Dave Eggers : Ein Hologramm für den König

Ein Hologramm für den König

Dave Eggers

Ein Hologramm für den König

Originalausgabe: A Hologram for the King, 2012 Ein Hologramm für den König Übersetzung: Ulrike Wasel, Klaus Timmermann Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013 ISBN: 978-3-462-04518-5, 351 Seiten, 19.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der 54-jährige Amerikaner Alan Clay reist als Berater mit drei Mitarbeitern des IT-Unternehmens Reliant nach Saudi-Arabien, um König Abdullah ein holografisches Telekonferenzsystem vorzuführen, mit dem die zukünftige Retortenstadt King Abdullah Economic City (KAEC) ausgerüstet werden soll. Alan benötigt die Provision, um seine finanzielle Misere zu überwinden. Aber die Amerikaner warten erst einmal Tage und Wochen vergeblich auf den König ...

Weiterlesen

Kritik

In seinem Roman "Ein Hologramm für den König" erzählt Dave Eggers eine skurrile Geschichte voller Ironie. Der Protagonist steht mit seinem Scheitern, der Angst vor einem Krebsgeschwür und seiner Impotenz für die USA, denen es schwer fällt, sich in einer globalisierten Wirtschaft gegen China zu behaupten.
Weiterlesen

Alan Clay ist 54 Jahre alt.

Um Geld zu verdienen und das Elternhaus in Boston verlassen zu können, wurde Alan Verkäufer bei Fuller und lernte, dass sich mit nur vier verschiedenen Ansätzen alles verkaufen lässt: Geld und Sparsamkeit, Träume und Romantik, Gesundheit und Selbsterhaltung, Anerkennung. Später wechselte Alan zu dem Fahrradhersteller Schwinn und arbeitete sich dort hoch. Vor einem Jahr versuchte er sich selbst als Unternehmer, bekam jedoch von den Banken kein Startkapital. Er galt nämlich als nicht kreditwürdig, weil er sich vor sechs Jahren beim Kauf eines Jacketts eine Kundenkarte hatte aufschwatzen lassen, bei deren Kündigung etwas schief gelaufen war und ihn in Zahlungsverzug gebracht hatte. Das für die Anfertigung von Prototypen erforderliche Geld musste er sich also von Freunden und Bekannten leihen. Weil aber keines seiner Projekte florierte und er mit seinem vor einem Jahr gegründeten Ein-Mann-Consulting-Unternehmen zu wenig verdient, ist er nun überschuldet. Sein Haus steht seit vier Monaten zum Verkauf. Seine Tochter Kit wird im nächsten Semester pausieren müssen, denn er weiß nicht, wovon er das College bezahlen soll, und seine geschiedene Frau Ruby, die inzwischen in Kalifornien lebt, fühlt sich nicht für die Finanzierung des Studiums der Tochter verantwortlich.

Der Auftrag, der Alan am 30. Mai 2010 nach Dschidda führt, könnte seine finanzielle Lage mit einem Schlag konsolidieren. Er soll einer Marketingdirektorin und zwei Technikern von Reliant in King Abdullah Economic City (KAEC) beratend zur Seite stehen. Sie wollen dem saudischen König Abdullah das von Reliant entwickelte holografische Telekonferenzsystem vorführen. Bei dem Projekt geht es um mehrere hundert Millionen Dollar. Die Provision würde Alan reichen, seine Schulden zu tilgen, die Studiengebühren für Kit zu bezahlen und das Startkapital für einen Neuanfang aufzubringen. Dass Alan sich darauf berufen kann, dass er vor gut 20 Jahren einmal Prinz Dschalawi, einem Neffen des Königs Abdullah, vorgestellt wurde, könnte nützlich sein.

Alans Mutter starb im Alter von 60 Jahren: Sie erlitt am Lenkrad ihres Autos einen Schlaganfall, kam von der Straße ab und wurde erst am nächsten Tag gefunden, als sie bereits tot war. Mit seinem Vater Ron, einem ehemaligen Gewerkschafter, hat Alan ein gespanntes Verhältnis. Ron Clay missbilligte es, dass sein Sohn maßgeblich mithalf, die Fahrrad-Produktion von Schwinn nach Taiwan zu verlagern, was 1200 Menschen in den USA arbeitslos machte. Alan ruft seinen Vater nun aus Dschidda an. Ron sieht gerade im Fernsehen einen Bericht über eine Brücke, die in China gebaut und in Oakland aufgestellt werden soll. Er sagt:

Ich hab alles andere kommen sehen – Spielzeug, Elektronik, Möbel. Macht Sinn, wenn du so ein mieser, blutrünstiger Manager bist, der nur drauf aus ist, für seinen eigenen Profit die Wirtschaft zu unterhöhlen. All das macht Sinn. Liegt in der Natur der Sache. Aber die Brücken hab ich nicht kommen sehen. Großer Gott, wir lassen von anderen unsere Brücken bauen. Und jetzt bist du in Saudi-Arabien und verkaufst den Pharaonen ein Hologramm. Das schießt den Vogel ab!

Jeden Tag, Alan, in ganz Asien, verlassen Hunderte Containerschiffe ihre Häfen, vollgestopft mit allen möglichen Gebrauchsgütern. Dreidimensionaler geht’s nicht, Alan. Das sind reale Dinge. Die stellen da drüben reale Dinge her, und wir machen Webseiten und Hologramme. Tag für Tag machen unsere Leute ihre Webseiten und Hologramme, während sie auf Stühlen made in China sitzen, an Computern made in China arbeiten, über Brücken made in China fahren. Hört sich das für dich nachhaltig an, Alan?

In der Nacht findet Alan keinen Schlaf, aber am nächsten Morgen erwacht er zu spät und verpasst das Shuttle vom Hilton Hotel in Dschidda nach KAEC. Weil es mit einem Taxi oder Leihwagen zu gefährlich wäre, besorgt ihm das Hotel einen Wagen mit Fahrer. Aber es dauert einige Stunden, bis Yousef seinen Fahrgast abholt.

Yousef hat drei Brüder: einer ist Arzt in Jordanien, einer Imam in Riad, und der dritte studiert in Bahrain. Er selbst ging in Alabama aufs College. Vor zehn Jahren war er in eine Frau verliebt, aber deren Eltern wiesen ihn als Schwiegersohn zurück, weil er aus einer Beduinenfamilie stammt und es sich bei seinem Vater nur um einen kleinen Ladenbesitzer in Dschidda handelt, der Schuhe verkauft, die er aus dem Jemen bezieht. Yousef wurde dann der Ehemann einer schönen Frau namens Dschamila, aber nach einem Jahr ließen sie sich scheiden. Obwohl seine Jugendliebe ebenfalls heiratete, schickt sie Yousef ständig E-Mails und Nachrichten über Facebook. Ihr Ehemann, der das mitbekommen hat, verdächtigt sie deshalb der Untreue und droht Yousef etwas anzutun.

Als Alan King Abdullah Economic City erstmals sieht, traut er seinen Augen nicht: Die für Millionen Einwohner konzipierte Stadt besteht bisher gerade einmal aus drei Gebäuden: einem Empfangszentrum, einem Bürogebäude und einem halb fertigen Apartmenthaus. Die drei Reliant-Mitarbeiter findet Alan in einem Zelt. Brad und Cayley haben noch nichts aufgebaut, weil das WLAN-Signal für die Vorführung zu schwach ist. Alan wundert sich auch darüber, dass keine Konkurrenten da sind. Um eine besseres WLAN, eine Reparatur der defekten Klimaanlage und eine Versorgung mit Speisen und Getränken anzumahnen, geht Alan ins Empfangsgebäude und fragt nach seinem Ansprechpartner Karim al-Ahmad. Der werde erst kurz vor dem bereits vereinbarten Gesprächstermin am Nachmittag aus Dschidda kommen, meint die höfliche Empfangsdame Maha, und es gebe auch niemanden sonst, der für Abhilfe sorgen könne. Ohne etwas erreicht zu haben, kehrt Alan ins Zelt zurück.

Keine Sorge wegen des Essens, sagte Brad. Rachel [die Marketingdirektorin] hatte ein paar Cracker in der Tasche. Wir sind also versorgt.
Leichter Sarkasmus. Er mochte Brad nicht.

Am Nachmittag heißt es, Karim al-Ahmad sei in Dschidda aufgehalten worden, aber er werde Alan am nächsten Tag zu jeder beliebigen Uhrzeit zur Verfügung stehen.

Abends fahren Alan, die Marketingdirektorin Rachel und die Techniker Brad und Cayley nach Dschidda zurück. Da Alan von den drei Reliant-Leuten nicht aufgefordert wird, etwas gemeinsam mit ihnen zu unternehmen, bleibt er in seinem Hotelzimmer und verfolgt im Fernsehen unter anderem einen Bericht über die Ölpest im Golf von Mexiko. Mehrmals beginnt er mit Briefen an seine Tochter, aber er verwirft sie alle nach ein paar Zeilen.

Am nächsten Tag erfährt Alan von Maha, dass Karim al-Ahmad leider unerwartet in Riad zu tun habe.

Bei einem weiteren Vorstoß Alans ist der Empfang nicht besetzt. Unbehelligt durchquert Alan die Lobby und schreitet die Korridore ab, bis er auf eine Dänin trifft. Hanne, so heißt die Mitvierzigerin, erzählt, dass sie vor eineinhalb Jahren hier angefangen habe und der König in dieser Zeit noch nie in KAEC gewesen sei. Als sie von Alans Schlaflosigkeit hört, schenkt sie ihm eine mit schwarz gebranntem Schnaps gefüllte Olivenölflasche, obwohl Alkohol in Saudi-Arabien streng verboten ist.

In seinem Hotelzimmer trinkt Alan von dem hochprozentigen Schnaps. Seit einiger Zeit verspürt er im Nacken eine Geschwulst, von der er befürchtet, dass es sich um einen Tumor handelt. Im betrunkenen Zustand schneidet er sie mit einem Messer auf.

Am dritten Tag verschläft Alan erneut und lässt sich deshalb noch einmal von Yousef nach KAEC fahren.

Hanne lädt ihn am Abend zu einem Zechgelage in der dänischen Botschaft ein. Sie versucht ihn zu verführen, aber er will nicht mit ihr schlafen.

Yousef, dem die blutige Geschwulst auffiel, bringt Alan am nächsten Morgen ins King Faisal Specialist Hospital and Research Center. Der König halte sich im Ausland auf, sagt Yousef, das wisse er aus den Nachrichten. Es werde also an diesem Tag bestimmt keine Vorführung des Hologramms geben. Eine Ärztin namens Dr. Zahra Hakem untersucht Alan. Statt eines Krebsgeschwürs diagnostiziert sie ein harmloses Lipom und bietet ihm einen Operationstermin in einer Woche an. Zu diesem Zeitpunkt wollte Alan Saudi-Arabien eigentlich bereits mit einem Vertrag in der Tasche verlassen haben, aber aufgrund der letzten Erfahrungen geht er nicht mehr davon aus, dem König das Hologramm in den nächsten Tagen präsentieren zu können.

Hanne lädt ihn zu sich in die Wohnung ein. Nach ihrer Scheidung ließ sie sich von McKinsey ins Ausland schicken: Seoul, Arusha, Dschidda und jetzt KAEC. Nach dem Essen schlägt sie ein gemeinsames Bad vor. Alan steigt zwar nackt zu ihr in die Wanne, aber als sie seinen Penis anfasst, um ihn zu stimulieren, verweigert er ihr erneut den Koitus. Stattdessen bringt er sie mit der Hand zum Orgasmus.

Am Tag danach fragt Alan die Empfangsdame Maha wieder nach Karim al-Ahmad. Der sei in New York, behauptet sie. Aufgebracht stürmt Alan an ihr vorbei und sucht Hanne. Aber deren Büro ist leer. Ein Unbekannter spricht ihn an und stellt sich als Karim al-Ahmad vor. Maha habe sich geirrt, sagt er entschuldigend. Innerhalb von kurzer Zeit sorgt er für eine Verbesserung des WLAN-Signals, eine Reparatur der Klimaanlage und eine Versorgung der vier Amerikaner im Zelt mit Speisen und Getränken. Alan möchte wissen, wann mit dem Besuch des Königs zu rechnen sei.

– Wie lange werden wir auf den König warten?
– Das weiß ich nicht.
[…]
– Wochen?
– Ich weiß nicht.
– Monate?
– Ich hoffe nicht.

Eines Morgens, als Alan und seine Kollegen mit dem Shuttle in KAEC eintreffen, herrscht dort große Aufregung. Lastwagen haben hundert Palmen angeliefert, die nun gepflanzt werden. Die Arbeiter legen außerdem Blumenbeete an und setzen die Springbrunnen in Betrieb. Ein Besuch des Königs wird erwartet. Aber dann stellt sich heraus, dass es sich um eine Fehlinformation handelte.

Ein Araber namens Mudschaddid versucht Alan als Käufer für eine der Wohnungen in dem halb fertigen Apartmenthaus zu gewinnen. Wegen der geringen Nachfrage seien die Preise eingebrochen, erklärt er ihm, er könne die Immobilie also günstig erwerben und später mit hohem Gewinn veräußern.

Yousef fühlt sich immer stärker von dem eifersüchtigen Ehemann bedroht und will sich deshalb für einige Zeit in ein von seinem Vater im Al-Sarawat-Gebirge gebautes Haus zurückziehen. Spontan begleitet Alan ihn und den mit Yousef befreundeten Liedermacher Salem. Auch zwei Cousins von Yousef kommen mit einem Freund dazu. Sie veranstalten Schießübungen und jagen schließlich einen Wolf. Alan glaubt, das Raubtier zu sehen, zielt und drückt ab. Aber er verwechselte einen Jungen mit dem Wolf und hätte ihn beinahe getroffen. Wegen dieses Vorfalls dulden ihn Yousefs Freunde und Verwandte nicht länger in ihrer Nähe. Ein Fahrer bringt ihn nach Dschidda zurück.

Dort entfernt ihm Dr. Zahra Hakem das Lipom.

Die beiden verabreden sich. Zahra überredet ihn, mit ihr schwimmen zu gehen und leiht ihm dafür eine Badehose ihres Bruders. Sie trägt ebenfalls nur eine Badehose, damit es aus einiger Entfernung so aussieht, als handele es sich auch bei ihr um einen Mann. Anschließend versagt Alan im Bett.

Endlich kommt König Abdullah in die von ihm gegründete Stadt und lässt sich das holografische Telekonferenzsystem präsentieren. Alles funktioniert reibungslos: Brad spricht mit dem Hologramm eines Kollegen in London. Der König spendet leise Applaus, stellt aber keine Fragen, und Alan kommt nicht an ihn heran.

Rachel, Brad und Cayley glauben nicht mehr, dass Reliant in King Abdullah Economic City zum Zuge kommt. Sie reisen ab. Einige Tage später erfährt Alan von Karim al-Ahmad, dass der Auftrag an ein Konkurrenzunternehmen vergeben wurde, das den Aufbau der gleichen Technologie in kürzerer Zeit und für einen halb so hohen Preis zugesagt hat. Alan begreift, dass wieder einmal die Chinesen mit einer in den USA entwickelten Technologie Geschäfte machen.

nach oben

In seinem Roman „Ein Hologramm für den König“ erzählt der amerikanische Schriftsteller Dave Eggers (* 1970) eine skurrile Geschichte voller Ironie.

Alan Clay gehört zu den Verlierern in einer globalen Wirtschaft, in der einerseits westliche Firmen Arbeitsplätze in Billiglohn-Länder verschieben und andererseits China amerikanische Erfindungen kopiert und damit den USA das Geschäft abjagt. Während die Asiaten konkrete Gegenstände exportieren, bieten die Amerikaner virtuelle Errungenschaften an. Das Hologramm, das Alan in Saudi-Arabien verkaufen soll, symbolisiert nicht zuletzt das Finanzsystem, das sich von der Realwirtschaft abgekoppelt hat. Der Protagonist steht mit seinem Scheitern, der Angst vor einem Krebsgeschwür und seiner Impotenz für die USA. Zugleich wirft Dave Eggers in „Ein Hologramm für den König“ einen kritischen Blick auf die Araber, die mit ihren Einnahmen aus dem Ölgeschäft protzige Städte aus dem Nichts zaubern.

King Abdullah Economic City (KAEC) existiert tatsächlich. Am 20. Dezember 2005 legte König Abdullah ibn Abd al-Aziz den Grundstein für die nach ihm benannte Retortenstadt am Roten Meer zwischen Mekka und Medina, etwa 125 Kilometer nördlich von Dschidda.

Den Roman „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers gibt es auch in einer gekürzten Fassung als Hörbuch, gelesen von Ulrich Pleitgen (Regie: Margrit Osterwold, Hamburg 2013, 395 Minuten, ISBN 978-3-89903-856-9).

Tom Tykwer (Regie, Drehbuch) verfilmte den Roman „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers mit Tom Hanks in der Hauptrolle:

Ein Hologramm für den König – Originaltitel: A Hologram for the King – Regie: Tom Tykwer – Drehbuch: Tom Tykwer, nach dem Roman „Ein Hologramm für den König“ von Dave Eggers – Kamera: Frank Griebe – Schnitt: Alexander Berner – Musik: Johnny Klimek, Tom Tykwer – Darsteller: Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babette Knudsen u.a. – 2016; 105 Minuten

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013 / 2014
Textauszüge: © Verlag Kiepenheuer & Witsch

Dave Eggers (kurze Biografie / Bibliografie)

Dave Eggers: Der Circle

Peter Härtling - Hoffmann oder Die vielfältige Liebe
Ob Peter Härtling dem vielseitigen Künstler E. T. A. Hoffmann mit seiner Darstellung gerecht wird, ist fraglich. Auf jeden Fall ist die Lektüre des übersprudelnd geschriebenen Romans "Hoffmann oder Die vielfältige Liebe" recht unterhaltsam.
Hoffmann oder Die vielfältige Liebe

Peter Härtling

Hoffmann oder Die vielfältige Liebe

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde am 11. Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: