Fritz von Herzmanovsky-Orlando : Der Gaulschreck im Rosennetz

Der Gaulschreck im Rosennetz

Fritz von Herzmanovsky-Orlando

Der Gaulschreck im Rosennetz

Der Gaulschreck im Rosennetz Originalausgabe: Wien 1928 Verlag Volk und Welt, Berlin 1977 164 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der Wiener Hofsekretär Jaromir Edler von Eynhuf hat sich vorgenommen, Kaiser Franz 1829 zum 25. Thronjubiläum eine Milchzahnsammlung zu überreichen. Inzwischen besitzt er bereits 24 auf Samt drapierte Milchzähne. Den 25. Milchzahn erhofft er sich von der erfolgreichen Sängerin Höllteufel, die bestimmt ihre Milchzähne aufgehoben hat. Als Schmetterling verkleidet, spricht er sie auf einem Faschingsball an, aber sie hält ihn für einen Irren ...
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Kritik

Bei "Der Gaulschreck im Rosennetz" handelt es ich um "eine skurrile Erzählung" von Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Die Geschichte spielt in einer mit schrulligen Figuren bevölkerten grotesk-verschrobenen Fantasiewelt.
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Der Wiener Hofsekretär Jaromir Edler von Eynhuf ist beim kaiserlichen Hoftrommeldepot beschäftigt, im Sommer auch beim kaiserlichen Obersthofsilberlöffelbewahrer von Kärnten und der windischen Mark. Wie andere höhere Hofbeamte auch, wohnt er im Kleinen Querulantenhaus.

Zephesis Zumpi, ein kaiserlicher Hofzwerg im Ruhestand, erwartet von ihm, dass er um die Hand Crispines anhält, der 42-jährigen Tochter des Zwergs und dessen Ehefrau. Das wäre wohl keine schlechte Partie für Jaromir, denn Crispine sieht zwar ebenso reizlos aus wie ihre jüngere Schwester Kiliane, aber Zephesis Zumpi besitzt das Elternhaus in Krumnussbraum und die beiden Mädchen können auch noch damit rechnen, den kinderlosen Bruder und die unverheiratete Schwester ihres Vaters zu beerben. Der Onkel betreibt in Krumnussbaum eine Ohrlöffelschmiede, und die Tante lebt mit ihrer Ziehtochter Barbara Wispel im eigenen Haus in Krems.

Weil Crispine sich allerdings von Jaromir vernachlässigt fühlt, redet sie bereits davon, ins Kloster gehen zu wollen und es steht zu befürchten, dass sie sich an den Kammersänger Czwaczek wegwerfen könnte.

Jaromir von Eynhuf hat sich vor Jahren vorgenommen, Kaiser Franz 1829 zum 25. Thronjubiläum eine Milchzahnsammlung zu überreichen. Inzwischen besitzt er bereits 24 Milchzähne, die er fein säuberlich und symmetrisch auf Samt drapiert hat. Es fehlt nur noch der 25. Milchzahn. Den erhofft Jaromir sich von der erfolgreichen Sängerin und Schauspielerin Höllteufel, die gerade in dem Singspiel „Das Zauberwagerl vom Jedlesee“ von Ferdinand Raimund gefeiert wird.

Rochus Großkopf, der damit prahlt, dass Johann Wolfgang von Goethe den „Faust 2“ bei ihm in einem seiner beiden Häuser in St. Pölten vollendet habe, rät Jaromir, die Höllteufel einfach anzusprechen. Aber der Hofsekretär befürchtet, dass dies missverstanden werden könne. Dann würde ihm die Keuschheitskommission Schwierigkeiten machen. Also müsse Jaromir sich auf einem Faschingsball maskiert an die Höllteufel heranmachen, meint Großkopf.

Jaromir lässt sich also von Meister Entletzberger Schmetterlingsflügel anfertigen und dazu vom Schneider Netschek ein passendes Kostüm. Als Schwalbenschwanz verkleidet sorgt er beim Faschingsball im Apollosaal für Aufsehen. Während er sich zielstrebig der Höllteufel nähert, springt ihm die bildhübsche Helena Kollokotronis auf die Schultern und reitet auf ihm, bis es ihm gelingt, sie abzuschütteln.

Die Höllteufel hält ihn für einen nach Leim stinkenden Irren, als er sie um einen ihrer Milchzähne bittet, die sie doch sicherlich aufgehoben habe. Daraufhin lässt Jaromir die Flügel hängen und geht. Draußen fährt eine Windböe in die Flügel und schleudert ihn herum. Pferde scheuen vor ihm. Ein Wachmann hilft ihm schließlich auf die Beine, nimmt ihn mit zur Wache und meldet einen Ruhestörer.

„Was, Sie Esel“, schnaubte ihn der Kommissär an, „seg’n S‘ denn nöt, dass dös gar ka Mensch nöt ist, sondern ein Fuhrwerk!“
„Aber bitte“, verwehrte sich Eynhuf.
„Sein S‘ ruhig, bis g’fragt wer’n“, schnauzte ihn der unhöfliche Beamte an. „Sö san a Fuhrwerk, weil S‘ über vier Schuh breit san, und hab’n laut kaiserlicher Verordnung vom 14. Mai 1796 stets die Lizenz bei Ehna zu haben, ausgenommen Sie san a Hofewibasch! Aber da müsseten S‘ vergoldete Radeln haben und den Bock mit Tressen! – Bemmerlfeind“, wandte er sich zum anderen Wachmann, „schirr’n S‘ ihn ab, und marsch in den Kotter!“
„In den Kotter! Nie!“, brüllte jetzt Eynhof und rasselte schauerlich mit den Skeletten der Flügel. „Ich bin kein Fuhrwerk, sondern ein als Schmetterling …“
„Ja, dann muss i Ihnen ins Tierspital abschieben …“
„Aber hören Sie doch: ein als Schmetterling maskierter hoher Beamter!“

Die Zeitungen berichten über den Eklat beim Faschingsball und nennen den als Schmetterling Verkleideten „Gaulschreck“.

Einige Zeit später sucht Jaromir die Höllteufel in ihrer Wohnung auf. Sie erkennt in ihm den als Schmetterling verkleideten Mann, den sie für einen Irren hielt und macht sich lustig über ihn. Jaromir bleibt nichts anderes übrig, als den Rückzug anzutreten.

Doch inzwischen hat er sich in die Höllteufel verliebt. In verschiedenen Maskeraden – zum Beispiel als türkischer Zuckerwarenverkäufer, als Slowak mit einem Korb voll Holzwaren oder als fliegender Mehlwurmhändler – umschleicht er ihre Wohnung, um einen Blick auf sie zu erhaschen und herauszufinden, mit wem sie verkehrt. Dabei ertappt ihn Rochus Großkopf. Der rät ihm, endlich Crispine zu heiraten, aber Jaromir will entweder die Höllteufel oder sich in der Donau ertränken. Da rät ihm Großkopf, sich von der Hebamme Funzengruber einen Liebestrank brauen zu lassen. Und er weiß auch gleich, wie Jaromir die Angebetete dazu bringen kann, von dem Gebräu zu trinken: Er soll ihre Zofe umwerben und sie dazu bringen, der Künstlerin etwas von dem Liebestrank in den Kaffee zu mischen.

Jaromir folgt dem Rat und geht zu der Hebamme.

Die Alte wurde sehr wichtig, bedeutete ihm, dass es für sie eine Kleinigkeit wäre, dass man aber das Mondsviertel wissen müsse, unter dem das Subjekt geboren sei, und dass er selbst an einem Freitag mit ungeradem Datum – am besten sei freilich der schmerzhafte Freitag – eine Alraunwurzel kaufen, aber über die rechte Schulter mit der linken Hand – mit verflochtenen Fingern natürlich – in Empfang nehmen müsse. Dann sei es unerlässlich, ihr die Wurzel in der umgekehrten Stellung zu geben. Darauf würde sie den Trank kochen, durch einen Nonnenschleier durchseihen und ihn vier Wochen lang im Keller digerieren lassen. Das sei aber alles sehr teuer, weil man zum Heizen bloß morsche Bretter von Selbstmördersärgen, mit getrockneten schwarzen Pudelschweifen gemischt, verwenden würde. Auch müsse man den Kot einer unschuldigen weißen Taube dazutun. Der verfaulte Zahn einer Kindermörderin sowie ein Lot trockenes Krokodilhirn seien als Beigabe sehr zu empfehlen.

Während Jaromir auf das Reifen des Liebestranks wartet, spielt er der Milchmeierin Barbara Pimeskern vor, er sei in Ludmilla Steigenfierer, die Zofe der Höllteufel, verliebt. Prompt verkuppelt Barbara Pimeskern die beiden. Allerdings verliebt Ludmilla sich bis über beide Ohren in den Hofsekretär und gibt keine Ruhe, bis er mit ihr auf den Prater geht, wo er Gefahr läuft, von Bekannten gesehen zu werden.

Gubernialrat von Horraker warnt ihn vor Rochus Großkopf. Das sei kein Umgang für ihn, meint er und rät ihm, die Ludersdorf zu heiraten. Die habe Geld, sagt er, und das werde er benötigen, denn die Fürstin Kladrup wolle seine Position für ihren Reitknecht Krschiwoschschkralek.

Bei einer anderen Gelegenheit begegnet Jaromir Frau Zisch, die von ihren Töchtern Annerl und Poldi schwärmt. Sie legt ihm nahe, Annerl zu heiraten und erzählt ihm, das Mädchen decke beim Strümpfewechsel den Vogelkäfig ab, weil es sich beim Kanarienvogel um ein Männchen handele. Mit ihren Töchtern habe sie Glück, fährt Frau Zisch fort, im Gegensatz zum Ehepaar Zumpi. Erst jetzt erfährt Jaromir, dass Zephesis Zumpis Bruder als Alchimist, Geheimbündler und Betreiber eines Bordells hinter dem St. Petersfriedhof in Salzburg entlarvt wurde. Die Schwester wiederum wurde von ihrer Ziehtochter Barbara Wispel und deren Liebhaber, dem Fleischerburschen Florian Bihander, ermordet und ausgeraubt. Und Crispine, so Frau Zisch weiter, habe sich einem Mann an den Hals geworfen und sei deshalb vom Vater verstoßen worden.

Jaromir hätte Crispine ohnehin nicht geheiratet. Für ihn gibt es nur noch die Höllteufel.

Endlich ist die Wartezeit vorbei und er kann den Liebestrank bei der Hebamme abholen. Mit dem Fläschchen in der Tasche besucht er Ludmilla. Die zieht ihn in ihrer Kammer aufs Kanapee. Sie macht sich Sorgen, weil sie wegen ihrer Verliebtheit zerstreut ist und ihrer Herrin deshalb bereits mehrmals unangenehm auffiel. Da zeigt Jaromir ihr den Zaubertrank. Den habe er aus Ägypten kommen lassen, sagt er. Ludmilla könne damit die Gunst der Höllteufel zurückgewinnen. Sie brauche ihr nur täglich drei Löffel von dem Wundermittel in den Kaffee zu mischen, dann werde das Elixier die Stimme der Sängerin noch verschönern. Die Zofe fängt gleich damit an und träufelt etwas von dem Liebestrank in den Kaffee, den sie der Höllteufel serviert. Dann kehrt sie zu Jaromir zurück. Gleich darauf ist zu hören, wie die Höllteufel würgt und sich übergibt. Auf der Suche nach ihrer Zofe reißt sie die Türe der Kammer auf, ertappt Ludmilla mit dem Liebhaber und wirft diesen hinaus.

In seiner Verzweiflung eilt Jaromir zu Rochus Großkopf. Hoffentlich weiß dieser Rat. Nachdem der Hofsekretär erzählt hat, was geschehen ist, meint Großkopf:

„Alsdann, gschbieben hat s‘! No, hat s‘ halt zu viel Taubendreck einergeb’n, die gute Alte. Kann halt a ’s Rezept nimmer gut lesen mit der dreckigen Brillen!“

Jaromir lässt sich stöhnend auf Großkopfs Bett fallen. Da ertönt ein Schrei aus weiblicher Kehle. Jaromir starrt Annerl an; sie ist „splitternackt, lediglich mit betressten Husarenstiefeln aus blauer Wichsleinwand bekleidet“.

Großkopf sieht keine Möglichkeit mehr, wie Jaromir die Höllteufel gewinnen oder wenigstens einen Milchzahn von ihr bekommen könnte. Aber er schickt ihn erneut zur Hebamme Funzengruber. Die sei in der Lage, ihm ein Mädchen zu beschaffen, meint er, das noch Milchzähne habe. Dann brauche er nur noch dafür zu sorgen, dass sich das Kind zum Beispiel an einer vergoldeten Weihnachtsnuss einen Zahn ausbeißt.

Nachdem die Funzengruber den verlangten Betrag kassiert hat, schiebt sie Jaromir in ein Nebenzimmer und deckt das Bett auf. Ein paar Minuten später steht ein Mädchen in der Tür und lächelt Jaromir frivol an. Das Kind ist zwar bereit, den Mund zu öffnen und Jaromir die Zähne zu zeigen, hat aber keine Lust, auf die goldene Nuss zu beißen. Jaromir schiebt der Kleinen die Nuss deshalb gewaltsam zwischen die Zähne, und mit dem Schrei „für Kaiser und Vaterland!“ haut er ihr auf den Kopf. Dann stürzt er sich auf den blutigen Schneidezahn am Boden. In diesem Augenblick reißen Polizisten die Tür auf. Eine Razzia!

Jaromir Edler von Eynhuf flüchtet. Zu Hause nimmt er eine Pistole, und weil er in der Eile keine Kugeln findet, stopft er die 24 gesammelten Milchzähne in den Lauf. Damit erschießt er sich.

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Bei „Der Gaulschreck im Rosennetz“ handelt es ich um „eine skurrile Erzählung“ – so auch der Untertitel – von Fritz von Herzmanovsky-Orlando (1877 – 1954). Die Geschichte spielt in den Zwanzigerjahren des 19. Jahrhunderts unter Kaiser Franz I. in Wien, allerdings in einer mit schrulligen Figuren bevölkerten grotesk-verschrobenen Fantasiewelt.

Launig denkt Fritz von Herzmanovsky-Orlando sich immer neue komische Situationen und Nebenhandlungen aus.

Beispielsweise erzählt er von dem Wiener Zuckerbäcker Friedrich Knecht, der in seinem Laden ein weißes Schäferkostüm trägt und auf einer Schalmei Melodien von Wolfgang Amadeus Mozart spielt.

Einer reichbegabten, tragantenen Osterlammerzeugerfamilie entsprossen und frühzeitig durch Gelübte zum Zuckerbäcker bestimmt, wollte er, verblendet durch den Siegeszug, den der sattsam bekannte Bärendreck oder Bärenzucker über die kulinarische Welt nahm, einen neuen Stern am Kanditenhimmel aufgehen lassen, den sogenannten Hühnerdreck, womit er dem idyllischen Charakter seiner Zeit Rechnung zu tragen dachte, im Gegensatz zum romantisch angehauchten Konkurrenzprodukt, das ihm so recht als der Konfekt Shakespeares erschien.

Aufgrund des Misserfolgs wurde Friedrich Knecht trübsinnig und fiel vom Glauben ab. Um ihn auf andere Gedanken zu bringen, schickte ihn die Familie auf Reisen. In Spanien wurde er von der Inquisition als heimlicher Protestant entlarvt. Nur weil es auf der Iberischen Halbinsel nach einer Borkenkäferplage im Jahr 1767 an Holz mangelte, endete sein Leben nicht auf dem Scheiterhaufen. Stattdessen wurde er zur Hinrichtung in die Heimat abgeschoben. Dort beeindruckte Friedrich Knecht den Hof allerdings mit einem Wunderwerk aus Zucker und Marzipan, das er „Der Türk‘ vor Neuhäusl“ nannte. Das aß zwar die zerstreute schwangere Palastdame Baronin Kempff von Ankreth vorzeitig auf, aber der Zuckerbäcker wurde dennoch zum Hoflieferanten ernannt statt hingerichtet.

Fritz von Herzmanovsky-Orlando erzählt in „Der Gaulschreck im Rosennetz“ auch von der niederösterreichischen Stadt Scheibbs, die einen zweiten Donnerstag beantragt. Gemeint ist zwar nur ein zusätzlicher Markttag, aber in der Öffentlichkeit ebenso wie in Regierungskreisen entsteht der Eindruck, Scheibbs wolle einen neuen Kalender einführen. Das würde die Weltordnung stören. Man befürchtet, dass die Stadt als tieffliegender Mond eine Schneise der Verwüstung verursachen könnte. Ein Schrei des Entsetzens geht durch die Welt.

Kurz, die gedanklichen Perspektiven waren grauenhaft. Bittgänge wurden im ganzen Reiche abgehalten, an einzelnen Orten traten schon Geissler, Springprozessionen, ja selbst Adamiten auf, was besonders unerfreulich wirkte. Jetzt regten sich aber auch die verborgenen Logen aller okkulten Schattierungen und hielten die große Tagung am Wechsel, dem steirischen Grenzgebirge, unter drei knorrigen Rieseneichen. Der Großmeister der Templer in Antiochia, der Mahatma von Großwardein, der Superieur inconnu der Martinisten – ein goldbetresster Marineur aus Triest –, der Inspecteur des endroits bizzares von der Wieden, der Hagelmeister von Tirol, die Herren vom Hl. Gral und von Rhodos, die Kronbewahrer von Trapezunt und Nikäa hatten sie einberufen. Den Vorsitz führte als einzige Dame die jugendschlanke Herzogin von Lians Court und von Mont Ferrat, kaiserliche Prinzessin von Byzanz.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Albert Langen Georg Müller Verlag

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