David Mitchell : Der Wolkenatlas

Der Wolkenatlas

David Mitchell

Der Wolkenatlas

Originalausgabe: Cloud Atlas Sceptre, London 2004 Der Wolkenatlas Übersetzung: Volker Oldenburg Rowohlt Verlag, Reinbek 2006 ISBN: 978-3-498-04499-2, 669 Seiten, 24.90 € (D) Rowohlt Taschenbuch, Reinbek 2007 ISBN: 978-3-499-24036-2, 669 Seiten, 9.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Um 1850 wird der Notar Adam Ewing mit der Ausbeutung von Sklaven konfrontiert und beinahe selbst Opfer eines gierigen Mitreisenden. – Robert Frobisher wehrt sich 1931 dagegen, dass ein anderer Komponist seine Ideen für sich beansprucht. – Die Journalistin Luisa Rey deckt 1975 einen Atomskandal auf. – Gut 25 Jahre später wird der Verleger Timothy Cavendish von seinem Bruder in ein Seniorenheim gesperrt. – In einem totalitären Überwachungsstaat der Zukunft wird die Aussage einer zum Tod verurteilten Duplikantin aufgezeichnet. – Die Zivilisation bricht zusammen ...
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Kritik

Der virtuose und großartige, intelligente, anspruchsvolle und höchst unterhaltsame Roman "Der Wolkenatlas" von David Mitchell besteht aus sechs verschiedenen, ineinander verschachtelten und aufeinander bezogenen Geschichten.

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Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing

Um 1850 reist der 33-jährige Notar Adam Ewing aus San Francisco nach Neusüdwales, um eine Erbschaftsangelegenheit zu regeln. Es schockiert ihn, als er auf den Chatham-Inseln sieht, wie ein Moriori-Sklave ausgepeitscht wird. Ewing erfährt, wie die Maori und die weißen Siedler die Moriori versklavt haben und gewaltsam missionieren. Vor seiner Abreise auf dem Schoner „Prophetess“ freundet er sich mit dem Londoner Chirurgen Dr. Henry Goose an. Der wird schließlich von Kapitän Jonathan Molyneux gedrängt, bei freier Verpflegung mit nach Honolulu zu kommen. Molyneux möchte nämlich von dem Arzt wegen seiner Gicht behandelt werden.

Auf hoher See taucht der Moriori auf, bei dessen Auspeitschung Adam Ewing Zeuge war. Autua – so heißt er – hat sich als blinder Passagier an Bord der „Prophetess“ geschlichen. Nach dem Vorbild eines Onkels hatte Autua im Alter von zehn Jahren als Schiffsjunge auf einem französischen Walfänger angeheuert, und er war welterfahren, als er 1835 auf die Chatham-Inseln zurückkehrte. Aber noch im selben Jahr überfielen Maori die Moriori und versklavten die Überlebenden. Autua musste nun für einen Maori namens Kupaka in der Landwirtschaft arbeiten. Er floh dreimal, wurde aber immer wieder eingefangen und zur Strafe ausgepeitscht. Adam Ewing setzt sich beim Kapitän für Autua ein und weist auf dessen Erfahrungen in der Seefahrt hin. Molyneux hat zunächst vor, den blinden Passagier erschießen zu lassen, doch als er sieht, wie geschickt der Moriori ist, erlaubt er ihm, als unbezahlter Hilfsmatrose bis Hawaii mitzukommen. Falls er sich bewähre, könne er dort auf dem Schiff anheuern, meint der Kapitän.

Dr. Goose diagnostiziert bei Ewing den parasitären tropischen Wurm Cusano Coco Cervello und verabreicht ihm regelmäßig Medizin dagegen, aber es geht dem Patienten von Woche zu Woche schlechter.

Briefe aus Zedelghem

Robert Frobisher aus Saffron Walden studiert bei Sir Trevor Mackerass am Caius College in Cambridge Musik. Der überschuldete Musiker flieht 1931 vor seinen Gläubigern aus einem Fenster seiner Suite im Hotel „Imperial Western“ in London und setzt sich nach Belgien ab.

In Briefen hält er seinen am Caius College Physik studierenden homosexuellen Freund Rufus Sixsmith auf dem Laufenden.

Südlich von Brügge sucht Frobisher den greisen Komponisten Vyvyan Ayrs auf, der mit seiner Ehefrau Jocasta Van Outryve de Crommelynck, der Tochter Eva und Bediensteten auf Schloss Zedelghem beim Dorf Neerbeke lebt. Um als Assistent aufgenommen werden, schwärmt Frobisher von Vyvyan Ayrs‘ Musik. Nach einer Bedenkzeit stellt der Alte den jungen Engländer gegen ein geringes Salär, Kost und Logis ein.

Das Ergebnis der ersten Zusammenarbeit ist die Tondichtung „Der Todtenvogel“. Als Sir Edward Elgar zu Besuch nach Zedelghem kommt, sagt er, er habe „Der Todtenvogel“ in Krakau gehört.

V. A. blies sich auf wie ein selbstgefälliger Ochsenfrosch. „Ich habe wohl in meinem Feldzug gegen die Altersschwäche das ein oder andere Nachhutgefecht gewonnen. Mein junger Freund Robert erweist sich als wertvoller Adjutant.“
Adjutant? Verdammt, ich bin sein General; er ist bloß der dicke, alte Türke, der mit den Erinnerungen verblassten Ruhmes regiert!

Nebenher beginnt Frobisher ein eigenes Werk zu komponieren.

Um seine Einnahmen aufzubessern, stiehlt er Bücher aus der Bibliothek von Schloss Zedelghem und verhökert sie an Otto Jansch in Brügge. Dabei stößt er auf ein gedrucktes Reisetagebuch, das 1849 oder 1850 von einem amerikanischen Notar namens Adam Ewing geschrieben und posthum von dessen Sohn veröffentlicht wurde. Aber die Buchdeckel fehlen ebenso wie die zweite Hälfte. Nachdem Frobisher den vorhandenen Teil gelesen hat, schickt er ihn Sixsmith mit der Bitte, nach einem vollständigen Exemplar des Buches zu suchen.

Vyvyan Ayrs infizierte sich 1915 in einem Bordell in Kopenhagen mit Syphilis. Seine Frau beginnt eine Affäre mit Frobisher. Jocasta liegt mit ihm in seinem Bett, als der Hausherr und der Diener Hendrick eines Nachts an die Tür klopfen. Nachdem Frobisher seine Geliebte unter Tagesdecken versteckt hat, lässt er seinen Dienstherrn herein und bringt die „Traummusik“ zu Papier, die Vyvyan Ayrs gerade einfiel.

Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall

Der 66-jährige Atomphysiker Rufus Sixsmith und die 40 Jahre jüngere Journalistin Luisa Rey bleiben 1975 in einem Aufzug in Buenas Yerbas / Kalifornien stecken. Die beiden kommen ins Gespräch.

Luisa Rey studierte Geschichte und Wirtschaft in Berkeley. Inzwischen schreibt die 26-Jährige für das Sensationsblatt „Spyglass“ in Buenas Yerbas. Ihr Vater war Polizist. Am 2. September 1945, während die Amerikaner den Sieg über Japan feierten, ertappten er und sein Partner Nat Wakefield am Silvaplana Wharf zwei Dutzend Männer, die Kisten mit Waffen aus einer Lagerhalle in einen Transporter verluden. Bevor Verstärkung eintraf, kam es zu einer Schießerei, und als die Gangster losfuhren, warfen sie noch zwei Handgranaten. Lester Rey wurde durch die Explosion schwer verletzt und büßte ein Auge ein. Weil der Bürgermeister von Buenas Yerbas eine Aufklärung des Falls verhinderte, verlor Lester Rey den Glauben an die Gerechtigkeit. Er quittierte daraufhin den Polizeidienst und ließ sich zum Journalisten umschulen. Unlängst erlag er einer Krebserkrankung.

Der Atomwissenschaftler Rufus Sixsmith steht seit zehn Monaten als Berater bei der Seaboard Corporation unter Vertrag, einem Konzern, der in den nächsten Tagen im Rahmen des HYDRA-Projekts einen neuen Kernreaktor auf Swannekke Island in Betrieb nehmen will. Sixsmith vertraut der Journalistin an, dass er die Anlage für gefährlich hält.

Um mehr darüber herauszufinden, nimmt Luisa Rey an der Einweihung des Reaktors auf Swannekke Island teil. Nach einer Rede des Seaboard-CEOs Alberto Grimaldi schleicht sie sich in den Bürotrakt und fragt einen Hausmeister nach Rufus Sixsmith. Der ist angeblich in Urlaub und nach Las Vegas gereist. Im Büro des Wissenschaftlers ertappt Luisa Rey einen jungen Mann, der sich am Schreibtisch zu schaffen macht. Es handelt sich um den Forschungsingenieur Isaac Caspar Sachs. Im nächsten Augenblick eilt die Pressesprecherin Fay Li mit einem Wachmann herbei. Sie weist die Journalistin darauf hin, dass sie den Bürotrakts unbefugt betreten habe und behauptet, Sixsmith sei von einem kanadischen Projektteam angefordert worden.

In Wirklichkeit befindet sich Rufus Sixsmith weder in Las Vegas noch in Kanada, sondern im Talbot Motel außerhalb von Buenas Yerbas. Als ihn ein anonymer Anrufer warnt, dass er dort nicht mehr sicher sei, fährt er zum Flughafen von Buenas Yerbas. Dort legt er einen Ordner mit seinem kritischen Bericht über HYDRA in ein Schließfach und packt den Schlüssel zusammen mit einem Brief in ein Kuvert, das er an Luisa Rey in der „Spyglass“-Redaktion adressiert und einwirft, bevor er sich nach dem nächsten Flug nach London erkundigt. Weil an diesem Tag alle Maschinen voll sind, nimmt sich Sixsmith ein Zimmer im Airporthotel Bon Voyage. Vor dem Abendessen liest er noch einmal in Briefen seines früheren Freundes Robert Frobisher, obwohl er die Texte auswendig kennt.

Am nächsten Tag erfährt Luisa aus den Nachrichten vom angeblichen Suizid des Atomphysikers im Flughafenhotel. Sie argwöhnt, dass man ihn ermordete. (Als Leser wissen wir, dass er von Bill Smoke, einem Angestellten des Seaboard-Sicherheitsdienstes, im Hotelzimmer erschossen wurde.)

Luisa gibt sich im Hotel Bon Voyage als Megan Sixsmith aus. So heißt eine Nichte des Toten. Man übergibt ihr deshalb die neun Briefe, die ein Zimmermädchen in der Gideonbibel in Rufus Sixsmiths Zimmer fand.

Nachdem Luisa Rey die 1931 geschriebenen Briefe gelesen hat, bestellt sie in einem Plattenladen das erwähnte, von Robert Frobisher komponierte „Wolkenatlas“-Sextett, von dem nur 500 Platten gepresst wurden.

Sie fährt zu den Anti-Swannekke-Aktivisten, redet mit Hester Van Zandt und erfährt, dass sich das Camp auf einem Grundstück befindet, das einer Frau namens Margo Roker gehört. Weil sie mit den Gegnern des HYDRA-Projekts sympathisiert, weigerte sie sich, Seaboard das Land zu verkaufen. Vor sechs Wochen wurde sie in ihren Bungalow von Einbrechern fast tot geschlagen und liegt seither im Koma. Das Verbrechen war als Raubüberfall getarnt, aber Margo Roker besitzt außer dem Grundstück kaum etwas, und die Krankenhauskosten haben die Familie in den finanziellen Ruin getrieben. Die Angehörigen werden das Grundstück wohl an eine erst vor acht Wochen in Los Angeles gegründete Immobiliengesellschaft verkaufen müssen.

Während eines von Fay Li arrangierten Interviews von Luisa Rey mit dem Forschungsingenieur Isaac Sachs durchsucht die Pressesprecherin die Wohnung der Journalistin. Sie findet keine verdächtigen Aufzeichnungen, aber im Telefonhörer eine Abhörwanze der von Joe Napier, dem Sicherheitschef des Konzerns, bevorzugten Marke.

Sachs weiß, dass Rufus Sixsmith einen kritischen Bericht über HYDRA geschrieben hat und sagt, jeder bei Seaboard habe davon gehört, aber niemand wage es, etwas zu unternehmen.

Bald darauf erhält Luisa einen Anruf von Isaac Sachs. Er befinde sich an der Ostküste, sagt er und habe Garcia vor seiner Abreise ein Geschenk für sie gegeben. Bill Smoke und Joe Napier, die das Telefon abhören, können den Namen Garcia nicht zuordnen, aber Luisa weiß, was gemeint ist, denn sie verriet Sachs, dass sie ihren VW-Käfer „Garcia“ nennt. Tatsächlich findet sie Sixsmiths Bericht unter der Fußmatte.

Auf der Swannekke-Brücke drängt Bill Smoke sie von der Fahrbahn ab. Luisa Rey verliert die Kontrolle über den Wagen und stürzt damit ins Wasser.

Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish

Cavendish Publishing in London besteht nur aus dem Verleger Timothy Cavendish und seiner Mitarbeiterin Mrs Latham. Auch „Faustfutter“, der neue, von Cavendish in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts in Kleinstauflage veröffentlichte Roman von Dermot („Duster“) Hoggins, erweist sich als Flop.

Bei der Lemon-Prize-Verleihung auf der Dachterrasse von Jake’s Starlight Bar in Bayswater beobachtet er, wie Duster Hoggins zwei Tabletts zusammenschlägt, um die anderen Gäste zum Schweigen zu bringen.

„Liebe Büchermessies, wir haben heute Abend einen weiteren Preis zu vergeben!“, röhrte er. Ohne auf das verschmitzte Kichern und die überraschten Ausrufe der Anwesenden einzugehen, zog er einen Umschlag aus der Jackentasche, riss ihn auf und tat, als würde er vorlesen. „Der Preis für den bedeutendsten Literaturkritiker.“ Das Publikum glotzte, motzte, brüllte „Buh!“ oder wandte sich peinlich berührt ab. „Die Konkurrenz war hart, aber die Geschworenen haben sich einstimmig für Seine Kaiserliche Majestät von der Trafalgar Review of Books entschieden, Mr – paddong, Sir – Felix Finch, her – mit – Ihnen – Mann!“
[…] Finch wäre nicht Kritiker gewesen, hätte ihm die unverdiente Aufmerksamkeit nicht geschmeichelt. […] „Was für ein Preis mag das wohl sein?“, rätselte er mit süffisantem Grinsen, als der Applaus verebbte. „Ein signiertes, noch nicht eingestampftes Exemplar von Faustfutter? […] Oder gewinne ich einen Freiflug in ein südamerikanisches Land mit undichten Auslieferungsverträgen?“
„Genau, Freundchen“, sagte Dermot augenzwinkernd. „Freiflug trifft den Nagel auf den Kopf.“
Mein Autor packte den Kritiker am Revers, machte eine halbe Rolle rückwärts, versenkte seine Füße in Finchs fülligem Leib und katapultierte den im wahren Leben überraschend kleinen Medienmann wie ein Judoka in den nächtlichen Himmel. Er flog in hohem Bogen über die Stiefmütterchen, die das Terrassengeländer säumten.

Während Hoggins wegen Mordes zu 15 Jahren Haft verurteilt wird, kommt Cavendish kaum mit dem Nachdrucken des Romans „Faustfutter“ nach, der aufgrund der Sensation zum Bestseller geworden ist. Der geschäftliche Erfolg bleibt den Gläubigern natürlich nicht verborgen. Sie stürmen den Verlag und verlangen ihr Geld. Für Cavendish bleibt von den sprudelnden Einnahmen kaum etwas übrig.

Er sitzt gerade auf dem WC, als drei Männer die Tür aufbrechen: Eddie, Mozza und Jarvis Hoggins, die drei Brüder des inhaftierten Autors, verlangen in dessen Namen eine Erfolgsbeteiligung. Cavendish zeigt ihnen den Vertrag, mit dem Duster Hoggins seine Rechte an den Verlag abtrat, aber die Hoggins-Brüder zerreißen das Dokument und bestehen auf der Zahlung von 50 000 Pfund. Dabei kann Cavendish nicht einmal 5000 Pfund aufbringen.

In seiner Verzweiflung besucht er nach langer Zeit erstmals wieder seinen Bruder Denholme Cavendish, der 30 Jahre lang dem Vorstand einer Bank angehörte. Denholme sitzt an seinem Pool. Zuerst versucht er, Timothy abzuwimmeln, dann erklärt er ihm, er könne ihm zwar nicht mit Geld aushelfen, aber mit einem Unterschlupf, wo er vor den Hoggins-Brüdern sicher sei. Nach einem Telefongespräch drückt er Timothy einen Zettel mit einer Adresse in die Hand.

Im Zug liest Timothy Cavendish in einem ihm zugesandten Manuskript: „Halbwertzeiten. Luisa Reys erster Fall“ von Hilary V. Hush.

Einen Zwischenaufenthalt in Little Chesterford nutzt er, um Ursula zu besuchen, die Frau, von der er ins Sexualleben eingeführt worden war. Sie ist jetzt Großmutter. Dann fährt er weiter nach Hull.

Zuweilen flitzt das flauschige Kaninchen Fassungslosigkeit so rasant um die Kurve, dass der Windhund Sprache perplex in der Startbox sitzen bleibt. Ich musste meine alten Knochen mächtig sputen, um den nächsten Zug noch zu erwischen – und feststellen, dass man ihn gestrichen hatte! Zu meinem „Glück“ hatte der Zug davor jedoch so viel Verspätung, dass er noch nicht abgefahren war.

Endlich trifft Cavendish in Hull ein und nimmt ein Taxi zum Haus Aurora, wo sein Bruder ein Zimmer für ihn reserviert hat.

„Sie kennen doch den Weg zum Haus Aurora, oder?“, fragte ich, worauf der Sikh antwortete: „Na klar, wir sind schon da.“ Die schmale Auffahrt endete vor einem stattlichen edwardianischen Herrenhaus von unüberschaubarer Größe. „Zachary sieht dich.“
„Ich kenne niemanden dieses Namens.“
Er sah mich verdutzt an und wiederholte: „Sechzehn siebzig.“
„Oh. Natürlich.“ Meine Brieftasche steckte weder in der Hosentasche noch im Jackett. Auch nicht im Hemd. Die furchtbare Wahrheit schlug mir ins Gesicht. „Verflucht, ich bin bestohlen worden!“

Cavendish wird freundlich begrüßt. Er brauche sich um nichts mehr zu kümmern, heißt es, auch nicht um die Bezahlung des Taxifahrers. Und nachdem er etwas unterschrieben hat, wird er in sein Zimmer geführt.

Als er am nächsten Morgen aufwacht, wühlt eine Unbekannte in seinen Sachen. Er protestiert, aber die Frau, die den Namen Noakes trägt, fordert ihn rabiat auf, still zu sein. Ist er in einem SM-Hotel gelandet? Cavendish geht zur Rezeption, um sich zu beschweren. Mrs Judd, die Besitzerin des Hauses Aurora, empfängt ihn mit einem Oil-of-Olaz-Lächeln. Sie klärt ihn darüber auf, dass ihre Schwester, Mrs Noakes, das Altersheim leite und er am Vorabend eine Betreuungsvollmacht unterschrieben habe. Cavendish, der nun annimmt, dass sein Bruder sich einen Scherz mit ihm erlaubte, möchte, dass man ihm ein Taxi ruft, findet jedoch kein Gehör.

Cavandish unternimmt einen Fluchtversuch, erleidet dabei jedoch einen Schlaganfall.

Sonmis Oratio

Mitte des 22. Jahrhunderts wird Sonmi in Nea So Copros (Korea) von einem Archivar befragt. Ihre Aussage wird mit einem Orator, einem silbernen, eiförmigen Gerät aufgezeichnet.

Die Duplikantin Sonmi-451 arbeitete mit elf anderen Bedienerinnen zusammen in einem Fastfood-Restaurant des Papa-Song-Konzerns mit 400 Sitzplätzen. Beaufsichtigt wurden die geklonten Bedienerinnen von dem reinblütigen Seher Rhee und dessen zwei bis drei Assistenten. Eine Schicht der Duplikanten dauerte 19 Stunden. Danach tranken sie im Schlafsaal ihre Seife und ruhten vier Stunden lang, bis sie zur nächsten Schicht geweckt wurden. Ein Tag war wie der andere. Sie bewegten sich nur zwischen Schlafsaal und Restaurant. Für jedes Dienstjahr erhielten die Bedienerinnen einen Stern an ihr Halsband geheftet. Mit zwölf Sternen durften die Bedienerinnen erstmals das Gebäude verlassen: Sie wurden auf Papa-Songs goldener Arche ins Elysium auf Hawaii gebracht und dort in Konsumenten transformiert.

Den Bedienerinnen war es streng verboten, die Konsumenten unaufgefordert anzusprechen. Das fiel ihnen nicht schwer, weil sie weder lesen noch schreiben konnten und nur über einen beschränkten Wortschatz verfügten. Aber Yoona-939 war anders, und als sie hörte, wie eine Mutter zu ihrem Sohn sagte, die Duplikanten könnten sich glücklich schätzen, weil sie nur zwölf Jahre lang arbeiten müssen, konnte sie sich nicht beherrschen:

„Arbeiten Sie zwölf Jahre Ihres Lebens zehn Tage die Woche neunzehn Stunden lang an dieser Nabe; bedienen Sie ausfallende Konsumenten; erniedrigen Sie sich vor einem Seher, seinen Assistenten und dem Logoman; gehorchen Sie unserem Katechismus; und wenn Sie all das getan haben, behaupten Sie nochmal, Duplikanten wären die glücklichste Schicht im Staat.“

Eines Nachts wurde Sonmi von Yoona geweckt. Der Seher Rhee hatte von der für die Duplikanten bestimmten Seife getrunken, die bei Reinblütlern wie eine Droge wirkt, und schlief nun fest an seinem Schreibtisch. Er wachte auch nicht auf, als Yoona seine Schlüssel nahm und Sonmi in einen Lagerraum führte. Warum sie das mache, fragte Sonmi. „Aus Neugier“, lautete die Antwort.

Yoona wurde jedoch von Ma-Leu-Da-801 verraten. Rhee verprügelte sie deshalb, riss ihr das Halsband ab und übergab der Denunziantin einen der Sterne. Weil Yoona nicht sofort zur Umorientierung weggebracht werden konnte, legte man sie auf eine Pritsche im Schlafsaal. Unerwartet tauchte sie im Restaurant auf und erschreckte mit ihrem Aussehen die Gäste. Dass sie ein Kind entführen wollte, wie es später hieß, stimmte nicht. Sie benötigte allerdings einen Reinblütler, um mit dem Lift fliehen zu können, denn Fahrstühle bewegen sich nur, wenn eine Seele anwesend ist. Bevor Yoona ins Freie kam, wurde sie erschossen.

Sonmi wachte in der Nacht danach durch ein Geräusch auf. Rhee war in seinem Büro umgefallen, nachdem er eine tödliche Dosis Lethe getrunken hatte.

Gleich darauf wurde Sonmi von einem Herrn Chang abgeholt. Zum ersten Mal fuhr sie mit dem Lift nach oben zum Chongmyo Plaza, und der Chauffeur brachte sie zur Taemosan-Universität, in das Labor des Doktoranden Boom-Sook Kim. Der Sohn eines in leitender Position bei Kwangju Genomics beschäftigten Xec war mehr an Zeitvertreib als an Xperimenten interessiert, und die Doktorarbeit „Gehirn-Upsizing eines internierten Service-Duplikanten: eine Fallstudie am Beispiel von Sonmi-451“ ließ er sich gegen Bezahlung von einem Wissenschaftsagenten schreiben. Auch das Thema hatte der Wissenschaftsagent vorgeschlagen. Proband war eigentlich Yoona-939, aber um notfalls einen Ersatz zu haben, hatte man den sogenannten Aufstieg auch bei Sonmi-451 mit Chemikalien eingeleitet. Boom-Sook Kim beabsichtigte zwar nicht, mit Sonmi-451 zu experimentieren, aber um den Schein zu wahren, ließ er sie in sein Labor bringen.

Der geklonte Katastrophenschützer Wing-027 besorgte Sonmi heimlich einen Sony mit einem gespeicherten Schulprogramm. Begierig saugte die Duplikantin das Wissen auf.

Eines Tages forderte Boom-Sook seine Kommilitonen Min-Sic und Fang in seinem Labor zu einem Wettschießen mit einer Armbrust auf. Sonmi musste sich mit einer Melone auf dem Kopf hinstellen. Dann wurden die Früchte kleiner. Als sie gerade beim Schuss auf eine Pflaume am Ohr verletzt wurde, riss Professor Mephi die Tür auf und erklärte Boom-Sook Kim, dass dessen Promotion abgebrochen sei. Dann ließ er Sonmi von Herrn Chang zur Eintracht-Fakultät bringen, deren Vorstand er angehörte.

Ob sie nicht wissen wolle, wie er auf sie aufmerksam geworden sei, fragt Prof. Mephi. Sonmi antwortet so knapp und unterwürfig, als sei sie eine gewöhnliche Duplikantin. Aber Mephi weiß über sie Bescheid. Er erzählt, dass dem Bibliotheksleiter die ungewöhnlich hohe Zahl von Download-Anforderungen aufgefallen sei und dieser ihn deshalb informiert habe. Die Anfragen kamen von einem Sony, der dem bei einem Ski-Unfall getöteten Studenten Nun Hel-Kwon gehört hatte.

Der Vorstand schilderte, wie es zwischen den Fachbereichen zum Streit gekommen war, als er von seiner Entdeckung berichtete. Konzernokraten der alten Schule wollten mich als Abweichlerin ins Euthanasium befördern; die Psychogenomiker wollten mich einer Hirnvivisektion unterziehen, die Marketing-Xperten wollten an die Öffentlichkeit treten und mich als bahnbrechende Forschungssensation der Taemosan-Universität verkaufen.

Durch den Sony war Sonmi beobachtet worden, bis Mephi wegen der lebensgefährlichen Armbrust-Schüsse einschritt.

Sie durfte nun als einzige Duplikantin studieren. Weil sie jedoch von den reinblütigen Kommilitonen im Hörsaal angefeindet wurde, sorgte Prof. Mephi dafür, dass sie die Vorlesungen mit dem Sony verfolgen konnte.

Ein Kommilitone, der sich Hae-Joo Im nannte, besaß einen zweidimensionalen Film aus dem 21. Jahrhundert mit dem Titel „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“. Sonmi und Hae-Joo hatten den Protagonisten gerade nach einem Schlaganfall umsinken sehen, als der Student Xi-Li sie alarmierte: 40 bis 50 Vollstrecker hatten die Eintracht-Fakultät gestürmt und Prof. Mephi verhaftet. Nun suchten sie nach Sonmi und Hae-Joo. Während sie zu dritt flohen, gestand Hae-Joo, sich nur als Student getarnt zu haben.

Sloosha’s Crossin‘ und wies weiterging

Die Wege von Old Georgie un mir ham sich mehr gekreuzt als wie ich mich dran erinnern will, un keiner weiß was der Teufel mit seinn Reißzähnen nich noch alles mit mir vorhat wenn ich mal tot bin … drum gebt mir was von euerm Hammel un ich erzähl euch von unser ersten Begeknung. Nee, nich so n spillriches verkohltes Stück, ne dicke saftiche Scheibe …

Der Greis Zachary Bailey sitzt im 24. Jahrhundert am Lagerfeuer und erzählt von seinen Erlebnissen.

Die Zivilisation auf Ha-Why war längst verwüstet, als er geboren wurde. Schreiben und Lesen kannte man hier nur noch vom Hörensagen als sogenannte Clever der Alten. Zweimal im Jahr kamen allerdings Prescients mit einem Schiff, das mit einem Fusionsmotor betrieben wurde, um mit den Bewohnern Tauschhandel zu betreiben. Aber wo die Prescients lebten, verrieten sie nicht.

Zachary war noch ein Kind, als ein Dutzend Kona-Reiter seinen vom Markt in Honokaa heimkehrenden Vater am Südufer von Sloosha’s Crossin‘ ermordeten und seinen Bruder Adam verschleppten.

Mit zwölf schwängerte der Ziegenhirte Zachary ein Mädchen namens Jayjo, aber das Kind wurde tot geboren.

Vier Jahre später beobachtete er von einer Anhöhe aus, wie das Schiff der Prescients wieder einmal in die Flotilla Bay kam, aber er blieb erst einmal mit den Ziegen wo er war und trieb es dort mit Rose. Als er nach Hause kam, erfuhr er, dass eine Frau der Prescients an Land gegangen war und ein halbes Jahr lang das Leben hier studieren wollte. Zacharys Mutter hatte sich nicht gegen die anderen Bewohner durchsetzen können, die der Meinung waren, dass die Frau im Bailey-Haus wohnen sollte. Eine Äbtissin genannte Alte führte Meronym hin und machte sie mit der Witwe und deren Kindern Zachary, Jonas, Sussy und Catkin bekannt.

Meronyms Ehemann war von Wilden ermordet worden. Dass sie 50 Jahre alt war, konnte Zachary kaum glauben, denn älter als 40 wurde auf Ha-Why kaum jemand. Ihr Sohn lebte auf Anafi.

Misstrauisch durchsuchte Zachary ihre Sachen, während sie die Gegend erkundete und sich Notizen machte. Er fand ein silbernes Ei, und als er es in der Hand hielt, sah er ein Geistermädchen. Dann tauchte ein Prescient auf, der ihn nach Meronym fragte und dann aufforderte, das als Orator bezeichnete Gerät zurückzulegen.

Zacharys Schwester Catkin trat beim Angeln auf einen Skorpionfisch. Obwohl sich die Kräuterfrau Wimoway und der Heiler Beardy Leary um das kranke Kind kümmerten, drohte es zu sterben. Nachdem Zachary Meronym in der Gusjaw Schlucht gefunden hatte, drängte er sie, Catkin zu retten, aber die Prescient erklärte ihm, sie dürfe und wolle nicht in die natürliche Ordnung eingreifen. Sie hielt Catkins Zustand ohnehin für hoffnungslos. In seiner Verzweiflung schilderte Zachary ihr, wie sein Vater ermordet und sein Bruder Adam verschleppt worden waren. Da gab ihm Meronym einen winzigen Türkis. Den sollte er Catkin unbemerkt unter die Zunge legen. Zachary tat es, und bald darauf konnte Wimoway stolz verkünden, dass sie ein Kind vor dem Tod gerettet habe.

Gegen Ende ihres halbjährigen Aufenthalts wollte Meronym auf den Mauna Kea, obwohl ihr alle davon abrieten, denn niemand wagte sich dort hinauf. Zachary, der seine Meinung über Meronym inzwischen geändert hatte, übernahm es, sie bei dem gefährlichen Aufstieg zu führen. Auf dem Gipfel des Mauna Kea standen ein Dutzend runde Gebäude, die von den Talmenschen für Tempel gehalten wurden. Meronym klärte Zachary darüber auf, dass es sich um Observatorien aus einer früheren Zeit handelte. Während der Erkundung der Anlagen nahm sie alles mit dem Orator auf, und Zachary erfuhr nun auch, dass es sich bei dem Geistermädchen, das er gesehen hatte, um das Hologramm von Sonmi handelte, die vor langer Zeit auf der Halbinsel Nea So Copros gelebt hatte. Darüber staunte Zachary, denn Sonmi wurde von den Talleuten als Göttin verehrt.

Mehrmals glaubte Zachary auf dem Mauna Kea Old Georgie zu sehen oder zu hören. Der Böse drängte ihn, Meronym zu erstechen oder das Kletterseil zu durchtrennen, aber Zachary tat ihr nichts an.

Während des Abstiegs sahen sie, dass die Siedlung in Flammen stand. Die barbarischen Kona zerstörten das Dorf, töteten die Männer, die sich ihnen in den Weg stellten, vergewaltigten Frauen und versklavten die Überlebenden, darunter auch Zacharys Angehörige. Und schließlich überwältigten sie auch Zachary. Er gehörte zu den zehn Gefangenen eines Trupps von fünf Kona. Aber plötzlich tauchte Meronym auf, tötete die Kona mit einer Handfeuerwaffe und befreite die Opfer.

Sie bat Zachary, sie zu Ikat’s Finger zu führen, wo sie von ihren Leuten abgeholt werden sollte. Außerdem vertraute sie ihm an, dass in ihrem Land vor einigen Monaten eine Seuche ausgebrochen war und sie deshalb ebenso wie vier andere Prescients den Auftrag hatte, auf den Inseln von Ha-Why neues Siedlungsland für die Überlebenden zu finden.

Als Zachary noch einmal ins verwaiste Elternhaus zurückkehrte, um die Familienbilder vom Schrein mitzunehmen, fand er den Anführer der Kona schlafend in seinem Bett vor.

Da lag er nun, der furchtbare Feind. Neunzehn-zwanzich mag er gewesen sein. Ne Ader pochte in seim Adamsapfel, n weißer Fleck mit zwei eidechsichen Tatus drumrum. Du hast mich gefunden also schlitz mich auf, flüsterte die Kehle. Jag deine Klinge in mich rein.

Es fiel ihm schwer, dem Mörder seine Klinge in den Hals zu rammen, aber er tat es aus Rache. In der Tür stieß er mit Meronym zusammen, die ihn vor heranreitenden Kona warnte. Gerade noch rechtzeitig entkamen sie.

Auf dem Weg zu Ikat’s Finger verfolgten Kona sie, und Zachary wurde von einem Pfeil am Bein getroffen, aber sie erreichten ihr Ziel. Dort fiel der Verletzte in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, lag er in einem Kajak der Prescients.

Von unten aus dem Kajak sah ich den kwabblichen Wolken zu. Seeln wandern durch die Zeiten wie die Wolken übern Himmel, un wenn ner Wolke ihre Form un Farbe un Größe auch nie dieselbe bleibt, is sie doch immer ne Wolke, un genauso isses mit ner Seele auch. Wer weiß schon, von wo ne Wolke hergeweht is un was fürn Mensch ne Seele morgen sein wird?

Sonmis Oratio

Bei Hae-Joo Im handelt es sich um einen als Student getarnten Kommandanten der Union, die einen Umsturz der Konzernokratie durch den Aufstieg von 6 Millionen Duplikanten plant. Chang holt Hae-Joo, Sonmi und Xi-Li ab. Bei der Flucht nach Huamdonggil wird Xi-Li von einem Dumdum-Geschoss getroffen, und Hae-Joo gibt ihm den Gnadenschuss.

Ein Seelenimplantator entfernt Sonmis subkutanen Barcode am Hals und beseelt sie am rechten Zeigefinger. Sie heißt nun Yun-Ah Yoo. Als nächstes wird ihr Gesicht neu designed, damit sie nicht mehr auf Anhieb als Duplikantin zu erkennen ist.

Hae-Joo zeigt ihr eine HYDRA-Gärtnerei, in der Klone mit tellergroßen Augen für die Arbeit in den Uranschächten unter dem Gelben Meer gezüchtet werden. Die Genomikeinheit in Kwangju, aus der Sonmi stammt, sei weitaus größer, meint Hae-Joo.

Auf Anordnung des Unions-Generals An-Kor Apis, der sich Sonmi Im Mah-Johngg-Haus in Gestalt eines Karpfens zeigte, bringt Hae-Joo die Duplikantin zur goldenen Arche des Papa-Song-Konzerns. Als Techniker getarnt, gelangen sie an Bord. Etwa zweihundert Bedienerinnen mit je 12 Sternen am Halsband werden einzeln durch ein Drehkreuz in einen fensterlosen Raum geführt. Entsetzt beobachtet Sonmi, was dort mit den Duplikanten passiert, die glauben, auf dem Weg nach Hawaii zu sein. Man setzt ihnen einen Helm auf, in dem ein Bolzenschussgerät versteckt ist und tötet sie. Die Genomikindustrie benötige die Biomasse für die Bruttanks und die Seifenproduktion, erklärt Hae-Joo. Deshalb würden die Duplikanten nach zwölf Dienstjahren recycled.

Sonmi erhält die Aufgabe, in einer abgelegenen Villa in Ülsukdo Ceo außerhalb von Pusan ein Manifest der Rebellen zu verfassen. Obwohl sie ahnt, dass dies ihre letzte Tätigkeit sein wird, formuliert sie den Aufruf zur Menschlichkeit und übermittelt ihn Hae-Joo mit dem Sony. Kurz darauf wird ihre Verhaftung medienwirksam vorgenommen.

Warum hilft ein Märtyrer seinem Judas? Weil er ein höheres Ziel im Auge hat.

Durch das Aufsehen, das ihre Festnahme verursacht, wird das Manifest im ganzen Land verbreitet.

Sonmi ist überzeugt, dass sie nur wie in einem Film eine Rolle spielte und ihre Tätigkeit als Bedienerin, ihr Aufstieg und ihr Engagement für die Rebellen in einem Drehbuch standen. Selbst die Union hält sie für eine Inszenierung der Konzernokratie.

Zum einen zieht sie Unzufriedene wie Xi-Li an, damit die Eintracht sie beobachten kann; zum anderen liefert sie Nea So Copros das Feindbild, das jeder hierarchische Staat benötigt, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu sichern.

Nachdem Sonmi ihre Aussage beendet hat, äußert sie ihren letzten Wunsch: Sie möchte den Rest des Films „Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish“ sehen.

Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish

Nach der Genesung von dem Schlaganfall, der seine Flucht vereitelte, liest Timothy Cavendish weiter in dem Manuskript „Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall“ von Hilary V. Hush, aber es bricht ab, als die Protagonistin mit ihrem VW-Käfer von der Swannekke-Brücke ins Wasser stürzt.

Eines Nachts schleicht sich Cavendish ins Büro der Heimleiterin und ruft seinen Bruder an. Seine Schwägerin Georgette meldet sich. Offenbar ist sie inzwischen geistig verwirrt, aber ihren Äußerungen entnimmt Timothy, dass Denholme tot ist. Er erlitt ebenfalls einen Schlaganfall und trieb mit dem Gesicht nach unten im Pool, als Georgette ihn fand.

Cavendish freundet sich mit zwei anderen Senioren an: Ernie Blacksmith und Veronica Costello.

Gemeinsam hecken sie einen Fluchtplan aus. Blacksmith fiel auf, dass Johns Hotchkiss, der Sohn der Heimbewohnerin Mrs Hotchkiss, jedes Mal den Autoschlüssel stecken lässt, während er seine Mutter im Haus Aurora besucht. Offenbar tut der Besitzer einer Hälfte aller Hamburger-Restaurants in Leeds und Sheffield dies nur, weil Mrs Hotchkiss den gesamten Familienschmuck in einen Schuhkarton verpackte und vergrub, als sie ahnte, dass er sie ins Altersheim abschieben wollte. Inzwischen kann sie sich nicht mehr daran erinnern, wo sie den Schmuck vergrub, aber ihr Sohn versucht bei seinen Besuchen ihr Gedächtnis aufzufrischen.

Mit dem Handy, das die Pflegerin Deirdre liegen ließ, ruft Cavendish Johns Hotchkiss mitten in der Nacht an, gibt sich als Dr. Conway aus und behauptet, Hotchkiss‘ im Sterben liegende Mutter murmele etwas von Schmuck und wolle ihrem Sohn offenbar noch etwas sagen. Gleich darauf meldet Blacksmith Mrs Noakes den Tod seines Freundes Cavendish. Der versteckt sich in Mr Meeks Zimmer, das seinem eigenen gegenüber liegt und beobachtet, wie die Heimleiterin sein Zimmer betritt, um nachzusehen. Nachdem er sie eingesperrt hat, wartet er zusammen mit seinen beiden Freunden auf Johns Hotchkiss. Der fährt mit seiner Frau vor und eilt ins Gebäude. Cavendish setzt sich hinters Lenkrad. Auch Ernie Blacksmith und Veronica Costello nehmen Platz. Sie durchbrechen das Tor. Als sie auf der Straße sind, taucht auf dem Rücksitz überraschend auch Mr Meeks auf.

Nach dem Überqueren der Grenze zu Schottland besorgen sie sich mit dem Geld aus Hotchkiss‘ Brieftasche Benzin und kehren im Pub Hanged Greyhound ein. Es dauert nicht lang, bis Hotchkiss und der Heimaufseher Withers eintreffen. Der Schotte Mr Meeks, von dem Cavendish bisher glaubte, er könne keinen ganzen Satz mehr sprechen, springt auf, deutet auf die beiden englischen Verfolger und ruft:

Are there no trrruuue Scortsmen in tha hooosse?

Daraufhin verprügeln die Highlanders Hotchkiss und Withers.

In Glasgow trennen sich die Wege der Geflüchteten. Cavendish nimmt sich ein Zimmer in einer Pension in Edinburgh und ruft Mrs Latham an. Sie berichtet ihm, sie habe Eddie, Mozza und Jarvis Hoggins unbemerkt mit der Videokamera ihres Neffen gefilmt, als sie das Verlagsbüro verwüsteten, und ihnen dann gedroht, den Film ins Internet zu stellen, wenn sie sich noch einmal sehen lassen würden.

Ein Hollywoodstudio erwirbt die Rechte für „Faustfutter. Der Film“ von Cavendish Publishing.

Mrs Latham teilt Hilary V. Hush per E-Mail mit, dass der Verlag an „Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall“ interessiert sei. Kurz darauf erhält Cavendish den fehlenden Teil des Manuskripts. Zu seiner Überraschung handelt es sich nicht um eine Autorin, sondern um einen Autor: Das V steht für Vincent.

Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall

Alberto Grimaldi und Isaac Sachs sitzen im firmeneigenen Lear Jet. Der Forschungsingenieur schreibt in sein Notizbuch:

Ein Zeitmodell: eine unendliche Matrioschka aus gemalten Augenblicken. Jede Puppe (die Gegenwart) wird von anderen Puppen (früheren Gegenwarten) umschlossen, die ich die reale Vergangenheit nenne, die von uns aber als virtuelle Vergangenheit wahrgenommen wird. Gleichfalls umschließt die Puppe des „Jetzt“ die Puppen künftiger Gegenwarten, die sich die reale Zukunft nenne, die von uns aber als virtuelle Zukunft wahrgenommen wird.

In diesem Augenblick detoniert die in einem Koffer versteckte Bombe und zerreißt das Flugzeug. Alle zwölf Insassen der Maschine werden dabei getötet.

Der Energieminister Lloyd Hooks hält sich im Swannekke Hotel auf. Er sieht, wie Bill Smoke drei Finger hebt. Das bedeutet: Luisa Rey, Alberto Grimaldi und Isaac Sachs sind tot.

Aber Bill Smoke täuscht sich: Luisa Rey gelingt es, sich aus dem untergegangenen Autowrack zu retten. Die Seiten von Rufus Sixsmiths Bericht treiben allerdings im Wasser davon.

Als sie nach Hause kommt, wartet dort der Sicherheitschef des Seaboard-Konzerns auf sie. Joe Napier versichert ihr, er sei nicht gekommen, um ihr etwas anzutun, sondern stehe auf ihrer Seite, weil ihr Vater ihm vor 30 Jahren in Silvaplana Wharf das Leben rettete, indem er eine der beiden von den Waffenschmugglern geworfenen Handgranaten wegtrat.

Luisa zieht vorübergehend zu ihrer Mutter Judith nach Ewingsville Hill.

Als sie im Musikladen nach der bestellten Platte fragen will, hört sie eine Musik, die ihr nicht nur ungemein gut gefällt, sondern auch bekannt vorkommt. Sie fragt danach und erfährt, dass es sich um das „Wolkenatlas“-Sextett von Robert Frobisher handelt. Der Verkäufer beteuert, die Platte nur aufgelegt zu haben, um sie zu überprüfen.

Nach Grimaldis Tod wechselt Lloyd Hooks von der Politik in die Wirtschaft und wird neuer CEO der Seaboard Corporation.

William Wiley, der Vizechef des Konzerns, drängt Joe Napier, seiner Verabschiedung in den vorzeitigen Ruhestand zuzustimmen und ködert ihn mit 18 Monaten Gehaltsfortzahlung.

Kurz darauf wird Luisa Rey von Kenneth P. Ogilvy, dem Eigentümer der Zeitung „Spyglass“, ohne Angabe von Gründen fristlos entlassen.

Der Chefredakteur Dom Grelsch gesteht ihr unter vier Augen, dass er sich kaufen ließ. Seine Frau ist an Leukämie erkrankt, und die Versicherung wollte nicht zahlen. Aber dann stellte man ihm in Aussicht, das für ihn zu regeln, wenn er dafür Rufus Sixsmiths Bericht vergesse. Er rät Luisa, sich an die Kollegin Fran Peacock vom „Western Messenger“ zu wenden, sobald sie etwas gegen Seaboard in der Hand habe.

Als Luisa ihren Schreibtisch räumt, erhält sie noch ein an sie adressiertes Kuvert. Darin findet sie Sixsmiths Brief vom 3. September 1975 und einen Schließfachschlüssel der Third Bank of California in Buenas Yerbas.

Smoke sitzt in einem geparkten Auto und beobachtet, wie Luisa die Bank betritt. Im Tresorraum wird sie von zwei Chinesen überfallen, die ihr den Schlüssel abnehmen. Damit sperrt Fay Li das Schließfach auf und nimmt den für Seaboard vernichteten Bericht über das HYDRA-Projekt heraus. Zu spät bemerkt sie die beiden Drähte und die blinkende Leuchtdiode. Sie wird von der Explosion getötet.

Luisa, die nur von der Druckwelle umgeworfen wurde, gelangt auf die Straße. Dort versucht Smoke, sie in seinen Wagen zu zerren, aber Napier hindert ihn daran und flieht mit der Journalistin. Smoke und zwei seiner Handlanger namens Bisco und Roper verfolgen sie. Joe Napier und Luisa Rey suchen Zuflucht in einem Lagerhaus. Eine Mexikanerin kommt ihnen aufgeregt entgegen und beteuert, es seien keine Illegalen im Gebäude. Bevor sie durch einen Notausgang wieder ins Freie schlüpfen können, holt Bisco sie ein und hebt die Pistole, um sie zu erschießen. Da schlägt ihn die Frau, die er zuvor als „Mexikanerschlampe“ beschimpfte, mit einem Schraubenschlüssel tot.

Megan Sixsmith trifft mit einem Flugzeug aus Honolulu zu einem von Joe Napier arrangierten Treffen mit Luisa Rey im Museum für Moderne Kunst in Buenas Yerbas ein. Sie rät ihren beiden Gesprächspartnern, auf der Yacht ihres Onkels nachzusehen, denn sie vermutet, dass er dort eine Kopie des Berichts über den HYDRA-Reaktor versteckt hat.

Die „Starfish“ liegt neben der „Prophetess“, einem restaurierten Schoner aus dem 19. Jahrhundert, an der Marina Royale. Tatsächlich finden Luisa Rey und Joe Napier den Bericht in einer Schublade. Da taucht Bill Smoke auf, schießt seinen früheren Chef nieder und fordert die Journalistin auf, ihm den Ordner zu übergeben. Napier stirbt, aber mit letzter Kraft zieht er seine Waffe und tötet Smoke.

Hester Van Zandt besucht Margo Roker im Swannekke County Hospital und erlebt, wie die Patientin aus dem Koma erwacht.

Die Polizei hat viel zu tun. Sie versucht herauszufinden, was in Margo Rokers Haus, in der Third Bank of California und an der Marina Royale geschah. Auch die Ermittlungen im Fall Rufus Sixsmith und wegen des Absturzes des Lear Jets des Seaboard Konzerns werden neu aufgenommen. Lloyd Hooks wird verhaftet. Als er gegen eine Kaution von 250 000 Dollar bis zur Gerichtsverhandlung freikommt, setzt er sich ins Ausland ab.

Luisa Rey erhält von Megan Sixsmith ein Päckchen mit den letzten acht Briefen, die Robert Frobisher 1931 ihrem Onkel schrieb.

Briefe aus Zedelghem

Robert Frobisher komponiert auf Schloss Zedelghem in Neerbeke südlich von Brügge ein „Sextett für einander überschneidende Solostimmen“: Klavier, Klarinette, Cello, Flöte, Oboe und Violine.

Im 1. Satz wird jedes Solo vom nachfolgenden unterbrochen; im 2. setzen sich die unterbrochenen Soli in umgekehrter Reihenfolge fort.

Eva kehrt wie verwandelt von einem Aufenthalt in der Schweiz zurück. Aus dem aufsässigen Teenie ist eine liebenswerte junge Dame geworden. Sie studiert nun in Brügge. Als sie Frobisher gesteht, sie habe sich verliebt, bezieht er dies auf sich und hofft, dass sie nichts von seiner Affäre mit ihrer Mutter mitbekommen hat. Jocasta wiederum spürt offenbar, dass ihr Geliebter sich zu Eva hingezogen fühlt. Sie droht, ihn zu vernichten, falls er ihre Tochter anfassen würde.

Immer häufiger und heftiger gerät Frobisher mit Vyvyan Ayrs in Streit. Der Greis nutzt ihn aus und lässt keinen Zweifel daran, dass er sich die Ideen des Jüngeren zu eigen macht.

„Von gemeinsamer Komposition war nicht die Rede, mein Junge. Sie liefern das Rohmaterial, ich verfeinere es nach meinem Ermessen.“

Weil Frobisher finanziell von Ayrs abhängig ist, erträgt er die Erniedrigung lange Zeit. Aber im Oktober 1931 beschließt er, Schloss Zedelghem zu verlassen. Nachts schleicht er sich zu Ayrs ins Schlafzimmer.

Über Ayrs‘ Adamsapfel pochte eine blaue Ader, und ich bezwang das unerklärlich heftige Verlangen, sie mit meinem Taschenmesser zu öffnen.

Statt dem schlafenden Greis etwas anzutun, nimmt er nur dessen Luger aus dem Nachttisch und packt dann seine Sachen. Dabei findet er unter dem Bett die fehlende Hälfte des gedruckten Reisetagebuches von Adam Ewing.

In Le Royal Hôtel in Brügge vollendet Robert Frobisher das „Wolkenatlas“-Sextett mit einem „grauenhaft unsauberen“ Geigenton.

Er passt Eva ab, die ihn jedoch erbost darüber aufklärt, dass sie mit ihrem Begleiter, einem Schweizer namens Grigoire, verlobt sei. Aus Enttäuschung und Eifersucht schlägt Frobisher den Mann nieder. Beim Vater des Verletzten handelt es sich um einen einflussreichen Banker. Der droht Frobisher mit einer Anzeige wegen Körperverletzung. Aufgrund des Vorfalls muss der junge Musiker das Hotel verlassen und ins Hôtel Memling umziehen.

Von dort schreibt er Rufus Sixsmith am 12. Dezember 1931 einen letzten Brief. Wenn sein Freund diese lese, heißt es da, werde er bereits tot sein. Er habe immer gewusst, dass er seinen 25. Geburtstag nicht erleben werde. Um die Teppiche zu schonen, erschießt Robert Frobisher sich in der Badewanne, und bevor er es tut, schiebt er dem Hoteldirektor einen Zettel unter der Tür durch, damit nicht ein argloses Zimmermädchen die Leiche findet. Die Partitur des „Wolkenatlas“-Sextetts und die zweite Hälfte des Reisetagebuches schickt er Sixsmith.

Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing

Nach einem Aufenthalt auf einer der Gesellschaftsinseln und der Äquatortaufe von zwei Seeleuten erhängt sich der Schiffsjunge Rafael, und Adam Ewing findet heraus, dass der Junge seit Wochen von Mr Boerhaave, dem Ersten Offizier der „Prophetess“ missbraucht wurde.

Obwohl es ihm von Tag zu Tag schlechter geht, hört er, wie Dr. Henry Goose einem der Männer, die nach ihm sehen wollen, vor der Kajüte versichert, der Patient sei auf dem Weg der Genesung. Der Arzt lässt auch Autua nicht zu ihm, sondern behauptet, Ewing habe ihn gebeten, ihm den „Nigger“ vom Leib zu halten. Warum lügt Henry Goose? Da begreift der Kranke, dass er keine Medizin eingenommen hat, sondern schleichend vergiftet worden ist. Goose bestätigt es höhnisch und schneidet das Halsband des inzwischen wehrlosen Patienten durch, um an den Schlüssel für die Truhe zu kommen, in dem sich das Erbe befindet, das der Notar nach Amerika bringen sollte.

„Aber Adam, die ganze Welt ist niederträchtig. Die Maori beuten die Moriori aus, die Weißen ihre dunkelhäutigen Vettern, Flöhe saugen Mäuse aus, Katzen machen Jagd auf Ratten, Christen auf Ungläubige, Erste Offiziere auf Schiffsjungen, der Tod auf die Lebenden. ‚Die Schwachen sind der Braten, an dem die Starken gut gerathen.'“

Im letzten Augenblick wird Ewing von Autua gerettet. Der Moriori lässt sich auch von Boerhaaves Fußtritten nicht davon abhalten, den Kranken in Honolulu an Land zu tragen. Er bringt den Amerikaner, der an diesem Tag 34 Jahre alt wird, zu einer katholischen Mission.

Adam Ewing beabsichtigt, sich nach seiner Genesung und Rückkehr den Abolitionisten in San Francisco anzuschließen.

In sein Tagebuch schreibt er:

Eines schönen Tages muss eine gänzlich räuberische Welt sich selbst auffressen. Ja, der letzte wird so lange von den Hunden gebissen, bis der erste zugleich der letzte sein wird. Eigennutz entstellt die Seele eines jeden Menschen; für die menschliche Species bedeutet Eigennutz ihre Auslöschung.
Ist dies das unserer Natur eingeschriebene Schicksal?
Wenn wir wirklich glauben, dass die Menschheit sich über Klauen u. Zähne erheben kann, wenn wir wirklich glauben, dass unterschiedliche Rassen u. Glaubensbekenntnisse diese Welt so friedlich miteinander theilen können wie die Waisenkinder ihren Kerzenölbaum, wenn wir wirklich glauben, daß Führer gerecht sein müssen, Gewalt geächtet gehört, Macht verantwortet werden muß u. die Reichthümer der Erde u. ihrer Oceane gerecht vertheilt werden sollen, dann wird eine solche Welt auch zustande kommen.

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„Der Wolkenatlas“ von David Mitchell besteht aus sechs verschiedenen, ineinander verschachtelten Romanen. Der erste spielt um 1850, der letzte etwa 500 Jahre später. Bei der ersten und ältesten Geschichte handelt es sich um einen in der Form eines Reisetagebuches verfassten Abenteuerroman. Es folgen ein Brief- und Künstlerroman, ein Wirtschaftsthriller und die Persiflage eines Schundromans. Den Abschluss bilden zwei Sience-Fiction-Romane, von denen der eine in einem totalitären Überwachungsstaat und der andere in einem postapokalyptischen Szenario spielt. David Mitchell hat für jeden dieser sechs „Romane“ nicht nur eine eigene Form, sondern auch eine besondere Sprache entwickelt.

Die elf Kapital von „Der Wolkenatlas“ sind streng symmetrisch wie in einem Palindrom angeordnet. David Mitchell treibt zunächst in chronologischer Reihenfolge fünf der Handlungen jeweils bis zu einem Cliffhanger voran. Dann unterbricht er die Darstellung. Nur die sechste und letzte Geschichte wird in der Mitte des Buches in einem Stück erzählt. Auf den Seiten 415 bis 668 erfahren wir, wie die fünf abgebrochenen Handlungen weitergehen und enden, aber die Reihenfolge ist nun umgekehrt, sodass „Der Wolkenatlas“ mit der ältesten Geschichte beginnt und endet. Das Schema sieht so aus: 1.1., 2.1., 3.1., 4.1., 5.1., 6, 5.2., 4.2., 3.2., 2.2., 1.2. Diese Konstruktion entspricht dem von Robert Frobisher komponierten „Wolkenatlas“-Sextett. Bemerkenswert ist, dass auch ein Witz, den Lloyd Hooks erzählt, durch einen Einschub in zwei Hälften geteilt wird.

Darüber hinaus sind die Handlungen verknüpft: Der englische Musiker Robert Frobisher liest das Tagebuch des amerikanischen Notars Adam Ewings über dessen Schiffsreise von Neuseeland nach Hawaii. Seine Briefe an Rufus Sixsmith geraten in den Besitz der amerikanischen Journalistin Luisa Rey. Der amerikanische Autor, der über Luisa Reys Kampf gegen einen skrupellosen Konzern schreibt, schickt sein Manuskript dem englischen Verleger Timothy Cavendish. Über den wird ein Film gedreht, den die Duplikantin Sonmi 150 Jahre später auf Korea zu sehen bekommt. Die Aufzeichnung von Sonmis Lebensbricht wiederum taucht in der letzten, auf einem postapokalyptischen Hawaii spielenden Geschichte auf.

An der Royale Marina in Buenas Yerbas sieht Luisa Rey den restaurierten Schoner „Prophetess“, auf dem Adam Ewing 125 Jahre zuvor sein Reisetagebuch schrieb. Witzig ist, dass Timothy Cavendish glaubt, ein indischer Taxifahrer habe „Zachary sieht dich“ zu ihm gesagt. (Zachary heißt die Hauptfigur in der letzten Geschichte.)

Jede der sechs Hauptfiguren in „Der Wolkenatlas“ gerät in Abhängigkeit von anderen Menschen oder sogar in Gefangenschaft. David Mitchell veranschaulicht, dass es zu allen Zeiten Lüge und Ausbeutung, Korruption und Machtmissbrauch, Unterdrücker und Unterdrückte gibt. Die Barbarei ist von Kultur und Zivilisation nur durch eine dünne Membran getrennt. Und gegen Katastrophen wie eine Seuche kommt auch eine fortschrittliche Technologie nicht an.

Alle sechs Protagonisten tragen ein Muttermal in der Form eines Kometen, und wenn beispielsweise Luisa Rey erstmals ein paar Takte aus dem von Robert Frobisher komponierten „Wolkenatlas“-Sextett hört, kommt es ihr bekannt vor. Das lässt sich als Hinweis auf Reinkarnation verstehen, aber David Mitchell liefert keine Erklärung.

Bei dem Namen der Journalistin Luisa Rey dachte David Mitchell vermutlich an Thornton Wilders Roman „Die Brücke von San Luis Rey“. Auch sonst wimmelt es von Anspielungen auf andere Werke der Literatur und den Philosophen Friedrich Nietzsche. Umgekehrt gibt es in David Mitchells 1999 veröffentlichten Roman „Chaos“ Vorgriffe auf „Der Wolkenatlas“: Luisa Rey, Timothy und Denholme Cavendish kommen in „Chaos“ als Nebenfiguren vor.

Selbstironie lässt David Mitchell in einer Bemerkung des Verlegers Timothy Cavendish aufblitzen:

Als erfahrener Lektor lehne ich Rückblenden, vorausgreifende Andeutungen und raffinierte Kunstgriffe ab, sie gehören wie Examensarbeiten über Postmoderne und Chaostheorie in die Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts.

Fazit: „Der Wolkenatlas“ ist ein virtuoser und großartiger, intelligenter, anspruchsvoller und höchst unterhaltsamer Roman.

Die Übertragung dieses vielschichtigen Werkes durch Volker Oldenburg ins Deutsche ist ebenfalls eine Meisterleistung.

Den Roman „Der Wolkenatlas“ von David Mitchell gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Carin C. Tietze, Johannes Steck und Stefan Wilkening (ca. 20 Std).

Tom Tykwer, Andy und Lana Wachowski verfilmten den Roman: „Cloud Atlas“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Tom Tykwer, Andy und Lana Wachowski: Cloud Atlas

Jürgen Trimborn - Riefenstahl
In der kritischen, sachlichen und akribisch recherchierten Biografie "Riefenstahl. Eine deutsche Karriere" deckt Jürgen Trimborn Unwahrheiten in den Legenden über Leni Riefenstahl auf und bietet eine umfassende Fülle von Details, Fakten und Daten.
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