Hansjörg Schneider : Hunkeler und die Augen des Ödipus

Hunkeler und die Augen des Ödipus

Hansjörg Schneider

Hunkeler und die Augen des Ödipus

Hunkeler und die Augen des Ödipus Originalausgabe: Diogenes Verlag, Zürich 2010 ISBN: 978-3-257-06761-3, 232 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Kommissär Peter Hunkeler wird nach 37 Jahren bei der Baseler Polizei pensioniert. Ein paar Tage später wird die Leiche des Theaterdirektors Bernhard Vetter aus dem Rhein geborgen. Sein verlassenes Hausboot hatte man schon sechs Wochen vorher gefunden. Während der Leiter der Sonderkommission zunächst zwei verkrachte Theaterleute verdächtigt, hört sich der Pensionär Hunkeler ohne Hektik und Erfolgsdruck im Dreiländereck um ...
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Kritik

In dem Regionalroman "Hunkeler und die Augen des Ödipus" erzählt Hansjörg Schneider zwar bedächtig und unaufdringlich von der Aufklärung eines Verbrechens, aber v. a. vom Alltag eines gelassenen älteren Mannes.
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Peter Hunkeler hatte sich 1968 in der Studentenbewegung engagiert, war aber nie ein Dogmatiker, sondern vertrat linksliberale Positionen. Nach dem Studium arbeitete er als Regie-Assistent in Basel, aber dann ging er zur Polizei – und blieb 37 Jahre dabei. Jetzt steht der Kriminalkommissär kurz vor seiner Pensionierung. Er wurde in Aarau geboren, wohnt aber seit langer Zeit in Basel und besitzt ein Wochenendhaus im Elsass, wo er sich gern mit seiner Lebensgefährtin Hedwig aufhält. Aus seiner geschiedenen Ehe stammt eine inzwischen erwachsene Tochter, mit der er jedoch kaum Kontakt hat. Im Kriminalkommissariat Basel gilt Hunkeler als Einzelgänger, aber auch wenn er seine Kollegen stets auf Distanz gehalten hat, redet er in den Kneipen im Dreiländereck zwischen der Schweiz, Frankreich und Deutschland mit vielen Menschen aus allen Lebensbereichen.

Am 24. April, sechs Wochen vor Peter Hunkelers Pensionierung, meldet Willy Dreier, der Wirt der Gaststätte „Stauwehr“ bei Märkt im Markgräflerland, das Auflaufen des im Rheinhafen Breisach gemeldeten Hausbootes „Antigone“. Der Besitzer, der Baseler Theaterdirektor Bernhard Vetter, ist weder an Bord noch anderswo aufzufinden. Kommissar Christian Rotzinger von der Landespolizei Lörrach gibt die Meldung weiter an das Kriminalkommissariat Basel und die Gendarmerie in St. Louis.

Bernhard Vetter wurde 1937 geboren und ist Deutscher. Er studierte Theaterwissenschaften in Berlin und kam dann 1968 als Chefdramaturg nach Basel. Seine Karriere ging in München und Hamburg steil nach oben. Vor zwei Jahren übernahm er die Direktion des Baseler Stadttheaters. Liiert ist er seit vielen Jahren mit der Schauspielerin Judith Keller, die inzwischen allerdings nicht mehr auftritt, sondern zurückgezogen in der elsässischen Gemeinde Helfrantzkirch lebt. Bernhard Vetter besitzt ein Hausboot, weil er als Kind die Alliierten Luftangriffe auf Dresden miterlebte und seither an Land nicht mehr richtig schlafen kann.

Um die vorhandenen Informationen über den vermissten Theaterdirektor auszutauschen und die Ermittlungsaufgaben zu verteilen, beruft der zuständige Staatsanwalt Suter in Basel eine Dienstbesprechung ein, an der auch Wirz aus St. Louis und Rotzinger aus Lörrach teilnehmen. Wachtmeister Madörin ernennt er zum Leiter einer Sonderkommission.

Der Polizei ist bekannt, dass es bei der Premiere der Tragödie „König Ödipus“ von Sophokles im Theater Basel am 20. April zu einem Tumult kam. Bei der anschließenden Feier in der Kunsthalle schlug eine aufgebrachte Zuschauerin dem aus Berlin stammenden Regisseur Stephan Hulsch zwei Schneidezähne aus. Nur mit Mühe konnten Peter Wyss, der Wirt der Kunsthalle, und der Hauptdarsteller Oswald Gemperle Frau Sarasin davon abhalten, weiter auf Hulsch einzuschlagen.

Bernhard Vetter hielt dann am 23. April im kleinen Saal des Stadttheaters einen Vortrag über die der Aufführung zugrunde liegende Hölderlin-Übersetzung der griechischen Tragödie. Danach lud er noch ein paar Leute auf sein Hausboot ein: den Regisseur Stephan Hulsch, den arbeitslosen Schauspieler Walter Rutziska, den in einer stillgelegten Sägerei in Kembs-Loechlé hausenden Dramatiker Kurt Dreisitz, den Nationalrat Dr. Görgel, Friedrich Blessing, den aus Dresden stammenden Theaterkritiker der Basler Zeitung, Peter Jenzer, den Pförtner vom Künstlereingang des Stadttheaters, und zwei Frauen. Am nächsten Morgen blieb die „Antigone“ dann ein paar Kilometer unterhalb von Basel verlassen am Stauwehr bei Märkt hängen.

Weil Peter Hunkeler keine Lust hat, für Madörin zu arbeiten, meldet er sich wegen einer Grippe vom Dienst ab. Ohne Hektik und ohne Erfolgsdruck ermittelt er auf eigene Faust.

Dazu gehört, dass er sich eine Aufführung der Inszenierung von Stephan Hulsch im Theater Basel anschaut.

Hunkeler war hingerissen und gab sich ganz dem Bühnengeschehen hin. Auch als sich Ödipus auf ein Klosett setzte, sich nach einer Weile den Hintern abwischte und die Spülung zog, erlahmte seine Aufmerksamkeit nicht. Niemand im Publikum schien daran Anstoß zu nehmen. Als sich immer mehr Schauspieler immer öfter entweder aufs Klo setzten oder duschten und sich nach dem Duschen wieder in die weißen, togaähnlichen Gewänder hüllten, erkannte er: Ach so, hier wurde das alltägliche Leben auf den notwendigen Stoffwechsel zurückgeführt. […]
Erst als die Frauen des Chors, alle zusammen, ihre Windeln aufschnürten, blutige Monatsbinden herausholten, damit Boden und Wände beschmierten und endlich auf Ödipus und Kreon einschlugen, sodass beide voll Blut waren, kam im Zuschauerraum Unruhe auf. Hunkeler lachte laut heraus, er wieherte los. Es war so ungewohnt schrecklich, dass es in Komik umschlug.

Am Ende, als der Bote auftritt und verkündet, dass Jokaste sich erhängt und Ödipus sich die Augen ausgestochen habe, fällt unvermittelt jemand aus der letzten Reihe des Zuschauerraums mit ein. Es ist Walter Rutziska, und seine tragende Stimme übertönt die des Darstellers auf der Bühne.

Nach der Vorstellung spricht Hunkeler den Regisseur in der Gaststätte Kunsthalle an:

„War der zweite Bote im Zuschauerraum inszeniert?“
„Nein, überhaupt nicht. Eine verkrachte Existenz, die meine Inszenierung kaputtmachen will. Das lasse ich mir nicht gefallen.“
„Aber das war doch hervorragend“, sagte Hunkeler.
„Ich beharre auf der Freiheit der Kunst“, schrie Hulsch, so laut, dass es ruhig wurde in der Wirtschaft.
„Ich bin hingerissen“, sagte Hunkeler. „Nur die Monatsbinden verstehe ich nicht ganz. Sind die wirklich nötig?“
„Das ist eine Banausenstadt“, brüllte Hulsch, „das letzte Scheißkaff Europas. Hier“, er sperrte den Mund auf, wo links unten zwei Zähne fehlten, „das ist der Dank dafür, dass man sich in dieser Stadt den Arsch aufreißt. Das ist faschistoid, dieses Saupack. Aber ich werde nicht weichen. Ich werde meine Arbeit weiterschreiben, mit all meiner Entschlossenheit und Kraft.“
„Das finde ich richtig“, sagte Hunkeler und schaute den Regisseur aufmunternd an. „Bloß die Monatsbinden, über die möchte ich mit Ihnen reden.“
„Die Kunst ist frei“, schrie Hulsch, „das steht in der Bundesverfassung. Der Künstler ist frei. Wir verteidigen diese Freiheit bis aufs Blut.“
„Hören Sie doch bitte einmal auf, von Blut zu reden. Übrigens ist das Theater nicht ganz frei. Es braucht das Publikum.“
„Scheißpublikum, Scheißkretins. Hier.“
Er holte aus und versetzte Hunkeler eine unbeholfene Ohrfeige.
„Hier, nehmen Sie. Das ist meine Antwort.“

Friedrich Blessing behauptet in der Basler Zeitung, der Regisseur des Stücks sei erneut geschlagen worden, diesmal von einem Polizisten. Staatsanwalt Suter tadelt den Kommissär deshalb, aber alle anderen Personen, mit denen Hunkeler spricht, loben ihn dafür. Jedes Mal stellt er richtig, dass er die Ohrfeige nicht austeilte, sondern einsteckte.

Mit Hedwig zusammen besucht Hunkeler eine Aufführung des Stücks „Der Gehülfe“ von Robert Walser in der Bearbeitung von Bernhard Vetter im Stadttheater. Die Inszenierung, bei der die Schauspieler in einem Fitnesszentrum trainieren und den Text so nebenbei sprechen, dass man ihn kaum versteht, gefällt ihnen gar nicht.

Am 5. Juni wird Peter Hunkeler in den Ruhestand verabschiedet.

Bernhard Vetters Leiche wird am Stauwehr bei Märkt aus dem Rhein geborgen. Dem Theaterdirektor wurden die Augen ausgestochen.

Madörin lässt Kurt Dreisitz festnehmen, denn er geht davon aus, dass der verkrachte, über eine Absage des Theaterleiters frustrierte Dramatiker der Mörder ist. Dann verhaftet die Polizei den arbeitslosen Schauspieler Walter Rutziska, der sich vergeblich um die Hauptrolle in der Baseler Inszenierung der Tragödie „König Ödipus“ bemüht hatte.

Ein anonymer Anrufer bringt Madörin schließlich auf eine andere Theorie: Bernhard Vetter, so glaubt er jetzt, habe durch Zufall herausgefunden, dass von einer Firma in Cham hergestellte Zentrifugen trotz eines Ausfuhrverbots von der Tripol AG über Rotterdam nach Libyen geschmuggelt werden sollten. Deshalb sei er zum Schweigen gebracht worden.

Hunkeler hält das alles für Unsinn. Er hört sich weiter um. In der Künstlerkneipe „Zum Kiel“ in Basel-Kleinhüningen erzählt ihm Wiebke van Leyden, eine um die 50 Jahre alte Holländerin, sie habe in der Nacht auf den 24. April an Bord der „Elise“ geschlafen und sei aufgewacht, als die „Antigone“ gegen 2 Uhr anlegte. Sie half Bernard Vetter dann, den betrunkenen Obdachlosen Kurt Dreisitz von der „Antigone“ zur „Elise“ zu bringen. Danach hörte sie, wie Vetter auf seinem Hausboot mit einem anderen Mann stritt, und schließlich war es wieder ruhig.

Hunkeler erfährt außerdem, dass Bernhard Vetter sich kurz vor seinem Tod in die brasilianische Samba-Tänzerin Simone Breda verliebte. Die beiden waren sich erstmals am 3. April begegnet, und zwar bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung im „Cuba Libre“, einer von dem 60-jährigen Grafiker Ettore Lardini zur Galerie umfunktionierten Werft. Die sechs Samba tanzenden Mädchen waren Lardini von Arthur Erni vermittelt worden, dem Wirt der Künstlerkneipe „Zum Kiel“ und Inhaber einer Event-Agentur. Sabine Loretan, die Betreiberin des Eros-Centers „Ententeich“ in Kleinhüningen, berichtet Hunkeler, dass Bernhard Vetter die Brasilianerin Simone Breda noch am Abend der Vernissage mit aufs Hausboot genommen habe. Seine Lustschreie seien weithin zu hören gewesen. Gut zwei Wochen lang dauerte das Liebesglück der beiden, dann verschwand zunächst Simone spurlos, und kurz darauf wurde auch Bernhard Vetter vermisst.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Am 12. Juni ruft Wiebke van Leyden den pensionierten Kommissär an und bittet ihn, Annebeth Schubiger im Kantonsspital zu besuchen.

Annebeth Schubiger wuchs als Tochter eines Zeichenlehrers und einer Geigenlehrerin in Moosleerau im Suhrental auf. Sie besuchte die Kunstgewerbeschule in Zürich. Nachdem sie im Rheinhafen Basel die aufgestapelten Container gesehen hatte, mietete sie in Kleinhüningen eine Wohnung und ein Atelier. Seither schichtet sie Streichholzschachteln auf und bemalt sie. Am 10. Juni ging sie zu einem Stall, in dem Arthur Erni ein Schwein und ein paar Zwergziegen hält, an die er Küchenabfälle aus der Gaststätte verfüttert. Als sie dort die Näpfe für streunende Katzen mit Milch und Futter füllte, hörte sie aus einem Anbau neben dem Stall Geräusche. Sie wollte nachsehen, aber da stieß ihr jemand die Eisentüre gegen den Kopf, packte sie an den Haaren, riss ihren Kopf nach hinten und schnitt ihr mit einem Messer in die Stirn. Wiebke van Leyden fand die Verletzte am nächsten Morgen. Die Ärzte diagnostizierten bei Annebeth Schubiger eine Gehirnerschütterung und Verletzungen an den Augenbrauen.

Annebeth Schubiger vermutet nun, dass jemand Simone Breda in dem Anbau gefangen gehalten habe. Weil ihr die Polizei nicht glaubt, dass sie überfallen wurde, vertraut sie sich Hunkeler an, der inzwischen erfahren hat, dass auch Arthur Erni die schöne Brasilianerin begehrte. Es wäre denkbar, dass Erni die junge Frau entführte und dann in der Nacht auf den 24. April seinem Rivalen auflauerte, beobachtete, wie Kurt Dreisitz von der „Antigone“ zur „Elise“ gebracht wurde, Streit mit Vetter anfing, ihn erstach, die Leiche in den Fluss warf und das Halteseil kappte, damit die „Antigone“ rheinabwärts trieb.

Hunkeler zählte an seinen Fingern ab, was er von ihm wusste.
Erstens war er in den 68ern ein Kumpel Lardinis gewesen, ein Sozilist, später Mitbegründer der Progressiven Organisation Basel.
Zweitens hatte er Drogen genommen, war aber nach Lardini inzwischen clean. Was nicht der Wahrheit entsprach.
Drittens war er ein guter Werbetexter gewesen.
Viertens führte er die Wirtschaft zum Kiel.
Fünftens war er Inhaber der Agentur Samba-Events.
Sechstens hatte er sich die Augenbrauen violett gefärbt.
Siebtens hatte er einen Kris im Gürtel stecken.
Achtens spielte er wunderschön Akkordeon.

Hunkeler weist seinen früheren Kollegen Lüdi am 13. Juni darauf hin, dass Simone Breda möglicherweise von Arthur Erni entführt wurde.

Am nächsten Tag sucht die 26-jährige, aus Rio de Janeiro stammende, ebenfalls von Arthur Ernie engagierte Tänzerin Gisele Ribeiro weiter nach ihrer Freundin Simone. Im vom Wind verteilten Kohlenstaub fällt Gisele eine Spur auf, die zu einer Kellertüre führt, aber nicht mehr von dort weg. Sie geht hin und hört einen Mann, der Tango singt und Akkordeon spielt. Daraufhin nimmt sie ihr Handy und ruft Ettore Lardini an. Der kommt sofort und hat einen niederländischen Matrosen namens Henke bei sich. Mit einem Stemmeisen brechen sie die Metalltüre auf. In dem Kellerraum sitzt Simone Breda gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl. Arthur Erni hat das Akkordeon weggestellt und hält nun seiner Gefangenen den Kris an den Hals. Er gibt zu, seinen Rivalen Bernhard Vetter geblendet und ermordet zu haben:

„Den habe ich ins Wasser geschickt. Er soll in Dunkelheit schwimmen. Das Licht ist nur für Simone da. Und für mich.“

Während er redet, schleicht Henke sich unbemerkt von hinten an ihn heran, holt dann mit dem Stemmeisen aus und zertrümmert Erni den Schädel. Er ist sofort tot. Simone Breda wird vom Knebel befreit und losgebunden. Sie ist stark abgemagert.

Hedwig wollte eigentlich mit Peter Hunkeler nach dessen Pensionierung eine lange Wanderung unternehmen, aber dazu hat er keine Lust. Stattdessen schlägt er einen Kompromiss vor: Sie reisen mit einem Schiff nach Paris, und während er an Bord bleibt, kann Hedwig so oft und so lange sie will, auf den Treidelpfaden wandern.

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Wer einen spannenden Thriller erwartet, wird von „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ enttäuscht sein, denn die Aufklärung eines Mordfalls und einer Entführung dient Hansjörg Schneider nur als Gerüst, damit er bedächtig und unaufdringlich vom Alltag eines gelassenen älteren Mannes erzählen kann, der sich im Dreiländereck zwischen Basel, dem Schwarzwald und dem Elsass bewegt und bei dem es sich wohl um ein Alter Ego des Autors handelt.

Hansjörg Schneider kritisiert in dem Regionalroman „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ das elitäre Regietheater und erzählt eine ganz und gar unspektakuläre Geschichte, deren Besonderheit das authentische Lokalkolorit ist.

Eine Nebenhandlung wie die folgende hätte Hansjörg Schneider weglassen können:

Am 4. Juni wacht der obdachlose, alkoholkranke Dramatiker Kurt Dreisitz in seinem Unterschlupf in der stillgelegten Sägerei in Kembs-Loechlé auf. Er beobachtet zwei arabisch aussehende Männer mit Taschenlampen, die etwas suchen, bis sie vom Hund eines anderen Clochards vertrieben werden. Weil er befürchtet, dass sie wiederkommen, wuchtet er einen mit einem Zahlenschloss verriegelten Tresor und eine Plastiktüte mit zwei Dutzend Dynamitstangen auf eine Schubkarre. Zwei Minderjährige hatten den Tresor geraubt und hier versteckt, waren aber von der Polizei verhaftet worden, bevor sie ihn aufsprengen konnten. Dreisitz bringt die Sachen zu einem Ruderboot und setzt damit zur anderen Rheinseite über. Fünf Tage später entdeckt Peter Hunkeler den unter einer Plane versteckten Tresor, unternimmt jedoch nichts. Am 13. Juni beobachtet er zufällig, wie Kurt Dreisitz und Walter Rutziska den Tresor in einem alten Kinderwagen zu einer Kohlenhalde karren und ihn dort aufsprengen wollen. „Seid ihr verrückt geworden?!“, schreit er. Rutziska begreift, dass der pensionierte Kommissär sie warnen will. Er rennt zu ihm. Dreisitz ist zu langsam: Er wird von der Druckwelle der Explosion umgerissen, aber zum Glück nicht ernsthaft verletzt. Bevor die Polizei kommt, schwimmen die beiden über den Rhein nach Frankreich.

Überflüssig scheint mir auch diese Nebenhandlung zu sein:

Am 14. Juni, beim Antritt der Chefdramaturgin Ruth Merlan, die vorübergehend die Direktion des Baseler Stadttheaters übernimmt, bemerkt Peter Hunkeler die Ähnlichkeit von Juliette Vetter, der magersüchtigen, in Freiburg Medizin studierenden Tochter der Schauspielerin Judith Keller und des ermordeten Theaterdirektors Bernhard Vetter, mit Walter Rutziska, und er begreift, dass der arbeitslose Schauspieler ihr leiblicher Vater ist.

Ob Hansjörg Schneider die Wörter quieken und quietschen verwechselt, wenn er von einem quietschenden Schwein (Seite 76) schreibt, kann ich nicht sagen. Sicher ist jedoch, dass weder er noch das Lektorat wissen, dass Dasselbe und das Gleiche nicht Dasselbe sind, denn in „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ zeigen einige Fotos angeblich „die gleiche Frau“ (Seite 23) und zwei Personen sollen „vom gleichen Mörder“ (174) umgebracht worden sein.

Den Roman „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ von Hansjörg Schneider gibt es auch als Hörbuch mit Peter Kner, Ueli Jäggi, Charlotte Schwab u. a. (Regie: Reto Ott, Bearbeitung: Helmut Peschina, Basel 2011, 135 Minuten, ISBN 978-3-85616-454-6).

Christian von Castelberg verfilmte den Roman „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ von Hansjörg Schneider.

Originaltitel: Hunkeler und die Augen des Ödipus – Regie: Christian von Castelberg – Drehbuch: Dominik Bernet nach dem Roman „Hunkeler und die Augen des Ödipus“ von Hansjörg Schneider – Kamera: Reinhard Schatzmann – Schnitt: Carmen Kirchweger – Musik: Christine Aufderhaar – Darsteller: Mathias Gnädinger, Charlotte Heinimann, Axel Milberg, Barbara Melzl u.a. – 2012; 90 Minuten

Hansjörg Schneider wurde am 27. März 1938 in Aarau geboren. Er studierte in Basel Germanistik, Geschichte und Psychologie. Nach der Promotion im Jahr 1966 arbeitete er als Lehrer, Journalist und Regieassistent am Theater Basel. 1970 veröffentlichte er einen Band mit Erzählungen: „Leköb“. Damit begann er seine Karriere als Schriftsteller und Dramatiker. Einen Namen machte er sich vor allem durch sieben Romane über den Baseler Kommissär Peter Hunkeler: „Silberkiesel“ (1993), „Flattermann“ (1995), „Das Paar im Kahn“ (1999), „Tod einer Ärztin“ (2001), „Hunkeler macht Sachen“ (2004), „Hunkeler und der Fall Livius“ (2007), „Hunkeler und die goldene Hand“ (2008), „Hunkeler und die Augen des Öedipus“ (2010). Für „Hunkeler macht Sachen“ wurde Hansjörg Schneider mit dem Friedrich-Glauser-Preis ausgezeichnet. Fünf der Hunkeler-Romane wurden bisher mit Mathias Gnädinger (* 1941) in der Hauptrolle verfilmt: „Tod einer Ärztin“ (2005, Regie: Markus Fischer), „Hunkeler macht Sachen“ (2008, Regie: Markus Fischer), „Hunkeler und der Fall Livius“ (2009, Regie: Stefan Jäger), „Silberkiesel. Hunkeler tritt ab“ (2011, Regie: Markus Fischer), „Hunkeler und der Fall Ödipus“ (2012, Regie: Christian von Castelberg).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Diogenes Verlag

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