Der Besuch der alten Dame

Der Besuch der alten Dame

Der Besuch der alten Dame

Originaltitel: Der Besuch der alten Dame – Regie: Nikolaus Leytner – Drehbuch: Susanne Beck, Thomas Eifler, nach dem Theaterstück "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt – Kamera: Hermann Dunzendorfer – Schnitt: Andreas Kopriva – Musik: Matthias Weber – Darsteller: Christiane Hörbiger, Michael Mendl, Muriel Baumeister, Lisa Kreuzer, Dietrich Hollinderbäumer, Dietrich Mattausch, Helmut Berger, Hans von Borsody, Rolf Hoppe, André Pohl, Wolfgang S. Zechmayer, Kathrin Beck u.a. – 2008; 90 Minuten

Inhaltsangabe

Nachdem Claire durch eine Eheschließung reich geworden ist, kommt sie nach 40 Jahren erstmals wieder in ihre Geburtsstadt Güllen. Der Autohändler Ill, der vor 40 Jahren mit ihr verlobt war, soll sie im Auftrag des Bürgermeisters überreden, für die notleidende Gemeinde Geld zu spenden. Beim offiziellen Empfang verspricht Claire den Güllenern denn auch 2 Milliarden – unter einer Bedingung, dass Alfred Ill tot ist ...
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Kritik

Die gelungene Neuverfilmung der "tragischen Komödie" "Der Besuch der alten Dame" durch Nikolaus Leytner ist werkgetreu, obwohl die Handlung modernisiert wurde. Sehenswert ist der Film auch wegen der hochkarätigen Besetzung.
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In der heruntergekommenen Kleinstadt Güllen wird alles für den erwarteten Besuch der Milliardärin Claire Zachanassian (Christiane Hörbiger) hergerichtet. Sie wurde in Güllen geboren und wuchs hier unter dem Namen Klara Wäscher auf, aber seit sie den Ort vor vierzig Jahren verließ, war sie nicht wieder hier. Nach dem Tod ihres sehr viel älteren Ehemanns, des russischen Ölmilliardärs Zachanassian, wurde sie als Konzernchefin in den USA zu einer der reichsten Frauen der Welt. Deshalb hoffen der Bürgermeister Matthias Büsing (Dietrich Hollinderbäumer) und die übrigen Honoratioren von Güllen, dass sie für ihre Geburtsstadt Geld spenden wird. Das haben die Güllener bitter nötig, seit vor einigen Jahren die einzige Fabrik im Umkreis geschlossen wurde und die Arbeitslosigkeit auf 40 Prozent stieg. Durch die Not drohen die Güllener ihre Selbstachtung zu verlieren.

Claire Zachanassian kommt mit einem Privatjet aus Amerika und legt das letzte Stück der Reise mit einem Hubschrauber zurück. Damit landet sie hinter dem Bahnhof von Güllen, an dem längst keine Schnellzüge mehr halten. Begleitet wird sie von ihrem Assistenten (Bernhard Majcen), zwei Leibwächtern und ihrem Hund Nero. Der Hotelier Andreas Postel (André Pohl) wundert sich über das viele Gepäck, das mit drei Limousinen nachgebracht wird.

Der Autohändler Alfred Ill (Michael Mendl), der vor vierzig Jahren mit Klara Wäscher verlobt war, soll die Besucherin zu einer großzügigen Spende überreden. Augenzwinkernd raten ihm die Honoratioren, mit ihr den Ort aufzusuchen, an dem er sie deflorierte und dann mit ihr auf den malerischen See hinauszurudern. Das werde die Unternehmerin rühren, glauben sie. – Danach prahlt Ill vor den anderen Herren, Claire sei Wachs in seinen Händen gewesen und werde bestimmt viel Geld in Güllen investieren. Man feiert ihn und seinen Erfolg.

Bei einem Bankett zu ihren Ehren verkündet Claire ihre Absicht, den Güllenern 2 Milliarden zu schenken. Das Geld soll auf alle 11 228 Einwohner verteilt werden. Die Festgäste halten den Atem an. Claire stellt allerdings eine Bedingung: Den Geldsegen gibt es nur, wenn Alfred Ill tot ist, denn Claire verlangt Gerechtigkeit für das, was ihr hier angetan wurde. Empört weist der Bürgermeister das Angebot zurück, und alle Anwesenden stimmen ihm zu. „Wo glauben Sie denn, dass Sie sind?“, wird Claire gefragt, und sie antwortet selbstsicher: „In Güllen.“

Die Medien stürzen sich auf die Sensation. Darunter ist auch die junge Reporterin Mia Mohr (Muriel Baumeister), die Tochter von Alfred und Angelika Ill (Lisa Kreuzer), die Güllen vor Jahren verließ, weil der Vater ihr den Umgang mit dem arbeitslosen Franz Mohr verbot.

Alle Güllener sind sich einig, dass Alfred Ill einer von ihnen ist und sie sich nicht gegen ihn aufstacheln lassen. Außerdem wären sie nicht käuflich. Der pensionierte Schulrektor Georg Riemann (Rolf Hoppe) weist darauf hin, dass Johann Wolfgang von Goethe in Güllen übernachtete und Johannes Brahms hier ein Quartett komponierte. Eine Gemeinde mit so einer kulturellen Tradition werde sich nicht für ein barbarisches Vorhaben missbrauchen lassen.

Am Stammtisch rechnen die Herren aus, dass jeder Güllener über 178 000 bekäme, wenn Claire die 2 Milliarden spenden würde, und sie malen sich aus, was sie mit dem vielen Geld anfangen könnten. Als Ill dazukommt und protestiert, beruhigen sie ihn: Sie seien doch seine Freunde und hätten sich das alles nur einmal vorstellen wollen.

Die Journalisten versuchen herauszufinden, was Claire damals in Güllen widerfuhr. Es dauert nicht lang, bis sie erfahren, dass die Verlobten Ill und Claire damals einen Autounfall mit seinem Wagen hatten: Sie fuhren gegen einen Baum. Claire soll betrunken am Steuer gesessen sein. Ill dachte zunächst, sie sei tot und ließ sie liegen. Aber sie lebte noch und wurde ins Krankenhaus gebracht. Allerdings befürchteten die Ärzte, dass sie zeitlebens gelähmt bleiben würde. Anfangs war sie auch auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit ihrem eisernen Willen gelang es Claire jedoch, wieder gehen zu lernen. Obwohl Claire damals schwanger war, brach Ill die Verlobung und heiratete Angelika, die Erbin des Autohauses in Güllen, das er seither führt.

Als die Zeitungen schreiben, dass Alfred Ill damals seine schwangere, gelähmte Verlobte sitzen ließ und eine auch finanziell vorteilhaftere Ehe einging, fangen die Güllener an, sein Verhalten zu kritisieren.

Kurz nach dem Autounfall reichte Claire eine Vaterschaftsklage gegen Ill ein, denn er leugnete, das ungeborene Kind gezeugt zu haben. Im Prozess sagten seine beiden Freunde Fritz und Peter aus, Claire habe auch mit ihnen und einigen anderen Männern geschlafen. Sie stempelten sie zur Hure.

Sobald Claire dazu in der Lage war, verließ sie Güllen. Als Spätfolge des Unfalls kam das Kind tot zur Welt. Damit hatte Claire alles verloren: Den Mann, den sie liebte, das Kind, ihren gesunden Körper, ihren Ruf, die Heimat und ihren Glauben an das Gute im Menschen.

Als Ill befürchtet, dass die Stimmung in Güllen kippt, sucht er den Polizisten Lutz Wolff (Dietrich Mattausch) auf und drängt ihn, Claire wegen Anstiftung zum Mord zu verhaften. Wolff sieht jedoch keine Möglichkeit, etwas gegen sie zu unternehmen. Sie habe ja nicht zu einer Straftat aufgerufen, sondern als Bedingung nur genannt, dass Ill tot sein müsse. Wolff versichert Ill seiner Freundschaft und dass alles nach Recht und Gesetz verlaufe. Bevor Ill das Polizeirevier verlässt, bemerkt er, dass die Akte über den Unfall von vor vierzig Jahren aufgeschlagen auf dem Schreibtisch liegt. Das beunruhigt ihn.

Während Claire ihren Hund ausführt, spricht der Sparkassenleiter Oliver Marx (Helmut Berger) sie an: Wenn sie ihm 10 Millionen zukommen lasse, sagt er, erreiche sie ihr Ziel und brauche keine 2 Milliarden dafür auszugeben. Er wäre auch bereit, Ill vor dem Tod zu foltern, wenn sie das wünsche. Claire handelt ihn auf 1 Million herunter und sagt ihm dann, dass sie mit Menschen wie ihm keine Geschäfte mache und nur sehen wollte, wie billig er zu haben ist.

Der Pfarrer Gottfried Unseld (Hans von Borsody) macht gerade Feierabend, als Ill sich verzweifelt an ihn wendet. Ill könne ja am nächsten Morgen zur Beichte kommen, meint er und wimmelt ihn mit den üblichen Sprüchen von Gottes Barmherzigkeit ab.

Moni Büsing (Kathrin Beck), die Frau des Bürgermeisters, bekommt Zwillinge.

Angelika Ill beschwert sich bei ihrem Mann über die Zeitungsberichte, die ihren Ruf gefährden. Die Entrüstung, die sich zunächst gegen das unsittliche Angebot der Milliardärin richtete, fokussiert sich allmählich auf Ill und dessen Verhalten vor vierzig Jahren. Dabei tun die älteren Güllener so, als hätten sie damals nicht Bescheid gewusst.

Wolff rät Ill, für einige Zeit mit Angelika zu verreisen, aber darauf geht der Autohändler nicht ein.

Nachdem Ill von den Honoratioren einige Zeit gemieden wurde, laden sie ihn zur Treibjagd ein. Im Wald wird auf ihn geschossen. Er läuft zurück in den Ort und sucht in seinem Autosalon Zuflucht, aber ein weiterer Schuss lässt die Schaufensterscheibe zerbersten.

Daraufhin rät Angelika ihrem Mann, Güllen zu verlassen. Am Bahnhof wird er jedoch vom Bürgermeister und den anderen Honoratioren erwartet, und als der Triebwagenzug einfährt, packen sie ihn, um ihn aufs Gleis zu werfen. In diesem Augenblick taucht Mia Mohr mit ihrem Kameramann (Daniel Keberle) auf. Da tun die Güllener Herren so, als hätten sie Ill nur vor einem Sturz vom Bahnsteig bewahren wollen, aber sie halten ihn so lang fest, bis der Zug abgefahren ist.

Der frühere Schulrektor Georg Riemann betrinkt sich. Nüchtern hält er es nicht mehr aus, denn er hat die verlogene Moral der Güllener längst durchschaut und begriffen, dass er selbst auch nicht besser ist.

Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.

Bürgermeister Matthias Büsing schlägt Claire vor, die geschlossene Fabrik zu übernehmen, damit wieder Arbeitsplätze in Güllen geschaffen werden. Da klärt sie ihn darüber auf, dass ihr die Fabrik längst gehört. Sie ließ das Werk schließen.

Am Tag vor einer vom Bürgermeister anberaumten Volksabstimmung über Ill ruft dieser seine Tochter an: Er weiß, dass er sterben wird und möchte sie vor seinem Tod noch einmal sehen. Mia verzeiht ihrem Vater und bittet Claire um sein Leben, aber die Milliardärin bleibt bei ihrer Entscheidung.

Wolff gibt Ill eine Pistole und drängt ihn, sich selbst zu erschießen. Dieser will den Güllenern das Töten jedoch nicht abnehmen.

Er gesteht Claire, dass er damals am Steuer saß. Weil sie beide betrunken waren und Claire sich offenbar nicht an den Unfall erinnern konnte, habe er gelogen und angegeben, sie sei gefahren. Claire weiß das längst.

Am nächsten Tag versammeln sich die Güllener zur Volksabstimmung in der leer stehenden Fabrik. Durch die Präsenz mit einem Kameramann will Mia den befürchteten Mord verhindern, aber ihr Kollege wurde inzwischen dafür bezahlt, dass er nicht zu der Veranstaltung geht. Aufgeregt versucht Claire, den Bürgermeister anzurufen. Weil sie ihn nicht erreicht, lässt sie sich zu der Fabrik fahren. Es ist zu spät: Ill liegt tot am Boden. Mit schmerzverzerrtem Gesicht beugt Claire sich über ihn. Während ihr Assistent dem Bürgermeister den versprochenen Scheck übergibt, bezeichnet sie ihn voller Verachtung als Mörder.

Dann besteigt sie mit ihrer Entourage den Hubschrauber und fliegt fort.

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In „Der Besuch der alten Dame“ zeigt Friedrich Dürrenmatt auf groteske Weise, dass Geld die Welt regiert und Amoral in Sittlichkeit umgedeutet wird.

Bei der neuen Verfilmung der „tragischen Komödie“ haben Nikolaus Leytner (Regie), Susanne Beck und Thomas Eifler (Drehbuch) die Handlung in die Gegenwart verschoben. Auch wenn der Film „Der Besuch der alten Dame“ an einigen Stellen vom Theaterstück abweicht, muss man sagen, dass die Adaption nicht nur gelungen, sondern auch werkgetreu ist. Nikolaus Leytner hat nicht versucht, sich auf Kosten des Stücks zu profilieren, sondern die Modernisierungen erhöhen die Spannung, ohne vom Inhalt der Parabel abzulenken.

Zuerst empören sich die Güllener über Claires Vorschlag und sie weisen die angebotenen 2 Milliarden zurück, doch allmählich verschiebt sich ihre Einstellung, bis sie es am Ende für ihre Pflicht halten, Ill für sein unredliches Verhalten vor vierzig Jahren zu bestrafen. Durch diese Selbsttäuschung können sie die 2 Milliarden ohne schlechtes Gewissen annehmen. Diese Entwicklung wird nuanciert und sarkastisch dargestellt und am Beispiel einiger herausgehobener Figuren (Bürgermeister, Polizist, Rektor) konkretisiert. Wir sehen, wie verlogen die bürgerliche Moral ist.

Empfehlenswert ist „Der Besuch der alten Dame“ auch wegen der hochkarätigen Besetzung der Hauptrollen mit Christiane Hörbiger und Michael Mendl.

Die Dreharbeiten fanden in der Steiermark statt.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008

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Das Anprangern der humanitären Verwahrlosung und Verrohung überwältigt den Leser mit solch bildhafter Wucht, dass ihm Hören und Sehen (!) vergeht: "Die Stadt der Blinden".


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