Anna Karenina

Anna Karenina

Anna Karenina

Anna Karenina – Originaltitel: Anna Karenina – Regie: Joe Wright – Drehbuch: Tom Stoppard nach dem Roman "Anna Karenina" von Leo Tolstoi – Kamera: Seamus McGarvey – Schnitt: Melanie Oliver – Musik: Dario Marianelli – Darsteller: Keira Knightley, Aaron Taylor-Johnson, Jude Law, Kelly Macdonald, Matthew Macfadyen, Olivia Williams, Emily Watson, Alicia Vikander, Ruth Wilson, Domhnall Gleeson, Holliday Grainger, Bill Skarsgård, Pip Torrens, Susanne Lothar u.a. – 2012; 125 Minuten

Inhaltsangabe

Anna Karenina ist mit einem strengen, disziplinierten und hoch angesehenen Regierungsbeamten in St. Petersburg verheiratet. Als sie dem Bonvivant Graf Wronskij begegnet, verliebt sie sich auf den ersten Blick in ihn, sträubt sich aber zunächst dagegen, eine Affäre mit ihm anzufangen. Wronskij, der sie ebenso leidenschaftlich liebt, bedrängt sie, bis sie nachgibt. Die Amour fou bleibt nicht lange unentdeckt, und die Gesellschaft ächtet die Ehebrecherin ...
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Kritik

Bei seiner Verfilmung des Romans "Anna Karenina" von Leo Tolstoi erweitert Joe Wright die Filmsprache, indem er Theaterbühne und (fiktive) Wirklichkeit kombiniert. Die Kostüme sind opulent, die Bilder ästhetisch komponiert und die Bewegungen sorgfältig choreografiert.
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Anna Arkadjewna Karenina (Keira Knightley) fährt von St. Petersburg nach Moskau, um zwischen ihrem Bruder Fürst Stepan („Stiwa“) Arkadjewitsch Oblonski (Matthew Macfadyen) und dessen Ehefrau Darja („Dolly“) Alexandrowna (Kelly Macdonald) zu vermitteln. Die beiden haben sich zerstritten, weil Dolly herausfand, dass Stepan sie mit einer früher in ihrem Haus beschäftigten Gouvernante betrog.

Auf dem Bahnsteig in Moskau wartet Oblonski auf seine Schwester. Er ist in Begleitung seines Freundes Graf Alexej („Aljoscha“) Kirillowitsch Wronskij (Aaron Taylor-Johnson), der seine Mutter abholt. Die Gräfin Wronskaja (Olivia Williams) ist zufällig während der Zugfahrt mit Anna Karenina ins Gespräch gekommen. Die Begegnung von Anna Karenina und Wronskij auf dem Bahnsteig ist nur kurz und formell, aber sie verlieben sich auf den ersten Blick ineinander. Um Anna Karenina zu imponieren, spendet Wronskij 200 Rubel für die Familie eines soeben vom Zug erfassten und getöteten Bahnarbeiters.

Anna Karenina überredet ihre Schwägerin, sich nicht von Stepan zu trennen, sondern sich mit ihm zu versöhnen. Stepan ist heilfroh darüber, denn seine wirtschaftlichen Unternehmungen sind gescheitert, und er ist auf das von seiner Frau in die Ehe eingebrachte Vermögen angewiesen. Weil er sich nicht ändert, fällt es Dolly schwer, sich zu fügen.

Während ihres Besuches in Moskau begleitet Anna Karenina die jüngere Schwester ihrer unglücklichen Schwägerin zu einem Ball. Jekaterina Alexandrowna („Kitty“) Schtscherbatski (Alicia Vikander) wird von dem mit Stepan befreundeten Gutsbesitzer Konstantin („Kostja“) Dmitrijewitsch Ljewin (Domhnall Gleeson) umworben, der dafür eigens in die Stadt gekommen ist, aber sie hat sich in Graf Wronskij verliebt und hofft, dass dieser um ihre Hand anhält.

Auf dem Ball erhält Kitty jedoch stattdessen einen Heiratsantrag von Ljewin. Als sie ihn ablehnt und er sieht, wie sie Wronskij anblickt, begreift er, dass sie nicht ihn, sondern den Grafen liebt. Daraufhin kehrt er frustriert auf sein Landgut zurück, stürzt sich in die Arbeit und meidet die Gesellschaft.

Der leichtlebige Wronskij hat jedoch überhaupt nicht vor zu heiraten, und seit er Anna Karenina auf dem Bahnsteig gesehen hat, trachtet er nach einer Möglichkeit, ihr seine leidenschaftlichen Gefühle zu gestehen. Dass sie mit dem strengen, disziplinierten und pflichtbewussten Regierungsbeamten Alexej Alexandrowitsch Karenin (Jude Law) verheiratet ist und einen Sohn hat – Sergej Alexejewitsch („Serjoscha“) – ignoriert er.

Kitty bleibt nicht verborgen, dass Wronskij nur Augen für Anna hat. Dass der Graf ihre Liebe nicht erwidert, beschämt sie und stürzt sie in eine Lebenskrise. Sie wird krank.

Anna Karenina fühlt sich innerlich zerrissen zwischen Pflicht und Leidenschaft; sie sträubt sich zunächst dagegen, eine Affäre mit Wronskij anzufangen, aber er folgt ihr nach St. Petersburg und bedrängt sie, bis sie nachgibt und mit ihm schläft. Auf Dauer lässt sich die Amour fou nicht verheimlichen: Gerüchte über eine Liebesbeziehung zwischen Graf Wronskij und Anna Karenina verbreiten sich und kommen schließlich auch Alexej Alexandrowitsch Karenin zu Ohren.

Eines Tages nimmt Wronskij an einem Pferderennen teil. Dass Anna aufschreit, als er stürzt, ist für ihren Mann der Beweis für ihre Untreue. Wronskij bleibt unverletzt, aber das Rennpferd hat sich eine Hinterhand gebrochen. Ohne zu zögern, erschießt Wronskij deshalb das Tier.

Als Anna dann schwanger wird, lässt sich nichts mehr leugnen. Aber das hat sie auch gar nicht vor: Sie gesteht ihrem Mann, dass sie Wronskijs Geliebte ist und ein Kind erwartet.

Bei der Geburt der Tochter droht Anna zu sterben. In dieser Situation verzeiht Alexej Alexandrowitsch Karenin ihr und seinem Nebenbuhler. Wronskij, der befürchtet, dass Anna zu ihrem Ehemann zurückkehren könnte, unternimmt einen Selbstmordversuch, aber nachdem Anna sich erholt hat, verlässt sie mit ihm zusammen St. Petersburg.

Während die beiden auf Reisen sind, finden Kitty und Konstantin Dmitrijewitsch Ljewin durch die Vermittlung von Kittys Schwager Stepan Arkadjewitsch Oblonski wieder zueinander, und schließlich heiraten sie doch noch.

Kurz nach der Hochzeit erfährt Konstantin, dass sein älterer Bruder Nikolaj Dmitrijewitsch (David Wilmot), ein an Tuberkulose erkrankter Alkoholiker, im Sterben liegt. Kitty lässt es sich nicht nehmen, ihren Mann zu begleiten, und sie hilft Nikolajs Lebensgefährtin Marja („Mascha“) Nikolajewna (Tannishtha Chatterjee) tatkräftig bei der Krankenpflege und Haushaltsführung. Nach Nikolajs Tod zieht das Ehepaar wieder aufs Landgut, wo Kitty einen Sohn bekommt.

Weil Anna Karenina sich nach ihrem Sohn sehnt, kehrt sie nach einem Jahr mit ihrem Liebhaber nach St. Petersburg zurück. Aber Gräfin Lydia Iwanowna (Emily Watson), eine der tonangebenden Damen der St. Petersburger Gesellschaft, hält Alexej Alexandrowitsch Karenin davon ab, seiner Frau eine Zusammenkunft mit Serjoscha zu erlauben. Am frühen Morgen gelingt es Anna einmal, Bedienstete ihres Mannes zu bestechen, damit sie ins Haus gelassen wird. Sie eilt an Serjoschas Bett, weckt ihn und nimmt ihn kurz in die Arme.

Die Gesellschaft ächtet die Ehebrecherin. Trotzig geht Anna Karenina ins Theater – was allgemein als Affront angesehen wird. Nicht einmal die unkonventionelle Fürstin Elizaveta („Betsy“) Twerskaja (Ruth Wilson), eine Cousine Wronskijs, hält zu Anna Karenina.

Frustriert zieht das Liebespaar sich mit Tochter Annie auf Wronskijs Landgut zurück. Während er sich mit der Gutsverwaltung beschäftigt, wird Anna von unbegründeter Eifersucht geplagt und verfällt in Wahnvorstellungen.

Dolly verbringt den Sommer mit ihrer Mutter (Susanne Lothar) und den Kindern bei ihrer Schwester und ihrem Schwager auf dem Land. Als sie dann auch Wronskij und Anna Karenina besucht, fällt ihr der krasse Unterschied zwischen dem einfachen Leben auf Ljewins Gut und der Extravaganz des Liebespaares auf.

Graf Wronskij glaubt, sich und Anna durch eine Eheschließung in der Gesellschaft rehabilitieren zu können. Aber dazu müssten erst Anna und Alexej Alexandrowitsch Karenin geschieden werden. Weil Anna annimmt, dass sie im Fall einer Scheidung jedes Recht verlieren würde, Serjoscha zu sehen, sträubt sie sich dagegen. Erst als sie befürchtet, dass Wronskij sich von ihr trennen könnte, willigt sie in seinen Plan ein.

Aber bevor eine Lösung realisiert werden kann, stürzt die Verzweifelte sich im Bahnhof zwischen die Waggons eines durchfahrenden Güterzugs.

Nach dem Tod seiner Ehefrau nimmt Alexej Alexandrowitsch Karenin auch deren Tochter zu sich.

Alexej Kirillowitsch Wronskij meldet sich freiwillig zum Krieg gegen die Türken auf dem Balkan. Er ist seines Lebens überdrüssig und sucht den ehrenhaften Tod.

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Wie Effi Briest (Theodor Fontane) und Madame Bovary (Gustav Flaubert), lässt sich auch Anna Karenina zu einer Amour fou hinreißen und geht daran zugrunde, weil weder ihr sittenstrenger Ehemann noch die Gesellschaft den Verstoß gegen die Konventionen verzeihen. Alexej Alexandrowitsch Karenin ähnelt Geert Baron von Innstetten und Charles Bovary.

In „Anna Karenina“ werden drei Familiengeschichten parallel erzählt: Im Zentrum steht eine Dreiecksbeziehung: Die Familie Karenin wird durch die leidenschaftliche Affäre Annas mit Graf Wronskij zerstört. Flankiert wird dieser Handlungsstrang von zwei anderen Paarbeziehungen. Da sind zum einen der verantwortungslose Fürst Oblonski und dessen Ehefrau Dolly, die unter seinen Seitensprüngen und geschäftlichen Misserfolgen leidet. Den Kontrast zur Amour fou von Anna Karenina und Graf Wronskij bildet vor allem die bodenständige Familie von Kitty und Konstantin Dmitrijewitsch Ljewin.

„Anna Karenina“ dreht sich um den Konflikt von Pflicht und Leidenschaft, den Gegensatz von Verantwortung und Haltlosigkeit, um Familienleben, Ehebruch, Schuld und die Suche nach dem Sinn des Lebens. Wir sehen, wie die Gesellschaft rücksichtslos ihre Konventionen durchsetzt, auch wenn dabei Einzelne zugrunde gehen.

Der 1878 von Leo Tolstoi veröffentlichte Roman „Anna Karenina“ gehört wohl zu den am häufigsten verfilmten Büchern überhaupt.

Frühere Verfilmungen des Romans „Anna Karenina“ (Auswahl):

  • 1927 von Edmund Golding mit Greta Garbo
  • 1935 von Clarence Brown mit Greta Garbo
  • 1948 von Julien Duvivier mit Vivien Leigh
  • 1985 von Simon Langton mit Jacqueline Bisset
  • 1997 von Bernard Rose mit Sophie Marceau

Nun adaptierte auch Joe Wright den Roman „Anna Karenina“ fürs Kino, und wie bei „Stolz und Vorurteil“ und „Abbitte“ wählte er dabei Keira Knightley als Hauptdarstellerin.

Das Besondere an Joe Wrights Verfilmung ist, das die Handlung teils auf einer Theaterbühne, teils in der (fiktiven) Realität spielt. Wir bewegen uns vor der Bühne, auf der Bühne, auf dem Schnürboden, hinter den Kulissen und eben auchin der Außenwelt. Ljewin öffnet einmal eine Theatertüre – und tritt dann hinaus in die Winterlandschaft. Umgekehrt hetzen die Reiter ihre Pferde bei einem Rennen zwischendurch kurz über die Theaterbühne. Es wird aber auch von einer Spielzeugeisenbahn auf einen durch den Schnee pflügenden Zug geschnitten. Diese originelle Verschachtelung von Bühne bzw. Modell und Wirklichkeit in „Anna Karenina“ ermöglicht es Joe Wright, Kino- und Theatereffekte zu kombinieren, die Filmsprache also zu erweitern. Ein Kulissenwechsel weist uns im Geist des epischen Theaters darauf hin, dass es sich um eine Inszenierung und nicht um die Realität handelt. Das wird auch durch komödiantische Elemente und Blasmusik vor allem in den ersten 20 Minuten des Films unterstrichen. Es ist allerdings zweifelhaft, ob diese Verfremdung zu „Anna Karenina“ passt.

Kostüme und Ausstattung sind opulent, die Bilder ästhetisch komponiert und ausgeleuchtet. Es fällt auf, wie sorgfältig die Bewegungen der Figuren – und auch der Kamera – choreografiert wurden. Zweimal frieren alle Figuren bis auf Anna Karenina in ihren jeweiligen Positionen ein. Dass Anna Karenina anfangs in Schwarz, dann in Rot und schließlich in Weiß auftritt, symbolisiert ihre Entwicklung von der frustrierten Ehefrau über die leidenschaftliche Geliebte zur Selbstmörderin.

Von den Schauspielern überzeugen vor allem Jude Law, Alicia Vikander und Keira Knightley. Aaron Taylor-Johnson fällt dagegen deutlich ab.

Wronskij – „Liebe kennt kein Warum“ – ist bei Aaron Taylor-Johnson ein Marzipan-Prinz aus dem russischen Weihnachtsmärchen, ein gezwirbelter Epauletten-Stutzer. Mehr säuselnd als feurig überbringt dieser Operetten-Softie seine Liebesgrüße aus Moskau. (Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung, 5. Dezember 2012)

Für die Kostüme in „Anna Karenina“ wurde Jacqueline Durran mit einem „Oscar“ ausgezeichnet. Nominiert hatte man die Literaturverfilmung auch in den Kategorien Beste Kamera, Bestes Szenenbild und Beste Filmmusik.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

Leo Tolstoi: Anna Karenina
Bernard Rose: Anna Karenina

Joe Wright: Stolz und Vorurteil
Joe Wright: Abbitte
Joe Wright: Wer ist Hanna?

Georg Klein - LiBiDiSSi
Zynisch, fantasievoll und mit großer Liebe zum skurrilen Detail entwickelt Georg Klein in "LiBiDiSSi" eine absurde, wahnwitzige Handlung mit kafkaesken Zügen. Das Lesevergnügen ergibt sich aus der eigentümlichen Komposition und einer ganz besonderen Sprache.
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