Nikos Kazantzakis : Alexis Sorbas

Alexis Sorbas
Originalausgabe: Griechenland 1946 Alexis Sorbas Übersetzung: Alexander Steinmetz Verlag Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig 1952 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1955
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Ein belesener Engländer, der ein Bergwerk auf Kreta pachtet, um unter einfachen Menschen ein neues Leben zu beginnen, wird mit archaisch-grausamen Elementen der griechischen Kultur konfrontiert. Der Intellektuelle trifft auf einen ungebildeten, aber lebenserfahrenen Mann mit einem unverfälschten gesunden Menschenverstand.
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Kritik

"Alexis Sorbas" ist ein weiser, tragikomischer, wunderbarer Schelmenroman von Nikos Kazantzakis.
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Bei dem Ich-Erzähler handelt es sich um einen etwa 35 Jahre alten englischen Schriftsteller. Im Buch taucht sein Name nicht auf, aber ich nenne ihn hier der Einfachheit halber Basil (so heißt er im Film).

Ein Freund Basils reist in den Kaukasus, um den Menschen dort zu helfen, obwohl er skeptisch ist, ob es gelingen wird: „Vielleicht retten wir sie nicht. Aber wir retten uns selbst, wenn wir uns bemühen, sie zu retten. … Die einzige Methode, sich selbst zu retten, besteht in der Bemühung um andere …“ Beim Abschied fragt er Basil: „Wie lange noch wirst du Papier kauen und dich mit Tinte beschmieren?“ Darüber denkt der belesene Intellektuelle nach und beschließt, sein Leben zu ändern. Er pachtet ein aufgelassenes Braunkohlenbergwerk an der Küste Kretas und schifft sich ein, um es in Betrieb zu nehmen und ein „tätiges Leben“ zu beginnen.

Bei einem Zwischenaufenthalt im Hafen von Piräus spricht ihn der etwa 65 Jahre alte Vagabund Alexis Sorbas an: „Kannst du mich mitnehmen?“ Basil fragt: „Wieso? Was soll ich mit dir anfangen?“ Unwirsch erwidert der Makedonier: „Wieso? Weshalb? Kann denn der Mensch nicht auch einmal etwas tun ohne ein Wieso?“ Der urwüchsige Mann gefällt Basil; er nimmt ihn mit nach Kreta und stellt ihn als Aufseher ein.

Alexis Sorbas kämpfte in den griechischen Freiheitskriegen gegen Türken und Bulgaren. Er wundert sich noch heute: „Für den Triumph der Freiheit in der Welt sind Mord und Totschlag nötig. Wenn ich dir nämlich alle Schandtaten aufzählen wollte, die wir damals begingen, würden dir die Haare zu Berge stehen. Und doch, was war das Resultat? Die Freiheit! Anstatt dass der liebe Gott seinen Blitzstrahl gegen uns schleuderte, schenkte er uns die Freiheit! Das kann ich nicht kapieren.“ Er tötete einen Popen, der einen griechischen Lehrer umgebracht hatte. Ein paar Tage später begegnete er fünf kleinen Kindern, die auf der Straße bettelten und erfuhr, dass es die Waisen seines Opfers waren. Da schenkte er ihnen das ganze Geld, das er bei sich trug und lief davon. „Und ich laufe immer noch! Heute noch!“, sagt er zu Basil. „Ich befreie mich, ich werde ein Mensch.“ Jetzt hält er es für nebensächlich, ob jemand Grieche, Türke oder Bulgare ist. „Aber ob er gut oder böse, das ist die Frage.“

Alexis Sorbas ist nicht zur Schule gegangen; sein gesunder Menschenverstand ist unverdorben. Er beobachtet alles aufmerksam, neugierig und wissbegierig – als ob er alles zum ersten Mal sähe. Er konzentriert sich immer auf das Hier und Jetzt: „Ich denke nicht mehr an das, was hier gestern geschah. Ich frage nicht mehr danach, was morgen geschieht. Mich kümmert nur noch, was heute, in dieser Minute, passiert!“ Einmal sagt er zu seinem neuen Chef: „Ich hatte gerade das Mittagessen im Sinn, die Henne und den Pilaf mit dem Zimt obendrauf. Mein ganzes Gehirn dampft wie Pilaf. Stopfen wir uns erst den Magen voll und dann wollen wir sehen. Alles der Reihe nach. Jetzt haben wir Pilaf vor uns, also denken wir nur an den Pilaf. Morgen sind die Braunkohlen dran, da kümmern wir uns nur um die Braunkohlen. Keine halbe Arbeit! Verstanden?“ Arbeit und Vergnügen weiß er zu unterscheiden: „Der Tag ist für die Arbeit. Darum ist er ein Mann. Die Nacht ist für das Vergnügen, darum ist sie eine Frau. Man soll nicht alles durcheinanderbringen.“

Als der Bezirksverschneider ins Dorf kommt, lädt der Gemeindevorsteher Basil und Alexis Sorbas ein und lässt seine Frau die Hoden seines kastrierten Schweines für die Gäste braten. Auf dem Heimweg sagt der Grieche zu seinem Chef: „Du möchtest also das Volk erleuchten, du willst ihm die Augen öffnen. Ja, wie stellst du dir denn das vor? Meinst du wirklich, dass du dem Onkel Anagnostis die Augen öffnen kannst? Hast du nicht gesehen, wie seine Frau vor ihm ständig katzbuckelte und nur auf Befehle wartete? Ich möchte mal sehen, wie du dem beibringen willst, dass die Frau mit dem Mann gleichberechtigt ist. Dass es eine Grausamkeit ist, wenn man ein Stück Schweinefleisch isst, während das Schwein noch lebend herumläuft und vor Schmerzen laut brüllt! … Was hat der rückständige Onkel Anagnostis davon, wenn du ihm mit solchen belehrenden Albernheiten kommst? Du bringst ihn dadurch nur in Verlegenheit. Und was hat die Frau Marulja davon? Sie werden sich bald in den Haaren liegen, die Henne möchte ein Hahn werden und schließlich werden sie sich gegenseitig die Federn ausreißen… Lass doch die Leute in Ruhe, Chef, und öffne ihnen die Augen nicht! Wenn du es fertig gebracht hast, was werden sie dann schon sehen? Ihr eigenes Elend! Lass sie doch in ihrer Unwissenheit! Lass sie so weiterwursteln!“

Die Seele dieses Makedoniers sprüht Funken. Er hält nichts von Büchern, denn wozu taugen diese, wenn man nach der Lektüre doch nicht weiß, was das Leben bedeutet. „Die Welt ist unter die Fuchtel der Schulmeister geraten. Wer die Mysterien erlebt, hat keine Zeit zu schreiben, und wer die Zeit hat, erlebt die Mysterien nicht.“ Über den Wein sagt er: „Was für ein Wunder! Man trinkt diesen roten Saft, und die Seele wird so groß, dass sie in diesem elenden Körper gar keinen Platz mehr hat und den lieben Gott zum Zweikampf herausfordert.“ Alexis Sorbas unterscheidet die Menschen auch danach, was sie aus dem Essen machen. Die einen verwandeln es in Fett und Kot, andere versuchen es in Gott zu verwandeln und wieder andere – zu denen sich Alexis Sorbas selbst zählt – verwandeln es in Arbeit und gute Laune.

Wenn Basil ins Bergwerk kommt, versucht sein Aufseher ihn wieder loszuwerden, denn es passt ihm nicht, dass der Chef den Arbeitern eine Pause gönnt oder sich mit ihnen unterhält: „Was interessieren dich die Privatangelegenheiten der Arbeiter? Du wirst sie bedauern, du wirst sie mehr lieben als nötig und besonders mehr, als im Interesse unseres Unternehmens liegt. Und du wirst sie stets entschuldigen, was sie auch ausfressen mögen…“

Alexis Sorbas hofiert die verwelkte Witwe Madame Hortense, die in der Einsamkeit ihres aus einigen ausrangierten Badekabinen zusammengestellten Gasthauses von besseren Zeiten träumt. Damals, so erzählt sie, lagen die englische, französische, italienische und russische Flotte in der Suda-Bai vor Anker und sie war die Geliebte der vier Admiräle. Der Makedonier macht sich keine Illusionen, aber Madame Hortense ist hier die einzige für ihn erreichbare Frau und er hat Mitleid mit ihr, genügt doch eine weibliche Träne, um ihn zu ertränken. Er hat seine eigene Auffassung von der Liebe und ist nicht mit den Hähnen vergleichbar, „die blitzschnell auf die Hennen springen, dann den Hals aufblähen, auf den Misthaufen steigen und, stolz über ihre Leistung, krähen. Die Henne gilt ihnen nichts, ihr roter Kamm ist ihnen die Hauptsache. Was für einen Begriff können die von der Liebe haben?“

Sorbas glaubt, dass Gott am Ende alles verzeiht – bis auf eines: Wenn ein Mann eine Frau haben könnte und sie verschmäht, kommt er in die Hölle.

Als er sich mit Basil vor einem Regenschauer in das Dorfcafé „Zum schamhaften Josef“ rettet, das übrigens gleichzeitig eine Metzgerei ist, beobachtet er, wie sein Chef die junge Witwe Surmelina anstarrt, die draußen im nassen Kleid vorbeiläuft. Auch ihren Blick hat er nicht übersehen. Da stachelt er Basil an, Surmelina unter einem Vorwand zu besuchen. Aber der möchte keine Scherereien. Das kann Alexis Sorbas nicht verstehen: „Du willst keine Schererei? Was willst du denn sonst? Das ganze Leben ist eine Schererei, der Tod ist es nicht.“

Als Basil wieder einmal im Bergwerk ist, hört Sorbas als Einziger verdächtige Geräusche. Der Stollen droht einzustürzen. Er schickt seinen Chef und die Arbeiter ins Freie, während er selbst versucht, die Decke mit einen mächtigen Baumstamm abzustützen. Aber es hilft nichts. Im letzten Augenblick kann Alexis Sorbas sich retten.

Er will eine Seilbahn vom Bergwerk zum Strand bauen, um die Kohle auf Schiffe verladen zu können. Immer wieder studiert er an einem Modell, wie es funktionieren könnte. Er weiß, dass es vor allem auf den Neigungswinkel ankommt. Schließlich reitet er auf einem Maultier in die nächste Stadt, um Material für den Bau der Seilbahn zu kaufen und verspricht, in drei Tagen zurück zu sein. Am sechsten Tag erhält Basil einen Brief, in dem der Grieche mitteilt, er sei bei einer Kokotte namens Lola gestrandet. Weil die Geschäfte in Kandia bei seiner Ankunft bereits geschlossen waren, ging er in ein Lokal. Als sich dort das „fingerdick angestrichene Flittchen“ mit den Worten „Du erlaubst, Großväterchen?“ neben ihn setzte, musste er seine und die Ehre seines Chefs verteidigen und deshalb auf der Stelle zwei Flaschen Sekt bestellen. Anschließend begleitete er Lola in ihre Wohnung, und da ist er noch immer. Basil telegrafiert nach Kandia: „Kehre sofort zurück!“

Madame Hortense sucht Basil auf und fragt nach Sorbas. Voll Mitleid tut er so, als lese er Passagen aus dem Brief vor und erfindet lauter Schmeicheleien. Aber das genügt der einsamen Frau nicht. „Ist das alles?“, murmelt sie enttäuscht. Da behauptet Basil, Sorbas habe auch geschrieben, dass er sie nach seiner Rückkehr heiraten wolle. Jetzt ist sie glücklich und trocknet sich die Augen. Im nächsten Augenblick beauftragt sie Basil, Sorbas zu schreiben und zählt auf, was er für die Hochzeit besorgen soll. So versucht sie ihren zukünftigen Gatten bereits vor der Ehe zum Dienstmann zu machen.

Als Sorbas nach seiner Rückkehr erfährt, was Basil der ältlichen Französin in seinem Namen versprochen hat, kritisiert er ihn zwar, doch als sie mit zwei Ringen vorbeikommt, bringt er es nicht übers Herz, sie abzuweisen und improvisiert am Strand eine Hochzeitszeremonie.

Pawlis, der Sohn des Dorfschulzen Mawrandonis, hat sich aus Liebeskummer ertränkt, weil ihn die stolze Witwe Surmelina nicht beachtete. Als Manolakas die Leiche seines Vetters ins Dorf trägt, hetzt eine Bewohnerin die Männer auf und schreit: „Findet sich denn kein Mann im Dorf, um sie auf seinen Knien wie einen Hammel zu schlachten? Pfui, diese Feiglinge!“

Der Dorftrottel Mimithos bringt Basil ein Körbchen Orangen von Surmelina. Endlich schleicht er sich zu ihr und verbringt die Nacht mit ihr.

Am nächsten Tag bringt sie Orangenzweige in die Kirche. Die Dorfbewohner rotten sich zusammen. Als Surmelina die Kirche verlässt, werden Steine nach ihr geworfen. Fliehen kann sie nicht, denn der Platz ist umstellt. Manolakas zieht sein Messer und bekreuzigt sich. Im letzten Augenblick fällt ihm Sorbas in den Arm und ringt ihn nieder. Dann fordert er die junge Frau auf, mitzukommen. Doch in diesem Augenblick stürzt sich Mawrandonis auf sie, wickelt sich ihr langes Haar dreimal um den Arm und trennt ihr mit einem einzigen Schnitt den Kopf ab.

Am Ostermorgen warten Sorbas und Basil vergeblich auf Madame Hortense. Sie hat sich erkältet und kann nicht aufstehen. Einige Tage später liegt sie im Sterben. Als die beiden in einer Ecke des Totenzimmers kauernden Klageweiber merken, dass die anderen Dorfbewohner bereits die Hühner der Sterbenden schlachten, werden sie unruhig, weil sie bei der bevorstehenden Plünderung nicht leer ausgehen wollen. Frauen, Männer und Kinder klettern über die Zäune und schleppen alles weg, was sie packen können: Pfannen, Schüsseln, Matratzen, Kaninchen, Türen, Fenster. Die Schuhe der Toten bindet sich der Dorftrottel um den Hals.

Endlich ist die Seilbahn fertig. Sie führt durch einen Wald, den Alexis Sorbas im Auftrag Basils dem nahen Kloster abgekauft hat. Zur Eröffnung kommen die Mönche und die Honoratioren aus dem Dorf.

Im Sonntagsanzug steht Alexis Sorbas am Strand und gibt ein Zeichen, damit der erste Baumstamm losgeschickt wird. Das Gefälle ist viel zu stark, aber Alexis Sorbas will es nicht wahrhaben. Beim vierten Baumstamm reißen die Drahtseile die Träger um. Kreischend laufen die Leute weg. Basil und Alexis Sorbas bleiben allein zurück. „Der Hammel wird verkohlen“, ruft Alexis plötzlich. Er und Basil schneiden sich große Fleischstücke ab, essen und trinken und lachen. Dann fordert Basil seinen Freund auf, ihm das Tanzen beizubringen. Schon früher hatte er Alexis Sorbas gestanden: „Die Kohlen sind nur der äußere Anlass. Ein Vorwand, um bei den Leuten nicht in Verdacht zu kommen. Sie müssen uns für brave Unternehmer halten, sonst schmeißen sie uns faule Eier nach.“ Er hat sein ganzes Geld verloren, aber der blasse, belesene, grübelnde Akademiker hat von dem vitalen, zuweilen singenden und tanzenden Griechen gelernt, dass es auch eine unkomplizierte Weisheit, eine schlichte Humanität und eine unmittelbare Lebensfreude gibt.

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Der hochgebildete Kreter Nikos Kazantzakis habilitierte sich 1908 mit einer Arbeit über Friedrich Nietzsche und setzte sich auch mit anderen Philosophen auseinander. 1946 erschien sein Roman „Alexis Sorbas“.

Ein belesener Engländer, der ein Bergwerk auf Kreta pachtet, um unter einfachen Menschen ein neues Leben zu beginnen, wird mit archaisch-grausamen Elementen der griechischen Kultur konfrontiert. Der Intellektuelle trifft auf einen ungebildeten, aber lebenserfahrenen Mann mit einem unverfälschten gesunden Menschenverstand, der sehr persönliche Meinungen vertritt, die den herkömmlichen Auffassungen meistens widersprechen. Seit einem schockierenden Erlebnis als Freiheitskämpfer ist der Makedonier unterwegs, um Ideologien von sich fernzuhalten und ein freier Mensch zu werden. Mit seiner pragmatisch-schlichten Humanität und seinen unkonventionellen Lebensweisheiten gibt er dem grübelnden Akademiker ein Vorbild und lehrt ihn, was unmittelbare Lebensfreude ist.

Michael Cacoyannis hat den weisen, tragikomischen und wunderbaren Schelmenroman von Nikos Kazantzakis großartig verfilmt: „Alexis Sorbas“.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

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