Nina Hagen


Nach dem Abbruch der Schule begann Nina Hagen als Sängerin aufzutreten. Mit 22 Jahren musste sie die DDR verlassen. Im Westen wurden ihre Stimme und ihre flapsigen Texte gefeiert. Die »Mother of Punk« sorgte auch mit provokanten Auftritten für Schlagzeilen.

Tabellarische Biografie: Nina Hagen


Nina Hagen: »Ich war schon immer sehnsüchtig nach freiem, wildem, unabhängigem Leben«

Leseprobe aus
Dieter Wunderlich: Unerschrockene Frauen. Elf Porträts
Piper Verlag, München 2013

Ende 1977 kehrte Nina Hagen in die Bundesrepublik zurück. Bald darauf überredete sie drei Mitglieder der soeben aufgelösten Politrock-Band Lokomotive Kreuzberg, mit ihr und einem Keyboarder die Nina Hagen Band zu gründen. Der Fotograf Günther (»Jim«) Rakete wurde ihr Manager, und CBS Records nahm die Gruppe unter Vertrag. »Punk-Diva Nina Hagen kann mit einem Opernstar locker mithalten«, wird es später in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung heißen. »Nina Hagen schmeißt sich in die Musik, aggressiv, direkt, furios, orgelt im schönsten Opern-Alt, flitzt mit Krakeel und Kieksern in gleißende Sopran-Höhen, sie parodiert, persifliert, kobolzt wie ein Derwisch auf der Bühne: ein Rock-Sponti, eine geballte Ladung Energie, mit vier Oktaven Stimmumfang«, schwärmte der Spiegel-Reporter Fritz Rumler. »Ihre Texte schreibt sie sich selbst, die oft sehr differenzierte, witzige Musik machen ihr (oder mit ihr) ihre Untermänner. Es sind flapsige Reime über Sex, Boys, Alltag, Juxromantik, aber auch schierer Nonsens.« Nina Hagen provozierte den Reporter bei einem Interview mit der Frage, ob sie ihm beschreiben solle, wie sie sich kurz vor oder nach dem Orgasmus fühle. Aber er ließ sich seine Begeisterung nicht nehmen: »Eine starke Persönlichkeit und eine empfindsame Person kringeln sich im Ohrensessel, spontan, gerade, Gefühlen lebend und vertrauend, unheimlich hell und schnell im Kopf; ein Hauch von schöner, heiterer Anarchie umweht die wilde Nina aus Berlin.« Alice Schwarzer, die Nina Hagen mit Patti Smith und Liza Minelli verglich, lobte an ihren »Liedern, dass sie nie platt agitatorisch sind, sondern voller Phantasie, Witz und auch Lebensfreude«. Die Feministin zeigte sich aber auch von der Persönlichkeit des »Prachtweibs« angetan: »Keine Show, nichts Künstliches, ganz sie selbst, offen und spontan, warmherzig und witzig. […] Ungezähmt ist sie und ermutigend stark, verletzbar und hinreißend komisch. Eine glatte Herausforderung für die Welt der Männer, der Normalen und der Erwachsenen.«

Das 1978 veröffentlichte Album Nina Hagen Band wurde 250 000-mal verkauft, und am 9. Dezember 1978 stand die Gruppe in der Dortmunder Westfalenhalle für die Fernsehsendung Rockpalast vor der Kamera.

Trotz dieser Erfolge nahmen die Konflikte unter den Musikern zu. Die Männer warfen Nina Hagen egozentrische Starallüren vor. Allerdings waren sie vertraglich verpflichtet, noch ein zweites Album abzuliefern, für das es auch bereits 200 000 Vorbestellungen gab. Nina Hagen hatte die Texte für die Songs geschrieben, aber als die vier anderen Bandmitglieder am 17. April 1979 mit ihr von Berlin nach Belgien oder Frankfurt am Main – die Angaben darüber widersprechen sich – reisen wollten, um die Songs dort einzuspielen, fehlte sie am Bahnhof. Die Männer

Dieter Wunderlich: Unerschrockene Frauen. © Piper Verlag 2013

fuhren zu ihr, holten sie aus dem Bett und brachten sie zum Bahnhof Zoo, aber kurz vor der Abfahrt des Zuges kehrte sie wieder um, »weniger wegen der noch anhaltenden Gifthirnverpilzung als wegen der Ausdünstungen von Kälte und Missgunst, die mir entgegenschlugen. Nein – wir waren keine Freunde mehr.« Ninas Gesang musste deshalb später separat aufgenommen und zugemischt werden. Das Album erhielt den Titel Unbehagen. Ein drittes kam dann nicht mehr zustande, denn die zerstrittene Band löste sich auf. »Wenn die Band nicht an Neid, Ungerechtigkeit und Missgunst gestorben wäre, wären wir heute die beste Rockgruppe der Welt«, behauptete Nina Hagen 2012 in einem Interview. »Nina Hagen ist ein besonders krasser Fall von Talentvergeudung«, schreibt der Kulturjournalist Edo Reents. »Die noch vor Inga Rumpf rangierende beste deutsche Rocksängerin wusste mit einer Stimme, für die es nie technische Probleme zu geben schien, eigentlich nur zweimal etwas anzufangen […]: Die Platten Nina Hagen Band (1978) und Unbehagen (1979) wiesen sie als das aus, was es bis dahin zumindest in Deutschland so noch nicht gegeben hatte: ein mit Berliner Mutterwitz gesegnetes, zwischen Infantilität und Genialität irrlichterndes Kraftpaket, das in seiner Phrasierungskunst internationalen Höchststandards mühelos genügte. […] Nina Hagen kann es mit den allerbesten Rhythm&Blues-Sängerinnen aufnehmen; sie kann glucksen und kieksen wie Ruth Brown und LaVerne Baker, schnurren wie Eartha Kitt, beherrscht klagen wie Aretha Franklin und brummen und pressen wie alle zusammen.«

Leseprobe aus Dieter Wunderlich: Unerschrockene Frauen. Elf Porträts

© Piper Verlag, München 2013
Quellenangaben und Fußnoten wurden in dieser Leseprobe weggelassen,
sind jedoch im Buch zu finden.

Nina Hagen (tabellarische Biografie)

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