Fernando Pessoa : Ein anarchistischer Bankier

Ein anarchistischer Bankier

Fernando Pessoa

Ein anarchistischer Bankier

Originalausgabe:O Banqueiro anarquista, 1922 Ein anarchistischer Bankier Übersetzung: Reinhold Werner Deutsche Erstausgabe:Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1986 Neuausgabe:Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006 ISBN 3-8031-1236-2, 89 Seiten, 12.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein wohlhabender Bankier doziert nach einem Abendessen mit einem Freund über den Anarchismus. Mit spitzfindigen Argumenten und verblüffenden Schlussfolgerungen begründet er, wieso er sich für einen konsequenten Anarchisten hält, der nicht nur vom Anarchismus spricht, sondern auch danach lebt.
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Kritik

Bei dem Roman "Ein anarchistischer Bankier", der fast ausschließlich aus einem Monolog des Protagonisten besteht, handelt es sich um ein pointiertes, sarkastisches Spiel mit der Logik.
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Zwei befreundete Herren haben miteinander zu Abend gegessen. Als die Unterhaltung ins Stocken gerät und erstirbt, wendet der Erzähler sich mit der erstbesten Idee, die ihm durch den Kopf geht, an sein Gegenüber:

Mir wurde erzählt, Sie seien früher Anarchist gewesen. (Seite 7)

Der Angesprochene, der es vom mittellosen Arbeiter zum reichen Bankier gebracht hat, bestätigt das und beteuert zur Verwunderung des Fragestellers, es immer noch zu sein.

In mir – jawohl, in mir, dem Bankier, dem großen Händler und Schieber, wenn Sie es so hören wollen – in mir vereinigen sich beide, Theorie und Praxis des Anarchismus, aufs genaueste. Sie haben mich mit diesen Idioten von Bombenlegern, mit denen von der Gewerkschaft verglichen, um zu beweisen, ich sei anders als sie. Das bin ich auch, nur ist der Unterschied folgender: die da (jawohl, die da, nicht ich) sind nur in der Theorie Anarchisten, ich bin es in der Theorie und in der Praxis. Die da sind Anarchisten und Dummköpfe, ich bin Anarchist und gescheit. Darum, mein Guter, bin ich der wahre Anarchist. (Seite 9)

Was heißt das, Anarchist zu sein? Das heißt, sich gegen die Ungerechtigkeiten auflehnen, die darin bestehen, dass wir gesellschaftlich gesehen ungleich zur Welt kommen. (Seite 12)

Die Ungerechtigkeiten der Natur – sei’s drum! Wir können Sie nicht abschaffen. Aber die der Gesellschaft und ihrer Verhältnisse – warum schaffen wir sie nicht ab? (Seite 13)

Dem Anarchisten – so der Bankier –, gehe es darum, alle gesellschaftlichen Konventionen und Fiktionen abzuschaffen, „angefangen von der Familie bis hin zum Geld, von der Religion bis zum Staat“ (Seite 14). Anders als etwa ein Sozialist will der Anarchist nicht eine andere Ideologie durchsetzen, sondern alle Fiktionen abschaffen.

Und jedes System – außer dem rein anarchistischen, das ja all diese Fiktionen samt und sonders abschaffen will – ist auch nur eine Fiktion. (Seite 15)

Um dieses Ziel zu erreichen, hatte er sich noch als Arbeiter mit etwa vierzig Gleichgesinnten zusammengetan, doch unversehens waren innerhalb der Gruppe neue Macht- und Unterdrückungsstrukturen entstanden:

Eine kleine Gruppe aufrichtiger Leute (ich stehe dafür ein, dass sie aufrichtig waren!), die sich ausdrücklich zusammengetan und vereint hatte, um sich für die Sache der Freiheit einzusetzen, konnte nach ein paar Monaten nichts anderes an Konkretem und Handfestem vorweisen als – Tyrannei in den eigenen Reihen. (Seite 36)

Aufgrund dieser Erfahrung gewann er die Überzeugung, jeder müsse unabhängig von den anderen weitermachen. Als die Gruppe diesen Vorschlag rundheraus ablehnte, zog er sich frustriert zurück, um den Kampf allein fortzusetzen. Eine zwangsweise Revolutionierung der Gesellschaft, etwa durch die Diktatur des Proletariats, wäre gegen seine Überzeugung gewesen. Stattdessen kam er zu dem Schluss, dass er niemandem außer sich selbst zur Freiheit verhelfen könne. Da er als Einzelner auch nicht in der Lage war, die gesellschaftlichen Fiktionen abzuschaffen, musste er sich darauf beschränken, sie für sich persönlich unwirksam zu machen. Also nahm er sich die bedeutendste gesellschaftliche Fiktion vor, das Geld, und häufte davon als Händler, Schieber und Bankier so viel wie möglich an.

Ich habe Freiheit geschaffen. Ich habe jemanden befreit. Mich habe ich befreit. (Seite 58)

Mehr war nicht möglich.

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Ein wohlhabender Bankier doziert im Gespräch mit einem Freund über den Anarchismus. Mit spitzfindigen Argumenten und verblüffenden Schlussfolgerungen begründet er, wieso er sich für einen konsequenten Anarchisten hält, der nicht nur vom Anarchismus spricht, sondern auch danach lebt.

Abgesehen von ein paar Fragen des Erzählers und hin und wieder einer Bemerkung über die Szenerie („Er starrte eine Zeit lang ins Leere. Dann wandte er sich wieder mir zu.“ – Seite 14), besteht „Ein anarchistischer Bankier“ aus einem Monolog des Protagonisten. Es handelt sich um ein pointiertes, sarkastisches Spiel mit der Logik.

Allerdings ist es Fernando Pessoa im Grunde durchaus ernst:

Der radikale Egoismus des Bankiers entspricht Pessoas radikalem (pluralisierten) Individualismus aus dem die Forderung nach der Unantastbarkeit individueller Freiheit spricht – in weltanschaulichen, religiösen, sexuellen, ja auch in nichtssagenden Angelegenheiten. (Reinhold Werner im Nachwort zu „Ein anarchistischer Bankier“)

Fernando António Nogueira Pessoa (1888 – 1935) ging nach der Wiederverheiratung seiner verwitweten Mutter in Südafrika zur Schule. 1905 kehrte er nach Lissabon zurück und arbeitete bis zu seinem Tod als Handelskorrespondent. Er veröffentlichte nur wenig, aber in seinem Nachlass wurden mehr als 24 000 zumeist fragmentarische Manuskripte gefunden. Fernando Pessoa gilt als einer der bedeutendsten Lyriker Portugals.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2006
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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Emmanuelle Pagano

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