Stefan Zweig : Angst

Angst

Stefan Zweig

Angst

Angst Manuskript: 1910 Erstveröffentlichung: 1920

Inhaltsangabe


Eine seit acht Jahren mit einem erfolgreichen Strafverteidiger verheiratete Frau lässt sich auf ein Verhältnis mit einem Pianisten ein und wird deshalb plötzlich erpresst ...

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Kritik

In dieser pychologischen Novelle leuchtet Stefan Zweig die Angst einer Ehebrecherin nuanciert aus.
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Als Frau Irene die Treppe von der Wohnung ihres Geliebten hinabstieg, packte sie mit einem Male wieder jene sinnlose Angst. Ein schwarzer Kreisel surrte plötzlich vor ihren Augen, die Knie froren zu entsetzlicher Starre, und hastig musste sie sich am Geländer festhalten, um nicht jählings nach vorne zu fallen. Es war nicht das erstemal, dass sie den gefahrvollen Besuch wagte, dieser jähe Schauer ihr keineswegs fremd, immer unterlag sie trotz aller innerlichen Gegenwehr bei jeder Heimkehr solchen grundlosen Anfällen unsinniger und lächerlicher Angst. Der Weg zum Rendezvous war unbedenklich leichter. Da ließ sie den Wagen an der Straßenecke halten, lief hastig und ohne aufzuschauen die wenigen Schritte bis zum Haustor und dann die Stufen eilend empor, und diese erste Angst, in der doch auch Ungeduld brannte, zerfloss heiß in einer grüßenden Umarmung. Aber dann, wenn sie heim wollte, stieg es fröstelnd auf, dies andere geheimnisvolle Grauen, nun wirr gemengt mit dem Schauer der Schuld und jenem törichten Wahn, jeder fremde Blick auf der Straße vermöchte ihr abzulesen, woher sie käme, und mit fremdem Lächeln ihre Verwirrung erwidern.

So beginnt die Novelle „Angst“.

In der Haustür stößt Irene Wagner mit einer korpulenten Frau zusammen. Sie entschuldigt sich und versucht, rasch vorbeizukommen, aber die Person versperrt ihr den Weg und schreit: „Dass ich Sie nur einmal erwische!“ Sie behauptet, Eduards Freundin zu sein. Irene drückt ihr alle Geldscheine in die Hand, die sie gerade im Portemonnaie hat und schwört, niemals wieder hierher zu kommen.

Irene ist seit acht Jahren mit dem erfolgreichen Strafverteidiger Fritz Wagner verheiratet. Sie haben zwei Kinder: einen Jungen und ein Mädchen. Vor kurzem lernte sie bei einer Abendgesellschaft einen Pianisten kennen und wurde seine Geliebte, ohne es recht zu wollen oder darüber nachzudenken, „aus einer gewissen Trägheit des Widerstandes gegen seinen Willen und einer Art unruhigen Neugier“.

Nach der erschreckenden Begegnung mit der Frau teilt Irene ihrem Geliebten brieflich mit, sie könne sich in den nächsten Tagen nicht mit ihm treffen. Eduard antwortet noch am selben Nachmittag mit einem verstörten, flehentlichen Brief. Seine Gier und Verzweiflung schmeichelt ihrer Eitelkeit. Deshalb bestellt sie ihn in eine Konditorei, wo sie als junges Mädchen ein unschuldiges Rendezvous mit einem Schauspieler hatte.

Auf dem Rückweg von der kurzen Unterredung trifft Irene erneut auf die freche Person. Da sie bei der ersten Begegnung einen Schleier trug, war sie sicher, dass die Frau sie bei einem zufälligen Wiedersehen nicht erkennen würde und wollte sich deshalb in so einem Fall nichts anmerken lassen. Jetzt aber erschrickt sie und stammelt: „Was … was wollen Sie denn schon wieder?“ Da ist es mit dem Leugnen vorbei. Die Person spricht sie sogar mit ihrem Namen an und weiß offenbar, wo sie wohnt. Irene nimmt alles Geld aus ihrem Täschchen. Diesmal ist die Frau mit dem Geld allein nicht zufrieden: „Geben S‘ mir doch auch die Silbertasche, damit ich das Geld nicht verlier‘!“

Drei Tage wagt Irene sich nicht aus dem Haus. Den Kindern, dem Ehemann, der Gouvernante und den Dienstboten fällt das ungewohnte Verhalten auf.

In der Nacht schreckt sie aus einem Albtraum hoch, in dem sie von der Erpresserin verfolgt und von ihrem eigenen Mann mit einem Messer bedroht wurde. Fritz Wagner sitzt am Bettrand und erkundigt sich besorgt, was mit ihr los sei. Lachend erwidert sie: „Was fällt dir ein. Weil ich nicht gut schlafe, sollte ich schon Geheimnisse haben? Am Ende gar Abenteuer?“

Während die Familie am nächsten Tag beim Mittagessen sitzt, wird Irene ein Brief gebracht. „Bitte, gegen Sie dem Überbringer dieses sofort hundert Kronen.“ Sie geht in ihr Zimmer, findet den Schlüssel zu ihrer Schatulle nicht gleich, legt endlich die Geldscheine in ein Kuvert und übergibt es selbst dem an der Haustür wartenden Dienstmann. Dann kehrt sie zu ihrem Mann und den Kindern zurück und stellt erschreckt fest, dass sie den Brief offen neben ihrem Teller liegen ließ.

Auf der Straße fühlt sie sich verfolgt. Die Person? Nein, es ist ihr Geliebter. Ihn hatte sie in diesen Tagen völlig vergessen.

Am folgenden Tag erhält sie einen Zettel mit einer Forderung über 200 Kronen. Irene macht sich nichts vor: Die Erpressung geht weiter, wird sich steigern, und sobald sie nicht mehr zahlen kann, erhält ihr Mann einen Brief. Mit dem Geld kann sie nichts anderes als ein paar Tage Aufschub kaufen.

Ihre Tochter Helene wirft heimlich ein buntes Holzpferdchen des Bruders in den Ofen. Fritz Wagner veranstaltet eine kleine Gerichtsverhandlung, zeigt viel Verständnis und ermutigt das weinende Mädchen schließlich zu einem Geständnis. Irene bedauert Helene wegen der verhängten Strafe, doch ihr Mann erklärt ihr:

Unglücklich war sie gestern, als das arme Pferdchen zerbrochen im Ofen steckte, alles im Hause danach suchte und sie tagaus, tagein die Angst hatte, man würde, man müsse es entdecken. Die Angst ist ärger als die Strafe, denn die ist ja etwas Bestimmtes …

Nach zwei Wochen kommt die impertinente Person sogar ins Haus und verlangt weitere 400 Kronen. Irene beteuert, nicht über so viel Geld zu verfügen. Da verlangt die Frau ihren Verlobungsring, und als Irene ihren Mann nach Hause kommen hört, zieht sie den Ring rasch ab.

Beim Abendessen fragt Fritz Wagner, warum sie ihren Ring nicht trage. Der sei beim Putzen, lügt sie.

Sie geht aufs Geratewohl spazieren und merkt plötzlich, dass sie sich vor dem Haus befindet, in dem ihr Geliebter wohnt. Spontan geht sie hinauf und stellt ihn wegen der Erpresserin zur Rede. Er ist verlegen, weil in seiner Wohnung eine andere Frau ist, beteuert jedoch, von nichts zu wissen und niemand zu kennen, auf den die Beschreibung passen würde.

Auf der Straße glaubt Irene zweimal, kurz ihren Mann zu sehen. Spürt er ihr nach?

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Irene ist am Ende ihrer Kräfte und besorgt in einer Apotheke Gift. Da schiebt jemand sie beiseite und legt das Geld auf die Schale. Es ist ihr Mann. Zu Hause gießt er das Fläschen aus. Irene wird von einem Weinkrampf geschüttelt und ist nicht mehr zu beruhigen.

Ihr Mann versichert ihr, die Frau werde sie nie wieder belästigen. Er habe zufällig von Irenes Verhältnis mit dem Pianisten erfahren und daraufhin eine Schauspielerin dafür bezahlt, die Rolle einer Erpresserin zu spielen. Damit wollte er Irene zurückgewinnen. Jetzt sei ihm klar, wie sehr er sie damit gequält habe und er bereue es.

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„Angst“ ist eine außergewöhnlich psychologische Novelle, in der Stefan Zweig die Gefühle einer Ehebrecherin nuanciert ausleuchtet. Er erzählt die Geschichte temporeich und schafft durch Andeutungen etwas, das wir heute „Suspense“ nennen. Mit einer unerwarteten Wendung sorgt er am Schluss für eine Überraschung.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002
Textauszüge: © Reclam-Verlag

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