Nicolai Lilin : Freier Fall

Freier Fall

Nicolai Lilin

Freier Fall

Originalausgabe: Caduta libera Giulio Einaudi editore, Turin 2010 Freier Fall Übersetzung: Peter Klöss Suhrkamp Taschenbuch, Berlin 2011 ISBN: 978-3-518-46260-7, 400 Seiten, 14.95 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Roman "Freier Fall" setzt genau da ein, wo "Sibirische Erziehung" aufhört. Nicolai Lilin erzählt in der Ich-Form, was sein Alter Ego als Wehrpflichtiger der Russischen Föderation im Tschetschenienkrieg erlebt. Dabei setzt er auf den Effekt grausamer Szenen und veranschaulicht den Wahnsinn dieses und jedes anderen Krieges. Als der Protagonist nach zwei Jahren zurückkommt, leidet er unter Schlaflosigkeit und simuliert mit einem ungeladenen Gewehr seine Tätigkeit als Scharfschütze, um sich zu beruhigen ...
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Kritik

Eine dramaturgische Entwicklung gibt es in "Freier Fall" ebenso wenig wie eine psychologische. Lesenswert ist der Roman nicht wegen literarischer Qualitäten, sondern weil es sich um den Erlebnisbericht aus dem Tschetschenienkrieg handelt.

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Nicolai Kolima wurde 1980 in Bender, der Hauptstadt von Transnistrien, geboren. Jetzt ist er achtzehn und wird von der Russischen Föderation zum Militärdienst eingezogen.

In Transnistrien wurde über nichts anderes geredet als die westliche Gesellschaft. Die USA und Europa waren das lebende Beispiel für wirtschaftlichen und sozialen Wohlstand, alle wollten verwestlichen und glaubten, wenn sie Markenklamotten trügen, Fastfood äßen und ausländische Autos kauften, würde die Demokratie schon von allein kommen und sich in unserem schönen großen Vaterland etablieren […]
Die postsowjetische Gesellschaft hatte die Werte vernichtet, an die meine Eltern und Großeltern glaubten […]

Dass er zwei Vorstrafen wegen versuchten Mordes in Tateinheit mit schwerer Körperverletzung hat, imponiert dem Oberst, der in der Kaserne das Kommando hat. Deshalb will dieser ihn für die Fallschirmjäger oder die Grenztruppen einteilen. Als Nicolai jedoch gegen seine Einberufung protestiert, schickt der Oberst ihn empört zur Brigade der Saboteure.

Oberleutnant Zabelin heißt der Ausbilder. Bei den Saboteuren ist es üblich, keine Uniform zu tragen und sich gegenseitig mit (Spitz-)Namen ohne Dienstgrad anzusprechen. Die Rekruten müssen lernen, sich in völliger Dunkelheit sogar im Laufschritt zurechtzufinden. Man bringt ihnen bei, nachts mit dem Fallschirm abzuspringen. Weil ihre Fallschirme schwarz sind, nennt man die Saboteure „Fledermäuse“. Als sich herausstellt, dass Nicolai gut schießen kann, wird er als Scharfschütze ausgebildet.

Nach drei Monaten Ausbildung fliegt man ihn zum Einsatz nach Tschetschenien. Dort wird er erst einmal der „Putzkolonne“ zugeteilt. Deren Aufgabe ist es, Leichen vom Schlachtfeld zu tragen. Rasch lernt Nicolai, dass es ratsam ist, die Toten nur an den Füßen anzufassen.

„Nie an der Weste packen, die sind immer voller Ratten. Und die Biester sind gefährlich: Das Menschenfleisch macht sie stark und aggressiv.“

Hauptmann Iwanitsch Nossow, der die Einheit befehligt, der Nicolai nun angehört, erklärt ihm, was es mit dem „Chaoseffekt“ auf sich hat. Er soll sich eine Konditorei vorstellen, in der die Pralinen aufgrund eines Gesetzes nur an Ort und Stelle verzehrt werden dürfen. Ein Gesetzeshüter passt auf, dass niemand Pralinen mitnimmt. Aber als zwei Gruppen eine Prügelei inszenieren, ist er abgelenkt, und der Ladenbesitzer kann endlich einem Kunden Pralinen verkaufen, die dieser mitnehmen möchte.

„Die Situation im Tschetschenienkrieg ist sehr ähnlich, nur dass der Laden den Araberchefs gehört, die den Handel mit Drogen, Menschen, Waffen, Benzin und so weiter abwickeln. Den Pralinen eben. Der Kunde sind die russischen Geheimdienste, die nach dem Fall der Sowjetunion den gesamten illegalen Handel im Staatsgebiet kontrollieren […] Die depperten Freunde, die sich in deinem Laden prügeln, um die Chaoswirkung zu erzeugen, sind die russischen Soldaten und die Söldner […] Der Krieg, den wir führen, ist nur ein Deckmäntelchen für die vielen Geschäfte, die von den korrupten Leuten in der Regierung gemacht werden …“

Korrupte Offiziere der Russischen Förderation verkaufen den Tschetschenen die modernsten Waffen, nicht nur um daran zu verdienen, sondern auch, um den Krieg in die Länge zu ziehen, denn sie leben davon.

Beim Feind geht ebenfalls nicht alles mit rechten Dingen zu.

Viele von ihnen waren Araber und Afghanen, arme Leute, die fürs Kämpfen bezahlt wurden, und fast alle drogenabhängig. Bevor sie in die Schlacht zogen, pumpten sie sich mit Heroin voll, und wenn ihnen die Munition ausgegangen war, stürzten sie sich wie Zombies auf unsere Soldaten, mit schlenkernden Armen und aufgerissenen Augen. Die armen Teufel hatten den ganzen weiten Weg zurückgelegt, nur um ein bisschen gegen uns zu kämpfen und dann zu krepieren.
Ihre Anführer hingegen waren professionelle Söldner, die schon viele Kriege auf dem Buckel hatten, Afghanistan, Ex-Jugoslawien und all die anderen Konflikte mit islamischer Beteiligung. Sie waren feige, sie brachten die von der Droge ruinierten Soldaten an den Kampfort und ließen sie dann im Stich.

Hubschrauber transportieren Nicolai, zwei Dutzend Kameraden und Nossow zu einem Einsatzort in den Bergen. Dort gelingt es ihnen, eine feindliche Einheit von sechzig Mann aufzureiben.

Unsere Strategie war äußerst simpel. Soweit ich weiß, ist sie erstmals während des Afghanistankriegs gegen Talibangruppen angewendet worden. Auf der einen Seite des Kampforts legt man sich in den Hinterhalt, auf der anderen Seite deponiert man Minen. Sobald man das Feuer eröffnet, verliert der Feind die Orientierung und rennt auf der Suche nach einem Terrain, wo er in Deckung gehen und das Feuer erwidern kann, mitten ins Minenfeld.

Auf Befehl des Hauptmanns zerschießt Nicolai einem feindlichen Soldaten das Knie. Nach dem Gefecht geht Nossow zu dem wehrlos am Boden Liegenden.

Dann setzte er seinen Fuß in die Wunde, genau da, wo der zerschossene weiße Knochen hervorschaute, und drückte zu.

Bei lebendigem Leib zieht Nossow dem Araber zwischen Nabel und Hals die Haut in Form einer Fledermaus ab. Als ein junger Infanterie-Offizier dem Sterbenden den Gnadenschuss geben will, brüllt Nossow ihn an und verhindert es. Kurz darauf werden sie von Hubschraubern abgeholt.

Ein anderer Einsatz dient dazu, die sechzehn Überlebenden einer eingekesselten und aufgeriebenen Einheit zu retten. Nossow und seine Männer schleichen sich durch Abwasserkanäle an. Auch die Flucht erfolgt zunächst durch das Kanalsystem. Aber dreihundert Meter vor den eigenen Linien müssen sie hoch ans Tageslicht. Sie kapern einen feindlichen Panzerwagen, ziehen einem getöteten Araber eine ihrer Infanterie-Uniformen an, binden die Leiche an den MG-Turm und fahren los. Dabei schießen sie in die Luft, als wären sie Araber, die sich darüber freuen, einen Feind getötet zu haben. Zunächst werden sie bejubelt. Als das Täuschungsmanöver auffliegt, beschießt man sie. Weil auch ein Präzisionsgewehr zu hören ist, erhält Nicolai den Auftrag, den feindlichen Scharfschützen auszuschalten. Es dauert nicht lange, bis er ihn auf einem Dach entdeckt. Offenbar ist der Mann unerfahren, denn sonst wüsste er, dass es sicherer wäre, aus einem Fenster zu schießen. Er ist nicht allein. Eine Soldatin ist bei ihm. Die beiden küssen sich. Nicolai erschießt zuerst ihn, dann sie.

Anders als gewöhnliche Soldaten sieht er als Scharfschütze Menschen sterben, die nicht damit gerechnet haben.

Bei der Durchsuchung eines Gebäudes stoßen Nicolai und seine Kameraden auf ein Zimmer, in dem sich offenbar gerade noch Feinde aufgehalten haben. Sie entdecken Heroin und Haschisch. Die Feinde beschießen sie aus einem anderen Raum. Kurzerhand werfen sie drei Handgranaten hinein.

Wir traten den am Boden liegenden Körpern in die Seite, sie waren allesamt tot. Einen hatte es buchstäblich zerfetzt, nur die Schuhe waren noch übrig, und daraus sahen die Knöchel hervor, seine Kleider hingen an den Wänden, vermischt mit Blut und Fleischstücken.

Sie entdecken eine islamische Ärztin, die auf einem Sofa liegt und sich unter einer Decke zu verstecken versuchte. Sie zittert vor Angst. Ein Feldwebel durchbohrt sie langsam mit einem Messer unterhalb der linken Brust.

Ein überlebender feindlicher Soldat wird auf den Kopf geschlagen. Dann ruft Nossow:

„Feldwebel, dieser Krieger des Islam leidet offensichtlich an einer Gehirnerschütterung, leisten Sie ihm erste Hilfe!“
Als Antwort schnitt Moskau dem Mann kurzerhand die Kehle durch, und das Blut spritzte auf die gegenüberliegende Wand.

Ein Oberst, der Nossows Einheit kurz darauf besucht, fragt den Hauptmann:

„Kennst du den einzigen Ort, an dem die verfassungsmäßige Ordnung gilt? […] Ganz einfach, Alter, auf dem Friedhof!“

Gegen Ende seiner zweijährigen Militärdienstzeit müssen Nicolai und seine Kameraden zusammen mit Spezialeinheiten des Innenministeriums (OMON) Gebirgsdörfer „säubern“. Sie spüren Terroristen auf und töten sie gleich auf der Straße unter dem Geschrei der Frauen, Alten und Kinder.

Als sie in einem Dorf herausfinden wollen, wo Verwundete versteckt sind, übergießt Nossow einen Gefangenen mit dem Kerosin aus einer Lampe, nimmt ein Streichholz und droht damit, ihn bei lebendigem Leib zu verbrennen. Nachdem der Mann verraten hat, dass die Verwundeten in einem vergrabenen Container im Hof versteckt sind, erschießt Nossow ihn wenigstens, bevor er ihn anzündet. Saboteure öffnen die Falltür zu dem vergrabenen Container und werfen zwei Handgranaten hinein. Danach schreiben sie in ihren Bericht:

„Geheimes Versteck mit mehreren Terroristen entdeckt und liquidiert. Leichen für Identifizierung ungeeignet.“

Als Nicolai nach Hause kommt, hasst er alles und jeden. Er nimmt Drogen, betrinkt sich und leidet unter Schlaflosigkeit.

Abends löschte ich das Licht, trat ans Fenster und zielte mit dem Gewehr auf die Häuser gegenüber, beobachtete die Leute, erfasste sie mit dem Sucher und drückte auf den Abzug der ungeladenen Waffe. Dieser Akt – mit einer echten Waffe auf echte Menschen schießen, wenn auch nicht in Wirklichkeit – gab mir Ruhe und Frieden, brachte mich wieder auf Kurs, ich bekam meine Gedanken wieder geordnet – wie bei Leuten, die zur Entspannung Kreuzworträtsel lösen.

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Der Roman „Freier Fall“ setzt genau da ein, wo „Sibirische Erziehung“ aufhört. Nicolai Lilin erzählt in der Ich-Form, was sein Alter Ego als Wehrpflichtiger der Russischen Föderation im Tschetschenienkrieg erlebt. Auf zeitgeschichtliche bzw. politische Hintergründe geht er nicht ein. Systematische Erläuterungen fehlen ebenso wie ernsthafte Analysen.

Im selben Moment, da wir uns hier in den Bergen wie die Irren massakrierten, drehte die Welt sich einfach weiter. Während wir kämpften, in Wahnsinn und Grausamkeit, lebte die Natur einfach weiter, als ob nichts wäre.

„Freier Fall“ setzt sich aus der Schilderung von vier Einsätzen im Tschetschenienkrieg zusammen. Dabei baut Nicolai Lilin auf den Effekt grausamer Szenen. Eine dramaturgische Entwicklung gibt es ebenso wenig wie eine psychologische. Und weil selbst der Protagonist schemenhaft bleibt, entsteht beim Lesen auch nur wenig Interesse an seinem Geschick. Die unbeholfene Sprache lässt „Freier Fall“ authentisch wirken.

Lesenswert ist der Roman nicht wegen literarischer Qualitäten, sondern weil es sich um den Erlebnisbericht aus dem Tschetschenienkrieg handelt. Problematisch daran ist, dass sich der Wahrheitsgehalt der Darstellung schwer nachprüfen lässt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Suhrkamp Verlag

Nicolai Lilin: Sibirische Erziehung

Jürgen Theobaldy - Rückvergütung
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Rückvergütung

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