi in der Schule auf und lässt sich von einigen Schülern Urinproben geben. Als er herausfindet, dass Huberts Hormone „halb androgen und halb östrogen“ sind, gibt er ihm Geld dafür, dass er jeden Sonntag vorbeikommt und Urin abgibt „für blinde oder kröpfige Frauen in der Schweiz“.

Bumms! Bi! Und Schicksalssinfonie! Ich bin fiftyfifty! Bumms! Bi! Tüten! Fünfte Sinfonie!
Fiftyfifty – das heißt homosexuell. Fiftyfifty. Fünfe gerade sein lassen. Wenn schon fünfzig, dann auch das ganze Hundert.
Bumms! Schwul! Gong! Posaunen von Jericho! Die Mäuse scheißen in die Orgel – der Schwule orgelt in die Scheiße! Tabu! Terrorangriff! Atombombe!
Fiftyfifty! Eine Tunte! Eine Tunte! Eine Tunte! Ein Warmer! Ein Lauwarmer! Ein warmer Bruder! Ein Huch-Nein! Eine Töhle […] Eine Triene! Eine Schwuchtel! Ein Arschficker!
Ich bin ein Mischling ersten Grades, ein uneheliches Kind und nun auch noch schwul – das ist übertrieben. (Seite 35f)

Pozzi mag zwar pubertierende Jungen, aber er ist auch verheiratet, und zwar mit Liana, „einem zwölfjährigen Mädchen, von dem gemunkelt wird, dass es auf die siebzig geht“. Hubert und „Mozart“, ein „maulender süddeutscher Junge in der Frühpubertät“, den Pozzi nach Hamburg geholt hat, befriedigen sich gegenseitig durch Fellatio. Mit Klaus Hanft hat Hubert in einem Kohlenkeller den ersten gegenseitigen Analverkehr. Als seine Mutter bemerkt, dass ihr sechzehnjähriger Sohn homosexuell ist, ohrfeigt sie ihn und wird „Jokaste, Klytämnestra, Medea zugleich“.

Hubert bricht den Besuch der Oberschule ab und sucht mit seiner Mutter eine Berufsberaterin auf. Schauspieler oder Schriftsteller möchte er werden, sagt er, aber seine Mutter und die Berufsberaterin versuchen, ihm den Beruf eines Drogisten schmackhaft zu machen, weil er sich für Chemie interessiert. Jede Woche geht er nun zum Stempeln ins Arbeitsamt. Bei dem für ihn zuständigen Vermittler handelt es sich um einen gescheiterten Schauspieler.

Einmal schmuggelt ein Bekannter namens Gerd Werner Kolanüsse aus dem Hamburger Freihafen. Hubert schluckt eine Messerspitze der zerriebenen Nüsse, und als er keine Wirkung verspürt, einen Teelöffel voll.

Und jetzt zische ich ab und fliege über die Zementsaurier von Hagenbecks Tierpark, über die Heinzelmänner der Schrebergartenkolonien […]
Ich bin so groß wie der Schornstein der Fischfabrik und reiche bis an die Wolken.
Ich flattere mit hundert gefiederten Brüsten und die Körper der widersprüchlichen Stadtteile steigen duftförmig zu mir auf […]
Ich überflattere Buxtehude, der mit seinen Gärten und Plätzen an der Lübecker Orgel sitzt, und Vincent Lübeck flattert um mich herum, voller Halskrausen, Kanälen, Freihäfen, Kirchen, in denen die Stadt Dietrich Buxtehude zur Abendmusik an der Orgel sitzt. Die Steine, die sich in Barockmusiker verwandeln, verwandeln sich in tausend schwarze Wahrsager, die sich in verhaltenspsychologische Krähen verwandeln.
Ich lande früh genug in der Julius-Vosselerstraße, Nummer 84, und kann meine Seligkeiten, Städte, Geschlechtsteile gerade noch rechtzeitig wieder ordnen, ehe mir meine Mutter die Tür öffnet.
Ich weiß jetzt:
– Das ist nicht mein Zustand. (Seite 95)

Als Statist beim Film lernt er Alex W. Kraetschmar kennen.

Eine Dreieckskomödie-Tragödie, die Alex gefällt, wie ihm Bourjois-Parfüm gefällt. „Der Purpurstreifen“:
Ein Jüngling aus besserem Hause verbringt mit einem Mädchen aus besserem Hause die Ferien am Meer, wo eine Bildhauerin in einem besseren Hause für Kunden aus besserem Hause Büsten knetet.
Meistens im Segeldress treten auf:
Jüngling und Mädchen.
Jüngling und Mädchen und Dame.
Dame und Jüngling.
Dame und Mädchen.
Dame und Jüngling.
Jüngling und Mädchen.
Jüngling und Mädchen und Dame.
Mädchen und Jüngling.
Gemischt mit knospender Liebe, befremdlicher Neigung, Bitternis knospender Liebe, Bitternis befremdlicher Neigung, befremdlichem Knospen befremdlicher Liebe, Anspielung auf römische Purpurstreifen, neuerlich – Bitternis befremdlicher Neigung überknospende Liebe. Jener Tropfen blauen Parfüms mehr, der aus dem Schatten junger Mädchenliebe Bonjour Tristesse machen wird.
Auf jeden Fall das, was sich geistreiche Hamburger 1951 unter einem gepflegten französischen Theaterstück vorstellen und was das Abonnementspublikum kommentiert als:
– Im Theater im Zimmer gibt es jetzt was ganz Unanständiges! (Seite 192f)

Schließlich macht Huberts Jahrgang Abitur, darunter auch Hans Emil aus der Parallelklasse. Nach der Abschiedsfeier in der Schule reißt Hans Emil aus einem Anatomielehrbuch die Seiten über die Muskulator des Handgelenks, fährt nach Aumühle und schneidet sich „ohne Fehler“ die Pulsadern auf. Zufällig kommt ein schäkerndes Ärztepaar vorbei und rettet ihn – ein schäkerndes Soziologenpaar wäre dazu nicht imstand gewesen –, aber Hans Emil ist seinen Lebensrettern keineswegs dankbar.

Als Achtzehnjährige fährt Hubert 1953 per Anhalter nach Südfrankreich und fängt bei einem Weinbauern als Knecht zu arbeiten an. Jedes Jahr zur Weinernte kommt die Frau seines Arbeitgebers zu Besuch aus Avignon, wo sie mit dem Geld ihres Mannes ein Bordell eingerichtet hat.

Ich trenne die Lämmer von den Muttertieren, weiche dem Widder aus, führe die Herde, hacke das Unkraut, während ich darauf achte, dass die Schafe in weiten Bögen angeordnet gleichmäßig fressen, dass die Schafe schnell, ohne sich festzubeißen, die Wintersaat kürzen, sie dürfen nicht stehen bleiben, die Pflanzen nicht mit der Wurzel ausreißen, nur eben die Spitzen abbeißen, sonst ist eine Ernte vernichtet, dass die Schafe nicht in die Felder des Nachbarn einbrechen, dass die Schafe nicht ohne zu fressen stehen bleiben und mit luftigen Flanken, abmagernd, abends in den Stall zurückkehren. Ich schmeiße Steine, kommandiere den Hund.
Fett sollen sie sich fressen für den Schlachter.
Ich esse das wenige aus dem Knappsack.
Ich treibe die Herde in den Stall zurück, gebe Kraftnahrung, lasse die Lämmer zu den Muttertieren, verteile Salzblöcke, miste die Kuh aus, melke, füttre, pumpe Wasser, decke den Tisch und schäle nach dem Abendbrot Mandeln zum Verkauf an die Großhändler in Aix, baue mir aus alten Mänteln unter der Treppe das Bett, neben dem Rucksack, in dem alles ist, was ich besitze, darf schnell die Toilette mit Wasserspülung benützen, wasche mich schnell.
Ich gehe schlafen. (Seite 272)

Auf den Seiten 123ff und 247ff schiebt Hubert Fichte jeweils „eine andere Pubertät“ ein: Rolf Schwab (1972) und Hans Eppendorfer (1969 – 1973).

Bei Rolf Schwab handelt es sich um einen sechzigjährigen Versicherungsangestellten, der in der Schulzeit seine Homosexualität entdeckte, es als Siebzehn- oder Achtzehnjähriger mit Jüngeren trieb, aber aus Angst fortrannte, wenn Ältere sich an ihn heranmachten.

Ich bin praktisch geheiratet worden, von einer Studienkollegin, die drei Jahre älter war als ich und die mich liebte. Erektionen hatte ich ohne weiteres und es war auch nicht so, dass es mir Ekel brachte. Das nicht, nur .. Die Ehe würde wahrscheinlich heute noch bestehen, wenn die Frau toleranter wäre. Ich habe es ihr vor der Ehe gesagt und habe sie auch gewarnt. Das stachelte sie aber noch mehr an und auf, mich zu heiraten, um mich zu heilen. (Seite 135)

Später ließ seine Frau ihn beobachten und zeigte ihn dann wegen eines Verhältnisses mit Studenten an, aber die Polizei unternahm nichts, weil er glaubhaft versicherte, dass sein Partner volljährig war.

Hans Eppendorfer wurde 1942 in Lüttgenburg als unehelicher Sohn einer Friseuse geboren und wurde gleich nach der Geburt zu Pflegeeltern gebracht. Als er ein Jahr alt war, erfuhr seine Großmutter von der Niederkunft ihrer Tochter und holte ihn nach Schlesien, aber 1945 mussten sie nach Schwaben fliehen. Später kam der dahinter, dass seine Mutter eine Abtreibung versucht hatte, als sie mit ihm schwanger gewesen war, und er entdeckte, dass sie ihr Geld als Prostituierte verdiente. In der Schulzeit wurde er sowohl vom Chemie- als auch vom Cellolehrer bedrängt.

An die Ermordung der sympathischen Mormonin, die er des Öfteren besucht hatte, kann er sich nicht erinnern; die Einzelheiten kennt er nur aus der gerichtlichen Rekonstruktion: Als die Frau zärtlich wurde, drehte er durch, hatte plötzlich einen Hammer in der Hand und schlug damit zu. Sie wehrte sich, griff ihn an. Daraufhin zertrümmerte er alles, was er in die Finger bekam und hackte mit den Scherben zerschlagener Kristallschalen auf sie ein.

Sie ist lediglich an Blutflüssigkeit erstickt und die Zunge ist vom Zungenhalsboden gelöst. Ich weiß überhaupt nicht, wie das passiert sein kann. Irgendwo in einer dieser Schalen lag auch noch eine Schere und damit habe ich noch auf sie eingestochen, nur auf dieses Gesicht. Irgendwie war dieses Gesicht plötzlich das Gesicht meiner Mutter und dann schlug ich immer in dieses Gesicht, hackte in dieses Gesicht. (Seite 250)

Erst zu Hause bemerkte er das viele Blut. Er wusch sich, kaufte Heftpflaster und versorgte damit seine Verletzungen. Als seine Mutter heimkam und keifte, log er, ein Hund habe ihn gebissen. Noch am selben Abend wurde er verhaftet.

Im Gefängnis gab es jeden Abend von neun bis elf „eine Phase von normalem Sex […], also: Mundverkehr, Analverkehr, gegenseitige Onanie“. Danach kam es „zu subtileren Formen von Sexualität“.

Ich habe in Paris das erste Mal jemanden mit einer Faust gefickt. Einen amerikanischen Tänzer aus den Folies Bergères und es war eine so große Faszination […] (Seite 258)

Ungeachtet dieser Erfahrungen liebt Hans Eppendorfer seine Ehefrau.

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In seinem Roman „Versuch über die Pubertät“ betreibt Hubert Fichte eine rücksichtslose Selbsterforschung. Er analysiert seine Entwicklung in der Jugend und erinnert sich, wie er als unehelicher Sohn einer Souffleuse in Hamburg Theater spielte, seine Bisexualität entdeckte, sich verzweifelt bemühte, mit der Realität des Lebens klarzukommen und schließlich als „intellektueller Knecht“ nach Südfrankreich ging. „Versuch über die Pubertät“ ist ein autobiografischer Entwicklungsroman.

Hubert Fichte hat „Versuch über die Pubertät“ einschließlich der Kapitel über „Rolf Schwab“ und „Hans Eppendorfer“ in der Ich-Form verfasst, aber er erzählt nicht chronologisch, sondern springt von Assoziation zu Assoziation, ohne sich um die wechselnden Zeitebenen zu kümmern: „Versuch über die Pubertät“ wirkt daher wie eine Collage und zumeist wie ein Stakkato aus kurzen, glanzlosen, nüchternen Sätzen, denen es allerdings nicht an Selbstironie und Sarkasmus fehlt.

Der Homosexuelle hat nur eine Chance – die Brillanz, und er wird wegen ihrer gehasst; ist er nicht brillant, wird er verachtet. (Seite 225)

Hubert Fichte schreckt nicht vor detaillierten Darstellungen des Analverkehrs und sadomasochistischer Praktiken zurück.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Hubert Fichte (Kurzbiografie)

Henry James - Wie alles kam
Unter dem Titel "Wie alles kam" hat der Manesse Verlag fünf von Ingrid Rein erstmals ins Deutsche übersetzte Erzählungen von Henry James aus den Jahren 1873 bis 1896 zusammengestellt.
Wie alles kam

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