Lone Star

Lone Star

Lone Star

Lone Star – Originaltitel: Lone Star – Regie: John Sayles – Drehbuch: John Sayles – Kamera: Stuart Dryburgh – Schnitt: John Sayles – Musik: Mason Daring – Darsteller: Chris Cooper, Elizabeth Peña, Joe Morton, Clifton James, Míriam Colón, Kris Kristofferson, Ron Canada, Matthew McConaughey, Tony Plana, Frances McDormand u.a. – 1996; 130 Minuten

Inhaltsangabe

Buddy Deeds, der vor einiger Zeit gestorbene Sheriff eines Grenzortes in Texas, wird von den Bewohnern noch immer verehrt. Sein Sohn Sam vermutet jedoch, dass er seinen korrupten Vorgänger ermordete und Geld für eine Geliebte unterschlug. Er kann seinem Vater nicht verzeihen, dass dieser ihm den Umgang mit Pilar Cruz untersagte. Während Sam und Pilar zaghaft an ihre Jugendliebe anknüpfen, versucht Sam die Wahrheit über die Vergangenheit herauszufinden ...
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Kritik

Bedächtig entwickelt John Sayles in die aus mehreren Handlungs­strängen zusammengesetzte komplexe Geschichte. Bemerkens­wert sind Wechsel der Zeitebene, die durch Kameraschwenks ohne Schnitt erfolgen: "Lone Star".
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In der Nähe eines texanischen Ortes an der Grenze zu Mexiko werden ein Skelett, ein Sheriffstern und ein Freimaurerring gefunden. Der Forensiker Ben Wetzel (Richard A. Jones) untersucht die Knochen, aber der amtierende Sheriff Sam Deeds ( Tay Strathairn / Chris Cooper), der die Ermittlungen leitet, vermutet sogleich, dass es sich um die sterblichen Überreste seines Vorvorgängers Charlie Wade (Kris Kristofferson) handelt und dass sein Vater Buddy Deeds (Matthew McConaughey) ihn erschoss.

Sheriff Wade war korrupt und skrupellos. Gegen Schmiergeldzahlungen deckte er Straftaten. Versuchte jemand aber, ihn nicht an illegalen Einnahmen zu beteiligen, schreckte er nicht vor Mord zurück. Während Hollis Poque (Jeff Monahan / Clifton James), einer der beiden Deputys, den Mund hielt, weigerte sich der andere, Sams Vater Buddy, Schmiergelder für den Sheriff zu kassieren. Deshalb kam es eines Abends in einer Kneipe zu einer Auseinandersetzung zwischen Wade und Buddy Deeds. „Du bist so gut wie tot“, drohte der Sheriff dem Deputy. Dann fuhr er mit Hollis zu Roderick Bledsoe (Randy Stripling), dem Wirt einer fast ausschließlich von Afroamerikanern besuchten Kneipe, und holte dort ein mit Banknoten gefülltes Kuvert ab. Unmittelbar danach verschwand er spurlos.

Sam vermutet, dass sich sein Vater nach Wades Drohung nicht mehr sicher fühlte und ihn deshalb erschoss.

Jedenfalls wurde Buddys Deeds Nachfolger des toten Sheriffs. Vor einiger Zeit starb er, aber die Bewohner der Stadt – Weiße, Afroamerikaner, Latinos und Indianer gleichermaßen ‐ schwärmen noch heute von ihm. Er habe sich nicht bestechen lassen, sei menschlich und gerecht gewesen, heißt es. Die Stadt hat deshalb eine Gedenktafel für ihn in Auftrag gegeben. Sam, der erst vor zwei Jahren – nach der Scheidung von Bunny (Frances McDormand) – in seinen Geburtsort zurückkam, hält das für unangemessen. Er glaubt, dass die Legenden, die über seinen Vater erzählt werden, nicht dessen wahren Charakter widerspiegeln. Sein eigenes Verhältnis zu ihm war schwierig. Als Buddy beispielsweise seinen Sohn mit Pilar (Vanessa Martinez / Elizabeth Peña), der Tochter der mexikanischen Café-Besitzerin Maria Gonzales („Mercedes“) Cruz (Azalea Mendez / Miriam Colon), im Auto ertappte, zerrte er ihn nach Hause.

Mercedes schickte ihre Tochter in ein Internat, um sie von Sam zu trennen. Als Pilar aus der Schule kam, hatte Sam die Stadt verlassen. Sie heiratete einen Mexikaner namens Fernando und bekam zwei Kinder: Paloma (Carina Martinez) und Amado (Gonzalo Castillo). Inzwischen ist sie Witwe. Sie unterrichtet als Lehrerin an der Schule und leidet darunter, dass das aus Angehörigen verschiedener Ethnien zusammengesetzte Lehrerkollegium über die richtige Darstellung der Landesgeschichte zerstritten ist.

Der Afroamerikaner Otis Payne (Gabriel Casseus / Ron Canada), der für Roderick Bledsoe gekellnert hatte, übernahm nach dessen Tod die Gaststätte und benannte sie in „Big O’s“ um.

Otis‘ Sohn Delmore (Joe Morton) meldete sich zum Militärdienst und verließ die Stadt. Unlängst kam er im Rang eines Colonels zurück, nicht auf eigenen Wunsch, sondern durch eine Versetzung. Delmore Payne ist nun für die hier stationierte Militäreinheit verantwortlich. In dieser Funktion sucht er seinen Vater in der Kneipe auf, denn dort wurde der Private Ritchie Graves bei einer Schießerei verletzt, und der Standortkommandant möchte wissen, wie es dazu kam. Seit Jahren hat er mit seinem Vater kein Wort mehr gewechselt, denn als Kind und Jugendlicher fühlte er sich von ihm vernachlässigt. Auch jetzt beschränkt er das Gespräch auf das dienstlich Notwendige.

Als Sam die Witwe Minnie Bledsoe (Beatrice Winde) aufsucht, um ihr Fragen über Roderick zu stellen, stellt er sich als „Sheriff Deeds“ vor, aber sie meint: „Sheriff Deeds ist tot. Sie sind der Junior.“

Nachdem Sam von dem Häftling Pete (Sam Vlahos) erfuhr, dass Wade Mercedes‘ Ehemann Eladio Cruz (Gilbert R. Cuellar jr.) kaltblütig erschossen hatte, fährt er nach Mexiko und redet dort mit dem Reifenhändler Chucho Montoya (James Borrego / Tony Amendola). Der berichtet ihm, wie Eladio ihn und ein paar andere Mexikaner in einem Lieferwagen über die Grenze in die USA schmuggelte. Wegen einer Reifenpanne mussten sie auf einer Brücke halten, und Chucho nutzte die Gelegenheit, um zu urinieren. Als er den Wagen des Sheriffs kommen sah, warnte er Eladio und versteckte sich. Wade hielt an, redete mit Eladio und forderte ihn schließlich auf, ihm die Schrotflinte zu zeigen, die er im Auto hatte. Sobald Eladio die Waffe in der Hand hatte, erschoss Wade ihn ohne Vorwarnung. Chucho beobachtete das alles aus einem Versteck.

Nach der Enthüllung der Gedenktafel für Buddy Deeds sieht Mercedes, dass ihre Tochter mit Sam weggeht. Das gefällt ihr gar nicht. Sam gesteht Pilar, dass er ihretwegen zurückgekommen sei. Sie schlafen miteinander.

In San Antonio redet Sam mit dem indianischen Trödler Wesley Birdsong (Gordon Tootoosis). Von ihm erfährt er, dass Buddy Deeds eine Geliebte hatte. An deren Namen kann sich der alte Mann allerdings nicht mehr erinnern. Er meint: „Beim Stöbern muss man vorsichtig sein. Man weiß nie, was man findet.“

Sam blättert in alten Akten und kommt zu der Auffassung, dass sein Vater nicht nur seine Frau betrog, sondern auch noch 10 000 Dollar aus der Gemeindekasse unterschlug, damit seine verwitwete Geliebte ein Café kaufen und damit den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter bestreiten konnte.

Bei einer routinemäßigen Urinuntersuchung wird Private Marisol Johnson (Lisa Suarez) als Drogenkonsumentin überführt, und die Afroamerikanerin muss sich deshalb beim Standortkommandanten melden. Der Colonel fragt sie, wozu sie in der Army sei, und sie antwortet: Um Befehle auszuführen. Payne hätte eine andere Antwort erwartet, beispielsweise dass sie dem Land dienen wolle, aber die Soldatin meint, das Land gehöre den Weißen und diese ließen im Bedarfsfall die verachteten Schwarzen für sich kämpfen [Rassendiskriminierung]. Obwohl sie nicht gern beim Militär ist, möchte sie ihren Dienst nicht quittieren, denn für sie sei das ein Job, erklärt sie, und andere Arbeitsmöglichkeiten gebe es für Schwarze wie sie kaum.

Durch das Gespräch wird Delmore bewusst, dass es auch andere Lebensentwürfe als seinen eigenen gibt. Das bringt ihn zum Nachdenken. In Zivilkleidung geht er zu seinem Vater. Der ist zwar nicht zu Hause, aber Carolyn (Carmen De Lavallade), die seit acht Jahren mit Otis verheiratet ist, bittet ihn herein. Delmore glaubte, sein Vater interessiere sich nicht für ihn, aber nun stellt er fest, dass Otis die ganze Zeit über alles gesammelt hat, was über seinen Sohn publiziert wurde. Er sieht ein, dass er seinerseits seinen Sohn Chet (Eddie Robinson) vernachlässigt hat, und nimmt sich vor, ein besserer Vater zu werden. Am nächsten Wochenende will er mit Chet grillen und Otis und Carolyn dazu einladen.

Enrique (Richard Coca), der als Kellner für Mercedes Cruz arbeitet, und sein Kumpel Jaime (Eduardo Martínez) helfen einer jungen Mexikanerin, die den Rio Grande illegal überquert und sich dabei am Bein verletzt hat. Es handelt sich um Enriques Verlobte Anselma (Maricela Gonzalez). Die Männer bringen sie zu Mercedes. Die Besitzerin des Cafés „Santa Barbara“, die Enrique stets zurechtweist, wenn er statt Amerikanisch Mexikanisch spricht, will zunächst nichts damit zu tun haben, aber dann erinnert sie sich, wie sie selbst – damals hieß sie noch Maria Gonzales Ruiz – illegal über den Fluss kam und Eladio Cruz ihr half. Schließlich fährt sie mit Anselma, Enrique und Jaime zum Arzt. Die jungen Leute weisen sie darauf hin, dass sie kein Geld haben, aber Mercedes wird die Rechnung übernehmen.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Sam kommt ins „Big O’s“ und trifft dort Otis und Hollis an. Nach wie geht er davon aus, dass sein Vater ein Mörder und Betrüger gewesen sei. Otis gesteht ihm, was damals tatsächlich geschah, nachdem Wade sein Schmiergeld in der Kneipe kassiert hatte.

Der Sheriff kehrte mit seinem Deputy Hollis Poque zurück, sobald die Gaststätte an diesem Abend geschlossen hatte. Sie überraschten Otis und ein paar andere Männer in einem Hinterzimmer bei einem verbotenen Glücksspiel, das durch Roderick Bledsoes Schmiergeldzahlungen nicht abgedeckt war. Während die Mitspieler sich verdrückten, schlug der Sheriff Otis zusammen. Dann brachte er ihn dazu, einen Revolver hinter dem Tresen hervorzuholen, blinzelte Hollis zu und legte auf Otis an, der ihm den Rücken zukehrte. Bevor er abdrücken konnte, erschoss Hollis ihn jedoch und rettete Otis so das Leben. In diesem Augenblick kam Buddy Deeds herein. Weil Richter Tipps mit Sheriff Wade gemeinsame Sache gemacht hatte, erschien es den drei Männern zu riskant, die Justiz einzuschalten. Stattdessen vergruben sie Wades Leiche auf einem stillgelegten Schießplatz der Armee.

Hollis klärt Sam darüber auf, dass sein Vater auch kein Geld aus der Gemeindekasse unterschlug, sondern dafür sorgte, dass Mercedes nach der Ermordung ihres Ehemanns 10 000 Dollar als Witwenunterstützung bekam. Seine Geliebte wurde sie erst später.

Bevor Sam „Big O’s“ verlässt, deutet er an, dass er den Fall des Skelettfunds als ungelöst zu den Akten legen werde.

Dann trifft er sich mit Pilar. Er fragt sie nach ihrem Vater. Eladio sei kurz vor ihrer Geburt gestorben, sagt sie. Sam zeigt ihr ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass Mercedes‘ Ehemann eineinhalb Jahre vor der Geburt ihrer Tochter erschossen wurde. Buddy habe die Krankenhausrechnung für die Entbindung bezahlt, sagt er; sein Vater sei auch der ihre gewesen. Obwohl sie Halbgeschwister sind und es sich um Inzest handelt, beschließen Sam und Pilar, ihre Liebesbeziehung fortzusetzen und gemeinsam ein neues Leben anzufangen. Dass Pilar aufgrund von Komplikationen bei Amados Geburt nicht mehr schwanger werden kann, erleichtert ihnen die Entscheidung.

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„Lone Star“ ist eine Mischung aus Neowestern, Thriller, Polizeifilm und Gesellschaftsporträt. Der Protagonist Sam Deeds hinterfragt die unterschiedlichen Bilder, die er und die Bürger seiner Heimatstadt von seinem verstorbenen Vater haben, versucht die Wahrheit herauszufinden und lernt, dass ein Trödler Recht hat, der zu Bedenken gibt: „Beim Stöbern muss man vorsichtig sein. Man weiß nie, was man findet.“ Es geht in „Lone Star“ um Erinnern und Vergessen, die Bewältigung der Vergangenheit und den Mut zum Neuanfang.

John Sayles lässt die Geschichte in einer von verschiedenen Ethnien bevölkerten Stadt in Texas an der Grenze zu Mexiko spielen. „Lone Star“ spiegelt deshalb auch die gesellschaftlichen Probleme an so einem Ort, in dem unterschiedliche Kulturen und Lebensentwürfe aufeinandertreffen. Diese Darstellung wirkt realistisch.

John Sayles, der nicht nur das Drehbuch geschrieben hat, sondern auch Regie führte und den Film schnitt, nimmt sich Zeit, um die komplexe Handlung aus verschiedenen Perspektiven zu entwickeln. Bedächtig führt er die Zuschauer durch ein Geflecht von Handlungssträngen.

An einigen Stellen fügt er Rückblenden ein, die sich nicht, wie üblich, durch Schnitte und eine andere Farbtönung von der Gegenwart abheben. Um zu veranschaulichen, dass Vergangenheit und Gegenwart zusammenhängen, wechselt John Sayles in „Lone Star“ durch bemerkenswerte Kameraschwenks ohne Schnitt zwischen den Zeitebenen hin und her. Beispielsweise steht Sam als Erwachsener am Flussufer. Die Kamera schwenkt nach links unten, und da sitzen er und Pilar als Kinder. Oder: Chucho Montoya versteckt sich unter einer Brücke vor Charlie Wade. Die Kamera schwenkt nach oben, und da steht nun Sam Deeds: Wir sind wieder in der Gegenwart.

„Lone Star“, so heißt auch eine texanische Biermarke, und Texas wird als „Lone Star State“ bezeichnet. Das bezieht sich auf die Flagge mit einem Stern.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013

Rassismus in den USA

Graham Greene - Der Mann, der den Eiffelturm stahl
Die von Graham Greene in einem Band mit dem Titel "Der Mann, der den Eiffelturm stahl" zusammengefassten, sehr verschiedenen zwölf Erzählungen stammen aus den Jahren 1923 bis 1989.
Der Mann, der den Eiffelturm stahl

Graham Greene

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