Wilkie Collins : Jezebels Tochter

Jezebels Tochter

Wilkie Collins

Jezebels Tochter

Originalausgabe: Jezebel's Daughter London 1880 Jezebels Tochter Übersetzung: Thomas Eichhorn Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997 Neuausgabe: dtv, München 2014 ISBN: 978-3-423-14333-2, 366 Seiten, 9.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1878 berichtet der Ich-Erzähler David Glenney über einen Kriminalfall in den Jahren 1828/29. Einiges erlebte er selbst mit, anderes weiß er vom Hörensagen oder aus Dokumenten. Es begann damit, dass ein Frankfurter Geschäftsmann eine Ehe­schlie­ßung seines Sohnes mit Minna Fontaine verhindern wollte. Der Vater der 18-Jährigen war kurz zuvor hochverschuldet gestorben. Dieser Arzt, ein obsessiver Forscher, hatte zwar testamentarisch angeordnet, die experimentellen Gifte und Gegenmittel in seinem Labor zu vernichten, aber ein Arzneikästchen ist unauffindbar ...
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Kritik

Der "Criminal-Roman" "Jezebels Tochter" erschien 1880, wirkt aber kein bisschen angestaubt, denn Wilkie Collins – der Erfinder des Detektivromans – sorgt mit einem raffinierten Aufbau für spannende Unterhaltung.

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Am 3. September 1828 sterben in Würzburg der französische Forscher Dr. Fontaine und in London der aus Frankfurt am Main stammende Kaufmann Ephraim Wagner.

Die Witwe des Kaufmanns wird aufgrund des Testaments dessen alleinige Geschäftsnachfolgerin, und ist entschlossen, das Handelshaus in seinem Sinn weiterzuführen. Dazu gehört, dass bei Neueinstellungen Frauen und Männern die gleichen Chancen eingeräumt werden. Mit der Umsetzung dieser revolutionären und von vielen missbilligten Maxime hatte Ephraim Wagner in der Londoner Zentrale des Unternehmens bereits begonnen. Mrs Wagner sieht ihre Aufgabe nun darin, das Prinzip so schnell wie möglich auf das Büro in Frankfurt am Main zu übertragen.

„Sobald ich zu der Anstrengung in der Lage bin, werde ich nach Frankfurt gehen und deutschen Frauen dieselben Möglichkeiten bieten, wie sie mein Gatte bereits den englischen Frauen in London geboten hat.“

Mit der Anweisung, bis zu ihrem Eintreffen in Frankfurt keine neuen Einstellungen mehr dort vorzunehmen, schickt die Witwe ihren Neffen David Glenney zu den Geschäftspartnern Keller und Engelmann.

Bevor Mrs Wagner nach Frankfurt reist, widmet sie sich noch einer weiteren Aufgabe, die ihr Mann nicht mehr zu Ende bringen konnte: Mit Unterstützung einer Tochter König Georgs III. holt sie einen Mann aus dem Bethlehem Hospital. Er war von der Kutsche der Prinzessin angefahren und von ihr daraufhin gegen alle Regeln ins Bethlehem Hospital gebracht worden, eine Irrenanstalt, die eigentlich hochgestellten Persönlichkeiten vorbehalten ist. Weil der Mann unermüdlich Hüte und Körbe aus Stroh flechtet, wird er Jack Straw genannt. Mrs Wagner ist entsetzt, als sie sich in den Kerker führen lässt, sieht, wie er angekettet ist und begreift, dass die einzige „Therapie“ im Auspeitschen besteht. Der Anstaltsleiter befürchtet das Schlimmste, als Mrs Wagner den Unglücklichen bei sich aufnimmt, aber Jack Straw erweist sich als dankbar, verehrt seine Wohltäterin, würde ihr nie etwas antun und nimmt sich sofort zusammen, wenn sie ihn mit ihrer sanften Stimme dazu auffordert. Dadurch fühlt sich Mrs Wagner in ihrer Überzeugung bestätigt, dass die Behandlung Geisteskranker reformiert werden müsse.

Fritz Keller, der einzige Sohn des verwitweten Geschäftspartners in Frankfurt, trifft in London ein, um auf Wunsch seines Vaters für Mrs Wagner zu arbeiten. Herr Keller will ihn auf diese Weise von einer jungen Frau fernhalten, in die sich der junge Mann verliebt hat: Minna Fontaine, das einzige Kind des in Würzburg hochverschuldet an Typhus verstorbenen Forschers.

Dr. Fontaine war Arzt. 1810, ein Jahr nach seiner Eheschließung, zog er mit seiner Frau und dem Baby nach Würzburg. Dort begann er unter dem Einfluss eines ungarischen Chemikers mit der Erforschung von Giften und Gegenmitteln – sehr zum Verdruss seiner Frau:

„Ich darf mich in Zukunft glücklich schätzen, mit einem armen Professor verheiratet zu sein, der dummen Schulbengeln Experimente vorführt. Und die Freunde in Paris, die, wie ich mit Sicherheit weiß, nur darauf warten, ihn am Kaiserlichen Hofe einzuführen, dürfen ihre Dienste nun einem anderen erweisen.“

Dr. Fontaine wollte, dass alle von ihm in seinem Tresor hinterlassenen Substanzen vernichtet werden. Weil er bereits zu krank war, um es selbst zu tun, beauftragte er testamentarisch seinen Kollegen Stein damit.

„Wenn mir noch ein paar Jahre vergönnt gewesen wären, hätte ich meine Arbeiten so weit abgeschlossen, dass ich es hätte wagen können, sie durch meinen Nachfolger den Medizinern zur Verfügung zu stellen. Wie es sich aber verhält – bis auf einen Fall, in dem ich das Risiko eingegangen bin und glücklicherweise in der Lage war, einem Mann, der sich vergiftet hatte, das Leben zu retten – habe ich keine Zeit gehabt, meine Theorien durch das Experiment so weit zu bestätigten, dass ich mich berechtigt fühlte, zum Nutzen der Menschheit meine Entdeckungen der wissenschaftlichen Welt kundzutun.“

Da er wusste, dass Stein in München zu tun hatte, bestimmte er, dass bis zu dessen Rückkehr niemand außer seiner Frau über das versiegelte Schlüsselkästchen verfügen dürfe. Als Prof. Stein dann mit dem Sekretär der Universität als Zeugen den letzten Willen des Verstorbenen erfüllte, war ein von Dr. Fontaine ausdrücklich erwähntes, im Tresor vermutetes Arzneikästchen mit offenbar besonders gefährlichen Substanzen unauffindbar. Eine Untersuchung ergab, dass das Siegel des Schlüsselkästchens aufgebrochen und wieder verschlossen worden war. Die Witwe wurde verdächtigt, das Arzneikästchen an sich genommen zu haben, aber das Gericht konnte ihr nichts nachweisen.

Jezebel Fontaine war schon die ganze Zeit über unbeliebt. Aufgrund der Gerüchte über den Diebstahl der Gifte mieden die Nachbarn sie erst recht. Deshalb zog sie mit ihrer 18-jährigen Tochter Minna von Würzburg nach Frankfurt am Main.

Als David Glenney sich im Auftrag seiner Tante in Frankfurt aufhält, bietet er einer jungen Dame, die nach dem Postamt sucht, seine Hilfe an. Zufällig handelt es sich um Minna Fontaine, das Mädchen, das Davids neuer Freund Fritz Keller nach dem Willen seines Vaters nicht heiraten darf.

David besucht Minna und deren Mutter. Sie wohnen in einem billigen Vorstadtviertel Frankfurts am linken Mainufer. Während sie zu dritt einen Spaziergang machen, treffen sie auf Herrn Engelmann, der die Frankfurter Niederlassung gemeinsam mit Herrn Keller leitet. Der wohlhabende Junggeselle, der auf die 70 zugeht, ist von der Witwe hingerissen. Er schickt ihr Blumen und umwirbt sie. David argwöhnt, dass Jezebel Fontaine nur darauf eingeht, weil sie hofft, über Engelmann an Keller heranzukommen, dem sie den Widerstand gegen die Eheschließung der Kinder ausreden möchte. Tatsächlich gelingt es ihr, Herrn Keller zu sehen, aber er lehnt es ab, mit ihr zu reden. Daraufhin schickt sie ihm einen Brief. Sie beteuert, die durch kostspielige wissenschaftliche Experimente ihres Mannes entstandenen Schulden beglichen zu haben und appelliert an ihn, sich nicht von Gerüchten aus Würzburg leiten zu lassen. Herr Keller schickt ihr den von David auf seinen Schreibtisch gelegten Brief jedoch ungeöffnet zurück.

Während einer Geschäftsreise nach Hanau begegnet David einer Dame aus Würzburg, die behauptet, Jezebel Fontaine habe bereits mehreren älteren Herren den Kopf verdreht. Nach dem kürzlichen Tod eines 80-Jährigen soll der Neffe und Alleinerbe auf einen Schuldschein der zwielichtigen Witwe gestoßen sein. Sein Onkel zahlte offenbar Jezebel Fontaines Gläubiger aus und akzeptierte dafür den Schuldschein einer mittellosen Frau. Er rechnete also gar nicht damit, das Geld zurückzubekommen. Der Erbe sieht das jetzt anders.

Eines Abends nehmen Keller und Engelmann den Neffen ihrer Geschäftspartnerin mit in die Oper. Weil Herr Keller sein Opernglas vergessen hat, eilt David in der Pause rasch nach Hause, um es zu holen. Dabei trifft er zu seiner Verwunderung in der Wohnung auf Jezebel Fontaine. Der Lakai Joseph hat sie eingelassen, weil die von Herrn Engelmann Umworbene, die auch ihn durch Geschenke für sich gewonnen hat, angeblich Skizzen von einem herrlichen Kaminsims anfertigen wollte. Irritiert kehrt David in die Oper zurück.

Am nächsten Morgen ist Herr Keller zu krank, um aufzustehen. Der Hausarzt, der sich die Symptome nicht erklären kann, zieht seinen Kollegen Dr. Dormann hinzu. David fällt auf, dass der Krug mit Zitronenwasser, den die Haushälterin Barbara Herrn Keller jeden Abend auf den Nachttisch stellt, leergetrunken ist. Dr. Dormann bringt schließlich die Witwe seines verstorbenen Würzburger Kollegen Fontaine mit. Sie verfügt über die Reste einer Arznei, mit der ihr Mann einem Patienten, der sich versehentlich vergiftet hatte, vor dem Tod bewahrte. Tatsächlich wirkt das Medikament auch in diesem Fall, und Herr Keller erholt sich allmählich wieder. Die Ärzte stehen vor einem Rätsel.

Als Herr Keller erfährt, wer ihm das Leben rettete, bittet er Jezebel Fontaine um Verzeihung und nimmt sie mit ihrer Tochter zusammen als Hausangestellte auf.

Kurz darauf trifft Fritz ein und befürchtet aufgrund des Briefes, den er in London erhielt, seinen Vater todkrank vorzufinden. Umso begeisterter ist er, als er von der glücklichen Wendung erfährt.

Die Hochzeit soll nun so schnell wie möglich stattfinden. Allerdings will Herr Keller Rücksicht auf seine in München lebende asthmakranke ältere Schwester nehmen und ihr Zeit geben, die beschwerliche Reise nach Frankfurt vorzubereiten.

Herr Engelmann lässt sich dazu hinreißen, Jezebel Fontaine einen Heiratsantrag zu machen. Sie erteilt ihm nicht nur einen Korb, sondern beschimpft ihn auch noch als „alten Narr“. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass Herr Engelmann ohne Abschied und Erklärung abgereist ist. David erfährt schließlich, dass der Geschäftsmann bei seinem jüngeren Bruder in Bingen Zuflucht gesucht hat. Der junge Mann argwöhnt, dass die verrufene Witwe dem armen alten Mann nur deshalb Hoffnungen machte, weil sie über ihn an Herrn Keller herankommen wollte. Seit sie ihr Ziel erreicht hat, ist sie nicht mehr auf ihn angewiesen.

Kurz darauf trifft Mrs Wagner in Frankfurt ein. Sie ist entschlossen, die Einstellung von Frauen gegen Herrn Kellers erklärten Willen auch in der Zweigniederlassung des Handelshauses durchzusetzen. Weil Jack Straw ohne ihre Anwesenheit wahrscheinlich wieder in seine Tollheit zurückfallen würde, hat sie ihn mitgenommen. Als Jezebel Fontaine dem Neuankömmling begegnet, erschrickt sie: „Hans Grimm! Herr im Himmel! Wie kommt der hierher?“ Dann erklärt sie den anderen, dass es sich bei dem Mann um ein Faktotum ihres Mannes an der Würzburger Universität gehandelt habe, dessen Aufgabe es gewesen sei, das Laboratorium sauber zu halten.

David findet später heraus, dass der einfältige Hans Grimm einmal heimlich von einer Flüssigkeit probierte, die mit „Alexanders Wein“ etikettiert war. (Die Bezeichnung geht auf Papst Alexander VI. zurück.) Sobald Prof. Fontaine die Vergiftungssymptome erkannte, probierte er das Gegenmittel aus, das er gerade entwickelte, und rettete Hans Grimm das Leben. Aber der Beschämte verschwand nach seiner Genesung spurlos.

Nachdem Mrs Wagner erfahren hat, warum Herr Engelmann aus Frankfurt floh, überredet sie Jezebel Fontaine, ihm einen versöhnlichen Brief zu schreiben und ihm zu versichern, dass sie sich ihre Antwort auf seinen Antrag noch einmal überlegen wolle. David soll das Schreiben überbringen.

In Bingen trifft David Herrn Engelmann nicht mehr lebend an: Der Geschäftsmann erlag am Morgen einem Schlaganfall. Nach der Beerdigung reist David weiter nach London, um dort während Mrs Wagners Abwesenheit nach dem Rechten zu sehen.

Jezebel Fontaine brachte das aus dem Tresor ihres verstorbenen Mannes entwendete Arzneikästchen mit in das Haus ihrer Gastgeber. Es steht in einem verschließbaren Wandschrank und enthält sechs Fläschchen, darunter das langsam wirkende Gift „Alexanders Wein“ und ein durch blau gefärbtes Glas gegen Licht geschütztes Gegenmittel. Aus Aufzeichnungen ihres Mannes weiß sie, dass gegen die ebenfalls in dem Kästchen enthaltenen „Spiegeltropfen“ noch kein Mittel gefunden wurde, das den rasch eintretenden Tod verhindern könnte.

Als Hans Grimm, der seit seiner Erlösung durch Mrs Wagner nur noch Jack Straw gerufen werden möchte, gegenüber Jezebel Fontaine die Vermutung äußert, Herr Keller sei vergiftet worden, misst sie eine tödliche Dosis „Alexanders Wein“ ab und redet ihm ein, es handele sich um eine hervorragende Medizin. Aber dann überlegt sie es sich anders und schließt das Glas im Schrank ein.

Wegen des Gesundheitszustands von Herrn Kellers Schwester wird die Hochzeit um zwei Wochen vom 30. Dezember 1828 auf 13. Januar 1829 verschoben. Die Mutter der Braut gerät außer sich, als sie das hört. Der Schuldschein wird nämlich mit Ablauf des Jahres fällig. Nach dem alten Zeitplan wäre das einen Tag nach der Eheschließung gewesen. Um einen geschäftsschädigenden Eklat zu vermeiden, hätte Herr Keller dann die Schulden der Mutter seiner Schwiegertochter übernehmen müssen. Jetzt drohen Jezebel Fontaines Machenschaften zu scheitern.

Mrs Wagner ist überzeugt, dass es Jack Straw hilft, wenn sie an seine Selbstachtung und sein Verantwortungsbewusstsein appelliert. Zu diesem Zweck vertraute sie ihm bereits in London die Schlüssel an. Das macht sie nun auch in Frankfurt.

Mitten in der Nacht pocht er an ihre Schlafzimmertür. Der Lederbeutel mit den Schlüsseln, den er vor dem Schlafen stets unter sein Kopfkissen legt, sei fort, ruft er. Mrs Wagner wartet ein wenig, bis er sich wieder unter Kontrolle hat. Dann geht sie mit ihm in sein Zimmer – und zeigt ihm, dass der Beutel unter dem Kissen liegt. Er habe geträumt, meint sie. Am nächsten Morgen überprüft sie zwar ihren Schreibtisch, kann aber nichts Verdächtiges feststellen. Auch der Tresorschlüssel liegt in der Schublade. Erst als Herr Keller sich am letzten Tag des Jahres darüber wundert, dass nicht mehr als 15 000 Gulden im Tresor liegen, erwacht ihr Argwohn erneut. Der Betrag stimmt mit der Abrechnung im offiziellen Kassenbuch überein. Als Mrs Wagner allerdings ihre persönlichen Aufzeichnungen damit vergleicht, stellt sie fest, dass es 20 000 Gulden sein müssten. Jemand hat die mit Tinte geschriebene Zahl 20 entfernt und durch „15“ ersetzt. Dass Jezebel Fontaine über ein entsprechendes Fleckenentfernungsmittel verfügt, weiß Mrs Wagner, weil Minna damit kürzlich Tintenflecken bearbeitete. Sie stellt die Witwe zur Rede und verlangt von ihr die Rückgabe der 5000 Gulden bis spätestens 6. Januar. Andernfalls müsse sie Herrn Keller den Diebstahl melden. Der würde vermutlich nicht nur die Polizei einschalten, sondern auch die geplante Hochzeit platzen lassen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Beim Abendessen hält Jezebel Fontaine den Lakai Joseph davon ab, eine neue Flasche Wein zu öffnen und schenkt Mrs Wagner aus einer angebrochenen Flasche ein. Dann stolpert sie mit der fast leeren Flasche, die dabei zerbricht.

Einige Minuten später verzerren sich Mrs Wagners Gesichtszüge und sie kann kaum noch sprechen. Dr. Dormann stellt eigenartige Lähmungen bei ihr fest.

Um seine Wohltäterin zu retten, schleicht Jack Straw in Jezebel Fontaines Zimmer und öffnet mit einem Zweitschlüssel den Wandschrank. Nachdem er die für ihn abgefüllte vermeintliche Arznei herausgenommen hat, entdeckt er eine seltsam geformte Phiole aus blauem Glas und erinnert sich, dass diese das Gegenmittel enthielt, mit dem Dr. Fontaine ihn damals rettete. Er nimmt sie ebenfalls mit, und es gelingt ihm, der Schwerkranken den gesamten Rest aus der blauen Flasche einzuflößen.

Dr. Dormann wundert sich über den ebenso raschen wie unerwarteten Tod der Patientin am Abend des 3. Januar. Ebenso wenig konnte er sich die Ursachen der Erkrankung und der Genesung Herrn Kellers erklären. Weil er es für möglich hält, dass Gift im Spiel ist und es sich um Mord handelt, weigert er sich, einen Totenschein auszustellen.

Jack Straw ist überzeugt, dass seine Herrin wieder zum Leben erwachen wird. Deshalb verhindert er, dass sie in einen Sarg gelegt wird. Aus Furcht vor einem Tobsuchtsanfall lassen die Männer Mrs Wagner auf dem Sofa liegen und bringen sie so ins Totenhaus des Friedhofs. Um die versehentliche Beerdigung von Scheintoten zu verhindern, werden dort die Finger Lebloser mit einer Glocke verbunden, die bei der geringsten Bewegung anschlägt.

Jack Straw wäre nur durch Gewalt von seiner Herrin wegzukriegen. Aber Schwarz, der die Nachtwache antritt, kennt ihn und freut sich über Gesellschaft. Er holt eine Flasche Branntwein aus einem Versteck und fordert seinen Gast auf, mit ihm zu trinken. Jack Straw scheut aus Erfahrung vor Alkohol zurück und holt stattdessen das Glas mit der für ihn abgefüllten vermeintlichen Medizin hervor. Aber das lässt Schwarz nicht zu. Er besteht darauf, dass Jack Straw den Branntwein probiert.

„Flüssiges Gold, Jack! Meine Arznei. Branntwein!“
Er goss einen Schluck in den Metallbecher. „Versuch das“, sagte er, „und bleib‘ mir mit deiner Arznei von einer Haushälterin vom Leibe.“

Da taucht Jezebel Fontaine auf. Während ihr Opfer ins Totenhaus gebracht wurde, schlich sie sich unbemerkt ein. Nun will sie hinaus.

„Sie ist eine Hexe!“ schrie Jack. „Sie ist auf einem Besenstiel hereingefahren oder durchs Schlüsselloch geschlüpft. Wo gibt’s hier Feuer? Wir wollen sie hinbringen und verbrennen!“

Schwarz erklärt ihr, dass nicht einmal er selbst das Totenhaus vor Dienstende verlassen kann, weil das Tor verschlossen ist. Die Aufregung ist zu viel für Jezebel Fontaine. Sie ringt nach Luft und fleht um Wasser. Aber das gibt es hier nicht. Stattdessen bieten ihr die beiden Männer das Glas an, das Jack Straw mitgebracht hat.

In diesem Augenblick bewegt sich die mit Mrs Wagners‘ Fingern verbundene Alarmglocke.

David, der zur Hochzeitsfeier des mit ihm befreundeten Paares Fritz Keller und Minna Fontaine eingeladen wurde, trifft am 4. Januar vormittags in Frankfurt ein und erfährt, was geschehen ist.

Mitten in der Nacht wurden Dr. Dormann und Herr Keller ins Totenhaus gerufen. Der Arzt befasste sich sogleich mit Mrs Wagner, die unverhofft wieder zum Leben erwacht war. Er musste sich auch um Jack Straw kümmern, der durch die Ereignisse völlig verwirrt war – und um Jezebel Fontaine, der es von Stunde zu Stunde schlechter geht. Niemand kann ihr helfen. Sie stirbt qualvoll.

Bei ihren Hinterlassenschaften findet David ein Tagebuch. Zuerst will er es Minna bringen, aber der Arzt hält ihn davon ab, denn er ahnt, dass es sich bei der Toten um eine Verbrecherin handelte und möchte nicht, dass die unschuldige Tochter davon erfährt. Auf die Frage, warum er glaube, dass das Tagebuch Aufzeichnungen über Verbrechen enthält, antwortet Dr. Dormann:

„Je besser wir sind, desto uneigennütziger sind wir am Wohle der anderen interessiert. Je schlechter wir sind, desto stärker beschränkt sich unser Interesse auf uns selbst.“

Jack Straw hat Mrs Wagner das Leben gerettet, obwohl er nicht ahnen konnte, dass das Mittel, das gegen „Alexanders Wein“ hilft, auch bei einer Vergiftung mit „Spiegeltropfen“ vor dem Tod bewahrt.

Sobald sich Mrs Wagner erholt hat, sorgt sie dafür, dass die Niederlassung in Frankfurt verkauft wird. Dann kehrt sie mit Jack Straw und ihrem Neffen nach London zurück. Herr Keller ist froh, nicht ein Büro mit weiblichen Angestellten leiten zu müssen. Er baut sich ein Refugium neben dem Landhaus seiner Geschäftspartnerin. In dem englischen Dorf findet schließlich auch die Hochzeit von Fritz Keller und Minna Fontaine statt.

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Wilkie Collins (1824 –1889) gilt als Erfinder der Genres Detektivroman und Mystery Thriller. Er schrieb mehr als zwei Dutzend Romane und 50 Erzählungen, geriet jedoch bald nach seinem Tod in Vergessenheit.

Das Besondere an seinem „Criminal-Roman“ „Jezebels Tochter“ ist die Einführung eines Ich-Erzählers, der 1878 aufschreibt, was ein halbes Jahrhundert zuvor geschah. Als Neffe einer der Hauptbeteiligten erlebte er einiges mit, anderes weiß er nur vom Hörensagen oder hat es Briefen bzw. Tagebuchaufzeichnungen entnommen. Auf diese Unterschiede weist er ausdrücklich hin.

Zu dieser fernen Zeit – ich schreibe diese Zeilen im Jahre 1878 und blicke ein halbes Jahrhundert zurück – war ich ein junger Mann und arbeitete in Mr Wagners Büro. Als Neffen seiner Gattin hatte er mich in freundlichster Weise in seinen Hausstand aufgenommen. Was ich nun erzählen werde, sah und hörte ich mit eigenen Augen und Ohren.

Als dieses Leid über seine Frau hereinbrach, war ich im Londoner Büro abwesend, da ich mich auf Geschäftsreise zu unserer Zweigstelle in Frankfurt am Main befand, die von Mr Wagners Geschäftspartnern geleitet wurde.

Im ersten Teil dieses Berichtes habe ich als Augenzeuge gesprochen. Infolge meiner späteren Abwesenheit von Frankfurt bin ich in diesem Teil auf die Berichte und Aussagen anderer angewiesen.

Mit dieser Erzähltechnik täuscht Wilkie Collins in „Jezebels Tochter“ vor, dass von tatsächlichen Ereignissen berichtet wird. Entsprechend sachlich und nüchtern ist auch die Sprache. Der Ich-Erzähler ist die Instanz, die verschiedene Handlungsstränge miteinander verknüpft, ordnet und kommentiert. Wenn David Glenney als Augenzeuge erzählt, steigert sich das Tempo, und lange Zitate aus (fiktiven) Quellen retardieren die Darstellung.

Gelungen ist auch die Gegensätzlichkeit der entscheidenden Charaktere in „Jezebels Tochter“. Das gilt für die Geschäftspartner Keller und Engelmann, für den naiven Fritz Keller und den misstrauischen David Glenney, vor allem aber für Jezebel Fontaine, die sich ebenso von ihrer arglos-gutmütigen Tochter Minna wie von der erfolgreichen, ehrbaren und sozial engagierten Geschäftsfrau Wagner unterscheidet.

Auch wenn Wilkie Collins nicht selten den Zufall bemüht, greift in dem Kriminalroman „Jezebels Tochter“ ein Rädchen präzise ins andere. Indem er dem Leser durch die Andeutung von Zusammenhängen und Entwicklungen immer wieder einen winzigen Informationsvorsprung gegenüber den Romanfiguren verschafft, baut er geschickt Spannung auf.

Nebenbei propagiert er in „Jezebels Tochter“ die Gleichberechtigung der Geschlechter (in einem 1880 veröffentlichten Roman!) und prangert die Zustände in den Irrenanstalten an.

„Jezebels Tochter“ ist alles andere als verstaubt. Daran ändern auch altmodisch-lange Kapitelüberschriften nichts.

Mr David Glenney befragt sein Gedächtnis und beginnt die Erzählung

Mr David Glenney fördert seine Korrespondenz zutage und wirft neues Licht auf die Ereignisse der Erzählung

Mr David Glenney sortiert seine Unterlagen und fährt chronologisch mit der Erzählung fort

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Deutscher Taschenbuch Verlag

Patrick McCabe - Der Schlächterbursche
Patrick McCabe erzählt in seinem Roman "Der Schlächterbursche" die Entwicklung eines Heranwachsenden aus dessen Perspektive und in dessen Sprache. Trotz der Brutalität wirkt die psychologisch subtile Darstellung auf beklemmende Weise auch komisch.
Der Schlächterbursche

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