Joyce Carol Oates : Blond

Blond

Joyce Carol Oates

Blond

Originaltitel: Blonde Ecco / Harper Collins, New York 2000 Blond Übersetzung: Uda Strätling,Sabine Hedinger und Karen Lauer S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2000
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Blond zeigt Facetten einer traumatisierten Frau, die als unerwünschtes Kind hin- und hergeschoben worden war und sich bis ans Lebensende nach Liebe und Anerkennung verzehrt. Aus Norma Jeane Baker wird das Kunstprodukt "Marilyn Monroe", ein Idol, eine Legende, eine auf das Image der Sexbombe reduzierte, missbrauchte Schauspielerin.
Weiterlesen

Kritik

In "Blond" montiert Joyce Carol Oates aus inneren Monologen, Erzählungen wechselnder Erzähler-Ichs, erfundenen Gedichten und Notizen Marilyn Monroes und angeblichen Kommentaren von Zeitzeugen einen Roman, in dem sie zwischen Fakten und Fiktion bewusst nicht differenziert.
Weiterlesen

Am 1. Juni 1932 feiert Norma Jeane Baker * ihren sechsten Geburtstag. Das Kind lebt bei seiner Großmutter Della in Venice Beach, Kalifornien. Die dreißigjährige Mutter Gladys, die sich seit Monaten nicht um ihre Tochter gekümmert hat, holt das Mädchen aus diesem Anlass ab. Gladys bringt Norma Jeane in ihre schäbige, schmutzige Wohnung, an deren Wänden Filmplakate hängen. Seit ihrem neunzehnten Lebensjahr arbeitet sie für die „Produktionsgesellschaft“ als Cutterin. Gladys Pearl Monroe war zweimal verheiratet, zuerst weniger als ein Jahr mit Jack Baker, dann mit Martin Edward Mortensen, der allerdings auch längst aus ihrem Leben verschwunden ist. Sie zeigt ihrer Tochter das Foto eines Mannes Mitte dreißig und verrät ihr, es handele sich um Norma Jeanes Vater. Dessen Namen dürfe sie allerdings nicht verraten, nicht einmal Della kenne ihn, denn er sei ein berühmter Filmproduzent. (Sie erzählt natürlich nichts davon, wie er sich verhielt, als er von ihrer Schwangerschaft erfuhr: Er schlug ihr eine Abtreibung vor, warf ihr 225 Dollar hin und wollte nichts mehr von ihr hören.)

Seit diesem Tag träumt Norma Jeane davon, dass sich ihr Vater bei ihr meldet.

Zwei Jahre später spielt sie mit anderen Kindern am Strand, als sie von ihrer Großmutter gerufen wird. Sie versteckt sich, und als sie endlich nach Hause geht, wundert sie sich über die offen stehende Wohnungstür. Die Großmutter liegt im Badezimmer auf dem Boden, klemmt zwischen Klo und Wanne: Sie ist tot. Das achtjährige Kind macht sich Vorwürfe, weil es glaubt, durch seine Unfolgsamkeit den Tod der Großmutter verschuldet zu haben.

Gladys holt ihre Tochter zu sich. Doch als sie das Kind mit dampfend heißem Wasser in der Badewanne zu verbrühen droht und das Bett in Brand steckt, rennt Norma Jeane nackt zu den Nachbarn und ruft sie um Hilfe. Daraufhin wird Gladys in die Nervenheilanstalt von Norwalk gebracht.

Freunde von Gladys, Jess Flynn und Clive Pearce, versprechen Norma Jeane, mit ihr zusammen die Kranke zu besuchen. Sie packen einen Koffer für das Kind und fahren los – aber nicht nach Norwalk, sondern ins Waisenhaus von Los Angeles.

Bei einer Weihnachtsfeier im Jahr 1935 stehen die Waisen an, während der Nikolaus die Geschenke austeilt. Als Norma Jeane an der Reihe ist, hebt er sie neben sich auf die Bühne ins Scheinwerferlicht, und die Reporter fotografieren, wie er ihr eine Zuckerstange, einen Apfel und eine schön verpackte Schachtel schenkt. Dann wird sie wieder von der Bühne gezerrt.

Weil Gladys die Einwilligung zu einer Adoption ihrer Tochter verweigert, kommt diese mit zwölf Jahren zu Pflegeeltern. Warren Pirig verdient den Lebensunterhalt als Gebrauchswagenhändler. Er und seine Frau Elsie sind seit sechsundzwanzig Jahren verheiratet. An Waschtagen muss Norma Jeane ihrer Pflegemutter helfen, die ihr anschließend eine Entschuldigung wegen Unpässlichkeit für den Lehrer mitgibt. Einige Jahre später, als Elsie beobachtet, wie lüstern ihr Mann das junge Mädchen anstarrt, redet sie mit ihrer Freundin Bessie Glazer und sorgt dafür, dass deren Sohn Buchanan („Bucky“) Norma Jeane am 19. Juni 1942 heiratet. Bucky, der bei einem Bestattungsunternehmen beschäftigt ist und Norma Jeane nur aus Gehorsam zur Frau genommen hat, meldet sich bald darauf zur Handelsmarine. Während er an Bord eines Frachters nach Australien reist, schneidet Norma Jeane sich die Pulsadern auf. Doch sie wird rechtzeitig gefunden und gerettet. Ungeachtet des Protests ihrer Schwiegereltern verlässt sie die Wohnung, die sie sich mit Bucky geteilt hatte und mietet sich ein Zimmer.

Zufällig wird sie von dem Fotografen Otto Öse entdeckt. In verschiedenen Zeitschriften erscheinen Aufnahmen von ihr. Im September 1947 wird sie in Hollywood als Nachwuchsschauspielerin unter Vertrag genommen und erhält den Künstlernamen Marilyn Monroe. Bei ihrem ersten Film („The Shocking Miss Pilgrim“) werden die vier mit ihr gedrehten Minuten fast vollständig herausgeschnitten und ihr Name im Abspann gar nicht erwähnt. Weil sie dringend Geld benötigt, zieht sie sich erstmals für eine Fotoserie aus und erhält dafür 50 Dollar von Otto Öse. Eine der Aufnahmen erscheint 1950 in dem Kalender „Golden Dreams“ und sorgt für einen Skandal, weil es den Schauspielerinnen vertraglich verboten ist, sich nackt fotografieren zu lassen.

Bei den Filmaufnahmen verlangt sie immer wieder, eine Einstellung wiederholen zu dürfen, weil sie überzeugt ist, die Rolle noch besser spielen zu können. Mit dem Film „Asphalt-Dschungel“ schafft Marilyn Monroe 1950 den Durchbruch.

Gegen ihre Migräneanfälle und Menstruationsbeschwerden verschreibt der Arzt ihr Kodein-Schmerztabletten.

Durch Otto Öse hat sie Charly Chaplins Sohn Cass kennen gelernt. Die beiden werden ein Paar, doch eines Tages ertappt ihn Marilyn mit Eddy G. Robinson jr. im Bett. Zuerst ist sie sehr enttäuscht und trennt sich von ihrem Geliebten, aber dann geht sie mit den beiden bisexuellen Männern gleichzeitig ins Bett, und schließlich ziehen sie alle drei zusammen in eine Wohnung.

Als sie 1953 schwanger ist, ruft sie verzweifelt ihren Produzenten Z an. Dessen Sekretärin, Yvet, bringt sie am nächsten Tag in eine ambulante Abtreibungsklinik.

In einer FBI-Akte aus dem Jahr 1953 sind die Liebhaber aufgelistet, die Marilyn Monroe bis dahin gehabt haben soll. Es sind um die hundert, darunter Robert Mitchum, John Huston, Charlie Chaplin, Humphrey Bogart, Cary Grant, Clark Gable, Samuel Goldwyn, Johnny Weissmüller, Fred Astaire, John Wayne, Ronald Reagan, Errol Flynn, Frank Sinatra. Auch mit Mae West, Gloria Swanson, Joan Crawford und Ava Gardner soll sie im Bett gewesen sein. (Seite 468)

Ein ehemaliger Baseball-Profi möchte Marilyn Monroe unbedingt kennen lernen, obwohl ein Freund ihm davon abrät:

Das Weibsstück ist doch ein Flittchen. Immer gewesen. Drogerieblondine. Eine elende Schlampe. Sie trägt keine Unterwäsche. Hängt mit Juden rum und lebt mit zwei schwulen Drogensüchtigen zusammen. Sie hat jeden Schwanz in der Stadt gelutscht und noch so manchen von auswärts. Sie hat die Kerle in Las Vegas ganze Wochenenden lang bedient. (Seite 471)

Der „Ex-Sportler“ lässt sich nicht beirren. Im Januar 1954 heiratet er die skandalumwitterte Filmdiva, die Gerüchten zufolge in früherer Zeit sogar in Pornofilmen mitgewirkt haben soll. Die riesigen Tablettenvorräte, die er bei ihr findet – Benzedrin, Nembutal, Meprobamat, Dexedrin, Dexamyl, Seconal, Phenobarbitural –, wirft er fort. Doch als sie sich für eine Szene in dem Film „Das verflixte 7. Jahr“ in einer Straße von Manhattan auf das Gitter eines U-Bahn-Schachts stellt, sodass ihr der Wind den elfenbeinfarbigen Plisseerock hochbläst und ihr weißes Baumwollhöschen zum Vorschein kommt, verprügelt er sie und lässt sich im Oktober 1954 von ihr scheiden. (Dabei verwirft der Regisseur am Ende die in Manhattan gedrehten Aufnahmen, lässt die Szene im Studio noch einmal nachdrehen und achtet darauf, dass im Film kein Höschen zu sehen ist.) In ihrer Verzweiflung versucht Marilyn Monroe, sich im Meer zu ertränken. Wellenreiter ziehen die Bewusstlose an den Strand und retten ihr das Leben.

Sie erhält Briefe ohne Absender, die angeblich ihr Vater geschrieben hat. Mehrmals stellt er ein persönliches Treffen in Aussicht.

Unvermittelt verlässt Marilyn Monroe Hollywood und tritt in New York in einem Bühnenstück auf. Bei den Proben lernt sie im Winter 1955/56 den zwanzig Jahre älteren „Bühnenautor“ kennen, der seit Marilyns Geburtsjahr mit seiner Frau Esther verheiratet ist. Nach einjähriger Pause setzt sie ihre Filmkarriere in Hollywood fort.

Dem Bühnenautor, der sie nach seiner Scheidung geheiratet hat, fallen ihre aufgeschwemmte Haut und die glasigen, geröteten Augen auf. Trotz ihrer guten Vorsätze aufgrund einer erneuten Schwangerschaft kommt sie nicht ohne Tabletten aus. Nach einer Fehlgeburt dreht sie „Manche mögen’s heiß“.

Nach vier Jahren zerbricht die Ehe Marilyn Monroes mit dem Bühnenautor. Trotzdem kümmert er sich um sie, als sein Drehbuch „Misfits. Nicht gesellschaftsfähig“ von H verfilmt wird und Marilyn die Rolle der Roslyn spielt, obwohl der Regisseur sie nicht ausstehen kann und behauptet, den Film wegen ihrer blutunterlaufenen Augen in Schwarz-Weiß drehen zu müssen. Es fällt ihr immer schwerer, am Vormittag rechtzeitig auf dem Set zu erscheinen, und ihr langjähriger Maskenbildner Whitney braucht von Mal zu Mal länger, um die Zeichen des Verfalls in ihrem Gesicht wegzuschminken.

1962 entdeckt der US-Präsident Marilyn Monroe bei einer Gartenparty. Der „Präsidialkuppler“ erhält den Auftrag, dafür zu sorgen, dass der Präsident den Filmstar unauffällig und ungestört in einem Bootshaus treffen kann. Man rät ihm davon ab: In der FBI-Akte über Marilyn Monroe steht etwas von einem Dutzend Abtreibungen und von einem halben Dutzend Fällen, in denen ihr wegen Drogenmissbrauchs der Magen ausgepumpt wurde. Das Risiko sei zu hoch, meint ein Berater, aber der Präsident bleibt dabei: Er will es im Bootshaus mit ihr treiben. Später lässt er sie einmal unter falschem Namen erster Klasse von Los Angeles nach New York fliegen, um sich in der Präsidentensuite eines Hotels mit ihr zu vergnügen. Während er nackt auf dem Bett liegt und amtliche Telefongespräche führt, drückt er ihr den Kopf zurecht, damit sie ihn oral befriedigt. Nachdem sie sich im Bad einigermaßen frisch gemacht hat, führen zwei Bodyguards sie durch eine Nebentür hinaus. Von draußen sieht sie durch einen Türspalt den Präsidenten.

Da stand er, im wunderbar gearbeiteten dunklen Nadelstreifenanzug, weißen Hemd und gemusterter silbergrauer Krawatte, frisch rasiert, das Haar noch vom Duschen feucht; er unterhielt sich lachend mit einer jungen rothaarigen Frau in Jodphurs; sagte man so nicht zu Reithosen? – Jodphurs? Der Präsident und die Rothaarige sprachen auf dieselbe gequetschte Bostoner Art, und die Blonde Darstellerin machte große Augen, ihr Herz raste. Oh, sie war nicht etwa eifersüchtig! Die junge Frau musste eine Verwandte sein, eine Freundin der Familie. Sie rief leise: „Oh, bitte, Verzeihung?“ und wollte rasch ins Zimmer schlüpfen, um sich vom Präsidenten zu verabschieden und sich der Rothaarigen vorstellen zu lassen, doch Dick Tracy und Bugs Bunny rissen sie so heftig weiter, dass sie schon glaubte, sie hätten ihr die Arme ausgekugelt. Der Präsident funkelte sie an. Sein Gesicht war vor Wut rot geworden wie das Innere vom Roastbeef. Mit langen Schritten eilte er an die Tür und schloss sie vor ihrer Nase. (Seite 877)

Auf einer Galaveranstaltung der Democratic Party anlässlich des 45. Geburtstags des Präsidenten am 29. Mai 1962 im Madison Square Garden, zu der 15 000 Gäste eingeladen werden, die zusammen eine Million Dollar bezahlen, singt Marilyn Monroe auf der Bühne „Happy Birthday, Mr President“. Dabei ist sie so betrunken, dass sie sich kaum auf den Beinen halten kann.

Mitte Juli bleibt ihre Regel aus. Ist sie wieder schwanger, etwa vom Präsidenten, oder beginnt bereits das Klimakterium? Aber sie ist doch erst sechsunddreißig!

Am 3. August 1962 erhält sie die Nachricht vom Alkoholiker-Tod ihres gleichaltrigen früheren Geliebten Cass Chaplin.

In der Nacht vom 4./5. August dringt ein Geheimagent in ihr Haus ein. Er weiß, dass sie aufgrund der vielen Tabletten so tief schläft, dass sie ihn nicht hört. Ruhig sammelt er möglicherweise belastendes Material ein. Dann injiziert er der Schlafenden Nembutal.

nach oben

Marilyn Monroe (Kurzbiografie)

Blond ist ein literarisch verdichtetes „Leben“ und die Anverwandlung trotz des Buchumfanges synekdochisch. Anstelle der zahlreichen Pflegefamilien etwa, in denen das Kind Norma Jeane zu verschiedenen Zeiten untergebracht war, kommt nur eine, fiktive, vor; anstelle der zahlreichen Liebhaber, gesundheitlichen Beschwerden und Krisen, Schwangerschaftsabbrüche, Selbstmordversuche und Leinwandauftritte kommen nur einige wenige von symbolischem Gehalt vor. […] Biografische Informationen sollte der Leser nicht im vorliegenden Buch suchen […] (Joyce Carol Oates in einer Vorbemerkung zu ihrem Roman)

In einem Interview behauptete Joyce Carol Oates, dass ihr die Idee zu „Blond“, ihrem dreiunddreißigsten Roman, beim Anblick eines Fotos der siebzehnjährigen Norma Jeane Baker * gekommen sei.

With her longish dark curly hair, artificial flowers on her head, locket around her neck, she looked nothing like the iconic „Marilyn Monroe“. I felt an immediate sense of something like recognition; this young, hopefully smiling girl, so very American, reminded me powerfully of girls of my childhood, some of them from broken homes. For days I felt an almost rapturous sense of excitement, that I might give life to this lost, lone girl, whom the iconic consumer-product „Marilyn Monroe“ would soon overwhelm and obliterate. I saw her story as mythical, archetypal; it would end when she loses her baptismal name Norma Jeane, and takes on the studio name „Marilyn Monroe.“ She would also have to bleach her brown hair to platinum blond, endure some facial surgery, and dress provocatively. I’d planned a 175-page novella, and the last line would have been „Marilyn Monroe“. The mode of storytelling would have been fairytalelike, as poetic as I could make appropriate. […] No, I didn’t interview anyone about „Marilyn Monroe“. It was not „Marilyn Monroe“ about whom I wrote. (Joyce Carol Oates in einem Interview mit Greg Johnson, „Atlanta Journal-Constitution“, March 12, 2000)

„Blond“ soll nach der Vorstellung von Joyce Carol Oates eine Nahaufnahme von Norma Jeane Baker alias Marilyn Monroe sein. Bewusst vermischt die Schriftstellerin dabei Fakten und Fiktives und nennt beispielsweise statt der Namen von Joe DiMaggio, Arthur Miller und John F. Kennedy nur die Begriffe „der Ex-Sportler“, „der Bühnenautor“, „der Präsident“. Die Protagonistin ist mitunter „die Blonde Darstellerin“. Aber Joyce Carol Oates schreckt nicht davor zurück, Sexszenen dieser Romanfiguren drastisch zu beschreiben.

[…] Und er wälzt sich auf sie, küsst sie wild, dringt in sie ein, so weit er kann […], besorgt es ihr auch, mit ächzend pumpenden Stoßbewegungen; wenn das Ende naht, wird aus dem Gepumpe eine wummrig-wimmrig-zittrige Bewegung, ja, jeder Mann hat bei der geschlechtlichen Vereinigung seinen ureigenen Stil, im Gegensatz zu jedem Mann, dem du einen blasen musst, was immer dasselbe ist, ob der Schwanz nun dick ist oder dünn, kurz oder lang, aalglatt oder dickgeädert, talgigweiß oder blutwurstrot, seiflappensauber oder schleimverkrustet, lauwarm oder bullig heiß, gerade oder gebogen, jugendlich oder altersschwach, es ist immer derselbe Schwanz und immer abstoßend. […] (Seite 399)

Joyce Carol Oates montiert aus inneren Monologen, Erzählungen wechselnder Erzähler-Ichs, erfundenen Gedichten und Notizen Marilyn Monroes und fiktiven Kommentaren von Zeitzeugen einen Roman. „Blond“ zeigt Fassetten einer traumatisierten Frau, die als unerwünschtes Kind hin- und hergeschoben worden war und sich bis ans Lebensende nach Liebe und Anerkennung verzehrt. Aus Norma Jeane Baker wird das Kunstprodukt „Marilyn Monroe“, ein Idol, eine Legende, eine auf das Image einer Sexbombe reduzierte, missbrauchte Schauspielerin, die sich vergeblich darum bemüht, ernst genommen zu werden.

Joyce Carol Oates beeindruckt durch realistische, detaillierte und treffsichere Schilderungen. Die stilistisch experimentellen Passagen allerdings erscheinen mir zu exaltiert und zu ambitioniert.

Es ist ein Rätsel, diese winzigen Kolibris   auf den ersten Blick hält man sie für Hummeln   heute Morgen sah ich welche direkt hinterm Club auf dem Produktionsgelände & da hörte ich Grandma Dellas Stimme   & ich glaube, sie hat mir vergeben   sie liebt mich   Kolibris sind meine Lieblingsvögel: so klein & robust & verwegen & furchtlos   (Obwohl sie wahrscheinlich leicht Habichten zum Opfer fallen? Krähen? Hähern usw.) schieben ihre langen nadeldünnen Schnäbel in die Klettertrompeten, um den Honig zu saugen   sie picken einem nicht Krumen aus der Hand wie andere Vögel heute Morgen drei Annakolibris   sie brauchen ständig Nahrung sonst müssen sie eingehen   winzige Flügel, die so schnell schlagen, dass man sie kaum sieht   ein Schwirren, eine verwischte Bewegung   & ihre Herzen schlagen so schnell   & sie können seitlich & rückwärts fliegen   ich sagte: Grandma, das ist wie beim Denken   die Gedanken können überallhin fliegen (Seite 263)

Joyce Carol Oates (*1938) studierte Englisch und Philosophie. Ihr Erzählband „Am nördlichen Tor“ erschien 1963, im Jahr darauf folgte ihr Romandebüt „Schauder des Fallens“, für den sie den „National Book Award“ erhielt. Seither veröffentlichte sie beinahe jedes Jahr einen Roman, dazu Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke und Essays.

*) Joyce Carol Oates nennt „Norma Jeane Baker“ als Geburtsnamen. Da die Mutter des Kindes zum Zeitpunkt der Niederkunft in zweiter Ehe mit Martin Edward Mortensen verheiratet war, ist es wahrscheinlicher, dass der Familienname „Mortensen“ lautete. Der zweite Vorname wird übrigens zumeist „Jean“ geschrieben: Norma Jean Mortensen.

nach oben

Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2003
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

Marilyn Monroe (tabellarische Kurzbiografie)

Joyce Carol Oates (kurze Biografie / Bibliografie)
Joyce Carol Oates: Marya. Ein Leben
Joyce Carol Oates: Schwarzes Wasser
Joyce Carol Oates: Zombie
Joyce Carol Oates: Vergewaltigt. Eine Liebesgeschichte
Joyce Carol Oates: Geheimnisse
Joyce Carol Oates: Die Verfluchten

Bruno Ernst - Der Zauberspiegel des M. C. Escher
"Escher ist kein Surrealist, der uns in Traumwelten entführt. Er ist ein Konstrukteur unmöglicher Welten, der das real Unmögliche in seinen Bildern streng und gesetzmäßig darstellt."
Der Zauberspiegel des M. C. Escher

Bruno Ernst

Der Zauberspiegel des M. C. Escher

Meine vor 18 Jahren selbstgestrickte Website wurde am 11. Juli durch einen professionellen Neubau ersetzt. Aber das Informationsangebot bleibt kostenlos und werbefrei.

Alte Homepage: