Tom Wolfe : Ich bin Charlotte Simmons

Ich bin Charlotte Simmons

Tom Wolfe

Ich bin Charlotte Simmons

Originalausgabe: I Am Charlotte Simmons Farrar, Straus & Giroux, New York 2004 Ich bin Charlotte Simmons Übersetzung: Walter Ahlers Karl Blessing Verlag, München 2005 Taschenbuch: Wilhelm Heyne Verlag, München 2007 ISBN: 978-3-453-40506-6, 958 Seiten, 9.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Als erste Absolventin der Alleghany Highschool besteht Charlotte Simmons die Zulassungsprüfung für die Dupont University und kann mit einem Stipendium an der Elite-Universität studieren. Sie freut sich darauf, in diesen Tempel der Wissenschaften aufgenommen zu werden, doch auf dem Campus stellt sie rasch fest, dass es hier weniger auf geistige Leistungen ankommt, als auf Sport, Sex und Saufen. Wer nicht mitmacht, gilt als Außenseiter.
Weiterlesen

Kritik

Tom Wolfe bläst eine im Grunde banale Handlung zu einem 950 Seiten dicken Roman auf. "Ich bin Charlotte Simmons" fehlt es zwar an Stringenz, aber die pointierte, überspitzte Wiedergabe gut beobachteter menschlicher Schwächen macht das Buch zu einer fulminanten, unterhaltsamen Satire.
Weiterlesen

Charlotte Simmons wuchs mit ihren beiden jüngeren Brüdern Buddy und Sam in der Kleinstadt Sparta im Alleghany County, North Carolina, auf. Ihr jetzt zweiundvierzigjähriger Vater Billy ist praktisch arbeitslos, seit die örtliche Schuhfabrik zumachte; er verdient nur ein wenig Geld als Aushilfshausmeister. Ihre Mutter Lizbeth hat eine Halbtagsstelle im Büro des Sheriffs. Als Jahrgangsbeste darf Charlotte Simmons bei der Abschlussfeier in der Alleghany Highschool eine Rede halten. In der „Alleghany News“ erscheint ein Bericht darüber, dass sie als erste Absolventin der Alleghany Highschool die Zulassungsprüfung für die Dupont University in Pennsylvania bestanden hat und ihr Studium an dieser Elite-Universität mit einem Stipendium des US-Präsidenten beginnen kann. Das hat Charlotte nicht nur ihren hervorragenden schulischen Leistungen, sondern auch ihrer Englischlehrerin und Mentorin Martha Pennington zu verdanken.

Die Eltern bringen Charlotte mit dem Pick-up zur Dupont University. Die Hinfahrt dauert fast zehn Stunden, um jedoch das Geld für eine Übernachtung zu sparen, wollen Billy und Lizbeth Simmons gleich wieder zurückfahren, nachdem sie das Gepäck ausgeladen und ins Edgerton House gebracht haben, das Wohnheim, in dem Charlotte sich ein Zimmer mit der Kommilitonin Beverly Amory aus Sherborn, Massachusetts, teilen wird. Die Simmons sind noch da, als Bevery mit ihren Eltern eintrifft. Jeff und Valerie Amory schlagen vor, gemeinsam in der Stadt zu essen und lassen sich widerstrebend von Billy Simmons überreden, zu einem „Sizzlin‘ Skillet“ zu fahren, wo das Essen billig, fett und reichlich ist. Valerie und Beverly Amory kriegen keinen Bissen hinunter, aber Billy Simmons isst alles auf und kommt gar nicht auf den Gedanken, dass die Amorys seine Wahl nur akzeptierten, um nicht überheblich zu wirken. Erst im Lauf des Gesprächs stellt sich heraus, dass Jeff Amory CEO bei der Versicherungsgesellschaft Cotton Mather in Boston ist. Die Familie kam mit einem Privatjet nach Boothwyn und fuhr den Rest des Weges mit einem Leihwagen, einem schneeweißen Lincoln Navigator SUV.

Zum Abschied schärft Lizbeth Simmons ihrer Tochter ein:

„Hier wird es Leute geben, die dich zu Sachen überreden wollen, die du nicht willst. Deshalb denk immer dran, dass du aus den Bergen kommst […] und wir Leute aus den Bergen haben vielleicht unsere Fehler, aber dass wir uns zu etwas zwingen lassen, was wir nicht tun wollen, gehört bestimmt nicht dazu […] Und wenn das irgendwem nicht gefällt, brauchst du ihm gar nichts erklären. Du musst einfach nur sagen: ‚Ich bin Charlotte Simmons, und so was mach ich nicht.‘ Dafür werden sie dich respektieren.“ (Seite 107)

Zurück im Zimmer des Studentenwohnheims, behandelt Beverly ihre Mitbewohnerin wie Luft, und Charlotte fühlt sich unterlegen, weil sie billig angezogen ist und mit Beverly nicht mithalten kann. Sie ist entsetzt, als sie erfährt, dass der Wasch- und Toilettenraum von allen Studentinnen und Studenten auf der Etage benutzt wird, doch am Abend bleibt ihr nichts anderes übrig, als ihn aufzusuchen.

Sie zog ihren Pyjama, die Pantoffeln und ihren Polyesterflanell-Bademantel mit dem Schottenkaro an, nahm ihren Waschbeutel und ein Handtuch, raffte ihren ganzen Mut zusammen und wagte sich auf den Korridor hinaus […]
Sie betrat den Waschraum auf Zehenspitzen […] Es war ein großer, fensterloser, schwach beleuchteter Raum mit Reihen von angeschlagenen, alten vergilbten Waschbecken und Urinalen, grauen Klokabinen aus Stahlblech, schmalen Duschkabinen, mit ehemals liafarbenen, rosig verblassten Vorhängen als Sichtschutz […]
Dann – eine gewaltige schweineblasenmäßig pladdernde, schließmuskelzerfetzende Darmexplosion, gefolgt von einem hochfrequenten Plopp-Plopp-Plopp und einer tiefen Männerstimme, die sagte: „Oh, fuck, voll an die Arschbacken gespritzt!“
[…] „Heilige Scheiße!“, sagte eine zweite tiefe Männerstimme ein paar Kabinen weiter. „Was hast ’n du schon wieder für ’n Junk gefressen, Winnie – drei Wochen alte Sushis?“ (Seite 115f)

In einem Fortgeschrittenen-Seminar über französische Literatur stellt Charlotte Simmons überrascht fest, dass sie den Roman „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert als Einzige in der Originalsprache gelesen hat. Selbst der Dozent hat eine englische Übersetzung in der Hand.

Mitten in der Nacht kommt Beverly mit einem Kommilitonen, weckt Charlotte und drängt sie aus dem Zimmer: Damit sich das Paar ungestört lieben kann, soll Charlotte bei Joanne und Hillary schlafen, obwohl sie die beiden noch gar nicht kennt. Als sie anklopft, merkt sie, dass auch Hillary mit einem Freund im Bett ist und Joanne ins „Sexil“ geschickt hat. Die Mädchen, die nicht mit einem Jungen zusammen sind, hängen nachts im Aufenthaltsraum herum.

Ein anderes Mal ist Beverly so betrunken, dass sie auf allen Vieren durchs Zimmer kriecht, aber sie will unbedingt noch zu einem Kommilitonen, von dem sie hofft, dass er mit ihr ins Bett geht. Charlotte gelingt es nicht, sie von dem Vorhaben abzubringen, und um Schlimmeres zu verhindern, fährt sie Charlotte zu dem Wohnheim des Jungen. Der lässt die Betrunkene jedoch nicht in sein Zimmer und schickt sie fort.

Sechs Wochen nach dem Beginn des Semesters lässt Charlotte Simmons sich von ihren Kommilitoninnen Bettina und Mimi überreden, zu einer Party im Haus der elitären Saint-Ray-Studentenverbindung zu gehen. Dort bemüht sich Hoyt Thorpe um sie, der gut aussehende und umschwärmte Freund des Vorsitzenden Vance Phipps. Charlotte genießt es, von einem Alpha-Männchen umworben zu werden, aber sie erschrickt, als Hoyt sie auffordert, etwas Alkoholisches zu trinken. Widerstrebend probiert sie einen Schluck Wein. Schließlich lässt sie sich von Hoyt dessen Zimmer zeigen. Sie sind kaum eingetreten, da reißt Vance die Tür auf, und hinter ihm steht eine brünette Kommilitonin.

Hoyt brüllte: „Scheiße, Vance, mach, dass du rauskommst! Das ist unser Zimmer!“
[…] Vance zeigte Hoyt die offenen Handflächen und sagte: „Okay, alles cool. Sag einfach Bescheid, wenn ihr fertig seid. Okay? Wir sind unten im Erdgeschoss.“
Das ist unser Zimmer! Sag Bescheid, wenn ihr fertig seid!
Charlottes Hände wurden kalt. Auf ihren Wangen brannte ein Feuer. (Seite 308)

Als Charlotte begreift, was Hoyt vorhat, läuft sie aufgebracht davon.

Sterlin Phipps, Vances Vater, war Verwalter eines erfolgreichen Hedge-Fonds und setzte sich mit fünfzig zur Ruhe. Hoyts Vater, George B. alias Armistead Thorpe, verspekulierte sich dagegen an der Wall Street. Glücklicherweise hatte er einen Großteil seines Privatvermögens rechtzeitig seiner Ehefrau Peggy überschrieben, sonst hätten ihm die Gläubiger alles abgenommen.

Im Französisch-Seminar fällt Charlotte der 2,08 Meter große Kommilitone Joseph J. Johanssen („Jojo“) auf, nicht nur wegen seiner Körpergröße, sondern auch weil sie den Eindruck hat, dass er mitunter eine Antwort auf eine Frage des Dozenten weiß, aber so tut, als habe er keine Ahnung, um gegenüber den anderen Jugendlichen nicht uncool zu wirken. Er gehört er zu den weißen Mitgliedern der Basketball-Mannschaft der Dupont University.

Charlotte weiß noch nicht, dass das Athletic Department der Dupont University Tutoren für die Sportler beschäftigt. Einer von ihnen ist Adam Gellin. Sein Vater Net Gellininsky, kurz: Gellin, war vom Kellner eines Restaurants zum Geschäftsführer und schließlich zum Teilhaber aufgestiegen. Dann ließ er sich von Adams Mutter Frances („Frankie“), einer geborenen Horowitz, scheiden, weil sie nur älter geworden war, während er Karriere gemacht hatte. Frankie wusste, dass Net einen Teil des Umsatzes nicht versteuerte und sammelte Beweise dafür. Ihr Scheidungsanwalt unterstützte sie dabei, weil er dachte, auf diese Weise höhere Unterhaltszahlungen herausholen zu können – aber Frankie wollte sich nur rächen und zeigte Net an. Die Nach- und Strafzahlungen ruinierten ihn. Deshalb braucht er keine Alimente zu bezahlen; Frankie verdient ihren Lebensunterhalt mit unangemeldeten Kundenanrufen im Auftrag der Werbeabteilung einer Kabelfernsehgesellschaft. Studieren kann Adam nur, weil er ein Rhodes-Stipendium bekommen hat und sich als Tutor und Pizzabote Geld hinzuverdient.

So kommt es, dass er einmal gegen Mitternacht zu Jojo gerufen wird, dem gerade einfiel, dass er am nächsten Morgen im Seminar für amerikanische Geschichte eine Hausarbeit abliefern muss. Während Jojo und sein Freund Frank Riotto, den alle „Mike“ nennen, „Stunt Biker“ auf der Play Station spielen, muss Adam in der Tag und Nacht geöffneten Bibliothek der Dupont University den Aufsatz für ihn schreiben.

Nach einem Gespräch mit Charlotte besinnt Jojo sich und belegt bei dem Philosophie-Dozenten Nat Margolies das Seminar „Das Zeitalter des Sokrates. Rationalismus, Irrationalität und animistische Magie im frühen griechischen Denken“, das zu den anspuchsvollsten Lehrveranstaltungen des Semesters zählt. Der Basketball-Trainer Buster Roth kann es nicht fassen. Er weist ihn darauf hin, dass für ihn nur eines wichtig sei: Basketball. Aber es gelingt ihm nicht, Jojo umzustimmen.

Als Adam Gellin im Fitness Center Charlotte Simmons entdeckt, steuert er das Laufband neben ihr an und überlegt, wie er an sie herankommen kann. Vor Aufregung drückt er versehentlich den Beschleunigungsknopf und stürzt. Geistesgegenwärtig schaltet Charlotte sein Gerät aus. Dann kümmert sie sich um ihn. Von da an hat Adam nur noch Augen und Ohren für sie, aber Charlotte trifft sich trotz des Zwischenfalls Saint-Ray-House regelmäßig mit Hoyt.

Die Wahrheit war … sie hätte sich gern in Adam verliebt. Wenn sie es doch nur könnte! Ihr Leben verliefe um einiges geordneter! (Seite 508)

Obwohl es bei den Mitgliedern der Saint-Ray-Studentenverbindung üblich ist, Wetten darüber abzuschließen, in wieviel Minuten einer von ihnen eine Kommilitonin flachlegt, zeigt Hoyt bei Charlotte außergewöhnliche Geduld. Schließlich gelingt es ihm, ihre Brust durch den Stoff zu berühren, doch als er einen Finger unter das Gummibündchen ihres Slips schiebt, weist sie ihn zurück.

Trotzdem lädt Hoyt sie zum Jahresball der Saint-Rays in Washington, D. C., ein. Sie fahren zusammen mit Vance und Crissy, Julian und Nicole im Auto. Charlotte fühlt sich im Vergleich mit den herausgeputzten und weltgewandten Kommilitoninnen unterlegen. Im Hotel Hyatt blamiert sie sich, weil sie Crissy und Nicole aufgeregt auf das riesige Atrium aufmerksam machen will. Im Gegensatz zu ihr waren die beiden schon häufiger in einem Luxushotel.

Und da stand sie, allein im Foyer dieses … dieses … Palastes von einem Hotel, in Turnschuhen, Jeans, T-Shirt und einer preiswerten, wattierten, mit Polyurethan aufgeplusterten Daunenjacke, in der sie aussah wie eine Ananas auf Beinchen – die Unschuld vom Lande, verloren inmitten all dieses Luxus, ihre gesamte Habe in einem Beutel über ihrer Schulter, einem lumpigen kleinen Campingbeutel. (Seite 618)

Überrascht stellt Charlotte fest, dass Hoyt kein Einzelzimmer für sie gebucht hat, sondern mit ihr, Julian und Nicole in einem Zimmer schlafen will, in dem es neben den beiden Doppelbetten keinen Platz für Klappbetten gibt. Gleich nach der Ankunft lässt Charlotte sich überreden, etwas Orangensaft mit Wodka zu trinken. Für den festlichen Abend zieht sie ein Kleid an, das Mimi ihr zusammen mit passenden High Heels geliehen hat. Es ist so kurz, dass es kaum ihren Slip bedeckt. Als sie damit aus dem Bad kommt, wird sie von Crissy und Nicole erstmals richtig wahrgenommen.

Hoyt tanzt mit ihr so eng, wie sie noch nie mit einem Mann zusammen war. Im Lift küsst er sie so leidenschaftlich, dass ein älteres Ehepaar es vorzieht, auf den nächsten Aufzug zu warten. Als er ihr im Zimmer das Kleid hochschiebt und den BH aufhakt, überlegt sie, dass sie ihm Einhalt gebieten müsste, aber so richtig bedrohlich kommt ihr die Situation nicht vor, denn sie hat ja noch ihren Baumwollslip an und Hoyts Oberkörper ist zwar nackt, aber er trägt nach wie vor eine Smokinghose und Schuhe. Nachdem er sie ganz ausgezogen hat und ihre Scham zu küssen beginnt, warnt sie ihn: „Ich bin – ich hab noch nie …“ Hoyt verspricht, vorsichtig zu sein: „Es wird gut. Ich versprech’s dir.“ Doch dann vergisst er sich und stößt rücksichtslos zu. Nach dem Orgasmus rollt er sich von ihr herunter und bleibt auf dem Rücken neben ihr liegen. „Alles okay?“, fragt er, ohne sie anzusehen. Dann geht er ins Bad, und als er zurückkommt, zieht er sich an.

Es klopft an der Tür. Julian ruft: „He, Alter, bist du da drin? Mach auf, ich brauch das Zimmer!“ Hoyt öffnet ihm, obwohl Charlotte erst nach dem Klopfen begonnen hat, in ihr Kleid zu schlüpfen. Statt mit Nicole, kommt Julian mit Gloria Barrone. Die beiden beachten Charlotte nicht weiter, die nun ins Bad stürzt und dort in Tränen ausbricht. Danach kauert sie sich im Bett zusammen. Ihr ist übel. Sie hört, wie Hoyt zu Julian sagt: „Ich hab ihr den Staub vom Stempel geklopft.“ Da begreift sie:

Männer verliebten sich nicht, denn das käme einem Kontrollverlust gleich. Sie machten Liebe – machten, ein aktives, transitives Verb, reimte sich auf schlachten. (Seite 679)

Dass Charlotte sich von Hoyt deflorieren ließ, spricht sich auf dem Campus rasch herum. Sie schämt sich und fällt in eine Depression, die auch noch anhält, als sie Weihnachten bei ihren Eltern und Geschwistern in Sparta verbringt. Billy und Lizbeth Simmons geben ihr zu Ehren ein festliches Truthahn-Essen, zu dem sie außer Charlottes Freundin Laurie McDowell und ihrer früheren Englischlehrerin Martha Pennington das Ehepaar Thoms einladen. Alle erwarten von ihr, dass sie von der Dupont University erzählt, aber Charlotte fühlt sich elend und mag nicht darüber reden. Sarah Thoms sagt, die Tochter ihrer Schwägerin sei mit einer Studentin an der Dupont University befreundet, die bereits von Charlotte gesprochen habe. Sie heißt Lucy Page Tucker. Charlotte erschrickt, denn bei Lucy handelt es sich um die beste Freundin von Gloria Barrone. Sie weiß also mit Sicherheit, was beim Jahresball der Saint-Rays in Washington passierte. Hat Sarah Thoms davon gehört? Wird sie gleich Andeutungen machen?

Nach den Weihnachtsferien schießen Charlotte im Ryland-Lesesaal der Dupont-Memorial-Bibliothek wieder Tränen in die Augen. Sie springt auf, stürzt los – und stößt in der Tür mit Adam Gellin zusammen. An seiner Schulter weint sie sich aus, und sie erzählt ihm, wie sie defloriert wurde. Danach fleht sie ihn an, sie mit in sein Zimmer zu nehmen, denn sie will auf keinen Fall allein sein. Adam überlässt ihr sein Bett und legt sich auf einen Futon, aber sie bittet ihn schlotternd, sich neben sie zu legen und sie festzuhalten. Erst nach sechs oder sieben Wochen kann sie wieder richtig schlafen. Sobald es ihr besser geht, bringt sie Adam dazu, nun doch den Futon zu benutzen, und ein paar Tage später kehrt sie in ihr Zimmer zurück. Wenn Adam sie nicht energisch dazu aufgefordert hätte, an den Prüfungen teilzunehmen, wäre sie die ganze Zeit im Bett liegen geblieben. Sie hätte sich gern in ihn verliebt, empfindet aber nur Dankbarkeit für ihn.

Schon vor Weihnachten hatte Jerome P. Quat, der Leiter des Seminars über amerikanische Geschichte, ein Jude Ende fünfzig, Jojo nach Fremdwörtern in dessen Hausarbeit gefragt und seinen Verdacht bestätigt bekommen, dass der Student deren Bedeutung nicht kannte, also die Arbeit nicht selbst geschrieben hatte. Jojo und Adam müssen damit rechnen, von der Dupont University relegiert oder zumindest für ein Semester suspendiert zu werden.

Dabei hat Jojo sich inzwischen sehr zum Guten verändert und weitere anspruchsvolle Kurse wie zum Beispiel „Lyrik des 19. Jahrhunderts. Höfische Lyrik, Schäfergedichte, Symbolismus“ belegt. Er bittet Charlotte, ihm zu helfen, und sie setzt sich regelmäßig mit ihm zusammen.

Als die Basketball-Mannschaft auswärts spielt, wird sie im Hotel von Groupies empfangen, die nur darauf warten, von den Sportlern mit aufs Zimmer genommen zu werden. Jojo hält sich als Einziger zurück, bleibt allein in dem Zimmer, das er sich mit Mike teilt, und lernt. Es klopft an der Tür. Ein hübsches Mädchen, das ihm schon in der Hotelhalle schöne Augen machte, steht draußen und möchte ihm beim Lesen zusehen. Widerstrebend lässt er Marilyn ins Zimmer, aber nach einer Weile kann er der Versuchung nicht widerstehen, mit ihr ins Bett zu hüpfen.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Adam gehört zu den Mitarbeitern der Studentenzeitung „Daily Wave“. Seit Monaten versucht er, mehr über einen Vorfall herauszufinden, der sich vor Semesterbeginn ereignete: Vance Phipps und Hoyt Thorpe sollen damals den Gouverneur von Kalifornien, der für die Republikaner in den Präsidentschaftswahlkampf ziehen möchte, bei einem Blowjob mit der Studentin Syrie Stieffbein ertappt haben. Einen sie angreifenden Bodyguard schlugen Vance und Hoyt angeblich nieder und rannten dann fort. Als Adam die beiden danach fragte, taten sie so, als ob sie nicht wüssten, wovon er sprach, aber er merkte, dass sie logen. Um sich dafür zu rächen, was Hoyt Charlotte angetan hatte, fädelte Adam eine Intrige ein. Und so kam es, dass der Gouverneur von Kalifornien ein Empfehlungsschreiben für Hoyt Thorpe an die renommierte Investment Bank Pierce & Pierce schickte. Daraufhin überraschte Rachel E. Freeman vom Human Relations Department bei Pierce & Pierce den Studenten mit einem Job-Angebot und einem Anfangsgehalt, das 50 Prozent über dem Üblichen liegen soll. Nun kann Adam einen Artikel darüber schreiben, wie ein hochrangiger Politiker, der beim Sex mit einer Studentin ertappt wurde, einen Zeugen bestechen will. Und er überzeugt den Chefredakteur Greg Fiore davon, dass der Beitrag in der nächsten Ausgabe erscheinen soll.

Bevor es so weit ist, organisiert Randy Grossmann auf dem Campus der Dupont University eine Demonstration für Schwulenrechte. Obwohl Adam Angst davor hat, dass man ihn für homosexuell halten könnte, beteiligt er sich und hält neben der Bühne ein Plakat hoch, auf dem „Redefreiheit auch für Schwule“ gefordert wird. Camille Deng, eine der Organisatorinnen, stellt Adam dem Dozenten Jerome Quat vor, der ebenfalls mitmacht. Quat kennt den Namen Adam Gellin; er weiß, dass es sich um den Tutor handelt, der verdächtigt wird, für Joseph J. Johanssen eine Hausarbeit geschrieben zu haben. Zunächst einmal zollt er Adam jedoch Respekt für den Mut, den es erfordert, sich für Schwulenrechte einzusetzen.

Die Reaktion Quats bringt Adam auf den Gedanken, um einen Termin bei dem Dozenten zu bitten und ihm alles zu beichten. Doch seine Erwartung, der Professor werde ein offenes Geständnis mit Nachsicht für ihn und Jojo belohnen, erfüllt sich nicht. Quat will ein Exempel statuieren.

Nun ist es Adam, der Charlottes Nähe braucht: Zitternd bittet er sie, sich neben ihn ins Bett zu legen und ihn festzuhalten, so wie er es bei ihr machte. Charlotte übernachtet bei ihm. Am nächsten Morgen mag Adam nicht aufstehen, obwohl an diesem Tag die Ausgabe der „Daily Wave“ mit der Schlagzeile „Politiker schmiert (Augen)Zeugen seines Sex-Zesses im Hain“ erscheint. Erst als Adam merkt, wie positiv die Kommilitonen darauf reagieren, gewinnt er wieder Selbstvertrauen. Quat versichert ihm in einer E-Mail, dass er aus Respekt vor Adams Zivilcourage den mutmaßlichen Betrug mit der Hausarbeit nicht weiterverfolgen werde. Während CNN über den Skandal berichtet und Adam eine Pressekonferenz gibt, erfährt auch Jojo, dass er wegen des von Adam in seinem Namen geschriebenen Aufsatzes nichts mehr zu befürchten hat.

Kurz darauf erhält Hoyt eine Absage von Rachel E. Freeman.

Bei einem Basketball-Turnier der NCAA verfolgt Charlotte das Spiel der Mannschaft der Dupont University von einem Ehrenplatz aus. Sie wird inzwischen auch von Buster Roth, dem Coach des Teams, als Mentorin und Freundin von Jojo respektiert. Einmal sagte er zu ihr:

„Wissen Sie, Char, Sie sind das Beste, was Jojo je passiert ist.“ (Seite 941)

Innerhalb eines halben Jahres war das naive Mädchen aus der Kleinstadt Sparta zu einer richtigen Campus-Berühmtheit geworden.

nach oben

In seinem Roman „Ich bin Charlotte Simmons“ beschreibt Tom Wolfe das Leben auf dem Campus einer (fiktiven) Elite-Universität an der Ostküste der USA. Er stellt es als niveaulos dar. Seinem Sittengemälde zufolge besteht es weniger aus Kultur und Wissenschaft, denn aus Sport, Sex und Saufen. Wer in der Hackordnung der Kommilitonen nach oben kommen will, braucht keine guten Noten zu haben, sondern muss sich in diesen Disziplinen bewähren. Damit erfolgreiche Sportler genügend Zeit für ihr Training haben, werden sie von Tutoren unterstützt, die auch weniger intelligente Studenten, die in einer Wettkampf-Mannschaft gebraucht werden, durchzuziehen versuchen.

Am Beispiel der Protagonistin Charlotte Simmons zeigt Tom Wolfe, dass sich auch ein unverdorbenes hochintelligentes Mädchen vom Land dem Konformitätsdruck nicht entziehen kann. Sie hat keine Chance, selbstbestimmt zu handeln. Zur Erklärung zitiert Tom Wolfe einen Beitrag aus dem von Simon McGough und Sebastian J. R. Sloane herausgegebenen „Lexikon der Nobelpreisträger“ (3. Auflage, Oxford und New York 2001, Seite 512) über einen 1997 mit dem Nobelpreis für Biologie ausgezeichneten Neurobiologen der Dupont University namens Victor Ransome Starling. Der entfernte 1983 bei dreißig Laborkatzen die Amygdala, den Teil des Großhirns, der bei höheren Säugetieren an der Wahrnehmung jeglicher Form von Erregung beteiligt ist. Die operierten Tiere verfielen daraufhin in extreme sexuelle Erregung.

Sie versuchten ekstatisch zu kopulieren, eine besprang die andere und wurde ihrerseits besprungen, wodurch sich Ketten (ugs. „Gänseblümchenketten“) von bis zu drei Metern Länge bildeten.“ (Seite 5)

Als Kontrollgruppe brachte er dreißig nicht operierte Katzen im selben Raum unter, jedes Tier in einem eigenen Käfig. Als er nach ein paar Wochen den ersten Käfig öffnete, umklammerte die Katze sein Fußgelenk und rieb das Becken in konvulsiven Zuckungen über den Schuh. Er dachte zunächst, es handele sich um eines der amygdalektomierten Tiere, wurde aber rasch darüber aufgeklärt, dass es nicht so war.

Auf diesen Augenblick geht eine Entdeckung zurück, die das Verständnis tierischen und menschlichen Verhaltens radikal veränderte: die Existenz – ja, die Allgegenwart – „kultureller Parastimuli“. Die Katzen der Kontrollgruppe hatten den ektomierten Katzen von ihren Käfigen aus zusehen können. Über Wochen hinweg waren sie dieser Atmosphäre hypermanischer sexueller Obsession so intensiv ausgesetzt gewesen, dass ein Verhalten, das man bei den Katzen der Versuchsgruppe durch den Eingriff bewirkt hatte, bei der Kontrollgruppe ohne jede äußere Einwirkung hervorgerufen worden war. Starling hatte entdeckt, dass ein intensiver sozialer oder „kultureller“ Einfluss von außen, und sei er noch so abnorm, nach gewisser Zeit die genetisch determinierten Reaktionen absolut normaler, gesunder Tiere außer Kraft setzen konnte. (Seite 6)

(Einen Nobelpreis für Biologie gibt es ebenso wenig wie die Dupont University. Den Nobelpreis für Medizin und Physiologie bekam 1997 Stanley B. Prusiner für die Entdeckung der Prionen.)

Die eigentliche Handlung – die im Grunde banalen Erlebnisse der Protagonistin Charlotte Simmons im ersten Semester an einer Elite-Universität – hätte kaum für eine kurze Erzählung ausgereicht, aber Tom Wolfe bläst die Geschichte zu einem 950 Seiten langen Roman auf. „Ich bin Charlotte Simmons“ fehlt es zwar im Vergleich zu „Fegefeuer der Eitelkeiten“ an Stringenz, und frei von Klischees ist der Roman auch nicht, aber die pointierte, überspitzte Wiedergabe gut beobachteter menschlicher Schwächen macht das Buch zu einer fulminanten, unterhaltsamen Satire.

Es handelt sich um ein in jeder Hinsicht grandioses Werk: ein knallbuntes Melodram voll donnernder Thesen, über weite Strecken schreiend langweilig, immer wieder von Anfällen meisterhafter Groß-Schlachtbeschreibung unterbrochen, dem Heldischen verfallen, dem ewig Weiblichen ergeben, um den Roman eines Moralisten mit einem Hang zur saftigen Pornographie, um einen hysterischen Anfall und gleichzeitig einen mechanisch nach Schema F konstruierten Spannungsroman. Vor allem aber ist dieser Roman über das Studentenleben in den USA das Werk eines älteren Gentlemans, dem die Welt der jungen Amerikaner ganz und gar fremd geworden ist […] Wolfes onkelhaftes Entsetzen vor der Macht des Sexus im Reich des Geistes und seine saftige Besessenheit davon sind herzlich naiv. (Robin Detje, Süddeutsche Zeitung 10. Oktober 2005)

nach oben

Inhaltsangabe und Buchkritik: © Dieter Wunderlich 2009
Textauszüge: © Karl Blessing Verlag

Tom Wolfe (Kurzbiografie)
Tom Wolfe: Fegefeuer der Eitelkeiten (Verfilmung)
Tom Wolfe: Ein ganzer Kerl
Tom Wolfe: Hooking Up
Tom Wolfe: Back to Blood

Cynthia d'Aprix Sweeney - Das Nest
Obwohl Cynthia D'Aprix Sweeney die Familiengeschichte mit zusätzlichen Figuren, Handlungssträngen und Mi­nia­turen spickt, behält sie alles unter Kontrolle. Geschickt wechselt sie die Perspektive. Man kann "Das Nest" als Satire lesen. Auf jeden Fall ist es eine unterhaltsame Lektüre.
Das Nest

Cynthia d'Aprix Sweeney

Das Nest

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde im Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: