Liselott Willén : Stein um Stein

Stein um Stein

Liselott Willén

Stein um Stein

Originalausgabe: Sten för sten Albert Bonniers Förlag, Stockholm 2001 Stein um Stein Übersetzung: Christel Hildebrandt Random House, München 2004 ISBN 3-442-75083-0, 382 Seiten, 21.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Kjerstin, Lehrerin in Åland, wird vom Rektor schikaniert und von einem ihrer Schüler mit grausamen Streichen terrorisiert. Als die frustrierte Frau erfährt, dass ihr Ehemann Jörgen sie betrügt, belegt sie einen Selbsterfahrungskurs. Von dem undurchschaubaren Kursleiter lernt sie, dass sie sich ein Ziel setzen und den Weg dorthin suchen muss. Da beschließt Kjerstin, Jörgens Geliebte zu töten ...
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Kritik

"Stein um Stein" ist ein melancholischer, fein gesponnener und verstörender Psychothriller von Liselott Willén, in dem vieles ungesagt bleibt. Wie bei einem Bühnenstück beschränkt sich das Geschehen auf wenige Schauplätze.
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Kjerstins Mutter starb im Wochenbett. Weil der Vater sich nicht um sie kümmerte, wuchs sie bei einer Tante in Örebro auf. Zum Studium ging Kjerstin nach Uppsala. Nach einer mehrwöchigen Liebesaffäre mit der engelsgleichen Medizinstudentin Siri lernte sie den fünf Jahre älteren Medizinstudenten Jörgen Nordin kennen. Sie wurden ein Paar und heirateten. Vor gut eineinhalb Jahren zogen sie von Uppsala nach Mariehamn auf Åland, in Jörgens Heimat, wo er eine Stelle als Chirurg am Krankenhaus bekam, während Kjerstin am Gymnasium Schwedischunterricht erteilt.

Eigentlich hatte Kjerstin sich nach einem Kind gesehnt, aber den richtigen Zeitpunkt dafür verpasst. Jetzt ist sie zweiundvierzig.

Der erste Stein. So hatte es angefangen. Ein Stein sollte auf den nächsten treffen und eine Steinlawine bilden, die nicht mehr aufzuhalten war. (Seite 34)

Die Tätigkeit als Lehrerin ist frustrierend, vor allem, weil einer ihrer Schüler, John Granert, sich beinahe jeden Tag einen gemeinen Streich ausdenkt, um Kjerstin lächerlich zu machen. Sie kommt nicht dagegen an, weil der Schulleiter Karl Wedman mit Johns Vater befreundet ist, den Jungen deckt und stattdessen Kjerstin mobbt, beispielsweise indem er sie in sein Büro ruft, um ihr Vorhaltungen zu machen, wenn sie auf dem Weg zur Toilette ist und ihm wegen des dringenden Bedürfnisses von vornherein unterlegen ist.

Du bist nicht von hier. Das weißt du. Und dein Job hängt an einem seidenen Faden. Einem äußerst dünnen. Vergiss das nicht. (Seite 156)

Schließlich eröffnet Wedman ihr, er werde Kjerstins in zwei Monaten auslaufenden Vertrag nicht verlängern.

Kjerstin merkt, dass Jörgen sie betrügt: Sie riecht fremde Düfte an ihm; er begehrt sie nicht mehr und erzählt fortwährend etwas von Überstunden, aber wenn sie abends im Krankenhaus anruft, ist er gar nicht da.

Die Zeit. Sie verriet ihn. Die Zeit, die vergangen war, seit er mich das letzte Mal angefasst hatte. Es gibt so viele Arten der Erinnerung. Jedes Sinnesorgan speichert Empfindungen: Bilder, Düfte, Geräusche. Auch die Haut hat ein Gedächtnis. Eine Erinnerung verblasste, und zwar das Gefühl seiner Hände […]
Ich denke an O. Er war es, er hat alles ins Rollen gebracht. Ich erinnere mich, wie heiß es an jenem Abend war, als ich das erste Mal zu unseren Treffen geradelt bin. Es war so schwül, dass man kaum atmen konnte, und der Geruch der Algen war ganz intensiv. Ich weiß noch, dass er mir Angst einjagte. Weil ich das Gefühl hatte, er sieht mehr als andere. Vor ihm konnte ich mich nicht verstecken.
O war es, der mich dazu gebracht hat, das anzufangen, was ich jetzt beende. Das, was ich ein Spiel nannte. Ein Gedankenspiel. Was dann zu etwas ganz anderem wurde, das mich nicht mehr losließ.
Sie ist mir aufgefallen an diesem Abend. Ich glaube, es war ihr Haar. Oder die Augen. Sie lachte mich an. Vielleicht ist sie mir deshalb aufgefallen, weil sie mich ansah. Mich erkannte. Keine der anderen kam so auf mich zu.
Wenn ich versuche, mir ihr Gesicht ins Gedächtnis zu rufen, entgleitet es mir. Ich sehe nur Teile davon, kleine Details, aber das Ganze kann ich nicht fassen. Was macht die Schuld mit dem Gedächtnis? Sie verändert es nicht, sie verfälscht es. Und radiert es aus.
Das Ganze ist jetzt schon lange her. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich die Frau noch kenne, die in der Hitze des Altweibersommers auf dem Rad fuhr, auch wenn ich es war. Sie trug meinen Körper, meine Kleidung: das beige Kleid mit den marmorierten Knöpfen, das der Wind hochhob, so dass ich die ganze Zeit gezwungen war, es hinunterzudrücken, damit meine Beine nicht zu sehen waren.
Ich habe gesagt, dass es schon lange her ist, aber das stimmt nicht. Es sind jetzt gerade mal vier Monate vergangen. (Seite 9f)

In ihrer Verzweiflung besucht Kjerstin zusammen mit sieben anderen Frauen einen Selbsterfahrungskurs, der von einem mysteriösen Mann geleitet wird, der seinen Namen nicht verrät, sondern einfach nur „O“ genannt werden möchte.

Ihr wollt das Leben nicht führen, wie ihr es jetzt führt. (Seite 14)

O rät den Teilnehmerinnen – Kjerstin, Anna-Lena, Margareta, Elvira, Rut, Gurli, Carita und Beatrice –, sich ein Ziel zu setzen und sich dafür etwas Drastisches auszudenken. Elvira warnt Kjerstin unter vier Augen davor, O zu folgen:

Zuerst macht er euch fertig, dann buhlt er um euer Vertrauen und baut euch wieder auf. Aber nach seinen Wünschen, nicht nach euren. Er formt euch genau, wie er auch haben will. Und ihr lasst es zu. (Seite 46)

Kjerstin hört nicht auf Elvira und setzt sich zum Ziel, jemanden zu töten.

So wollte sie den Weg bauen, der zur Veränderung führte. Stein für Stein. (Seite 34)

In einem roten Heft hält sie ihre Gedanken fest. Zuerst stellt sie sich John Granert als Opfer vor, dann streicht sie seinen Namen durch und schreibt stattdessen „Regina“. Regina Asklund arbeitet als Chirurgin in derselben Abteilung wie Jörgen, und Kjerstin verdächtigt sie, seine Geliebte zu sein. Die Ärztin ist mindestens zwanzig Jahre jünger als ihr Ehemann Rolf, ein Gerichtsmediziner Mitte fünfzig. Als Kjerstin herausfindet, dass ihr Verdacht gegen Regina unbegründet ist, denkt sie daran, Karl Wedman umzubringen, doch am Ende richtet sich ihr Plan gegen die noch unbekannte Rivalin.

Kjerstin will die Frau dazu bringen, Wein zu trinken, eine tödliche Dosis Schlaftabletten zu schlucken und sich in die Badewanne zu legen. Sobald die Betäubung einsetzt und kein Widerstand mehr möglich ist, will sie ihr mit einer Rasierklinge die Pulsadern aufschneiden. Wenn das Opfer im warmen Badewasser verblutet ist, wird es wie ein Selbstmord aussehen.

Jörgen ahnt bald, dass seine Frau ihn durchschaut hat. Er bereut seine Untreue und will das Verhältnis mit seiner Geliebten beenden, aber er kommt nicht von ihr los, und sie droht ihm mit einem Skandal. Nachts um drei ruft sie ihn an und verlangt, dass er auf der Stelle zu ihr kommt. Jörgen lügt Kjerstin etwas von einem Notfall vor. Sobald er aus dem Haus ist, telefoniert sie mit dem Krankenhaus und findet ihr Misstrauen bestätigt: Es gibt keinen Notfall. Jörgen nimmt seine Geliebte voller Hass und achtet nicht darauf, dass sie vor Schmerzen schreit und sich zu befreien versucht. Als sie ihm sagt, sie kenne seine Frau und besuche denselben Selbstfindungskurs, erschrickt Jörgen.

Vergeblich versucht er Kjerstin zu überreden, den Kurs abzubrechen. Im Krankenhaus hört er sich um und findet heraus, dass es sich bei dem Kursleiter um Ove Karlsson handelt, dessen Frau vor fünf Jahren schwer misshandelt ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Ove muss sie regelrecht gefoltert haben. Aber im Gerichtsverfahren wurde er freigesprochen, weil seine Frau nicht gewagt hatte, gegen ihn auszusagen. Stattdessen nahm sie sich das Leben.

Margareta Johansson, die noch keine vierzig Jahre alt, aber bereits zum vierten Mal verheiratet ist, zeigt Kjerstin eine hässliche Narbe am Hals. Die verdanke sie Jörgen, erklärt sie voller Zorn, der sie vor einiger Zeit an der Schilddrüse operiert habe. Zu Hause erzählt Kjerstin ihrem Mann, eine der Teilnehmerinnen kenne ihn. Er zuckt zusammen, aber als Kjerstin sagt, sie könne die Frau nicht leiden, beruhigt er sich wieder.

Kjerstin überredet den Sonderschullehrer Per-Erik Karlén, den Mathematiklehrer Claes Johansson und weitere zwei Kollegen, ihr dabei zu helfen, John Granert in die Förderklasse abzuschieben. Gemeinsam gehen sie zum Schulleiter. Der befürchtet zunächst eine Rebellion, doch als er hört, es gehe darum, die Einwilligung der Eltern für die Versetzung eines Schülers mit unzureichenden Leistungen in die Förderklasse einzuholen, prahlt Wedman damit, die Zustimmung habe er noch in jedem dieser Fälle erhalten. Dann erst fällt der Name des Schülers: John Granert. Da bricht Wedman mit einem Herzinfarkt zusammen und wird ins Krankenhaus gebracht.

Nach einem der Kursabende beobachten Kjerstin und Anna-Lena zufällig O und Elvira. Offenbar kennen die beiden sich auch privat. Einige Zeit später erzählt Elvira, dass sie schon vor mehr als fünf Jahren einen Selbsterfahrungskurs gemacht, dabei O kennen gelernt und eine Affäre mit ihm begonnen habe. Das war ein halbes Jahr vor dem Gerichtsprozess gegen ihn. Gleich nach seinem Freispruch und dem Suizid seiner Frau beendete O das Verhältnis mit Elvira. Seither verfolgt sie ihn. Die Frauen beschließen, offen Front gegen den zwielichtigen Kursleiter zu machen. Um ihn unter Druck setzen zu können, lässt Kjerstin sich von ihrem Mann sieben im Krankenhaus von Os misshandelter Frau aufgenommene Fotos beschaffen. Am nächsten Kursabend konfrontieren die acht Teilnehmerinnen Ove Karlsson mit dem Beweismaterial. Elvira fragt ihn:

Warum hältst du jedes Jahr wieder deine Kurse ab? Kannst du mir das erzählen, Ove, mir sagen, was dich dazu treibt? Ist es das Geld? Ist es die Lust am Quälen? Oder ist es die Sehnsucht nach der Frau, die du einmal zu Tode gefoltert hast? […]
Es ist vorbei. Ich bin nicht mehr allein. Wir sind jetzt acht, die dich kennen und wissen, wer du bist. Du wirst nie wieder einen Kurs abhalten. Nie wieder wirst du vor unschuldigen Frauen sprechen. Das wird deine Strafe sein. Wir verurteilen dich zum Schweigen. (Seite 352/356)

In der Tür dreht Ove sich noch einmal um, nagelt Kjerstin mit seinem Blick fest und sagt zu ihr: „Tu es nicht.“ (Seite 357)

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Inzwischen hat Kjerstin sich mit der fünf Jahre jüngeren Anna-Lena befreundet und bereits einmal mit ihr geschlafen. Sie erzählt Anna-Lena, ihr Mann habe sie betrogen, und das Verhältnis zwar vor kurzem beendet, aber sie werde ihm weder Untreue noch Lügen verzeihen, sondern sich von ihm scheiden lassen. Anna-Lena hätte gern Schlaftabletten verschrieben. Als Kjerstin zu Hause den Namen ihrer neuen Freundin auf ein Rezeptformular schreibt – Anna-Lena Wickström –, stellt Jörgen betroffen fest, dass sie sich ausgerechnet mit seiner Geliebten angefreundet hat und gesteht es ihr.

Um sich für die Tatzeit ein Alibi zu beschaffen, überredet Kjerstin ihren Mann, Rolf und Regina Asklund für den vierten Adventssonntag einzuladen. Während des Essens täuscht sie Magenschmerzen vor und zieht sich angeblich für eine Stunde ins Schlafzimmer zurück. Tatsächlich verlässt sie das Haus unbemerkt durch den Kellerausgang und fährt mit dem Rad zu Anna-Lena. Sie bringt ihr die Schlaftabletten.

Nach einer Stunde schaut Jörgen ins Schlafzimmer. Kjerstin ist nicht da. In dem roten Heft, das am Boden liegt, liest er, was sie vorhat. Im Wohnzimmer lässt er sich nichts anmerken und behauptet, Kjerstin schlafe noch. Rolf und Regina verabschieden sich daraufhin. Jörgen rast mit dem Auto zu Anna-Lena. Er findet ihre Leiche in der Badewanne. Das Wasser ist blutrot.

Jörgen kehrt nach Uppsala zurück. Kjerstin beginnt ein Verhältnis mit ihrem verwitweten Kollegen Claes Johansson.

Genau wie Anna-Lena hatte ich eine Entscheidung getroffen. Meine war die, es nicht durchzuführen, nicht weiterzumachen. (Seite 381)

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„Stein um Stein“ ist ein melancholischer, fein gesponnener und verstörender Psychothriller von Liselott Willén, in dem vieles ungesagt bleibt und beispielsweise die Fragen Suizid oder Mord, Tat oder Gedankenspiel nicht explizit geklärt werden. Wie bei einem Bühnenstück beschränkt sich das Geschehen auf wenige Schauplätze. Zwischen den verschiedenen Handlungssträngen – Schule, Kurs, Ehe – wechselt Liselott Willén fortwährend hin und her. Von der subtil charakterisierten Protagonistin erzählt sie mitunter statt in der dritten Person in der Ich-Form.

Die Schwedin Liselott Willén (*1972) wurde auf Åland geboren und wuchs dort auf. Wie Kjerstin Nordin wurde sie Lehrerin, bevor sie mit ihrem Roman „Stein um Stein“ als Schriftstellerin debütierte.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Random House

Herman Melville - Billy Budd
Auch wenn die Novelle "Billy Budd" schon über hundert Jahre alt ist, so sind die grundsätzlichen Überlegungen immer noch gültig. Obwohl die Erzählweise Herman Melvilles in der heutigen Zeit etwas altväterlich wirkt, ist die Geschichte immer noch lesenswert.
Billy Budd

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