Pat Barker : Niemandsland

Niemandsland

Pat Barker

Niemandsland

Originalausgabe: Regeneration Viking, London 1991 Niemandsland Übersetzung: Matthias Fienbork Carl Hanser Verlag, München / Wien 1997
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der für seine Tapferkeit dekorierte englische Leutnant Siegfried Sassoon richtet im Juli 1917 unvermittelt einen Aufruf an das Parlament in London, den sinnlos gewordenen Krieg zu beenden. Statt seine Überzeugung vor einem Kriegsgericht vertreten zu können, wird er in das schottische Militärkrankenhaus Craiglockhart eingeliefert ...

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Kritik

Teilweise authentische Figuren, historische Fakten und fiktive Szenen kombinierte Pat Barker zu einem schnörkellosen Roman, in dem sie die Grausamkeit des Krieges weniger durch blutige Fronterlebnisse als durch psychische Schäden der Überlebenden veranschaulicht: "Niemandsland".
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Trotz seines Vornamens ist Siegfried Sassoon Engländer. Sein Vater verließ die Familie, als der Junge fünf war und starb drei Jahre später. Siegfried Sassoon studierte am Clare College in Cambridge, zuerst Jura, dann Geschichte, bis er sein Studium nach vier Trimestern abbrach. Vor dem Weltkrieg veröffentlichte er einen Band mit Gedichten. Beim Ausbruch des Krieges im August 1914 meldete er sich sofort freiwillig. Im Mai 1915 wurde er zum Leutnant befördert. Ab November 1915 kämpfte er in Frankreich, und im Juni 1916 wurde ihm für seine Tapferkeit ein Militärorden (Military Cross) verliehen. Mit Schützengrabenfieber kehrte er im August 1916 nach England zurück, aber nach seiner Genesung reiste er im Februar 1917 erneut an die Front. Nach einer Verwundung an der rechten Schulter am 16. April 1917 lag er sieben Wochen lang im Lazarett und sollte danach zur Kadettenausbildung nach Cambridge versetzt werden.

Doch im Juli 1917 richtet er einen Aufruf an das Parlament in London, den sinnlos gewordenen Krieg zu beenden.

„Ich glaube, dass aus diesem Krieg, der zunächst ein Verteidigungs- und Befreiungskrieg war, inzwischen ein Angriffs- und Eroberungskrieg geworden ist.“ (Seite 9)

Obwohl er sich 1916 mit den Pazifisten Bertrand Russell und Ottoline Morrell traf, hält er sich selbst nicht für einen Pazifisten, denn er fordert nur die Einstellung des konkreten Krieges.

„Ich glaube einfach, dass unsere Kriegsziele – welche es auch sein mögen, wir kennen sie nämlich nicht – dieses Ausmaß an Brutalität nicht rechtfertigen.“ (Seite 22)

Um die Öffentlichkeit mit seinen Überzeugungen aufrütteln zu können, hofft Sassoon, dass man ihn vor ein Kriegsgericht stellt. Doch stattdessen erreicht Captain Robert Graves, der mit ihm befreundet ist und ihn schützen möchte, dass er für drei Monate in das schottische Militärkrankenhaus in Craiglockhart eingeliefert wird. Untersucht und behandelt wird Sassoon von Dr. Rivers, einem Neurologen und Ethnologen im Rang eines Captains, der sich in Craiglockhart um Offiziere mit schweren Kriegsneurosen kümmert.

Da ist zum Beispiel David Burns: Mit einundzwanzig, kurz vor der Schlacht an der Somme, wurde er zum Hauptmann befördert. Jetzt ist er in Craiglockhart, weil er nichts essen kann und sich ständig übergibt.

Burns war von der Wucht einer explodierenden Granate in die Luft geschleudert worden und kopfüber auf der Leiche eines deutschen Soldaten gelandet, dessen gasgefüllter Bauch beim Aufprall platzte. Bevor Burns das Bewusstsein verlor, hatte er noch registriert, dass das, was ihm in Nase und Mund drang, verwesendes menschliches Fleisch war. (Seite 29f)

Willard – ein anderer Patient – vermag seine Beine nicht zu bewegen, obwohl es dafür keine organische Ursache gibt, und er hat panische Angst davor, als Drückeberger zu gelten.

„Jetzt wollen wir Sie mal auf den Rücken drehen.“
Der Krankenpfleger trat heran, um zu helfen, doch Willard winkte ihn fort. Sein ganzer Oberkörper war massig und kräftig, würde aber zweifellos bald schlaff werden. Unter heftigen Verrenkungen gelang es ihm, sich hochzustemmen, zur Seite zu drehen und die nutzlosen Beine nachzuziehen, doch sie folgten dem Rumpf gleichsam unbeteiligt, wie die Schleimspur einer Schnecke. Der Pfleger beugte sich hinunter und legte die Füße ordentlich nebeneinander. (Seite 147)

Willard richtete sich, gestützt auf einen Ellbogen, ein Stück weit auf. Ein außerordentlicher Anblick, diese Mischung aus Unbeweglichkeit und Kraft. Wie ein Robbenbulle, der sich über Felsen schleppte. (Seite 148)

Leutenant Billy Prior kann nicht sprechen – bis er eines Nachts durch sein eigenes Schreien aus einem Albtraum erwacht. Widerwillig, distanziert und ohne Gefühle zu zeigen, berichtet er Dr. Rivers von seinen Kriegserlebnissen. Unter Hypnose erinnert er sich an einen besonders grausamen Vorfall, doch als er wieder zu sich kommt, ist er enttäuscht und fragt Rivers: „Ist das alles?“ Der Arzt erklärt ihm, es sei eine zwar weit verbreitete, aber falsche Ansicht, dass traumatische Erkrankung in der Regel von einem einzigen Schock ausgelöst werden. Der Zusammenbruch sei vielmehr die Folge einer wochen- und monatelangen Stresssituation, der jemand hilflos und ohne die Möglichkeit des Entkommens ausgeliefert ist.

Ungeachtet seines Asthmas und seiner anhaltenden Albträume will Prior so rasch wie möglich an die Front in Frankreich zurück, wird jedoch für die Etappe abkommandiert, was er für eine Schande hält. Rivers versucht ihm klar zu machen, dass er für die Entscheidung nicht verantwortlich ist und sich auch nicht dafür schämen muss, wenn er sich heimlich eine Verwendung in der Heimat erhoffte, denn dieser Wunsch sei nur der Ausdruck des gesunden Willens, am Leben zu bleiben.

In London beobachtet Rivers einmal die Behandlung eines infolge eines Kriegstraumas stumm gewordenen Soldaten durch seinen Kollegen Dr. Lewis Yealland. Der Arzt sperrt sich mit dem Patienten in einem Raum ein und macht ihm klar, dass er die Tür erst wieder nach einem Behandlungserfolg öffnen wird. Stundenlang quält er den Mann mit Elektroschocks, bis dieser zunächst einzelne Laute, dann Worte formulieren kann und am Ende zackig salutierend ruft: „Danke vielmals, Sir!“

Als Yealland beim Mittagessen von einem stotternden Offizier erzählt, den er ebenfalls in einer einzigen Sitzung kurierte, fängt Rivers selbst zu stottern an, wie er es als Kind getan hatte. Während Yealland Soldaten mit Kriegsneurosen für Schwächlinge hält, glaubt Rivers nicht, dass eine persönliche Disposition für Traumatisierungen entscheidend ist. Nicht durch unbarmherzige Folter völlig entrechteter Patienten, sondern durch respektvolle Anteilnahme in geduldigen Gesprächen versucht Rivers, den Männern die Auslöser ihrer Neurosen schrittweise bewusst zu machen und sie dadurch zu heilen.

Und sobald man akzeptierte, dass der Zusammenbruch eines Soldaten auf seine Kriegserlebnisse zurückging und weniger auf eine Charakterschwäche, musste man sich zwangsläufig mit dem Krieg auseinandersetzen. Und die Therapie war ein Prüfstein, an dem sich nicht nur die Echtheit der Symptome des Einzelnen erwies, sondern auch die Berechtigung der Anforderungen, die der Krieg an ihn stellte. Rivers hatte auch deswegen überlebt, weil er diese Erkenntnis verdrängt hatte. Doch plötzlich kam Sassoon daher und stellte die Rechtmäßigkeit des Krieges immer wieder und ganz offen in Frage, sodass diese Verdrängung jetzt nicht mehr möglich war. (Seite 152f)

Durch Sassoon wird Rivers sich des Dilemmas bewusst, dass er Menschen heilt, nur damit sie wieder in den Krieg geschickt werden können.

Er und Yealland übten einen Beruf aus, der ihnen Macht über Menschen verlieh. Sie befähigten junge Männer, die Rolle des Soldaten wieder zu übernehmen, die sie – wie unbewusst auch immer – abgelehnt hatten. In der letzten Zeit hatte er sich mehr als einmal gefragt, was psychische Gesundung in Bezug auf seine Arbeit eigentlich bedeuten mochte. Heilung hieß normalerweise, dass der Patient ein Verhalten aufgab, das eindeutig selbstzerstörerisch war. Unter den gegenwärtigen Bedingungen bedeutete Heilung jedoch die Rückkehr zu einer Tätigkeit, die nicht nur selbstzerstörerisch, sondern geradezu selbstmörderisch war. Doch in Kriegszeiten war niemand sein eigener Herr. (Seite 307)

Der Konflikt setzt Rivers so zu, dass er mitten in der Nacht schwitzend, atemlos, mit Herzklopfen und Schmerzen in der Brust hochschreckt. Morgens beim Aufwachen fühlt er sich fast so erschöpft wie abends beim Zubettgehen. Als sein Zustand nicht länger zu verbergen ist, besteht sein Vorgesetzter darauf, dass er drei Wochen Urlaub macht.

Rivers erwartet, dass Siegfried Sassoon über kurz oder lang an die Front zurückkehren möchte, um wieder für seine Männer da zu sein und seinen Mut erneut zu beweisen. Tatsächlich überlegt Sassoon, dass er später auf die Frage, was er im Krieg gemacht habe, nicht antworten möchte: „Nun ja, ich habe drei sehr angenehme Jahre in einer Klapsmühle verbracht.“

Ende November 1917 soll eine von Colonel Balfour Graham, dem neuen Klinikchef in Craiglockhart, geleitetete Militärkommission über Sassoons weitere Verwendung entscheiden. Bevor der Leutnant gerufen wird, versucht Rivers, die Kommission davon zu überzeugen, dass der Patient nur etwas Erholung und Zeit zum Nachdenken benötigt habe, um seine Antikriegshaltung aufzugeben. Jetzt betrachte er es wieder als seine Pflicht, an die Front zu gehen, und dazu sei er auch wieder ganz und gar in der Lage. Sassoon beteuert jedoch in seiner Vernehmung, dass er seine Ansichten über diesen Krieg nicht geändert habe, auch wenn er tatsächlich wieder zu seiner Einheit nach Frankreich zurückkehren wolle.

In seinem Zimmer gesteht Rivers sich ein, dass Siegfried Sassoon bei seiner Haltung geblieben ist und stattdessen er, der Arzt, sich tiefgreifend verändert hat – nicht nur hinsichtlich seiner Einstellung gegenüber diesem Krieg. Was Sassoon angeht, so befürchtet Rivers, dass dessen Formel, er müsse sich um seine Männer kümmern, der brutalen Realität des Fronteinsatzes nicht standhalten werde. In Wirklichkeit kehre der Offizier an die Front zurück, um zu sterben. Was aber, wenn er nicht fällt? Dann bricht er wahrscheinlich endgültig zusammen.

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Bei Siegfried Sassoon handelt es sich um eine authentische Figur. Im Juli 1917 protestierte der englische Offizier öffentlich gegen die Fortführung des Kriegs. Daraufhin wies ihn eine Ärztekommission in das Militärkrankenhaus in Craiglockhart ein, wo er von Dr. W. H. R. Rivers (1864 – 1922), einem Captain im Royal Army Medical Corps, behandelt wurde.

Rivers erläuterte seine Auffassungen in dem Buch „Conflict and Dream“ (London 1923). Dr. Lewis Yealland vertrat seine von Rivers sehr verschiedenen Behandlungsmethoden in dem Buch „Hysterical Disorders of Warfare“ (London 1918).

Auch Wilfried Edward Salter Owen (1893 – 1918) spielt in Pat Barkers Roman „Niemandsland“ eine Rolle. Er lernte Siegfried Lorraine Sassoon (1886 – 1967) 1917 im Militärkrankenhaus kennen. Die beiden Lyriker werden als „war poets“ geschätzt. Owen fiel 1918, eine Woche vor dem Waffenstillstand, in Frankreich. Sassoon dagegen überlebte den Ersten Weltkrieg. Wie Owen thematisierte er in seinen Gedichten die Brutalität des Kriegs und wandte sich gegen die Verklärung des Soldatentods. In den Jahren 1928 bis 1936 und dann noch einmal von 1938 bis 1945 setzte sich Siegfried Sassoon in jeweils einem dreibändigen autobiografischen Werk mit seinen Kriegserlebnissen auseinander: „Complete Memoirs of George Sherston“ (1937), „Siegfried’s Journey 1916 – 1920“ (1945).

Aus historischen Fakten und fiktiven Szenen komponiert Pat Barker den Roman „Niemandsland“, in dem sie die Grausamkeit des Krieges weniger durch blutige Fronterlebnisse als durch psychische Schäden der Überlebenden veranschaulicht.

„Soldaten passiert üblicherweise zweierlei: entweder sie kommen um, oder sie kommen zurück und sind mehr oder weniger in Ordnung. Ich konzentriere mich auf diejenigen, die zwar zurückkommen, aber körperlich verletzt oder psychisch traumatisiert sind. Und ich beschäftige mich mit Menschen, die versuchen, Soldaten zu helfen, die Schocks erlitten haben.“ (Pat Barker)

Das in einer sachlichen, schnörkellosen Sprache dargestellte Geschehen spielt sich nicht auf dem Schlachtfeld, sondern in den Köpfen der Männer und in den Dialogen ab. Auf eine Haupt- und Identifikationsfigur hat Pat Barker in „Niemandsland“ verzichtet. Im Mittelpunkt des in der dritten Person Singular erzählten Romans stehen Dr. Rivers, Siegfried Sassoon und Billy Prior. (Bei dem aus proletarischen Verhältnissen aufgestiegenen, sexuell ambivalenten und durch den Fronteinsatz traumatisierten Leutnant Prior handelt es sich um eine völlig frei erfundene Figur.)

„Regeneration“ (1991) ist der erste Teil einer Trilogie, die Pat Barker über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat. Die Titel der beiden anderen Bände lauten: „The Eye in the Door“ (1993) und „The Ghost Road“ (1995). Matthias Fienbork übersetzte die Trilogie ins Deutsche: „Niemandsland“ (1997), „Das Auge in der Tür“ (1998) und „Die Straße der Geister“ (2000).

Gillies MacKinnon verfilmte den Roman „Niemandsland“ von Pat Barker:

Der Preis der Ehre – Originaltitel: Regeneration – Regie: Gillies MacKinnon – Drehbuch: Allan Scott, nach dem Roman „Niemandsland“ von Pat Barker – Kamera: Glen Macpherson – Schnitt: Pia Di Ciaula – Musik: Mychael Danna – Darsteller: Jonathan Pryce, James Wilby, Jonny Lee Miller, Stuart Bunce, Tanya Allen, David Hayman, Dougray Scott, John Neville, Paul Young, Alastair Galbraith, Eileen Nicholas u.a. – 1997; 110 Minuten

Pat Barker wurde 1943 in Thornaby-on-Tees geboren. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, wuchs vorwiegend bei den Großeltern auf, studierte an der London School of Economics und unterrichtete danach Geschichte und Politik. 1982 erschien „Union Street“, ihr erster Roman, der acht Jahre später verfilmt wurde („Stanley and Iris“, Regie: Martin Ritt, Buch: Harriet Frank jr. und Irving Ravetch, Kamera: Donald McAlpine, Darsteller: Robert De Niro, Jane Fonda u. a.). Der Erfolg des Romandebüts erlaubte es Pat Barker, sich als freie Schriftstellerin in Durham niederzulassen.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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