Douglas Hofstadter : Ich bin eine seltsame Schleife

Ich bin eine seltsame Schleife

Douglas Hofstadter

Ich bin eine seltsame Schleife

Originalausgabe: I Am a Strange Loop Verlag Basic Books, New York 2007 Ich bin eine seltsame Schleife Übersetzung: Susanne Held Klett-Cotta, Stuttgart 2008 ISBN 978-3-608-94444-0, 528 Seiten, 29.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

In seinem neuen Buch "Ich bin eine seltsame Schleife" zeigt Douglas Hofstadter, wie aus bedeutungslosen Elementen selbstreferenzielle Muster entstehen können, und er erklärt das "Ich" – das er mit Seele, Person, Selbstbewusstsein gleichsetzt – durch selbstreferenzielle Rückkopplungsprozesse. Obwohl das "Ich" Wirkungen entfalte, sei es nur eine Illusion, meint Hofstadter.
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Kritik

Obgleich dem Buch "Ich bin eine seltsame Schleife" die Genialität des vorherigen ("Gödel, Escher, Bach") fehlt, ist es doch lesenswert, denn Douglas Hofstadter versteht sich darauf, schwierige Zusammenhänge verständlich darzustellen, und er gibt viele Denkanstöße.
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Ich denke über das Denken nach. (Seite 53)

Douglas Hofstadter glaubt nicht, dass es ihm dabei helfen würde, Aminosäuren, Neuronen und Dendriten zu untersuchen.

Zu behaupten, dass ich das Gehirn studiere, wenn ich diese physischen Gegebenheiten untersuche, kommt mir so vor, als würde ich von der Literaturkritik verlangen, sich mit den physischen Substraten und Prozessen zu befassen, die mit Literatur zusammenhängen: Papier und Buchbinderei, Tinte und ihre chemische Zusammensetzung, Seitenformate und Randgrößen, Schriftarten, Absatzlängen und so weiter. Wo aber bleiben die abstrakten Ideen, das Herz der Literatur: Plots und Figuren, Stil und Perspektive, Ironie und Humor, Anspielungen, Metaphern, Einfühlung und Distanz und so weiter? (Seite 54)

Ich will, kurz gesagt, […] darauf hinaus, dass die mikroskopische Ebene sehr wahrscheinlich – beziehungsweise fast sicher – die falsche Ebene der Betrachtung ist, wenn wir so enorm abstrakte Phänomene wie Vorstellungen, Ideen, Prototypen, Stereotypen, Vergleiche, Abstraktionen, Erinnerungen, Vergessen, Verwechseln, Vergleichen, Kreativität, Bewusstsein, Sympathie, Empathie zu erklären versuchen. (Seite 56)

Deshalb bezweifelt Douglas Hofstadter, dass Neurologen besser verstehen, was das Bewusstsein, das „Ich“ oder das Denken ausmacht.

Ihre fachliche Nähe zu den Gehirnaspekten der unteren Ebene führt bei ihnen zu einer generellen Skepsis gegenüber der Perspektive, dass Bewusstsein und freier Wille überhaupt jemals in physikalischen Begriffen gefasst werden können. Zwischen Geist und Materie sehen sie einen unüberwindlichen Abgrund, und davon fühlen sie sich so vor den Kopf gestoßen, dass sie all ihre Anstrengungen einstellen, herauszubekommen, wie Bewusstsein und Selbst aus physikalischen Prozessen hervorgehen können; stattdessen werfen sie das Handtuch und werden zu Dualisten. (Seite 270)

Philosophen, die glauben, dass Bewusstsein von etwas herrührt, das sich über und jenseits der Naturgesetze befindet, sind Dualisten. (Seite 418)

Bis vor hundert Jahren kam die Menschheit gut zurecht, ohne etwas über Atome und Elementarteilchen zu wissen, denn im Alltag geht es um makrokosmische Objekte und Vorgänge. Das Verhalten von Mikro-Teilchen können wir auch gar nicht wahrnehmen. Obwohl wir inzwischen zu wissen glauben, dass Vorgänge auf der mikrokosmischen Ebene „die Realität am Laufen halten“ (Seite 229), dass Mikroben Infektionen auslösen und die Befruchtung durch die Verschmelzung von Zellen erfolgt, ist unsere Wahrnehmung auf eine makrokosmische Ebene beschränkt.

Wir Menschenwesen sind makroskopische Strukturen in einem Universum, dessen Gesetze sich auf einer mikroskopischen Ebene abspielen. (Seite 459)

[…] unsere Unfähigkeit, das dauernde hektische Gewühle und Gebrodel des Mikro-Zeugs, all das ungefühlte Wabern und Blubbern, das unserem Denken zu Grunde liegt, zu sehen, zu spüren oder in irgendeiner anderen Weise wahrzunehmen. Diese angeborene Blindheit für die Welt des Winzigen nötigt uns die Halluzination einer tiefgehenden Spaltung auf zwischen der ungerichteten, ziellosen, materiellen Welt von Kugeln und Stäben und Klängen und Lichtern auf der einen Seite und einer zielgesättigten, abstrakten, sinnvollen Welt von Hoffnungen und Überzeugungen und Freuden und Ängsten auf der anderen Seite, in der radikal andere Arten von Kausalität zu herrschen scheinen. (Seite 269)

Im Alltag, so Douglas Hofstadter, kommt es nicht darauf an, dass wir wissen, was auf der mikrokosmischen Ebene passiert.

Diese Idee – dass die untere Ebene, obwohl sie hundertprozentig für ein Geschehen verantwortlich ist, gleichzeitig für dieses Geschehen vollkommen irrelevant ist – mutet fast paradox an, dabei ist sie eine alltägliche Binsenweisheit. (Seite 73)

Die Gesetze der unteren Ebene […] spielen ausschließlich insofern eine Rolle, als sie vorhersagbare Ereignisse auf einer oberen Ebene ermöglichen […] Man könnte sich sogar vorstellen, dass die Naturgesetze auf dieser mikroskopischen Ebene andere hätten sein können – worauf es ankommt, sind nicht die Gesetzmäßigkeiten im Detail, sondern ausschließlich die Tatsache, dass sie zuverlässig stabile statistische Konseqenzen in die Wege leiten. (Seite 73f)

Auf dem Bildschirm eines Computers können hundert verschiedene Dinge stattfinden, aber wer denkt dabei schon daran, dass dies alles nur auf der Grundlage von On-Off-Zuständen bzw. simpler Additionen binärer Zahlen geschieht? (Deshalb heißt das Gerät ja auch Rechner bzw. Computer.) Auf einem eingeschalteten Fernsehbildschirm sehen wir keine Lichtpunkte, sondern Bilder, nicht nur zwei-, sondern auch dreidimensionale, und wir erleben, was im Film geschieht: Wir werden an einen anderen Ort und in eine andere Zeit versetzt, „teleportiert“. Ähnliches geschieht, wenn wir einen Roman lesen: Da schauen wir zwar nur verschieden geformte schwarze Flecke an, aber wir blenden unsere aktuelle Umwelt aus und erleben, was in der Handlung geschieht, beinahe als wären wir dabei. (Daraus schließt Douglas Hofstadter, dass wir durchaus in der Lage seien, uns gleichzeitig an verschiedenen Orten aufzuhalten.)

Die Korrelate des Denkens sucht Hofstadter also nicht auf der Ebene der Neuronen, sondern auf der (höher gelegenen) Ebene von Mustern, die zum Beispiel von Neuronen gebildet werden.

Die Zellen in einem Gehirn sind nicht die Träger seines Bewusstseins; die Träger des Bewusstseins sind Muster. Die Muster der Organisation spielen die entscheidende Rolle, nicht die Substanz. (Seite 334)

Ein komplexes Muster entsteht beispielsweise, wenn wir ein mit einem Lautsprecher verkabeltes Mikrofon in die Nähe des Lautsprechers bringen oder eine laufende Videokamera in die Richtung des damit verbundenen Bildschirms halten. In der Systemtheorie spricht man in solchen Fällen von Rückkopplung und Selbstreferenz; Douglas Hofstadter bevorzugt die Bezeichnung „Schleife“.

Wie Hofstadter bereits in seinem Buch „Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band“ ausführte, hatte Kurt Gödel (1906 – 1978) eine „majestätische, verschlungene selbstreferenzielle Struktur“ entdeckt und aus einem „Substrat bedeutungsloser Symbole“ Selbstreferenz hergestellt (Seite 20). Diese Entdeckung, die Hofstadters Vorstellungen offenbar entscheidend prägte, liegt auch dem vorliegenden Buch zugrunde.

Dabei postuliert Douglas Hofstadter eine Abstufung von der einfachen Feedback-Schleife bis zur selbstreferenziellen „seltsamen“ Schleife. Das Gehirn einer Mücke vergleicht Hofstadter mit dem Schwimmer im Spülkasten der Toilette oder einem Heizungsthermostat; es funktioniert nach dem Prinzip von Rückkopplungen. Die Mücke benötigt zwar Begriffe (Hofstadter spricht stattdessen von „Symbolen“) wie „potenzielle Futterquelle“, „potenzieller Landeplatz“, „potenzielle Bedrohung“, aber sie unterscheidet nicht zwischen Wand und Vorhang, Mensch und Hund, Kopf und Schwanz; sie braucht nicht einmal zu wissen, dass sie Flügel hat und fliegen kann. Ein Hund verfügt dagegen über Begriffe wie „mein Napf“, „drinnen“, „draußen“, „Gassi gehen“, „Tierarzt“, „Strafe“ , und er hat offenbar eine gewisses Selbstgefühl, denn er hält seine Pfote nicht für ein Objekt außerhalb seines Körpers. In der Evolution waren frühe Formen des Gehirns nichts weiter als Feedback-Schleifen, doch irgendwann verband sich damit die Möglichkeit der Selbstreferenz (die Kamera konnte sozusagen auf sich selbst gerichtet werden), und die Zahl der Symbole bzw. Begriffe vergrößerte sich. Das menschliche Gehirn bildet nicht nur ein privilegiertes Symbol, das wir „Ich“ nennen, sondern es kennt auch keine Grenzen bei der Schaffung und Verschachtelung von Symbolen.

Wahrnehmung besteht im Unterschied zur bloßen Perzeption darin, dass aus der unüberschaubaren Menge von Signalen in der Umwelt einige ausgefiltert werden, die im Gehirn vorhandene Symbole aktivieren. Welche das sind, hängt vom augenblicklichen Zustand der Person ab: Ein hungriger Tourist nimmt in einer Wartehalle anderes war, als ein Geschäftsreisender, der noch in letzter Minute seinen Flieger erreichen will.

Wahrnehmung ist ein lebhaftes Hin und Her von Signal-Schauern, wobei die Input-Signale durch von innen kommende Signale modifiziert werden; im Endeffekt lösen sie dann eine kleine Anzahl von Symbolen aus oder in weniger biologischen Termini: aktivieren ein paar Begriffe. (Seite 114)

Auch wenn ein bestimmter Gegenstand gerade nicht in unserer Nähe liegt, können wir uns unter Umständen vorstellen, wie er aussieht. Vorstellungen sind nichts anderes als aktive Symbole im Gehirn.

Überall, wo ein Muster vorliegt, kann es entweder als es selbst wahrgenommen werden oder als Vertretung von irgendetwas, zu dem es isomorph ist. (Seite 319)

Dabei ist das Gehirn kein Fernsehbildschirm, und die Annahme, der Wahrnehmung oder Vorstellung eines Kreises würde ein kreisförmiges Muster im Gehirn entsprechen, wäre falsch.

Ein Säugling kennt nur wenige Symbole. Erst im Lauf der Zeit entwickelt sich in seinem Gehirn ein mehr oder weniger reichhaltiges Repertoire von Symbolen, darunter auch ein Ich-Symbol. (Demzufolge entsteht die Seele nach Hofstadter nicht bei der Befruchtung, sondern sie entwickelt sich allmählich.)

Douglas Hofstadter zitiert aus dem Essay „Geist, Gehirn und menschliche Werte“ des Neurobiologen Roger Sperry (1913 – 1994):

Das Bewusstsein erscheint in diesen Abläufen als eine aktive operationale Kraft […]
Um es ganz schlicht auszudrücken: Alles läuft auf die Frage hinaus, wer in der Ansammlung von Kausalkräften, die den Schädel bevölkern, wen herumschubst. Es kommt also mit anderen Worten darauf an, die Hackordnung unter den intrakranialen Kontrollinstanzen klarzustellen. Eine ganze Welt von unterschiedlichen kausalen Kräften existiert im Inneren des Schädels; ja mehr noch: Innerhalb der Kräfte wirken Kräfte, in denen wiederum Kräfte am Werk sind, und all das erzeugt eine Komplexität, wie sie in keinem anderen Raum von rund eineinhalbtausend Kubikzentimetern […] anzutreffen sind […]
Kurz gesagt: Wenn man in der Befehlskette innerhalb des Gehirns immer höher steigt, dann findet man ganz an der Spitze jene allumfassenden, organisierenden Kräfte und dynamischen Eigenschaften von großen Mustern cerebraler Stimulierung, die geistigen Zuständen oder psychischer Aktvitität entsprechen […] An der Spitze dieses Kommandosystems innerhalb des Gehirns […] finden wir die Ideen. (Seite 61)

In dem Modell des Gehirns, das ich hier vorstelle, ist die kausale Potenz einer Idee oder eines Ideals genauso real wie die eines Moleküls, einer Zelle oder eines neuronalen Impulses. (Seite 271)

Diesen Ausführungen stimmt Douglas Hofstadter zu, und er beantwortet die folgende selbst gestellte Frage mit „ja“:

Kann ein verschwommenes, nicht festzumachendes „Ich“ konkreten physischen Objeken wie Elektronen oder Muskeln […] vorschreiben, was sie zu tun haben? (Seite 62)

Das Konglomerat, das wir „Ich“ nennen, führt immer wieder in konkreten einzelnen Augenblicken zu spezifischen äußeren Handlungen, ganz ähnlich wie ein Stein, der in einen Teich geworfen wird, ringförmige Wellen verursacht, die sich zum Ufer hin ausbreiten. Bald darauf beginnen die folgen unserer Handlungen zu uns zurückzukommen, wie erste Wellen, die wiederkommen, nachdem sie sich am Ufer gebrochen haben. (Seite 246)

Sie treffen Entscheidungen, handeln, bewirken etwas in ihrer Umwelt, erhalten Feedback, nehmen dieses Feedback in Ihr Selbst auf; nach diesem „Sie“-Update trifft dieses „Sie“ neue Entscheidungen, und so weiter, immer im Kreis herum. (Seite 255)

Weil wir nun das Verhalten von Mikro-Partikeln nicht wahrnehmen können, sondern lediglich makroskopische Muster, in denen bestimmte Dinge andere Dinge in verschwommener Kausalität herumschubsen, und weil der Große Schubser in und von unseren Körpern unser „Ich“ ist, und weil unser Körper den Rest der Welt herumschubst, bleibt uns nur der Schluss, dass das Ich der Ursprung der Verantwortlichkeit ist. Das „Ich“ scheint für uns die Wurzel all unserer Handlungen und Entscheidungen zu sein. (Seite 241)

Das „Ich“ ist für Douglas Hofstadter kein Ausgangspunkt, sondern ein Ergebnis, und zwar das Ergebnis einer Illusion.

Das Ding, das wir „Ich“ nennen, resultiert aus dieser referenziellen Stabilität, das ist alles. (Seite 385)

Letztendlich ist jeder von uns – eine selbst wahrnehmende, selbst-erfindende, eingeschlossene Fata Morgana – ein kleines Wunder des Selbst-Bezugs. (Seite 460)

Wer liest dann aber die Symbole in unserem Gehirn? Diese Frage stellt sich für Douglas Hofstadter nicht, denn er geht davon aus, dass der Tanz der Symbole selbstreferenziell ist: Die seltsame Schleife nimmt sich selbst wahr und entwickelt sogar ein episodisches Gedächtnis und ein episodisches Projektorium.

Dementsprechend glaubt Douglas Hofstadter nicht, dass der Mensch über einen freien Willen verfügt:

Wozu braucht es […] all dieses Gewese um den „freien Willen“? […] Was bringt es uns, oder besser, was würde es uns bringen, wenn das Wort „frei“ zuträfe? Ich weiß es ehrlich nicht. Ich sehe in dieser komplexen Welt nicht den Platz, den mein Wille bräuchte, um „frei“ zu sein.
Ich freue mich, dass ich einen Willen habe […], aber ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlen würde, wenn mein Wille frei wäre. Was um alles in der Welt würde das bedeuten? Dass ich manchmal nicht meinem Willen gemäß handeln würde? Ja, aber warum sollte ich das denn tun? Um mich zu frustrieren? Ich nehme an, wenn ich mich frustrieren wollte, dann könnte ich mich dafür entscheiden – aber dann würde ich es tun, weil ich mich frustrieren will […] So könnte ich mich zum Beispiel entscheiden, nicht noch eine Portion Nudeln zu nehmen, obwohl ich – oder besser gesagt, ein Teil von mir – noch welche möchte, denn es gibt einen anderen Teil in mir, der nicht will, dass ich zunehme, und der gewichtsbewusste Teil hat zufällig (an diesem Abend) mehr Stimmen als der gefräßige Teil. Wenn es nicht so wäre, dann würde er verlieren […] – aber in jedem Fall würde mein nicht-freier Wille gewinnen, und ich würde dem dominanten Bedürfnis in meinem Gehirn folgen. (Seite 435)

Unser Wille ist alles andere als frei, er ist im Gegenteil beständig und zuverlässig, wie ein inneres Gyroskop, und die Stabilität und Beständigkeit unseres nicht-freien Willens lässt mich ich sein und Sie Sie, und sie lässt mich ich bleiben und Sie Sie. (Seite 436)

In einem Gedankenexperiment stellt Douglas Hofstadter zwei Kameras auf, die jeweils mit einem Bildschirm verbunden sind und getrennte Video-Feedbacks erzeugen (also Teile des eigenen Bildschirms filmen). Verdreht er nun eine der Kameras so, dass auch der andere Bildschirm teilweise von ihr erfasst wird, beginnen die beiden Schleifen sich gegenseitig zu beeinflussen. Damit veranschaulicht Hofstadter, was bei der menschlichen Kommunikation geschieht: Während meine Sinnesorgane direkt auf mein Gehirn einwirken, kann ich entsprechende Symbole im Gehirn einer anderen Person hervorrufen, indem ich ihr etwas von meinen Erlebnissen und Erfahrungen mitteile. Das ist wie beim Tennisspiel: Da kontrolliere ich meine eigenen Bewegungen, indirekt aber auch die des anderen Spielers, der auf meine Bewegungen reagiert.

Symbole gibt es nicht nur für leblose Objekte, sondern auch andere Personen.

Wenn Sie wirklich davon überzeugt sind, wie ich es bin […], dass Vorstellungen aktive Symbole in einem Gehirn sind, und wenn Sie weiter wirklich davon überzeugt sind, dass Menschen nicht weniger als Objekte durch Symbole im Gehirn repräsentiert werden […], und wenn Sie schließlich wirklich davon überzeugt sind, dass ein Selbst also eine Vorstellung ist, nur eben eine noch komplexere […], dann ist die notwendige und unvermeidliche Schlussfolgerung dieser Gruppe von Überzeugungen, dass Ihr Gehirn in wechselndem Ausmaß von anderen Ichs bewohnt wird, von anderen Seelen, wobei die Ausdehnung jeder einzelnen Seele sich bemisst nach dem Grad der Wiedergabetreue und danach, wie Sie mit dem fraglichen Individuum in Resonanz stehen. (Seite 323)

Die landläufige Auffassung, dass einem Körper eine Seele entspricht und umgekehrt, tut Hofstadter als „Vogel-im-Käfig-Metapher“ ab.

Er ist überzeugt, dass die Seele seiner verstorbenen Ehefrau Carol in ihm weiterlebt:

Muster können von einem Medium in ein anderes kopiert werden, auch dann, wenn es sich um vollkommen verschiedene Medien handelt. Ein solcher Vorgang wird „Transplantation“ genannt oder kurz „Translation“. (Seite 335)

Carols Seele hält eine Transplantation auf den Boden meines Gehirns aus […] Deshalb kann ich Carol „sein“, wenn auch mit leichtem Doug-Akzent. (Seite 335)

In diesem Zusammenhang zitiert er aus dem Roman „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers:

[…] vielleicht muss der Verlassene bleiben, damit die Geliebte auferstehen kann – der Mensch, der gegangen ist, wäre also nicht wirklich tot, sondern er wächst und wird ein zweites Mal erschaffen in der Seele des Überlebenden? (Seite 336)

Douglas Hofstadter glaubt nicht an den abrupten Tod, sondern er nimmt an, dass die Seele eines Verstorbenen im Gedächtnis anderer Menschen weiterlebt und erst allmählich verblasst.

In der Zeit nach dem Tod eines menschlichen Wesens bleibt in dem Kollektiv der Gehirne all derer, die ihm am nächsten standen, eine Anzahl von Nachglüh-Phänomenen lebendig, einige heller, einige schwächer […]
Dieser langsame Prozess des Verlöschens […] ist zwar traurig, aber doch etwas weniger bedrückend als die offizielle Betrachtungsweise […] Unser Instinkt macht uns glauben, dass das gesamte Licht auf einmal ausgegangen ist. Ich möchte nahe legen, dass das für menschliche Seelen nicht gilt, weil die Essenz eines menschlichen Wesens […] über viele Gehirne verteilt ist. Es dauert mehrere Generationen lang, bis eine Seele ganz verblichen ist, bis das Flackern aufgehört hat, bis alle Glut verglommen ist. (Seite 355)

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Zwar veranschaulicht Douglas Hofstadter (das „R“ seines zweiten Vornamens Richard hat er diesmal weggelassen) seine Ausführungen in „Ich bin eine seltsame Schleife“ wieder mit Analogien und konkreten Beispielen, vermeidet Fachjargon und lässt sich in keine Schublade pressen, aber das neue Buch ist nicht so genial wie sein zum Kultbuch avancierter Bestseller „Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band“. Da fehlt das virtuose Wechselspiel von Form und Inhalt, von Ausführungen, Dialogen, Gedankenspielen, Strukturen und verblüffenden Querverbindungen.

„Ich bin eine seltsame Schleife“ ist persönlicher als „Gödel, Escher, Bach“: Douglas Hofstadter erklärt nicht nur, warum er Vegetarier geworden ist, sondern er berichtet auch ausführlich darüber, wie er auf den Tod seiner Frau reagierte. Er zeigt sich überzeugt davon, dass ihre Seele in ihm weiterlebt.

Ob die Seelen von Verstorbenen in den Gehirnen ihrer Angehörigen weiterexistieren, lässt sich ebenso wenig experimentell überprüfen wie Hofstadters Thesen über das „Ich“ als Ergebnis einer „seltsamen Schleife“. Wer erwartet, nach der Lektüre von „Ich bin eine seltsame Schleife“ zu wissen, wie Bewusstsein entsteht, wird enttäuscht sein.

Empfehlenswert ist das Buch dennoch, weil Douglas Hofstadter sich darauf versteht, schwierige Zusammenhänge verständlich und kurzweilig darzustellen, weil er eine originelle Sichtweise vertritt und aus dieser ungewohnten Perspektive viele Denkanstöße gibt.

Douglas R. Hofstadter, der Sohn des Physik-Nobelpreisträgers Robert Hofstadter, wurde am 15. Februar 1945 in Manhattan geboren. Sein Physikstudium an den Universitäten von Stanford und Oregon schloss er 1975 mit der Promotion ab. Vier Jahre später erschien sein Buch „Gödel, Escher, Bach. Ein Endloses Geflochtenes Band“. Douglas R. Hofstadter beschäftigte sich nicht nur mit Sprachen und wissenschaftlichen Fragen, sondern komponierte auch vierzig Klavierstücke. Im Dezember 1993 starb seine dreiundvierzig Jahre alte Ehefrau Carol während eines Italienaufenthaltes mit ihm und den beiden Kindern Danny (* 1988) und Monica (* 1991) unerwartet an einem Hirntumor. Seit einiger Zeit hat Douglas R. Hofstadter einen Lehrstuhl für Kognitionswissenschaft und Informatik an der Indiana University in Bloomington.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2008
Textauszüge: © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger

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