Sweet Sixteen

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Sweet Sixteen

Sweet Sixteen - Originaltitel: Sweet Sixteen - Regie: Ken Loach - Drehbuch: Paul Averty - Kamera: Barry Ackroyd - Schnitt: Jonathan Morris - Musik: George Fenton - Darsteller: Martin Compston, Annmarie Fulton, William Ruane, Michelle Coulter, Gary McCormack, Tommy McKee, Calum McAlees, Robert Rennie, Martin McCardie u.a. - 2002; 105 Minuten

Inhaltsangabe

Liam wächst in einem Arbeiterviertel von Glasgow auf. Seinen Vater kennt er nicht. Seine heroinsüchtige Mutter verbüßt gerade eine Haftstrafe. Liam träumt davon, dass sie nach ihrer Freilassung am Tag vor seinem 16. Geburtstag nicht zu ihrem gewalttätigen, kriminellen Geliebten zurückkehrt, sondern mit ihm, seiner ein Jahr älteren Schwester und deren Sohn ein neues Leben anfängt ...
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Kritik

"Sweet Sixteen" ist ein beklemmendes, hoffnungsloses Sozialdrama mit lebensnahen Figuren und realistischer Handlung. Auf Hochglanzästhetik verzichtet Ken Loach, aber die Dramaturgie ist ausgefeilt.
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Seinen Vater kennt Liam (Martin Compston) nicht. Er wohnt zusammen mit seinem Großvater Rab (Tommy McKee) und Stan (Gary McCormack), dem gewalttätigen Geliebten seiner heroinsüchtigen Mutter Jean, in einem heruntergekommenen Reihenhaus in Glasgow. Jean (Michelle Coulter) verbüßt gerade eine Haftstrafe und soll in einigen Wochen, einen Tag vor Liams sechzehntem Geburtstag („Sweet Sixteen“), aus dem Gefängnis entlassen werden. Chantelle (Annmarie Fulton), Liams um ein Jahr ältere Schwester, lebt als allein erziehende Mutter mit ihrem kleinen Sohn Calum (Calum McAlees) in einer eigenen Wohnung und besucht einen Kurs, um sich auf eine Anstellung in einem Call-Center vorzubereiten. Während Liam zusammen mit seinem Freund Pinball (William Ruane) mit geschmuggelten Zigaretten handelt, statt in die Schule zu gehen, verdienen Stan und Rab ihr Geld als Drogendealer.

Vor einem Besuch bei Liams Mutter im Gefängnis zwingen Stan und Rab den Jungen, ein Tütchen Heroin in den Mund zu nehmen, damit es bei der Sicherheitskontrolle nicht gefunden wird. Bei einem Kuss soll er Jean das Heroin in den Mund schieben. Während die beiden Männer Kaffee holen, beteuert Jean, clean zu sein; der Stoff sei nicht für sie, sondern Stan habe mit ihrer Hilfe in der Haftanstalt einen kleinen Drogenhandel aufgezogen. Weil Liam befürchtet, seine Mutter könne durch das Heroin in Schwierigkeiten kommen, weigert er sich, sie zu küssen oder ihr das Päckchen auf andere Weise zuzustecken. Im Gefängnis können Stan und Rab nichts machen, aber bei der Rückfahrt halten sie an und zerren ihn aus dem Auto. Stan schlägt den Jungen brutal zusammen und tritt auf ihn ein, als er sich bereits am Boden krümmt. Zu Fuß schleppt Liam sich nach Hause. Inzwischen hat Rab die Sachen seines Enkels aus dem Fenster geworfen.

Zuflucht findet Liam bei Chantelle: Sie behandelt seine Verletzungen mit Jod und nimmt ihn bei sich auf.

Bei einer Spritztour in einem von Pinball gestohlenen Mercedes entdeckt Liam an einem See einen Wohnwagen, der für 6000 Pfund zum Verkauf angeboten wird. Da nimmt er sich vor, das Geld auf irgendeine Weise zu besorgen, denn er möchte, dass seine Mutter nicht zu Stan zurückkehrt, sondern in dieser Idylle mit ihm zusammen wohnt. Er träumt von einen Familienleben und hofft, Chantelle mit Jean aussöhnen zu können. Die Siebzehnjährige will nichts mit ihrer Mutter, von der sie stets vernachlässigt wurde, zu tun haben und hofft, Calum – für den sie auch keinen Vater hat – von seiner Großmutter und deren Umgebung fernhalten zu können.

Um das Geld für den Wohnwagen zusammenzubekommen, überredet Liam Pinball, Stan und Rab deren Heroin-Vorrat zu stehlen. Er kennt das Versteck unter einem Bodenbrett im Hundezwinger. Nachts schleichen sie sich hin, und während Pinball die Hunde mit Würstchen füttert, holt Liam das Heroin. Dann klettert er am Fallrohr der Dachrinne ins Obergeschoss des Hauses und nimmt seinem schlafenden Großvater das in einem Wasserglas aufbewahrte Gebiss weg. Um den Verdacht von sich abzulenken, ruft Liam anonym bei der Polizei an und verrät das inzwischen leere Heroinversteck. Am nächsten Morgen durchsuchen zwei Polizisten den Hundezwinger, und als Stan das Fehlen des Drogenvorrats bemerkt, glaubt er, die Beamten hätten die Päckchen gefunden und heimlich eingesteckt.

Das Geld, das Liam und Pinball innerhalb einiger Tage mit dem Heroin verdienen, reicht für die Kaution und die erste Rate: Liam erhält die Schlüssel für den Wohnwagen und kann sein Glück kaum fassen.

Liam beginnt, Süchtige auf dem Weg zu Stan und Rab abzupassen und ihnen günstigere Preise anzubieten. Dabei wird er einmal von drei Männern zusammengeschlagen und ausgeraubt. Als auch einige Kunden des Drogenbosses Tony (Martin McCardie) ihren Stoff nicht mehr von ihm, sondern von den beiden Jugendlichen kaufen, will dieser die Konkurrenz ausschalten. Seine Männer zerren Liam und Pinball ein einen Wagen und bringen sie zu ihm in seinen mondänen Fitnessclub. Während der Drogenboss Pinball unter eine kalte Dusche stellen lässt, findet er Gefallen an Liam und wirbt ihn als Dealer an. Der Gangster ahnt, dass der Junge alles für ihn tun wird, um seinen Traum von einem Familienleben mit Mutter, Schwester und Neffen zu verwirklichen. Das gilt es auszunutzen.

Um den Absatz zu steigern, besorgt Liam sich ein Moped und begleitet einen befreundeten Pizzaboten (Junior Walker) auf dessen Touren.

Einige Zeit später hält wieder ein Wagen des Drogenbosses neben Liam und Pinball. Während die Männer Pinball verächtlich fortschicken, fordern sie Liam zum Einsteigen auf. Liam wird zum Hintereingang eines Nachtlokal gebracht, wo ihn die Barfrau Maureen (Lily Smart) erwartet. Sie versorgt ihn mit einem Springmesser und wird ihm ein Zeichen geben, sobald ein gewisser Scullion (Robert Rennie) zur Toilette geht. Liam soll ihn dort erstechen. Liam hat zwar Skrupel, aber er weiß, dass er Tony gegen sich aufbringt, wenn er es nicht tut. Also schleicht er Scullion nach und holt mit dem Messer aus. Aber da fällt ihm jemand in den Arm. Tony, Scullion und ihre Kumpane beglückwünschen den Jungen: Er hat den Test bestanden!

Als Liam mit Chantelle und Calum ein Picknick machen möchte und zum Wohnwagen fährt, stehen sie vor einem verkohlten Wrack. Das war bestimmt Stan!

Am Abend hupt es vor Chantelles Wohnung. Liam schaut hinaus: Es ist Pinball mit Tonys feuerroten Traumwagen! Pinball hat ihn aus Rache gestohlen. Liam warnt ihn, aber Pinball fährt lachend weiter, rast mit dem Luxusschlitten in die Glasfassade des Fitnessclubs und sprüht „Cocksucker“ an die Wand.

Tony findet rasch heraus, wer es war und fordert Liam auf, Pinball aus dem Weg zu schaffen. Liam verteidigt seinen Freund, aber der Gangster lässt nicht mit sich reden: Wenn Liam Pinball nicht tötet, macht Tony keine Geschäfte mehr mit ihm.

Liam will Pinball nicht umbringen. Um ihn zu warnen, sucht er ihn und findet ihn bei Junkies. Pinball steht unter Drogen, gesteht, dass er den Wohnwagen angezündet hat, weil er sich ausgegrenzt fühlte, nimmt seinem Freund das Springmesser aus der Hosentasche und fuchtelt damit herum. Es kommt zu einem Handgemenge, bei dem Pinball sich selbst ersticht. Liam kann nur noch den Notarzt rufen, aber sein Freund ist nicht mehr zu retten.

Tony kauft die Pizzeria, beauftragt Liam, drei weitere Fahrer anzustellen und überlässt ihm eine möblierte Wohnung in einer guten Gegend mit schöner Aussicht über den Clyde.

Einen Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag holt Liam seine Mutter mit einem Taxi vom Gefängnis ab. Tony sorgt dafür, dass weder Stan noch Rab zur Stelle sind. Jean kann es gar nicht glauben, dass sie in eine so schöne Wohnung ziehen soll. Liam hat Schlüssel für sich, Jean und Chantelle. Zur Begrüßungsparty am Abend kommt auch Chantelle mit ihrem kleinen Sohn. Liam ist glücklich.

Am anderen Morgen, als Liam verkatert aus seinem Zimmer kommt, ist Chantelle dabei, die Küche aufzuräumen. Wo die Mutter sei, fragt er. Jean ist fort.

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Liam unterstellt seiner Schwester zu Unrecht, sie habe Jean vertrieben. Chantelle versucht vergeblich, ihm zu erklären, dass die Mutter aus eigenen Stücken in den alten Kreis aus Abhängigkeit, Gewalt und Kriminalität zurückgekehrt ist. Er klammert sich an seinen Traum, nimmt ein Taxi und fährt zu dem Reihenhaus, das er erst vor wenigen Wochen verließ. Seine Mutter sitzt auf der Couch. Liam fordert sie auf, mit ihm zurückzufahren, aber sie weint nur, während Stan den Jungen verhöhnt – bis dieser ihn wütend niedersticht.

Mit dem Auto seines Großvaters fährt Liam ans Meer. Chantelle ruft ihn auf dem Handy an. Es ist sein sechzehnter Geburtstag, aber für eine Gratulation ist es nicht der richtige Augenblick; stattdessen teilt Chantelle ihrem Bruder mit, dass die Polizei bereits nach ihm fahndet. Liam behauptet, der Akku sei leer und unterbricht die Verbindung, denn er weiß nicht mehr, was er sagen soll. Ratlos steht er am Strand und blickt aufs Wasser hinaus.

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Ein Jugendlicher träumt von einem Familienleben, das er noch nie hatte und will seine heroinsüchtige Mutter aus dem Kreis von Gewalt, Abhängigkeit und Kriminalität befreien. Um sein Vorhaben verwirklichen zu können, schreckt er jedoch nicht davor zurück, selbst mit Heroin zu handeln und für einen Verbrecher zu arbeiten. Der Titel „Sweet Sixteen“ ist purer Sarkasmus, denn der Junge, der Gutes tun möchte, wird an seinem sechzehnten Geburtstag zum Mörder.

Ken Loach geht es nicht um stilistische Virtuosität, sondern um Menschen und deren Geschichten: Es gibt auch in „Sweet Sixteen“ keine kunstvolle Ausleuchtung und keine ausgefallenen Kamerafahrten. Dafür wirkt der Film umso authentischer, zumal nicht im Studio, sondern an Originalschauplätzen gedreht wurde, und das fast ausschließlich mit Laiendarstellern. Der Verzicht auf Hochglanzästhetik bedeutet auch nicht, dass die Dramaturgie vernachlässigt wurde. Im Gegenteil: Für das ausgefeilte Drehbuch wurde Paul Laverty bei den Filmfestspielen in Cannes 2002 ausgezeichnet. „Sweet Sixteen“ ist ein beklemmendes, hoffnungsloses Sozialdrama mit lebensnahen Figuren und realistischer Handlung. Der Film hält die Zuschauer bis zum letzten Bild in Atem.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005

Drogenmissbrauch, Drogensucht
Opiate: Opium, Morphium, Heroin

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Julia Wolf - Alles ist jetzt
Julia Wolf entwickelt die verstörende Geschichte knapp und drastisch in zum Teil unvollständigen Stakkato­sätzen. Sie montiert "Alles ist jetzt" aus einer Vielzahl von Szenen, die sich nicht alle zeitlich einordnen lassen.

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Julia Wolf

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