Eigensinnige Frauen


»Mein wichtigstes Werk ist mein Leben«, befand die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir (1908 – 1986). Die Lebenslügen ihrer um Anpassung bemühten großbürgerlichen Eltern vor Augen, weigerte sie sich, die Rolle einer Ehefrau oder auch nur hausfrauliche Pflichten zu übernehmen, und in ihrer lebenslangen Beziehung mit Jean-Paul Sartre bestand sie nicht zuletzt auf ihrer sexuellen Unabhängigkeit. Nicht einmal vom Feminismus ließ sie sich vereinnahmen. Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung betrachtete Simone de Beauvoir als die Fundamente aller Werte. Sie ging wie Sartre davon aus, dass der Einzelne sich durch seine Handlungen definiere; es komme darauf an, unabhängig von Traditionen und Religionen, Doktrinen und Ideologien persönliche Entscheidungen zu treffen – auch wenn das Ängste auslöse.

»Die Person Simone de Beauvoir, die Summe ihres Werkes und ihres Lebens, war – und ist – Symbol«, schrieb Alice Schwarzer (* 1942), »Symbol für die Möglichkeit, trotz allem ein ganzes Stück selbstbestimmt und frei von Konventionen und Vorurteilen zu leben, auch als Frau.« Beide Ikonen der Frauenbewegung haben viel für die Gleichberechtigung der Geschlechter getan; Frauen, die ihre eigenen Lebenswege suchten, statt ausgetretenen Pfaden zu folgen, finden wir jedoch auch in vergangenen Jahrhunderten. Zu allen Zeiten und in allen Lebensbereichen gab es Frauen, die nicht bereit waren, ihr Schicksal passiv zu erdulden oder sich gesellschaftlichen Erwartungen widerstandslos zu unterwerfen, sondern ihre persönlichen Ziele verfolgten und die Verantwortung dafür übernahmen. Früher wurden sie allerdings noch heftiger attackiert als heute, wenn sie gegen den Strom schwammen.

Maria Ward (1585 – 1645) ist dafür ein Beispiel: Ein Leben lang rang die aus England stammende Nonne mit den Männern der Kirche um die Anerkennung des von ihr Anfang des 17. Jahrhunderts in Flandern gegründeten Ordens. – In einer Zeit, in der angesehene Familien ihre pubertierenden Töchter nur deshalb in Klosterinternate schickten, weil sie dort weniger der Gefahr ausgesetzt waren, vor der Hochzeit ihre Jungfräulichkeit zu verlieren, hielten die »Englischen Fräulein« ihre Schützlinge zum selbstständigen Denken an und förderten individuelle Begabungen. Außerdem blieben sie nicht hinter Klostermauern, wie sich das für Ordensschwestern ziemte, sondern sahen ihre Aufgabe darin, die Menschen im Alltag anzusprechen. – 1621 wanderte Maria Ward zu Fuß zum Papst nach Rom, um ihn zu bitten, ihrem Projekt zuzustimmen. Gregor XV. legte sich jedoch nicht fest, sondern versicherte sie nur mit diplomatischen Worten seines Wohlwollens. Ihre Gegner verleumdeten sie, und die Machthaber der Kirche versteckten sich hinter Beschlüssen von Gremien. Maria Ward gab selbst dann nicht auf, als sie, der Häresie beschuldigt, zwei Monate lang in einem Klarissinnen-Kloster in München eingesperrt wurde. Den Erfolg ihrer Bemühungen erlebte sie nicht mehr: Erst 334 Jahre nach ihrem Tod wurde die von Maria Ward ins Leben gerufene Ordensgemeinschaft der »Englischen Fräulein« von der römisch-katholischen Kirche anerkannt.

Mit Schwierigkeiten mussten auch Frauen rechnen, die in Männerdomänen eindrangen, wie etwa Camille Claudel (1864 – 1943), die es sich bereits als Kind in den Kopf gesetzt hatte, Bildhauerin zu werden. Niemand traute einer zarten Bürgertochter zu, einen Muskeln erfordernden Männerberuf auszuüben. Camille ließ sich jedoch nicht davon abbringen und fand mit achtzehn in dem vierundzwanzig Jahre älteren Bildhauer Auguste Rodin einen Mentor. Ihre Arbeiten wurden bewundert. Allerdings nahmen die meisten an, dass die Ideen von Rodin stammten, denn die landläufige Auffassung ging davon aus, dass nur Männer über schöpferische Kräfte verfügen. – Nach zwölf Jahren brach Camille Claudel ihre skandalöse Liebesbeziehung mit Rodin ab und versuchte, als Künstlerin aus seinem Schatten herauszutreten. Dabei zerbrach sie an dem Unverständnis einer Gesellschaft, in der sich niemand vorstellen konnte, dass eine Frau zu eigenständiger künstlerischer Arbeit fähig ist. Camille Claudel verbarrikadierte sich in ihrem Atelier, hielt die Fensterläden auch tagsüber geschlossen, trank und verwahrloste. Mit einundvierzig zertrümmerte sie ihre Skulpturen. Ihr Bruder Paul Claudel ließ sie 1913 zwangsweise in eine Irrenanstalt bringen, in der sie die letzten dreißig Jahre ihres Lebens dahinvegetierte.

Um ihre Vorherrschaft in der Familie und in der Gesellschaft zu bewahren, verwehrten die Männer den Frauen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts das Wahlrecht und verteidigten ihr Bildungsprivileg.

Wenigen Frauen war es bereits vor dem 19. Jahrhundert gelungen, ein Universitätsstudium zu absolvieren. So hatte beispielsweise Dorothea Erxleben (1715 – 1762) – trotz ihrer fünf angeheirateten und vier eigenen Kinder – mit einer Ausnahmegenehmigung Friedrichs des Großen 1754 an der medizinischen Fakultät der Universität Halle als erste deutsche Frau promovieren dürfen. Das blieb allerdings ein Einzelfall. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts öffneten sich die Hochschulen für Studentinnen. In Deutschland konnten sich Frauen erstmals für das Sommersemester 1900 an den Universitäten in Heidelberg und Freiburg im Breisgau immatrikulieren. Bis dahin hatte man sie allenfalls als Gasthörerinnen geduldet, so zum Beispiel in Preußen ab 1896.

Die Zulassung zum Studium bedeutete jedoch keineswegs, dass Akademikerinnen gesellschaftlich akzeptiert wurden. Das erfuhr auch Emilie Kempin-Spyri (1853 – 1901). Sie promovierte 1887 im Alter von vierunddreißig Jahren an der staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich, wo sich Studentinnen seit 1863 einschreiben konnten. Doch als die promovierte Juristin einige Monate später als Dozentin vorgeschlagen wurde, entschied der Senat nach einer Grundsatzdiskussion, keine Privatdozentinnen zu beschäftigen. Trotz ihrer fundierten juristischen Ausbildung konnte Emilie Kempin-Spyri keine Mandanten vor Gerichten in Zürich vertreten, denn das blieb »Aktivbürgern« vorbehalten, also wahlberechtigten Zürchern, und das waren bis 1970 (!) ausschließlich Männer. Während also eine fachkundige Juristin nicht als Rechtsanwältin vor Gericht agieren durfte, war es jedem beliebigen »Aktivbürger« ungeachtet seiner juristischen Kenntnisse erlaubt, als Prozessbevollmächtiger aufzutreten. (Diese Regelung galt bis 1898.) – In der Hoffnung, doch noch eine qualifizierte juristische Tätigkeit ausüben zu können, emigrierte Emilie Kempin-Spyri 1888 mit ihrem Ehemann, den drei Kindern und einem Dienstmädchen nach New York. Dort gründete sie eine Rechtsschule und dozierte als erste Frau an der juristischen Fakultät einer Universität. Trotz ihrer außergewöhnlichen Erfolge kehrte sie in die Schweiz zurück, weil ihr Mann in der Neuen Welt nicht zurechtgekommen war: Sie entschied sich für die Familie und opferte dafür ihre Karriere. – Dass es für sie im deutschsprachigen Raum unmöglich war, als Rechtsanwältin zu arbeiten, wollte die ehrgeizige Frau nicht einsehen und sie verlor darüber den Verstand. Im Alter von vierundvierzig Jahren brachte man sie in eine Nervenheilanstalt, entmündigte sie und bestellte ihren Ehemann als Vormund. Sie starb dreieinhalb Wochen nach ihrem 48. Geburtstag.

Camille Claudel und Emilie Kempin-Spyri waren nicht die einzigen Frauen, die psychisch zugrunde gingen, weil sie mit ihrem Streben nach Selbstverwirklichung an Vorurteilen in der von Männern dominierten Gesellschaft scheiterten. Frauen, denen es dagegen gelang, ihre eigenen Lebensentwürfe durchzusetzen, vollbrachten nicht selten Leistungen, von denen man geglaubt hatte, sie seien Männern vorbehalten.

So reiste beispielsweise Maria Sibylla Merian (1647 – 1717) hundert Jahre vor Alexander von Humboldt, in einer Zeit, in der es sich für eine Frau nicht schickte, ohne männliche Begleitung ins nächste Dorf zu fahren, mit ihrer Tochter nach Südamerika, um Tiere und Pflanzen im Regenwald zu erforschen.

Gertrude Bell (1868 – 1926) durchritt Wüsten auf der Arabischen Halbinsel. Aufgrund ihrer Kontakte zu einflussreichen Scheichs wurde die »Königin der Wüste« im Ersten Weltkrieg die einzige politische Offizierin des britisch-indischen Expeditionskorps in Mesopotamien. Als die Araber sich mithilfe der Briten von der osmanischen Herrschaft befreiten, beriet Gertrude Bell die Regierung in London und deren Repräsentanten vor Ort ebenso wie den ersten König des neuen Staates Irak. Bagdad wurde zu ihrer zweiten Heimat.

Amelia Earhart (1897 – 1937) war die erste Person, die sowohl den Atlantik als auch den Pazifik im Alleinflug überquerte. Mit ihren fliegerischen Pionierleistungen in den Dreißigerjahren widerlegte sie die gängige Auffassung, dass Frauen solchen Herausforderungen weder physisch noch psychisch gewachsen seien. – Eine spektakuläre Erdumrundung am Äquator sollte den Höhepunkt ihrer Karriere bilden. Zwanzig Stunden nach dem Start zur vorletzten Etappe meldete sie sich noch einmal kurz per Funk. Trotz einer sofortigen Suchaktion und weiterer Nachforschungen fehlt bis heute jede Spur von ihr.

Obwohl es in nahezu allen Epochen Herrscherinnen und Regentinnen gab, konnte man sich lange Zeit keine gewählte Regierungschefin vorstellen. Sirimavo Bandaranaike (1916 – 2000) war die erste Frau, die in diese Männerdomäne vordrang: Sie wurde 1960 zur Premierministerin Ceylons (heute: Sri Lanka) gewählt und regierte bis zu ihrem Tod am 10. Oktober 2000 in drei Amtsperioden insgesamt achtzehn Jahre lang.

»Es ist ein Zufall, dass ich eine Frau bin«, behauptete Indira Gandhi (1917 – 1984). Die kleine, fast zerbrechlich wirkende Inderin, die sich 1966 zur Regierungschefin ihres riesigen Landes wählen ließ, stand mit ihrer Entschlossenheit und Durchsetzungskraft keinem Mann nach. Sie zögerte nicht, 1971 Krieg gegen Pakistan zu führen und schlug 1984 eine Revolte im »Goldenen Tempel« vom Amritsar blutig nieder. – Indira Gandhi überstand die Spaltung ihrer Partei, und als der Oberste Gerichtshof in Allahabad sie 1975 ihres Amtes für enthoben erklärte, rief sie den Ausnahmezustand aus, um weiterregieren zu können. 1977 musste sie eine Wahlniederlage hinnehmen, aber sie beherrschte weiterhin die politische Diskussion in Indien und triumphierte bei den Wahlen im Januar 1980 erneut über ihre politischen Gegner, die alles getan hatten, um ihre Rückkehr in das Amt der Premierministerin zu verhindern. – Knapp fünf Jahre später wurde sie von einem ihrer eigenen Leibwächter erschossen.

Auch in Deutschland gelangte mit Angela Merkel (* 1954) 2005 eine Frau an die Spitze der Bundesregierung.

Die Mehrzahl der Frauen, die ihre eigenen Fußspuren hinterließen, können als Vorbilder angesehen werden. Doch es gibt auch Gegenbeispiele wie Ulrike Meinhof (1934 – 1976). – Sie war sechs Jahre alt, als ihr Vater starb, und mit fünfzehn wurde sie Vollwaise. Die kontakt- und diskutierfreudige Gymnasiastin galt als aufrichtig, mitfühlend und hochintelligent. Sie engagierte sich in der Schülermitverwaltung, später als Sprecherin des »Studentischen Arbeitskreises für ein kernwaffenfreies Deutschland« und wurde auch als Journalistin von der Sorge umgetrieben, ihre Generation könne ebenso wie die ihrer Eltern versagen und nicht laut genug gegen Missstände aufbegehren. In ihren Kolumnen und Hörfunkfeatures protestierte sie gegen soziale Ungerechtigkeiten und unterstützte Forderungen der APO. Doch sie bezweifelte zunehmend, ob sie mit ihrer journalistischen Arbeit etwas verändern konnte. Deshalb gelang es der polizeilich gesuchten Kaufhausbrandstifterin Gudrun Ensslin 1970, Ulrike Meinhof davon zu überzeugen, dass sie statt schreiben handeln müsse. Ihre erste Tat in diesem Sinne war die Mitwirkung bei der Befreiung von Gudrun Ensslins Freund und Komplizen Andreas Baader aus der Haft. Nach dieser Aktion am 14. Mai 1970 flog Ulrike Meinhof mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und anderen zur Guerilla-Ausbildung nach Jordanien. Das war die Geburtsstunde der RAF bzw. der »Baader-Meinhof-Bande«, die den Staat provozieren wollte, um ihn als brutalen kapitalistischen Machtapparat vorzuführen und die Bevölkerung für einen politischen Umsturz zu gewinnen. Im Mai 1972 zündeten die Terroristen Sprengsätze in Frankfurt am Main, Augsburg, München, Karlsruhe, Hamburg und Heidelberg. Im Monat darauf verhaftete die Polizei die führenden Köpfe der RAF. Ulrike Meinhof erhängte sich 1976 im Alter von einundvierzig Jahren in ihrer Zelle.

Was hatten eine Terroristin wie Ulrike Meinhof und eine Klosterschwester wie Maria Ward gemeinsam? Sie waren sozial engagiert und wollten die Gesellschaft nach ihren eigenen Vorstellungen verbessern. (In der Weise, wie sie das versuchten, könnten sie allerdings kaum verschiedener gewesen sein.) Alle Frauen, von denen hier die Rede ist, schwammen gegen den Strom. Das ist zwar auch heute noch gefährlich und anstrengend, aber möglichst viele Menschen sollten es tun und ihre persönlichen Ziele verfolgen. Warum? Weil ein erfülltes Leben Selbstverwirklichung voraussetzt. »Von Zeit zu Zeit sollen Frauen all das tun, was Männer bereits getan haben«, meinte Amelia Earhart, »und gelegentlich etwas, das Männer noch nicht getan haben, um sich als Persönlichkeiten zu bestätigen und vielleicht andere Frauen zu größerer Unabhängigkeit in Gedanken und Taten zu ermutigen.« Selbstbewusstsein hilft darüber hinaus gegen Sekten sowie politische oder ideologische Rattenfänger. Die demokratische Gesellschaft funktioniert nicht ohne kritische, eigenständig denkende und handelnde Individuen.

aus: Du. Das Kulturmagazin, Nr. 789, September 2008, 12 €, S. 80 – 83
© Dieter Wunderlich 2008

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