Paule Constant : Ouregano

Ouregano

Paule Constant

Ouregano

Originalausgabe: Ouregano Éditions Gallimard, Paris 1980 Ouregano Übersetzung: Uli Aumüller Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/M 1998
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mitte der Fünfzigerjahre: In dem fiktiven zentralafrikanischen Dorf Ouregano hat sich die ebenso eingebildete wie korrupte weiße Herrenklasse mit ihren lächerlichen Eitelkeiten und Neidgefühlen in einer eigenen, gegenüber dem Elend abgeschotteten Welt eingerichtet.

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Kritik

Kaleidoskopartige, sarkastische und außergewöhnlich eindringlich geschilderte Szenen aus einer exotischen Welt: "Ouregano".
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Mitte der Fünfzigerjahre wird Generalstabsarzt Michel Murano, der am Indochinakrieg teilnahm und sich zuletzt in Marseille und Bordeaux gelangweilt hat, als Chefarzt in das zentralafrikanische Dorf Ouregano versetzt. Er trifft dort mit seiner Frau Mathilde und der siebenjährigen Tochter Marie-Françoise („Tiffany“) kurz vor dem Lehrerehepaar Elise und Albert Refons ein, die in Ouregano die Leitung der Mädchen- und der Jungen-Schule übernehmen.

In der ostafrikanischen Ortschaft Niamkey ärgert sich der weiße Besitzer einer Autowerkstatt – er heißt Louis Beretti – über seinen schwarzen Angestellten Mamadou, weil dieser sich einige Zeit vor Ladenschluss verdrückt hat und gerade erst wieder auftaucht.

Verkommenes Land, verdammte Sauerei! Mamadou hebt sich im Eingang ab, ein Schatten streckt sich über den Boden der Werkstatt, eine Schulter lehnt sich an die Tür, ein trunkenes Lächeln. Er wird nicht Entschuldigung Chef sagen, einfach so eine Idee, nicht Entschuldigung Chef zu sagen, mal sehen, was passiert. Sag mal, willst du mich verarschen? Weißt du, wie spät es ist? Wo warst du, du Saukerl? Sag Entschuldigung Chef, Mamadou, Chef Entschuldigung, so ist’s recht, Chef Entschuldigung, das ist schon besser. Mamadou öffnet den Mund, er sieht Beretti gerade ins Gesicht. Beretti schnappt sich einen Schraubenschlüssel, den größten, und Mamadou bekommt ihn an der Schläfe ab, er fällt hin, er ist tot, das ist überraschend, dumm. (Seite 10)

Nachdem er den Schwarzen getötet hat, schließt Louis Beretti vorsorglich seine Werkstatt und setzt sich ins Landesinnere ab, nach Ouregano. Da er nicht nur Auto fahren und Motoren reparieren, sondern auch Blech schmieden und elektrische Leitungen verlegen kann, wird er schon wieder Arbeit finden. Er hofft nur, dass niemand annimmt, er habe etwas Schlimmeres getan, als einen Neger zu erschlagen. In Ouregano stellt er sich bei Monsieur Alexandrou vor, einem Schwarzen, dem der einzige Laden am Ort gehört und der zugleich für die gesamte Versorgung und den Maschinenpark der Bezirksverwaltung, das Schulmaterial sowie die Arzneimittelbestellungen des Krankenhauses zuständig ist. Monsieur Alexandrou stellt Beretti ein.

[…] er hatte Lust, einen Weißen herumzukommandieren, ihn anzubrüllen, herumzuschreien […] Er wollte sehen, wie so ein Weißer spurte, wenn er, Alexandrou, brüllen würde. Und außerdem hatte er auch Lust, einen Weißen zu lieben, nett zu ihm zu sein, er wollte der Komplize eines Menschen dieser Rasse sein. (Seite 16)

An der Spitze der Gesellschaft in Ouregano stehen der Statthalter Dubois und seine Frau sowie der Richter Jean Bonenfant und dessen Frau Marie. Ihre Häuser befinden sich auf Hügeln außerhalb des Dorfes inmitten großer Plantagen. Michel und Mathilde Murano werden in diesen Kreis aufgenommen, nicht aber das Schulleiterehepaar, der schwarze Arzt N’Diop, der das Krankenhaus monatelang allein geleitet hatte oder gar die Gendarmen. Allabendlich lädt eines der drei Ehepaare die anderen beiden zum Essen ein – was sie nicht daran hindert, heimlich übereinander herzuziehen. Sonn- und Feiertags sehen sie sich in der Kirche der holländischen Mission am Ortsrand. Marie Bonenfant geht jedes Mal zur Kommunion und tut dabei, als werde sie von mystischen Wonnen überwältigt.

Das ist doch nicht zu fassen, sagte Madame Dubois zum Statthalter, am Ende wird das noch zu Madame Bonenfants Privatmesse! (Seite 76)

In Ouregana gibt es zwar einen Markt, aber dort kaufen nur die Schwarzen ein.

Die Damen gingen nie auf den kleinen Markt, was hätten sie dort auch gefunden? Das Elend brachte hier allen Unrat aus dem Bauch der Erde zutage: Packen schmuddeliger Salatblätter, Büschel Gras, verendete Küken, halb von Ameisen abgenagte Vögel, bläuliche Haufen Schafsaugen, wie graue Fäden aussehende Schweineschwänze, auf eine Schnur aufgefädelte Wespen […] (Seite 32)

Die Damen ließen sich in Monsieur Alexandrous Kontor nieder. Sobald sie eintraten, trug ein Boy Stühle herbei. Sie setzten sich, einen Ellbogen auf der Lehne, die Beine leicht nach außen gedreht. Alexandrou ließ ihnen Perrier bringen, und der Boy bemühte sich eifrig, er wischte energisch die dicken Gläser ab […] Dann bestellten diese Damen. Sie wollten zehn Kilo Reis, fünf Päckchen Mehl, vom besten, zum Backen, Kartoffeln, haben sie welche? Sind sie gut? Dann einen Sack, ja, das reicht. Zucker natürlich! Öl, einen Kanister. (Seite 33)

Monsieur Alexandrou ist auch für die Fleischversorgung zuständig. Einmal in der Woche wird „ein langes, hochbeiniges, abgezehrtes Zebu“ mit heftigen Stockhieben in seinen Hof getrieben. Tiffany beobachtet, wie mehrere Männer das Tier zu Boden werfen und wie dessen Körper bebt. Der mit einem einzigen Schnitt durchtrennte Hals erbricht Blut. Die Männer holen Schüsseln und fangen an, das Tier auszuweiden und zu zerlegen. Filet für den Statthalter und den Richter, eine Schüssel für das Krankenhaus, eine für die Missionsstation; Herz, Lungen und Knochen für die dreihundert Leprakranken. Hin und wieder lässt Monsieur Alexandrou außer dem Zebu zwei Schafe schlachten. Dann bekommen der Statthalter und der Richter zusätzlich zum Zebu-Filet die Keulen, und der ausgeweidete Schafskopf wird in die Schüssel für die Leprakranken geworfen. Nach dem Schlachten fährt Beretti das Fleisch mit dem Pick-up aus.

Zu Beginn seiner Amtszeit unternahm Dubois noch Inspektionsreisen in die anderen Dörfer seines Bezirkes. Aber damit hat er längst aufgehört.

Dubois machte keine Inspektionsreisen mehr. Wozu auch? Sie sagten einem das eine und verlangten etwas anderes. Immer die gleiche Leier: Nahrung, Medikamente. Man war schließlich nicht der liebe Gott! Man wiederholte gern das chinesische Sprichwort: Wenn du einem Mann einen Fisch gibst, ernährst du ihn einen Tag. Wenn du ihm das Fischen beibringst, ernährst du ihn sein ganzes Leben. Er brachte ihnen nichts bei, tröstete sich aber damit, dass er ihnen nichts gab. (Seite 60)

Tiffany, die Lesen, Schreiben und Rechnen von ihren Großeltern gelernt hat, besucht in Ouregano die von Elise Refons geleitete Mädchenschule. Ein Klassenkamerad, ein namenloser Schwarzer, zu dem die Lehrerin allenfalls „du da hinten“ sagt, den Tiffany jedoch „Moïse“ nennt, hat ständig irgendwelche kleinen Tiere in seinen Taschen. Einmal zieht er ein beige-schwarz gestreiftes Tier heraus und gibt es Tiffany in die Hand. Sie streichelt das weiche Fell und ist begeistert, will das Tier nicht mehr hergeben. Der Junge überlässt es ihr und wundert sich über das Gehabe, denn das Fleisch dieser Tiere ist minderwertig und er kann im Dschungel andere fangen. Tiffany rechtfertigt ihren Besitzanspruch auf das Tier vor sich selbst damit, dass der Schwarze sich nicht richtig darum kümmern würde. Sie hat das Tier nun immer bei sich, auch als Madame Dubois vorbeikommt. Deren Hündin Brigitte bellt. Da springt das beige-schwarze Tier davon. Tiffany sucht es – und findet es nach einer Weile mit zerquetschem Schädel zuckend am Boden liegen: Jemand muss aus Versehen darauf getreten sein.

Doktor N’Diop ist froh, dass wieder ein Chefarzt da ist, denn im Krankenhaus gibt es viel zu tun: Chirurgie, Gynäkologie, Geburtshilfe, Impfungen, Radiologie, die Disposition von Medikamenten und die Instandhaltung der Instrumente, Ernährung, Personalverwaltung und so weiter. Vor jeder Station sitzt ein Pfleger, der die anstehenden Kranken mit einem Blick abschätzt und die Selektion vornimmt. Die meisten schickt er gleich wieder weg, einigen gibt er wenigstens Tabletten mit. Nur die dringenden Fälle lässt er durch, natürlich auch seine Verwandten, wenn sie krank sind. Manche legen 30 Francs in ihr Gesundheitsbuch. Der Pfleger tut dann so, als sähe er das Geld nicht, bleibt barsch und abweisend, reiht dann den Mann oder die Frau mit einer raschen Handbewegung in die Reihe der „kranken Kranken“ ein und gibt das Buch ohne das Geld zurück.

Vor dem Haus des Chefarztes rotten sich eines Tages Leprakranke zu einem Aufstand zusammen.

Er [der Anführer] ließ eine große Wanne auf die Treppe bringen, deren Inhalt zwei Leprakranke ausschütteten. Schmutzigrosa, blutig, zitternd, mit Erde und Fliegen bedecktes Fleisch. Mit einem Stock verteilten sie die ekelhafte, zähe, klebrige Masse auf dem Stein, wie sie es mit ihren Wunden getan hätten, um deren Umfang und Schwere zu zeigen. Erst als Tiffany den Kopf eines Schafs mit weißen Augen, den vor Fett gelben Höcker eines Zebus, einen Huf, ein Horn erkannte, wurde ihr klar, dass es geschlachtetes Fleisch war und nicht ihr eigenes, was die Leprakranken da zur Schau stellten. Sie wollten Fleisch, richtiges Fleisch, nicht das, was Beretti ihnen wieder einmal hingeworfen hatte. (Seite 192f)

Murano befiehlt seinen Boys, alles Essbare aus dem Haus zu den Leprakranken hinauszutragen, aber sie beruhigen sich nicht. Erst als Beretti mit dem LKW kommt und einige Gendarmen von der Ladefläche springen, flüchten die Leprakranken.

Jemand schlägt vor, einen Sportclub zu gründen. Dafür lässt Louis Beretti, der zum Geschäftsführer ernannt wird, das frühere Restaurant Miammiam herrichten, das die Trucker seit der Änderung des Straßenverlaufs nicht mehr anfuhren. Die Clubmitglieder wählen Dubois zum Präsidenten, Bonenfant zum Schatzmeister, und Murano soll sich um Tennistourniere kümmern. Weil Madame Bonenfant darauf besteht, eine Missionsschülerin im Club anzustellen, erhält die dreizehnjährige Marie-Rosalie die Aufgabe, die Gläser abzutrocknen.

Louis Beretti zerrt das schwarze Mädchen eines Tages auf das Bett in seinem Zimmer, wirft ihm den Rock über den Kopf und vergewaltigt es. Von da an legt Marie-Rosalie sich jeden Tag für ihn bereit, stets mit dem Rock über dem Gesicht. Einmal begleitet sie N’Diop zu dessen Wohnung, und eh er sich versieht, liegt sie quer auf seinem Bett, mit hochgeschlagenem Rock und geöffneten Schenkeln. Beretti kommt zwar dahinter, aber statt Marie-Rosalie zu verprügeln, droht er, sie hinauszuwerfen. Er findet Gefallen daran, sie um Schläge betteln und über den Boden kriechen zu lassen, wirft ihr ein Stück Huhn hin und befiehlt ihr, auch die Sauce vom Boden aufzulecken. Dann schleppt er sie zu Murano. Die Kleine habe eine Dummheit gemacht, erklärt er dem Arzt, nun wolle er wissen, ob das Folgen habe, eine Krankheit, Schwangerschaft oder die Entjungferung. Als Murano nach der Untersuchung des Mädchens erklärt, dass Marie-Rosalie keine Jungfrau mehr sei, sieht Beretti darin den Beweis, dass sie tatsächlich mit N’Diop geschlafen hat.

N’Diop ist besessen von Marie-Rosalie. Hundert Meter vom Clubausgang entfernt wartet er in seinem Wagen, bis sie herauskommt und in Berettis Auto steigt. Wie ein Schlafwandler geht der schwarze Arzt auf sie zu und streckt die Hände nach ihr aus. Da schlägt Beretti ihn tot und fährt zweimal mit dem Wagen über die Leiche.

In seinem Bericht über den Todesfall schreibt der Statthalter von einem Unfall. Der Richter lässt Beretti zappeln, als dieser vor ihm steht, bis der zweifache Mörder zugibt, was geschehen ist. Dann erst zieht Jean Bonenfant den bereits fertigen Bericht heraus und signiert ihn. Fazit: Ein tödlicher Verkehrsunfall. N’Diops Brustkorb wurde von der Lenksäule zerquetscht. Auch Michel Murano unterzeichnet einen entsprechenden Bericht. Man will keinen Mordfall in Ouregano.

Tiffany bleibt meistens sich selbst überlassen. Wenn sie morgens auf den Schulbus wartet, hängt sie mit ihren Gedanken noch den Erlebnissen des Vortags nach.

Mit dem Kopf in einer zu früh gelesenen Geschichte, die ihren Geist erregte, das Herz bei dem zuletzt gestreichelten Tier, die Finger im Fell des Schafes, das man für die Opferung unter einem Vordach angebunden hatte, dachte Tiffany morgens weder an ihre Aufgaben noch an ihr Frühstück, noch an ihre Kleider, die sie nicht wiederfand, noch an ihr Haar, das sie nicht zu frisieren verstand. (Seite 185)

Elise Refons, die schwanger nach Ouregano gekommen war, den Embryo jedoch verlor, kann die inzwischen neunjährige Schülerin Tiffany nicht ausstehen, nimmt sie aufs Korn und gibt ihr eine schlechte Schulnote nach der anderen. Doch als Mathilde ihre Tochter fragt, wie es in der Schule gewesen sei, lügt sie, sie habe im Diktat keinen Fehler gemacht und eine Rechenaufgabe als einzige gelöst. Da ist die Mutter stolz – bis sie der Lehrerin im Club begegnet.

Elise kam auf Mathilde zu, und Mathilde, die so glücklich war, über Tiffanys Fortschritte sprechen zu können, dazu – noch in der Öffentlichkeit, ging auf Elise zu. Sie trafen sich in der Mitte der Hütte, unter dem Ventilator. Wer würde zuerst sprechen? (Seite 274)

Tiffany läuft fort. Louis Beretti findet sie am Fluss, und sie wird mit dem nächsten Flugzeug eine Woche später in ein Internat nach Frankreich geschickt.

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Paule Constant erzählt in „Ouregano“ keine Geschichte im engeren Sinn; es handelt sich nicht um einen Plot mit Exposition, Konflikt, entscheidender Wendung und Auflösung, sondern um kaleidoskopartige Episoden aus dem Leben in dem fiktiven zentralafrikanischen Dorf Ouregano. Dort hat sich die ebenso eingebildete wie korrupte weiße Herrenklasse in einer eigenen, gegenüber dem Elend abgeschotteten Welt eingerichtet. Die lächerlichen Eitelkeiten und Neidgefühle, aber auch die Grausamkeit dieser Menschen beleuchtet die Autorin auf sarkastische Weise. Lesenswert ist ihr Roman nicht nur, weil er Erfahrungen vermittelt, die den meisten Leserinnen und Leser fremd sind, sondern vor allem, weil Paule Constant sich auf besonders eindringliche Schilderungen versteht.

Paule Constant (*1944) kam viel in der Welt herum. Ihr Vater war ein Kolonialmilitärarzt im Generalsrang. Ihr Ehemann leitete in den Sechziger- und Siebzigerjahren Krankenhäuser in Afrika, bevor er Chefarzt des Tropeninstituts von Marseille wurde.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Frankfurter Verlagsanstalt

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