Ernst Augustin : Mahmud der Schlächter

Mahmud der Schlächter

Ernst Augustin

Mahmud der Schlächter

Mahmud der Schlächter Originalausgabe: Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M 1992 333 Seiten, 38 DM Mahmud der Bastard C. H. Beck Verlag, München 2003 ISBN 3-406-51037-X, 364 Seiten, 22.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Fast zur gleichen Zeit werden um 970 in der afghanischen Residenzstadt Ghazni drei Söhne des Königs Habibullah geboren. Als man den Bastard Mahmud verdächtigt, seine Halbbrüder in der Wiege umgebracht zu haben, fällt er ihn Ungnade. Eine Löwin zieht ihn auf, bis er im Alter von vier Jahren in den Palast zurückgeholt wird. Zwölf Jahre später beginnt Mahmud seinen ersten Eroberungsfeldzug. Um eine Prinzessin, in deren Bild er sich verliebt hat, als Braut heimzuführen, zieht er mit 21 erneut nach Kitor ...
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Kritik

"Mahmud der Schlächter" ist kein historischer Roman über Sultan Mahmud von Ghazni (971 – 1030), sondern Ernst Augustin erzählt eine Art orientalisches Epos voller fantasie- und humorvoller, mitunter auch grausamer Mikrogeschichten.
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Gegen Ende des 10. Jahrhunderts werden in Ghazni, einer Residenzstadt am Knotenpunkt alter Karawanenwege im Südosten von Afghanistan, fast zur gleichen Zeit drei Söhne des Königs Habibullah geboren: Königin Bilkis kommt mit dem schwächlichen Fazl Bad nieder, ihre Schwester Gum mit dem feisten Khazi und eine Unbekannte mit dem kräftigen Mahmud. König Habibullah erkennt auch den Bastard an, den er mit einer Angehörigen der Unterschicht zeugte und lässt alle drei Säuglinge gemeinsam in eine Wiege legen.

Die ehrgeizige Gum, die ihren Sohn als Nachfolger Habibullahs auf dem Thron sehen will, lässt nach Mahmuds Mutter suchen.

Zunächst aber war es gar nicht einfach, sie zu finden, man kannte ihren Namen nicht – ich kenne ihn auch nicht –, in ihrer unbedeutenden Art hatte sie sich irgendwo im Freien eingerichtet, wo zwei Straßenmauern einen gerade so großen Winkel bildeten, dass ein Mensch darin hocken konnte. (Seite 32f)

Sobald man sie gefunden hat, lässt Gum der Fünfzehnjährigen die Nase abschneiden und sie als Sklavin verkaufen.

Doch ihrem Sohn kann Gum nicht helfen: Khazi erdrückt zwar Fazl Bad in der Wiege, wird jedoch noch in derselben Nacht von Mahmud erwürgt.

Die Amme, die als erste die beiden toten Prinzen entdeckt, holt fünf andere Frauen herbei, aber keine von ihnen wagt es, die Schreckensmeldung weiterzuleiten, denn sie wissen, wie grausam Überbringerinnen einer schlechten Botschaft zumeist bestraft werden. Am ausgestreckten Arm, als ob es sich um eine giftige Natter handeln würde, trägt schließlich ein Wächter Mahmud zum König, der das Kind wider Erwarten nicht töten, sondern nur aus dem Thronsaal bringen lässt.

Mahmud kriecht zwischen den Beinen der Erwachsenen herum, bis er in ein Loch fällt, durch einen unterirdischen Gang purzelt und am Fuß der Festungsmauern im Freien liegen bleibt. Eine Löwin nimmt sich seiner an, säugt ihn und verteidigt ihn gegen andere wilde Tiere.

Feststeht, dass sie [die Löwin] sich Sorgen machte. Je kräftiger ihr Junges wurde, desto absonderlicher verhielt es sich. Zum Beispiel zeigte es eine fatale Neigung, sich aufzurichten und auf den Hinterbeinen zu laufen, was sie keinesfalls dulden konnte, da es nicht nur dumm, sondern auch gefährlich war. (Seite 67f)

Drei Jahre, nachdem Gum noch einen Prinzen zur Welt brachte, der den Namen Esan erhielt und zu ihrem Kummer überaus phlegmatisch ist, begibt sich König Habibullah auf Löwenjagd und lässt zu diesem Zweck Knüppelträger rekrutieren, darunter den Erzähler.

Keineswegs freiwillig, wie man sich denken kann, ich hatte zu einem unglücklichen Zeitpunkt an der Mauer gesessen, als ein Mann kam und mit dem Finger zeigte: Du da, und du da – und ich eben auch […] Ich hatte bis dahin ernstlich versucht, mich aus allem herauszuhalten, was mir ja auch gelungen war – ihr seid meine Zeugen –, Wanderer zwischen den Geschicken. Den Vorwurf, mit einem Bein durch die Buchseiten zu treten, wie gewissen übereifrigen Autoren geschehen, muss ich mir nicht machen. (Seite 78f)

Die Männer fangen eine tapfere Löwin und das von ihr beschützte Junge, das jedoch nicht wie ein kleiner Löwe aussieht, sondern sich als kratzender, beißender und fauchender kleiner Teufel erweist. Als der König auf der Stirn des Vierjährigen ein sichelförmiges Mal entdeckt, erkennt er daran seinen illegitimen Sohn Mahmud: Er befiehlt, die Löwin laufen zu lassen und nimmt Mahmud auf dem Rückweg mit in den Palast.

Gum beobachtet es mit Entsetzen und lässt eilig einen Mann aus Kandahar kommen, der für Esan einen Bart flechtet, den dieser umbinden kann, um wie ein mächtiger Herrscher auszusehen.

Als Habibullah bei einem so genannten Schafkopftreiben, einem Reiterspiel, vom Pferd stürzt und kein Lebenszeichen mehr von sich gibt, setzt Gum ihren Sohn mit umgebundenem Bart auf den Thron. Doch als die Träger die Bahre mit dem König etwas unsanft davor absetzen, kommt Habibullah wieder zu sich, erblickt Esan und ruft erzürnt: „Der da nicht!“

Im Alter von sechzehn Jahren zieht Mahmud mit vierzig Reitern zu einem Eroberungsfeldzug über den Khaiberpass. Nach der Schlacht am Jhelum, dem westlichsten Fluss im asiatischen Fünfstromland (Pandschab), eilt ihm auf der indischen Halbinsel der Schrecken voraus. „Mahmud der Schlächter“ nennt man ihn.

Als Mahmud ein Bildnis der Prinzessin Nahmi sieht, verliebt er sich auf der Stelle und schickt Hadda Ghan als Brautwerber zu ihrem Zwillingsbruder König Hanuman nach Kitor voraus. Er ahnt nicht, dass Hanuman seiner Schwester – die er aufgrund einer düsteren Prophezeiung niemals sehen durfte – als Sechzehnjähriger einen vergifteten Kuchen schickte, nachdem er sie von einem Künstler aus Udaipur hatte malen lassen. Hanuman tötete auch seine Mutter Rani-Sati, indem er sie nach dem Tod seines Vaters Upadhya Ummed Nandi zwang, sich zu der Leiche auf den Scheiterhaufen zu legen, bevor dieser angezündet wurde.

Statt den furchterregenden Besucher darüber aufzuklären, dass Nahmi längst tot ist, tut Hanuman so, als gehe er auf die Brautwerbung ein und sagt zu sich selbst:

Die Braut?
Wenn es sie gäbe, bekäme er sie nicht.
Doch da es sie nicht mehr gibt, soll er sie haben. (Seite 216)

Allerdings bekommt Mahmud keine Frau zu Gesicht, und Hanuman erklärt ihm, allenfalls die Mutter des Bräutigams dürfe die ansonsten verschleierte Braut vor der Hochzeit begutachten.

Also kehrt Mahmud der Schlächter im vierten Jahr seines Feldzugs nach Ghazni zurück, um beim nächsten Mal – in Ermangelung seiner leiblichen Mutter – die Bettgenossin seines Vaters und Mutter seines Halbbruders Esan als Ersatzmutter mitnehmen zu können. Mahmud ahnt unterwegs noch nicht, dass sein Vater vier Wochen nach seinem Aufbruch starb und Gum sogleich Esan auf den Thron setzte. Ein Zahnreißer verbreitet in Ghazni die Nachricht von der Rückkehr des erfolgreichen Eroberers. Aus Furcht vor dem Grausamen reißt Gum ihrem Sohn den Bart ab, zerrt ihn vom Thron, schneidet ihr Haar ab, zerreißt ihr Kleid und wirft sich Mahmud zu Füßen.

Nachdem Mahmud vom Tod seines Vaters erfahren hat, setzt er einen loyalen Hauptmann als Vizekönig in Ghazni ein und zieht im Alter von einundzwanzig Jahren erneut über den Khaiberpass.

Diesmal wird sein Reiterheer von einem Gegner mit hundert Kriegselefanten überrannt, aber die gewaltigen Tiere bleiben weder stehen, noch kehren sie um, sondern sie laufen einfach weiter, sodass es bei einem einmaligem Zusammenprall bleibt. Mahmud hat ein Drittel seiner Reiter verloren, aber er ruft die restlichen zusammen und lässt auch so viele Kriegselefanten wie möglich einfangen, bevor er weiter nach Kitor reitet, um seine Braut zu holen.

Hanuman, der gehofft hatte, Mahmud nie wiederzusehen, traut seinen Augen nicht, als dieser erneut auftaucht. Eine Weile lässt Mahmud sich hinhalten, bis er darauf besteht, dass Gum die Braut begutachtet. Doch als sie aus dem Zelt kommt, kann sie Mahmud nur mitteilen, dass da keine Braut für ihn ist. Um Mahmud zu besänftigen, behauptet Hanuman, er habe etwas viel Besseres für ihn als Nahmi: zwei Nahmis, zwei Zwillingsschwestern.

Es scheint, dass uns die Geschichte über den Kopf wächst: Da ist eine Braut, die es gar nicht gibt, nie gegeben hat und die noch dazu gestorben ist. Die soll es nun plötzlich gleich zweimal geben? (Seite 282)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Inzwischen hat Hanuman sich in Gum verliebt, und die ebenso ehrgeizige wie skrupellose Intrigantin macht sich das zunutze: Sie hilft ihrem Geliebten, Mahmud ins Verderben zu locken. Der gutgläubige Mahmud vermutet die Bräute hinter einer Tür, die mit einem Schleier verhängt ist und lässt sich von Gum dazu überreden, vor dem Durchschreiten Rüstung und Waffen abzulegen. Hinter ihm fällt die Tür ins Schloss, und statt in einem Brautgemach findet Mahmud sich im Verlies unter dem Palast wieder. In dem ausgedehnten Höhlensystem im Berg von Kitor stößt Mahmud auf seine leibliche Mutter, die hier seit Jahren gefangen gehalten wird. Sie erkennt ihn an dem Mal auf der Stirn, und nach sieben Tagen führt sie ihn an einem unterirdischen Fluss entlang zu einem Wehr. Obwohl der Mechanismus eingerostet ist, gelingt es ihr, die Schleuse zu öffnen. Gewaltige Wassermassen ergießen sich in das Höhlensystem und verdampfen in den 3000 Grad heißen Felsspalten tief darunter. Mahmud und seine Mutter gelangen ins Freie und beobachten von dem eine halbe Wegstunde entfernten Dorf Mandalap, wie die Erde bebt und der Berg samt dem Palast und dessen Bewohnern explodiert.

Statt mit einer Braut kehrt Mahmud der Schlächter mit seiner Mutter nach Ghazni zurück. Vor seinem 25. Geburtstag, an dem zugleich der 40. Geburtstag seiner Mutter gefeiert wird, lässt er Gold- und Silberschmiede aus Udaipur, Ajmer und Jodhpur kommen und eine goldene Nase für seiner Mutter anfertigen.

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Mahmud von Ghazni (auch Ghasni oder Ghazna) lebte von 971 bis 1030 und herrschte von 998 bis zu seinem Tod als Sultan über das türkische Ghaznawiden-Reich. Der Hof von Ghazni im Südosten Afghanistans war in dieser Zeit ein Zentrum islamischer Kunst und Wissenschaft. Mahmud dehnte seine Herrschaft durch Eroberungszüge bis zum Ganges im Osten und nach Persien im Westen aus. Nach seinem Tod zerfiel das Reich wieder.

In seinem Roman „Mahmud der Schlächter“ – Neuausgabe: „Mahmud der Bastard“ – hält Ernst Augustin sich allerdings nicht an historische Tatsachen, sondern er erzählt eine Art orientalisches Epos voller fantasievoller, mitunter auch grausamer Episoden. Auf humorvolle Weise bringt der Erzähler sich selbst mit ein und klagt darüber, dass die Hauptfigur ein von ihm nicht mehr kontrollierbares Eigenleben führe.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

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