Baran bo Odar: Das letzte Schweigen – Mit Ulrich Thomsen,
Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Saß u. a.
      Kritik:
Ebenso wie in dem Roman "Das Schweigen" von Jan Costin Wagner geht es in der Verfilmung durch Baran bo Odar weniger um die Aufklärung von Verbrechen als um die Frage, wie die Angehörigen der Opfer, die Polizei und die Täter damit umgehen. Kritik, Filmkritik, Rezension, Filmbesprechung
 

Das letzte Schweigen

 
  Inhalt:
1986 wird die elfjährige Pia vergewaltigt und ermordet. Das Verbrechen bleibt unaufgeklärt. An derselben Stelle findet man 23 Jahre später das Fahrrad der vermissten Sinikka. Der pensionierte Kommissar Krischan Mittich, der damals die Ermittlungen leitete, ist überzeugt, dass Pias Mörder noch einmal zugeschlagen hat. Eine Spur führt zu Timo Friedrich, einem verheirateten Architekten mit zwei Kindern ... Handlung, Inhalt, Inhaltsangabe, Zusammenfassung

Originaltitel: Das letzte Schweigen – Regie: Baran bo Odar – Drehbuch: Baran bo Odar, nach dem Roman "Das Schweigen" von Jan Costin Wagner – Kamera: Nikolaus Summerer – Schnitt: Robert Rzesacz – Musik: Michael Kamm, Kris Steininger – Darsteller: Ulrich Thomsen, Wotan Wilke Möhring, Burghart Klaußner, Katrin Saß, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker, Claudia Michelsen, Oliver Stokowski, Jule Böwe u.a. – 2010; 115 Minuten Besetzung und Crew für

   


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Baran bo Odar: Das letzte Schweigen

Inhaltsangabe:

Der Student Timo (Wotan Wilke Möhring) sitzt am 8. Juli 1986 bei dem Hausmeister Peer Sommer (Ulrich Thomsen) in der abgedunkelten Wohnung. Nachdem sie sich einen kinderpornografischen Film angeschaut haben, fahren sie mit Sommers Auto so lange herum, bis sie auf der Landstraße eine elfjährige Radfahrerin entdecken. Sommer springt aus dem Wagen, zerrt das Kind ins Kornfeld und vergewaltigt es. Timo steigt ebenfalls aus und schaut tatenlos zu. Er beobachtet auch, wie Sommer die Elfjährige anschließend erwürgt. Sommer fordert seinen Komplizen auf, ihm zu helfen, die Tote zum Auto zu tragen und in den Kofferraum zu heben, aber der Student ist wie vor den Kopf geschlagen. Wortlos setzt er sich wieder auf den Beifahrersitz und wartet, bis Sommer losfährt. Auf dessen Aufforderung hin wirft er den Kopfhörer des Walkman, den das Mädchen verloren hatte, aus dem Fenster.

23 Jahre später wird Kommissar Krischan Mittich (Burghart Klaußner), der damals die Ermittlungen leitete, in den Ruhestand verabschiedet. Das 1986 vergewaltigte und ermordete Mädchen hieß Pia. Ihre Leiche wurde von Tauchern aus einem See geborgen. Dass der Fall nicht aufgeklärt werden konnte, belastet Mittich schwer, zumal er Pias Mutter Elena Lange (Katrin Saß) im Verlauf der Ermittlungen näher kam und ihr Liebhaber geworden ist.

Nach einem Streit mit ihren Eltern Ruth und Karl Weghamm (Karoline Eichhorn, Roeland Wiesnekker) rennt die 14-jährige Sinikka (Anna Lena Klenke) aus dem Haus und fährt mit dem Rad zu einem Volksfest, wo sie allerdings vergeblich auf ihre Freundin Marie wartet.

Sinikka kehrt nicht mehr zurück. Die besorgten Eltern melden sie als vermisst. Kommissar Matthias Grimmer (Oliver Stokowski) geht zunächst davon aus, dass die 14-Jährige wieder auftaucht, aber sein pensionierter Vorgänger Mittich ist überzeugt, dass der Verbrecher von damals erneut zugeschlagen hat. Ein Bauer meldet sich bei der Polizei. Er fand in einem Kornfeld ein Fahrrad, ziemlich genau an der Stelle, an der 1986 Pias Rad gelegen hatte.

In den Fernsehnachrichten hört Timo von dem neuen Fall. Hat Peer Sommer erneut ein Mädchen vergewaltigt und ermordet?

Timo heiratete einige Zeit nach dem Verbrechen Julia Friedrich (Claudia Michelsen), trägt den Familiennamen seiner Frau und hat mit ihr zwei Kinder: Laura und Malte (Amon Robert Wendel). Durch den aktuellen Fall wird er aufs Neue von Schuldgefühlen geplagt. Der Architekt erklärt Julia, er habe auswärts zu tun und fährt in die Stadt, in der Peer Sommer 1986 lebte. Tatsächlich arbeitet der Hausmeister noch im selben Mietshaus wie damals. Sommer beteuert, dass er mit dem aktuellen Fall nichts zu tun habe.

Die Polizei stößt währenddessen auf die Akte eines 1982 vermisst gemeldeten und seither spurlos verschwundenen Mädchens namens Martina. Ebenso wie im Fall Pia fiel Zeugen ein rotes Auto auf. Grimmer lässt seine Leute die Männer auflisten, die 1982 bzw. 1986 in der Umgebung wohnten und ein rotes Auto besaßen. Sie sollen alle überprüft werden.

Nach dem Besuch bei Peer Sommer sucht Timo die Stelle im Kornfeld, an der Pia ermordet wurde. Dort steht ein Flurkreuz. Dann klingelt er bei Elena Lange und um mit ihr ins Gespräch zu kommen erkundigt er sich, ob das Nachbarhaus zu kaufen sei. Er behauptet, sich beruflich verändern und mit seiner Familie in die Gegend ziehen zu wollen.

Als er weg ist, ruft Elena Krischan Mittich an. "Er" sei dagewesen, sagt sie. Wie erhofft, wurde er durch die aktuellen Ereignisse aufgeschreckt und kehrte an den Tatort zurück. Der pensionierte Kommissar kommt sofort zu ihr. Nachdem er Bücher von Dieter Wunderlich sich ihren Bericht über den Besuch angehört hat, überredet er Kommissar David Jahn (Sebastian Blomberg), mit ihm zu der Adresse zu fahren, die auf der Geschäftskarte angegeben ist, die Elena von Timo Friedrich bekam. Julia Friedrich erklärt, ihr Mann sei geschäftlich unterwegs. Unter dem Vorwand, die Toilette aufsuchen zu wollen, verlässt Mittich das Wohnzimmer. Aber statt ins Gäste-WC geht er ins Arbeitszimmer des Hausherrn und fährt den PC hoch. Auf der Festplatte sind Unmengen kinderpornografischen Materials gespeichert.

Bei der Befragung der Kfz-Halter gerät die hochschwangere Polizistin Jana Gläser (Jule Böwe) an Peer Sommer, der von 1982 bis 1986 einen roten Audi besaß. Nach dem Gespräch malt sie ein Fragezeichen hinter seinen Namen auf der Liste. Aber da erfährt sie durch einen Anruf, dass man den Täter gefunden habe. Also streicht Jana den Namen Peer Sommer durch.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Vier Radfahrer sahen, wie sich ein Autofahrer mit seinem Wagen in einen See katapultiert. Die Polizei birgt das Wrack und findet darin Timo Friedrichs Leiche. Da es sich offenbar um einen Päderasten handelt und seine DNA an dem Kopfhörer gefunden wurde, der in der Nähe von Pias Fahrrad gelegen hatte, hält Grimmer ihn für den Mörder von Martina, Pia und Sinikka, auch wenn bisher nur Pias Leiche gefunden wurde.

Bald darauf entdeckt ein Schwimmer im Schilf die Leiche eines Mädchens und alarmiert die Polizei. Ruth und Karl Weghamm identifizieren die Tote als ihre Tochter Sinikka.

David Jahn hört sich noch einmal Aufzeichnungen von Aussagen im Fall Pia an und kommt zu dem Schluss, dass der Kopfhörer auf der Beifahrerseite aus dem Auto geworfen wurde. Also war der Täter nicht allein. Grimmer wischt diese Theorie vom Tisch. Jahn weist vergeblich darauf hin, dass Sinikka offenbar nicht vergewaltigt wurde und die Fälle deshalb wahrscheinlich nichts miteinander zu tun haben. Aber Grimmer lässt sich nicht beirren und tut Jahns Argumente als Hirngespinste eines Mannes ab, der verstört ist, weil seine junge Frau vor fünf Monaten starb. Es kommt zu einem heftigen Streit. Jahn greift seinen Chef tätlich an und wird daraufhin vom Dienst suspendiert.

Peer Sommer erfährt aus der Zeitung von Timo Friedrichs Suizid. Das macht ihn betroffen, aber er geht weiter unbehelligt seiner Hausmeistertätigkeit nach.

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Filmkritik:

Der Film "Das letzte Schweigen" von Baran bo Odar beginnt ebenso wie die literarische Vorlage, der Roman "Das Schweigen" von Jan Costin Wagner, mit der Vergewaltigung und Ermordung eines Mädchens. Wir kennen die Täter also von Anfang an. Aber es kommt nicht so sehr auf die Aufklärung des Falls an, sondern es geht um die Frage, wie die Betroffenen mit dem Verbrechen umgehen, die Eltern mit dem Verlust, der Kommissar mit dem Scheitern seiner Aufklärungsbemühungen und die Täter mit der Schuld. "Das letzte Schweigen" ist denn auch mehr Drama als Thriller.

Baran bo Odar hat die Handlung von Finnland nach Deutschland verlegt, aber mit einer bedeutsamen Ausnahme hält er sich eng an die Vorlage. Dass er im Fall Sinikka einen völlig anderen Weg als Jan Costin Wagner einschlägt, wirft die Frage auf, wieso Sinikkas Fahrrad exakt an der Stelle gefunden wird, an der 23 Jahre zuvor das der ermordeten Pia lag. Die Erklärung aus dem Buch passt aufgrund der Änderung im Film nicht mehr. Außerdem fehlt nun bei dem Handlungsstrang über Sinikka des Ende. (Deutlicher möchte ich an dieser Stelle nicht werden, um nicht zu viel zu verraten.)

Baran bo Odar entwickelt die Handlung chronologisch und wechselt dabei zwischen den verschiedenen Perspektiven hin und her: Pias Mutter, Sinikkas Eltern, Ermittler, pensionierter Kommissar, Täter. Die Figuren sind hochkarätig besetzt. Überzeugend verkörpert Ulrich Thomsen den gewissenlosen Verbrecher, der seit 30 Jahren unauffällig als Hausmeister arbeitet.

Bei "Das letzte Schweigen" handelt es sich um den Debüt-Kinofilm des Schweizers Baran bo Odar (* 1978).

Inhaltsangabe

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012

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