Michel Houellebecq : Die Möglichkeit einer Insel

Die Möglichkeit einer Insel

Michel Houellebecq

Die Möglichkeit einer Insel

La possibilité d’une île Fayard, Paris 2005 Die Möglichkeit einer Insel Übersetzung: Uli Wittmann DuMont Verlag, Köln 2005 ISBN 3832179283, 445 Seiten, 24.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Nachdem Daniel, ein Humorist Ende vierzig, von seiner Gefährtin Isabelle verlassen wurde, verbringt er mit der 22-jährigen Filmschauspielerin Esther eine schöne Zeit, aber auch diese Beziehung scheitert. Als Daniel bewusst wird, dass er in seinem Alter bei Frauen keine Chancen mehr hat, nimmt er sich verzweifelt das Leben. Vorher lässt er sich jedoch noch klonen und verfasst für seine Nachkommen einen Bericht über sein Leben – der 2000 Jahre später von Daniel 25 gelesen wird ...
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Kritik


In seinem Roman "Die Möglichkeit einer Insel" gibt Michel Houellebecq sich zwar gewohnt kulturpessimistisch, aber sein Zorn hat sich abgeschwächt.


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Bei Daniel handelt es sich um einen erfolgreichen Humoristen Ende vierzig, der auf Bühnen und im Fernsehen auftritt, seit er als Jugendlicher in einer türkischen Ferienanlage sein Talent entdeckt hatte. Sein Markenzeichen sind Blondinenwitze und Tabubrüche, die von progressiven Kritikern gefeiert werden. Damit verdient er eine Menge Geld. Als er auch noch antisemitische Gags in sein Programm aufnimmt und anfängt, die Islamisten zu schmähen, kommt es zu Strafanzeigen und Morddrohungen. Das macht zwar sein Leben nicht einfacher, aber es poliert sein Image auf.

Das Gute an dem Beruf eines Humoristen und ganz allgemein an der humoristischen Haltung zum Leben ist, dass man sich völlig ungestraft wie eine Drecksau benehmen kann, sich noch dazu die Bösartigkeit finanziell vergolden oder mit sexuellen Erfolgen vergüten lässt, und das alles mit Zustimmung der Öffentlichkeit.

Seine Liebesbeziehung mit Isabelle, der intellektuellen Chefredakteurin der Mädchenzeitschrift „Lolita“, scheitert, als sie an ihrem 40. Geburtstag ihre berufliche Tätigkeit aufgibt und sich von ihm trennt.

Auf der Suche nach Sex und Liebe begegnet Daniel in Spanien einer zweiundzwanzigjährigen Filmschauspielerin: der schönen, aufregenden und sexbesessenen Esther. Mit ihr verbringt er eine schöne Zeit, aber er kann die weniger als halb so alte Frau nicht auf Dauer halten, denn wer als Mann die Vierzig überschritten hat, zählt zu den Verlierern auf dem Markt der Erotik. (Eine Frau hat da schon mit dreißig keinen Marktwert mehr.)

Daniel bleibt nur noch sein Hund Fox – bis dieser in einen elektrisch geladenen Zaun läuft.

Bevor Daniel sich aus Verzweiflung das Leben nimmt, wird er Mitglied der „Elohim“-Sekte, die ewige Wiedergeburt durch Klone verheißt. Er lässt sich klonen und verfasst für seine Nachkommen einen Bericht über sein Leben.

Aus diesem Bericht erfahren Daniels Klone in der vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Generation um das Jahr 4000 herum einiges über das Leben der Menschen vor zweitausend Jahren, aber verstehen können sie es nicht, denn der so genannte Neo-Mensch kann sich weder Sex noch Liebe oder Romantik vorstellen.

Dieser Teil von Daniels Bericht ist für uns vermutlich ziemlich schwer verständlich. Die Videokassetten, auf die er sich bezieht, sind übertragen und seinem Lebensbericht als Anhang beigefügt worden […]
Die Aufzeichnungen meiner Vorgänger, von Daniel 2 bis Daniel 23, bezeugen im Großen und Ganzen das gleiche Unverständnis angesichts dieses Phänomens. Daniel 2 und Daniel 3 behaupten, dass sie noch imstande sind, unter Einfluss gewisser Getränke die Sache zu reproduzieren; aber für Daniel 4 handelt es sich bereits um etwas Unzugängliches. Es gibt mehrere Untersuchungen über das Verschwinden des Lachens beim Neo-Menschen; alle stimmen darin überein, dass es sehr schnell erfolgt ist.

Die Menschheit wurde durch eine Klimakatastrophe nahezu ausgerottet. Es existieren nur noch einige Wilde in den zerstörten Großstädten. Die neue „Central City“ wird von geklonten Neo-Menschen bevölkert. Die Menschen waren unglücklich, weil sie ihre Wünsche und Sehnsüchte nicht erfüllen konnten. Deshalb hat man den Klongenerationen inzwischen alles weggezüchtet, was sie leiden ließe. Triebe und Emotionen, Lachen und Weinen kennen die Neo-Menschen nicht mehr; es sind gefühl- und leidenschaftslose Singles, die in ihren Lofts einsam vor sich hin vegetieren.

Inspiriert von einem Liebesgedicht, das Daniel 1 hinterlassen hat, machen Daniel 25 und Marie 23 sich auf, um die „Möglichkeit einer Insel“ zu suchen …

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In „Die Möglichkeit einer Insel“ entwirft Michel Houellebecq ein düsteres Zukunftsszenario als Folge der Unfähigkeit des heutigen Menschen, sich Liebe und Glück bis ins Alter zu bewahren. Der Roman spielt auf zwei Zeitebenen: Die Gegenwart ist um das Jahr 4000 herum. Klone der vierundzwanzigsten und fünfundzwanzigsten Generation lesen in den Berichten ihres Stammvaters, der zweitausend Jahre vor ihnen lebte. In seinem Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ gibt Michel Houellebecq sich zwar gewohnt kulturpessimistisch, aber sein Zorn gegen den „radikalen Individualismus, der in der sexuellen Freizügigkeit den letzten Rest individueller Würde der freien Marktwirtschaft überantwortete“ (Thomas Steinfeld), hat sich abgeschwächt.

Michael Houllebecq verfilmte seinen Roman auch selbst:

Die Möglichkeit einer Insel – Originaltitel: La possibilité d’une île – Regie: Michel Houellebecq – Drehbuch: Michel Houellebecq, nach seinem Roman „Die Möglichkeit einer Insel“ – Kamera: Eric Guichard, Jeanne Lapoirie – Schnitt: Camille Cotte – Musik: Mathis Nitschke – Darsteller: Benoît Magimel, Ramata Koite, Patrick Bauchau, Jordi Dauder, Jean-Pierre Malo, Andrzej Seweryn, Philippe Delest, Serge Larivière, Sandra Murugiah u.a. – 2008; 85 Minuten

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © DuMont

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