Javier Marías : So fängt das Schlimme an

So fängt das Schlimme an

Javier Marías

So fängt das Schlimme an

Originalausgabe: Así empieza lo malo Verlag Alfaguara, Madrid 2014 So fängt das Schlimme an Übersetzung: Susanna Lange S. Fischer Verlag, Frankfurt/M 2015 ISBN: 978-3-10-002429-9, 639 Seiten, 24.99 € (D) ISBN: 978-3-10-403519-2 (eBook)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nach dem Studium fängt Juan de Vere 1980 als Privatsekretär Eduardo Muriels in Madrid zu arbeiten an. Der Filmregisseur und seine Ehefrau Beatriz Noguera haben drei Kinder, aber Juan merkt rasch, dass die Ehe der beiden nur noch auf dem Papier besteht. Warum hält Eduardo seine Frau auf Distanz? Juan spioniert ihr nach und versucht zugleich, mehr über Eduardos Freund Jorge van Vechten herauszufinden, der als Wohltäter gilt, sich jedoch gegen­über einigen Frauen schamlos verhalten haben soll ...
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Kritik

Weit ausholend und in großen Bögen mäandernd führt uns Javier Marías durch die Geschichte. Seine Gedan­ken­gänge wirken ebenso elegant wie seine von Susanne Lange kongenial ins Deutsche übertragenen Schach­tel­sätze. Vor allem die sprachliche Virtuosität hebt "So fängt das Schlimme an" auf ein hohes literarisches Niveau.
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Juan de Vere ist 23 alt und hat 1980 gerade sein Studium der englischen Philologie abgeschlossen. Fürs Erste vermitteln ihm seine Eltern eine Anstellung als Privatsekretär des mit ihnen befreundeten Filmregisseurs Eduardo Muriel in Madrid.

Eduardo trägt über dem rechten Auge eine schwarze Plastikklappe. Seit rund 20 Jahren ist er mit Beatriz Noguera verheiratet. Die beiden haben drei Kinder: die 15-jährige Susana, die drei Jahre jüngere Alicia und den acht Jahre alten Tomás. Zum Haushalt gehört auch das Dienstmädchen Flavia. Beatriz, die Anfang 40 ist, unterrichtet dreimal in der Woche Englisch an einem Gymnasium und gibt auch Privatstunden. Dass sie und ihr Mann getrennt schlafen und die Ehe nur noch auf dem Papier besteht, erkennt Juan de Vere nach kurzer Zeit. (Die Ehescheidung wird erst ein Jahr später in Spanien eingeführt.)

Von Eduardo Muriels englischem Produzenten Harry Alan Towers wird berichtet, dass er um 1960 ein halb tschechisches, halb englisches Mädchen mit nach New York brachte und in einem Hotel einquartierte. Es heißt, dass er Mariella Novotny zur Prostitution mit Prominenten gezwungen habe, darunter die Kennedy-Brüder John und Robert sowie deren Schwager, der Schauspieler Peter Lawford. Eine Zeit lang war Mariella Novotny eines der so genannten Korridor-Mädchen der Vereinten Nationen.

Eng befreundet ist Eduardo Muriel mit dem deutlich älteren Kinderarzt Dr. Jorge van Vechten. Der schloss 1940 sein Medizinstudium ab, wurde drei Jahre später Assistenzarzt für Pädiatrie im Hospital San Carlos in Madrid und eröffnete als 31-Jähriger eine Facharztpraxis in der 1942 von Franquisten gegründeten Clinica Ruber. Er steht im Ruf, in der Zeit nach dem Spanischen Bürgerkrieg besonders anständig gewesen zu sein und die Kinder vieler vom Regime verfolgten Familien unentgeltlich behandelt zu haben. Eduardo Muriel hat allerdings kürzlich das Gerücht gehört, Jorge van Vechten habe sich schamlos gegenüber Frauen verhalten, und so etwas hält der Regisseur für das Schlimmste überhaupt. Deshalb beauftragt er Juan, dem erfolgreichen Kinderarzt auf den Zahn zu fühlen. Aber er weigert sich, den Verdacht zu konkretisieren, denn er möchte nichts Schlechtes über seinen Freund sagen.

Juan vermutet, dass Eduardo das Wort schamlos nicht im sexuellen Sinn gemeint hat, sondern als Synonym für infam. Wie von seinem Arbeitgeber gewünscht, führt er Jorge van Vechten in seinen Freundeskreis ein und nimmt ihn mit zu nächtlichen Streifzügen durch Madrid. Der gut verdienende Arzt bezahlt jeweils das Taxi für sie alle. Dabei richtet er es so ein, dass am Ende stets noch eine Frau mit ihm im Wagen sitzt. Einmal lässt er sich gegenüber Juan zu folgender Äußerung hinreißen:

„Und nichts befriedigt mehr, als wenn sie nicht wollen, aber nicht nein sagen können. Und dann wollen sie, die meisten, glaub mir, wenn sie erst einmal gezwungen waren, ja zu sagen. Sie wollen es, nachdem sie es probiert haben, aber immer bleibt ihnen die Erinnerung, das Wissen, der Groll, dass sie beim ersten Mal keine Wahl hatten. Du weißt das bestimmt noch nicht, aber es gibt nichts Besseres: neues Begehren vermischt mit altem Groll.“

Eines Nachts beobachtet Juan heimlich, wie Beatriz an die Schlafzimmertüre ihres Mannes klopft, bis er endlich öffnet. Dass sie augenscheinlich unter dem dünnen, kurzen Nachthemd keine Unterwäsche trägt, erregt zwar Juan, aber Eduardo überhaupt nicht. Er bleibt abweisend und packt Beatriz nur einmal grob an den Brüsten, während er sie beschimpft und wegschickt.

„Wenn du mir nur nichts erzählt hättest“, fügte er hinzu, „wenn du die Täuschung aufrechterhalten hättest. Wenn man täuscht, muss man bis zum bitteren Ende gehen. Was hat es für einen Sinn, den anderen eines Tages aus seinem Irrtum zu reißen, plötzlich die Wahrheit zu erzählen.“

Was hat das zu bedeuten? Juan beginnt, Beatriz nachzuspionieren, wenn sie allein weggeht und auch nicht mit der Harley-Davidson ihres Mannes fährt. Zu ihren engsten Freunden gehören zwei Frauen – Marcela und Gloria – und zwei Männer: Professor Francisco Rico und Alberto Augusto Roy, der von seinem Vater eine Agentur zur Erledigung von Behördengängen geerbt hat. Bei Gloria handelt es sich um die Witwe von Eduardos älterem Bruder Roberto, der vor acht Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam. Als er bei einem Überholmanöver mit einem entgegenkommenden Lastwagen kollidierte, saß er nicht allein im Auto, sondern mit einer Frau, und deren Kostüm war ebenso aufgeknöpft wie seine Hose.

Einmal folgt Juan der Ehefrau seines Dienstherrn zum Heiligtum Unserer Lieben Frau von Holmstadt, dem Ableger einer von Deutschen in Chile gegründeten ebenso erzkatholischen wie rechtsradikalen Organisation, der auch zwei Minister des Regimes von Augusto Pinochet angehörten. Als Juan kurz nach Beatriz den Saal Pater Gustavo Hörbiger betritt, ist sie verschwunden. Vom Innenhof aus sieht er ihren Oberkörper an einem Fenster. Sie ist mit Jorge van Vechten zusammen. Die beiden treiben es augenscheinlich im Stehen.

Eduardo Muriel lädt den Produzenten Harry Alan Towers, dessen Ehefrau, die österreichische Schauspielerin Maria Rohm und einige andere Bekannte ein. Während der Vorbereitungen verlässt Beatriz das Haus. Juan folgt ihr und sieht sie beim Betreten des Hotels Wellington. Als die ersten Gäste eintreffen, aber Beatriz ausbleibt, macht Eduardo sich Sorgen. Juan sagt ihm schließlich, er habe Beatriz zufällig ins Hotel Wellington gehen sehen. Der Regisseur eilt sofort los. Juan und Jorge van Vechten begleiten ihn. An der Rezeption erfahren sie, dass Beatriz ein Zimmer gemietet hat. Als niemand öffnet, wird der Geschäfts­führer Hernán Gómez-Antigüedad gerufen. Die Herren betreten die Junior Suite. Erst als sie die abgeschlossene Tür des Bades eingedrückt haben, finden sie Beatriz: Sie liegt mit aufgeschnittenen Handgelenken leblos in der Badewanne. Jorge van Vechten lässt sofort ein Laken zerreißen, um Druckverbände anlegen zu können und sorgt dafür, dass Beatriz ohne Aufsehen und polizeiliche Meldung in die Clinica Ruber gebracht wird.

Später erfährt Juan von Eduardo, dass es sich bereits um den dritten Suizid-Versuch handelte. Eduardo vertraut ihm auch an, dass sie ein viertes Kind hatten. Javier, der Erstgeborene, starb allerdings als Kleinkind an einem Fieber. Endlich beantwortet Eduardo auch Juans Frage nach dem kaputten Auge. Während Eduardo und sein Bruder Roberto zur Zeit des Bürgerkriegs als Kinder spielten, schoss ein Heckenschütze auf sie. Eine abgeprallte Kugel zerstörte Eduardos Auge.

Beatriz wird vom Krankenhaus entlassen und kehrt nach Hause zurück. Während Eduardo in Barcelona dreht, hört Juan sie nachts in der Küche. Offenbar kann sie nicht schlafen. Er geht zu ihr. Sie raucht und hat ein Glas mit Cola und Whisky in der Hand. Als er sich im Verlauf des Gesprächs nach dem Grund für die Zerrüttung ihrer Ehe erkundigt, antwortet sie, das gehe auf eine dumme Lüge vor langer Zeit zurück, aber sie schäme sich, darüber zu reden. Unvermittelt drängt sie sich an ihn. Er zieht sie in sein Zimmer, legt sie aufs Bett und schließt die Tür. Während er mit ihr schläft, hört er leise Schritte am Korridor. Möglicherweise sucht eines der Kinder nach der Mutter.

Eduardo Muriel kommt frustriert aus Barcelona zurück. Harry Alan Towers hat ihn gefeuert und will ihn durch Jesús („Jess“) Franco ersetzen. Der arbeitslose Regisseur rät Juan, sich nach einer anderen Stelle umzusehen.

Als Juan seinem langjährigen Freund José Manuel Vidal Secanell über den Weg läuft, einem sieben Jahre älteren, am Hospital Anglo-Americano beschäftigten Arzt, fragt dieser entsetzt, was Juan mit dem Heuchler und Schweinehund Jorge van Vechten zu tun habe. Juan schließt daraus, dass José Manuel ihn und den Kinderarzt zusammen in einer Bar, einem Straßencafé oder einer Diskothek sah.

José Manuel klärt Juan darüber auf, dass Jorge van Vechten zwei Semester Medizin studiert hatte, als der Bürgerkrieg ausbrach. Der 1918 oder 1919 als Sohn einer einflussreichen, stramm rechts gesinnten Familie ließ sich von Francos Heer anwerben. Als Offizier einer Aufklärungseinheit erfuhr er viel über politische Gegner. Dieses Wissen nutzte er nach dem Bürgerkrieg zusammen mit seinem ebenfalls als Kinderarzt praktizierenden Spießgesellen Dr. Carlos Arranz, um Männer zu erpressen, ihn mit ihren Frauen oder Töchtern schlafen zu lassen. Im Gegenzug behandelte er dann deren Kinder kostenlos – und erwarb auf diese Weise den Ruf eines selbstlosen Wohltäters. José Manuel Vidal Secanell weiß das, weil seine inzwischen verstorbene Tante Carmen Zapater eines der Opfer war.

Juan beobachtete, dass Jorge van Vechten während der gemeinsamen nächtlichen Unternehmungen hin und wieder einem Mädchen Drogen zusteckte. Nun vermutet er, dass der Arzt sie dadurch erpressbar und gefügig machte. Vielleicht weiß er auch von einer illegalen Abtreibung der einen oder anderen Frau, auf die er ein Auge geworfen hat.

Von Juan zur Rede gestellt, versucht Jorge van Vechten die Vorwürfe als uralte Verleumdungen abzutun, und von seiner Äußerung über die Lust des Dominierens behauptet er, das sei Spaß gewesen. Erst als Juan erwähnt, dass er ihn beim Geschlechtsverkehr mit der Ehefrau seines Freundes im Heiligtum Unserer Lieben Frau von Holmstadt beobachtet habe, wird der gemeine Heuchler unruhig, und er fordert Juan drohend auf, keine Gerüchte über ihn zu verbreiten.

Inzwischen will Eduardo gar nicht mehr erfahren, ob an dem Gerücht, das er über seinen Freund Jorge van Vechten gehört hat, etwas Wahres ist oder nicht. Aber Juan besteht darauf, ihm von seinen Erkenntnissen zu berichten, und er möchte wissen, was Eduardo seiner Frau vorwirft, warum er ihr nicht verzeiht, während er das schamlose Verhalten seines Freundes hinnimmt. Im Gegensatz zu Jorge habe Beatriz ihm persönlich etwas angetan, antwortet Eduardo. Dann schließt er die Tür und beginnt zu erzählen:

Beatriz war noch ein Kind, als der Vater Ernesto Noguera mit ihr Spanien verließ und sich über Frankreich nach Mexiko absetzte, bevor er dann Spanisch-Lehrer in Massachusetts wurde. Seiner Tochter hatte er erzählt, ihre Mutter sei kurz nach der Entbindung gestorben. Beatriz wuchs zwar in den USA auf, verbrachte aber jedes Jahr ein paar Monate bei ihrer Tante Julia und ihrem Onkel Luis in Spanien. Nachdem sie sich mit 18 in Eduardo verliebt hatte, kehrte sie die Verhältnisse um, zog dauerhaft nach Madrid und besuchte ihren Vater regelmäßig in Amerika. Ein halbes Jahr vor der Hochzeit – Beatriz war inzwischen 21 Jahre alt – erhielt sie einen Hilferuf ihres Vaters und reiste zu ihm. Sie erfuhr, dass die Ehe ihrer Eltern nicht durch den Tod der Mutter, sondern wegen der Homosexualität des Vaters gescheitert war. Seine Vorliebe für Männer hatte ihn gezwungen, vor den Franchisten zu fliehen. Sein Hilferuf im Jahr 1959 oder 1960 erfolgte, nachdem ihn ein Kollege in flagranti ertappt hatte. Ernesto Noguera wurde zwar nicht bei der Polizei angezeigt, aber die Hochschule entließ ihn. Eine Woche nach der Ankunft seiner Tochter erlitt er einen Herzinfarkt. Um ihn nach der Krankenhaus­behandlung pflegen zu können, blieb sie bei ihm und bat ihren Verlobten um eine Verschiebung der Hochzeit. Als dieser sich in eine andere Frau verliebte und begriff, dass seine Gefühle für Beatriz nicht für ein gemeinsames Leben ausgereicht hätten, löste er sein Eheversprechen in einem ausführlichen Eilbrief. Statt einer Antwort darauf erhielt er ein Telegramm, in dem Beatriz ihm mitteilte, dass ihr Vater gestorben sei und sie noch zwei Wochen bleibe, um den Nachlass zu regeln. Neun Tage später kündigte sie in einem weiteren Telegramm ihre Rückkehr nach Madrid für den nächsten Morgen an. Eduardo konnte nur vermuten, dass sein Brief bei der Post verloren gegangen war. In der Nacht trennte er sich von der Liebe seines Lebens, denn er glaubte, der um ihren Vater trauernden Frau nicht auch noch den Verlust ihres Bräutigams zumuten zu können.

Zwölf Jahre später, nach der Geburt des Sohnes Tomás, gestand Beatriz ihm während eines Streits im Zorn die Lüge und zeigte ihm den in einem Buch versteckten Eilbrief. Seither hält Eduardo seine Frau auf Distanz.

„Es ist mir einerlei, wie sie ihr Leben gestaltet, aber nicht ihren Tod, schon gar nicht, dass sie ihn erreicht. Es macht mir viel aus, dass sie sterben, sich umbringen könnte. Das ist das Letzte, was ich mir wünsche. Es wäre furchtbar für meine Kinder und auch für mich, was denkst du denn? Natürlich, sollte sie es eines Tages schaffen, was kann ich tun. Aber wenn das passiert, zweifele nicht daran, dass es eine Tragödie für mich wird und ich sie aufrichtig beweinen werde.“

Beatriz, die das Gespräch belauscht hat, fährt kurz darauf mit der Harley-Davidson ohne Helm gegen einen Baum. Bei der Autopsie stellt sich heraus, dass sie schwanger war.

Ein gutes Jahr später heiratet Eduardo Muriel die einige Jahre jüngere erfolgreiche Modeunternehmerin Cecilia Alemany.

Sieben Jahre nach Beatriz‘ Selbstmord erliegt der Regisseur einem Herzinfarkt.

Als Juan de Vere sich an die Erlebnisse erinnert und das vorliegende Buch schreibt, ist seine Ehefrau Susana bereits älter als ihre Mutter Beatriz wurde.

Nicht allzu lang ist die Geschichte her – weniger lang, als ein Leben gewöhnlich dauert, und wie gering ist ein Leben, wenn es vorüber ist, sich in ein paar Sätzen erzählen lässt und im Gedächtnis nur noch Asche bleibt, die sich beim kleinsten Beben löst, davonfliegt beim geringsten Wind –, und doch wäre sie heute unmöglich. Damit meine ich das, was den beiden, Eduardo Muriel und seiner Frau Beatriz Noguera, als jungen Menschen geschehen war, und nicht so sehr, was mir mit ihnen geschah, als ich der junge Mann war und ihre Ehe ein langes, unauflösliches Unglück.

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In seinem Roman „So fängt das Schlimme an“ überlässt Javier Marías das Wort dem Ich-Erzähler Juan de Vere, der sich an seine Erlebnissen im Jahr 1980 in Madrid erinnert. Dabei geht es zum einen um das Ehedrama seines damaligen Arbeitgebers, des Filmregisseurs Eduardo Muriel, und dessen Frau Beatriz Noguera, zum anderen um Nachwirkungen des Spanischen Bürgerkriegs bzw. der Franco-Diktatur am Beispiel eines perfiden Heuchlers, der sich als selbstloser Wohltäter geriert. Ein Handlungsstrang von „So fängt das Schlimme an“ dreht sich um Liebe und Täuschung, Rache und Gerechtigkeit, der andere um Verrat, Erpressung und Erniedrigung.

Bemerkenswert, vielleicht sogar irritierend, ist die Aufnahme von Personen, die tatsächlich lebten, in den fiktiven Romankosmos. Das gilt nicht nur für Francisco Franco und Augusto Pinochet, die Kennedy-Brüder John und Robert sowie ihren Schwager Peter Lawford, sondern beispielsweise auch für Jesús („Jess“) Franco, Harry Alan Towers, Maria Rohm, Mariella Novotny, Stephen Ward und Christine Keeler, Francisco Rico Manrique und José Manuel Vidal Secanell.

Zwar beeilt Javier Marías sich nicht, aber die Aufmerksamkeit geduldiger Leser fesselt er mit unheilvollen Andeutungen ebenso wie mit Rätseln, die er erst nach und nach auflöst. Warum hält Eduardo Muriel seine Ehefrau seit Jahren auf Distanz? Wodurch wurde sein rechtes Auge zerstört? Und was hat es mit den üblen Gerüchten über seinen engen Freund, den Arzt Jorge van Vechten, auf sich? Als Juan de Vere sich an die Ereignisse erinnert, ist Beatriz Noguera offenbar bereits tot. Wodurch kam sie ums Leben?

Weit ausholend, in großen Bögen mäandernd und hin und wieder Passagen wiederholend führt uns Javier Marías durch die Geschichte. Seine Gedankengänge wirken ebenso elegant wie seine von Susanne Lange kongenial ins Deutsche übertragenen Schachtelsätze. Vor allem die sprachliche Virtuosität hebt „So fängt das Schlimme an“ auf ein hohes literarisches Niveau.

Der Titel stammt aus der Shakespeare-Tragödie „Hamlet“. In der 4. Szene des 3. Aktes sagt Hamlet zu seiner Mutter Gertrude:

I must be cruel only to be kind.
Thus bad begins and worse remains behind.

Zur Grausamkeit zwingt bloße Liebe mich;
Schlimm fängt es an, und Schlimmres nahet sich.

Anders übersetzt:

So fängt das Schlimme an, und das Schlimmere bleibt zurück.

Mehrmals zitiert Javier Marías diese Stelle in seinem Roman:

Wenn man verzichtet, wenn man darauf verzichtet, zu wissen, was man nicht wissen kann, dann, um mit Shakespeare zu sprechen, fängt das Schlimme vielleicht an, doch das Schlimmere bleibt zurück. (Seite 386)

„So fängt das Schlimme an, und das Schlimmere bleibt zurück“, lautet das Shakespeare-Zitat […] (Seite 465)

Thus bad begins and worse remains behind, sagt Shakespeare in seiner Sprache. (Seite 467)>

So fängt das Schlimme an, und das Schlimmere bleibt zurück. (Seite 618)

Ungeduldigen Lesern wird es schwerfallen, den 639 Seiten dicken Roman „So fängt das Schlimme an“ ganz zu lesen. An sie könnte Javier Marías bei der Figur des Professors Francisco Rico gedacht haben, der zu einer Verabredung mit „drei Nervensägen von der Akademie“ muss und trotz seiner Neugierde nicht bleiben kann, bis José Manuel Vidal Secanell alles über Dr. Jorge van Vechtens Umtriebe erzählt hat.

Übrigens steht das die Inhaltsangabe abschließende Zitat nicht am Ende, sondern am Anfang des Romans.

Das Titelbild, das der S. Fischer Verlag für die deutsche Ausgabe gewählt hat, würde besser zu einem Groschenroman passen; es steht im krassen Gegensatz zu der Eleganz und dem Niveau des Romans von Javier Marías.

Den Roman „So fängt das Schlimme an“ von Javier Marías gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Stephan Benson (ISBN 978-3-8398-1414-7).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2016
Textauszüge: © S. Fischer Verlag

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