Siegfried Trotnow


Siegfried Trotnow wurde am 25. Januar 1941 in Oderberg in Oberschlesien (heute: Skrzeczon) geboren. Nach dem Abitur in Bad Segeberg studierte er in Kiel, Marburg und Erlangen Medizin. 1970 fing er in der Universitäts-Frauenklinik in Erlangen zu arbeiten an, avancierte vier Jahre später zum Facharzt für Gynäkologie und habilitierte sich 1977. Im Jahr darauf übernahm er eine kleine Gruppe in der Klinik, die unter Leitung des Gynäkologen Klaus-Georg Bregulla bereits in den Sechzigerjahren mit der Erforschung von Methoden zur künstlichen Befruchtung begonnen hatte.

Am 26. Juli 1978 wurde Siegfried Trotnow durch eine Sensationsmeldung alarmiert: Im Oldham General Hospital nördlich von London war eine zweiunddreißigjährige Frau durch einen Kaiserschnitt von einem künstlich gezeugten Kind entbunden worden. Dieses erste »Retortenbaby« in der Welt erhielt den Namen Louise Brown. Die beiden Ärzte Patrick Steptoe und Robert Edwards, denen die In-vitro-Fertilisation (IVF) gelungen war, eröffneten bald darauf eine Privatklinik in einem Schloss und hielten entscheidende Einzelheiten ihrer Methode geheim, um ihren Wissensvorsprung so lang wie möglich nutzen zu können.

Nach dem Erfolg in England konnte Siegfried Trotnow es kaum erwarten, bis er mit seinen eigenen Forschungen vorankam. Zwar lehnte die Deutsche Forschungsgemeinschaft alle Anträge auf eine finanzielle Förderung des Projekts ab, aber Karl Günter Ober (1915 – 1999), der die Universitätsklinik in Erlangen von 1962 bis 1983 leitete, stellte seinem Oberarzt die benötigten Gelder zur Verfügung. Zusammen mit der Biologin Tatjana Kniewald und dem Tiermediziner Safaa Al-Hasani erprobte Siegfried Trotnow verschiedene Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung mit Mäusen und Kaninchen. Ohne darüber etwas in der Öffentlichkeit verlauten zu lassen, bereitete das Team die erste In-vitro-Fertilisation einer Frau in Deutschland vor.

Am 16. April 1982 war es endlich so weit: In der Universitäts-Frauenklinik in Erlangen wurde ein 53 cm großer und 4150 Gramm schwerer Junge durch einen Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Einige Tage später war Oliver W., das erste deutsche und weltweit sechste »Retortenbaby«, exklusiv auf dem Titelbild der Illustrierten »Quick« zu sehen.

Nach zwölf gescheiterten Versuchen mit anderen Frauen war Siegfried Trotnow die In-vitro-Fertilisation bei Olivers Mutter gelungen. Mit einem minimalinvasiven Eingriff hatte man ihr reife Eizellen abgesaugt und diese in einer Petrischale mit dem Sperma ihres Mannes zusammengebracht. Die befruchteten Eier hatten sich zwei Tage lang in einer Nährlösung zu teilen begonnen, bevor sie in die durch eine Hormonbehandlung vorbereitete Uterus-Schleimhautwand der Frau eingepflanzt worden waren.

Die Geburt des ersten in der Retorte gezeugten Kindes in der Bundesrepublik löste eine heftige Kontoverse in der Öffentlichkeit aus. Während die einen ethische Probleme geltend machten, hofften Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch, doch noch Nachwuchs zu bekommen.

Die Warnungen vor genetischen Schäden erwiesen sich zwar als unbegründet, aber die ethische Bedenken konnten nicht ausgeräumt werden: Vielen Kritikern ist es einfach unheimlich, dass Ärzte menschliches Leben schaffen können. Umgekehrt stellt sich die Frage, was mit den überschüssigen Zygoten geschieht. Um die Erfolgschance zu erhöhen, werden nämlich jeweils mehrere Eier im Reagenzglas befruchtet. Würde man sie dann alle in den Uterus der Frau einsetzen, käme es vermehrt zur Geburt von Zwillingen oder Drillingen. Da die Verwendung der so genannten Stammzellen zu Forschungszwecken durch das am 1. Januar 1991 in Kraft getretene Embyronenschutzgesetz in Deutschland verboten wurde, bleibt eigentlich nur die Vernichtung. Doch wer davon ausgeht, dass mit der Befruchtung das menschliche Leben beginnt, kann damit nicht einverstanden sein.

Als die Engländerin Kim Cotton am 4. Januar 1985 in London ein künstlich gezeugtes Kind zur Welt brachte, dessen amerikanische Eltern ihr den Embryo zum Austragen anvertraut hatten, erhob sich nicht nur aus ethischen Gründen Protest, sondern auch, weil durch so eine »Leihmutterschaft« juristisch problematische Verhältnisse entstehen. Fragwürdig ist auch, ob Frauen weit jenseits der Menopause – wie beispielsweise die britische Kinderpsychologin Patricia Rashbrook kurz vor ihrem 63. Geburtstag im Juli 2006 – durch eine künstliche Befruchtung Kinder bekommen sollen. Zumindest die Befürworter der traditionellen Familie irritiert es, dass sich zunehmend auch unverheiratete Frauen künstlich befruchten lassen, seit die Geburt eines unehelichen Kindes nicht mehr als Schande gilt.

Durch die Fortschritte in der Genetik wurde es schließlich möglich, Embryos vor dem Transfer in den Uterus auf Erbkrankheiten zu untersuchen. Kritiker befürchten, man könne die Diagnostik auf erwünschte Erbmerkmale ausdehnen und »Designerbabys« züchten.

Ungeachtet aller Bedenken wurden in Erlangen bis März 1984, also innerhalb von zwei Jahren, 27 Kinder durch In-vitro-Fertilisation geboren, und inzwischen beträgt die Zahl künstlicher Geburten in der Welt schätzungsweise 200 000 pro Jahr. Die Hälfte davon erfolgt in den USA, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien.

Siegfried Trotnow zog Ende 1985 im Alter von 44 Jahren von Erlangen nach Frankfurt am Main und übernahm als Chefarzt die Frauenklinik im Nordwest-Krankenhaus. Erst nach seiner Pensionierung am 30. Juni 2000 kehrte er nach Franken zurück. Am 5. April 2004 erlag Siegfried Trotnow in Erlangen einem Krebsleiden.

© Dieter Wunderlich 2006

Urs Widmer - Das Buch des Vaters
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