Philippe Grimbert : Ein besonderer Junge

Ein besonderer Junge
Originalausgabe: Un garçon singulier Éditions Grasset et Fasquelle, 2011 Ein besonderer Junge Übersetzung: Holger Fock, Sabine Müller Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2012 ISBN: 978-3-423-24921-8, 177 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Louis, ein Pariser Student, der nicht recht weiß, was aus ihm werden soll, nimmt die Aufgabe an, in einer Ferienvilla in Horville den 16-jährigen Autisten Iannis zu betreuen, damit dessen Mutter an ihrem Roman arbeiten kann. Louis kennt Horville, denn früher verbrachte er dort regelmäßig die Sommermonate mit seiner Mutter, und der Sohn des Hotelbesitzers war sein bester Freund. Durch die Begegnung mit Iannis erinnert Louis sich wieder daran und befreit sich von einem Trauma ...
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Kritik

Philippe Grimbert plädiert in dem Coming-of-Age-Roman "Ein besonderer Junge" für einen offenen Umgang mit Menschen, die "anders" sind. Am eindrucksvollsten ist die Lektüre, wenn das Verhalten des Autisten Iannis geschildert wird.

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Louis studiert seit drei Jahren in Paris. Anfangs belegte er Geisteswissenschaften, dann wechselte er zu Jura, aber er rechnet nicht damit, dass er bis zum Examen durchhält. Was aus ihm werden soll, weiß er nicht. Eine Freundschaft oder gar eine Liebesbeziehung hat sich während des Studiums nicht ergeben. Ohnehin liest er lieber, als mit anderen auszugehen.

Am Schwarzen Brett der Universität wird er auf ein Jobangebot aufmerksam. Gesucht wird ein Student zur Betreuung eines „besonderen Jungen“ in Horville an der Côte de Nacre. In diesem Ort verbrachte Louis‘ Mutter mit ihm bis vor zehn Jahren regelmäßig die Sommerferien. Dort zu arbeiten reizt ihn, und die Formulierung „besonderer Junge“ macht ihn neugierig, denn als einen solchen bezeichneten ihn auch seine Eltern.

Er bewirbt sich bei dem Vater des Jungen, der als Personalchef in der Tour Nobel im Pariser Stadtteil La Défense tätig ist. Seine Frau hat sich mit dem 16-jährigen Sohn in eine Ferienvilla in Horville zurückgezogen. Iannis, so heißt er, spricht nicht, liest nicht und schreibt nicht. Einige Jahre verbrachte er in einer Tagesklinik. Inzwischen haben die Eltern Iannis in einem Internat in Belgien angemeldet. Die Zeit, bis ein Platz dort frei wird, versuchen sie mit Studenten zu überbrücken, die sich gegen Bezahlung um den Jungen kümmern. Aber bisher hielt es noch keiner länger mit ihm aus. Iannis‘ Mutter schreibt an einem Roman. Weil ihr Sohn tagsüber permanent beaufsichtigt werden muss, kann sie das nur nachts tun, solange Iannis nicht von jemand anderem betreut wird.

Louis fährt mit seinem 2 CV nach Horville. Iannis erinnert ihn auf den ersten Blick an seinen früheren Freund Antoine. Dessen Eltern betrieben das Hôtel des Flots in Horville, in dem Louis und seine Mutter damals während der Ferien wohnten.

Es ist nicht leicht, sich auf Iannis einzustellen, denn er ist unberechenbar. Eines Nachts schmiert er sich beispielsweise mit seinem Kot ein. Obwohl Louis weiß, dass der Junge panische Angst vor der Dusche hat, zerrt er ihn ins Bad.

Unter dem Wasser, das aus dem Duschkopf spritzte, krümmte er sich, als würde man ihn mit Säure übergießen. Seine Mutter hatte recht, es war eine echte Marter für ihn, aber jetzt einen Rückzieher zu machen, kam nicht in Frage. Ich hielt ihn im Duschbecken fest, übergoss ihn mit Flüssigseife, bis die letzten Rinnsale bräunlichen Wassers vom Abfluss geschluckt waren. Da ich ihn nicht allein im Badezimmer lassen konnte und um an mir ebenfalls jede Spur zu beseitigen, entledigte ich mich meiner Unterhose und stellte mich zu ihm unter die Dusche.
[…] Als Reaktion auf die Unerträglichkeit dieser Szene fühlte ich ein irres Lachen in mir aufsteigen, das mit einem Tränenausbruch endete. […] Von meiner Reaktion überrascht, hörte Iannis auf zu weinen, sein Blick senkte sich in meinen, und zum ersten Mal seit meiner Ankunft sahen wir uns einige Sekunden lang, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, wirklich gegenseitig an.

Allmählich scheint Iannis Louis zu vertrauen. Während eines Spaziergangs reißt er jedoch aus. Louis findet ihn vor dem verwahrlosten Hôtel des Flots, das schon lange geschlossen ist und zum Verkauf steht. Am Strand beobachtet Louis, wie Iannis Buchstaben in den Sand schreibt, jedoch sofort verwischt, wenn jemand in die Nähe kommt. Er hat also doch schreiben gelernt, ohne dass seine Mutter das weiß. Einige Zeit später malt Iannis den Namen Antoine an eine beschlagene Fensterscheibe, und immer wieder zieht es ihn zum Hôtel des Flots.

Helena, Iannis Mutter, arbeitet an einem erotischen Roman. Louis merkt, dass sie es auf ihn abgesehen hat, aber es reizt ihn nicht, mit ihr etwas anzufangen. Als sie eines Abends versucht, ihn zu verführen, erklärt er ihr, er sei mit einem Mädchen liiert und wolle die Freundin nicht betrügen. Das hält Helena für altmodisch.

„Wird es an eurer Beziehung etwas ändern, wenn ich ein wenig an dir knabbere? Wirst du sie weniger lieben, wenn ich, für die Dauer des Aufenthalts in dieser trostlosen Stadt, von deiner Jugend koste?“

Sie drückt ihn rücklings aufs Sofa und wirft sich auf ihn, beginnt zu hecheln, schreit kurz auf, zittert und entspannt sich dann. Am nächsten Abend bringt sie Louis dazu, sich von ihr masturbieren zu lassen.

Am Wochenende kommt Jérôme, ihr Ehemann. Bevor er spätabends ins Schlafzimmer hinaufgeht, macht er noch eine anzügliche Bemerkung über das, was er jetzt vorhat. Helena flüstert Louis zu, er werde gleich ihr Stöhnen hören und dann wissen, dass sie sich vorstelle, er treibe es mit ihr.

Erst als Jérôme wieder abgereist ist, erfährt Louis, welche Nachricht er seiner Frau überbrachte. In dem belgischen Internat, in dem Iannis angemeldet ist, wurde ein Platz frei. Helena ist innerlich zerrissen zwischen ihrer Mutterliebe und dem Wunsch, als Schriftstellerin arbeiten zu können.

Iannis zieht Louis zum Saint-du-Loup-Park.

Louis erinnert sich: Antoines Mutter wollte, dass ihr Sohn die Ruinen und das Gestrüpp dieser früheren Gartenanlage mied, zu der auch eine Grotte gehörte. Aber gerade das Verbot reizte Antoine und seinen Freund. Im Keller des Hotels fand Antoine schließlich den Schlüssel für den Eingang. Von da an schlichen sich die beiden Jungen immer wieder in den Saint-du-Loup-Park. Dass sie es taten, sollte niemand sonst erfahren, nicht nur, weil sie ein Verbot missachteten, sondern vor allem auch, weil sie auf diese Weise ein Geheimnis miteinander teilten.

Vor zehn Jahren, als wieder das Ferienende nahte, wurde Louis vom Abschiedsschmerz überwältigt und legte Antoine eine Hand auf die Brust.

Wir standen da wie versteinert, aber Antoine reagierte zuerst. Abrupt löste er sich von mir und ließ mich zurück, um ein letztes Mal auf die Kuppe der Anhöhe zu klettern.
Mit pochenden Schläfen blieb ich allein in der Dunkelheit der Grotte zurück. Ein Aufschrei rief mich aus meinem Unterschlupf: Antoine hatte einen neuen Weg gefunden und entfaltete beim Aufstieg eine wilde Energie, zweifellos um der Verwirrung zu entfliehen, die über uns gekommen war.

Plötzlich stürzte Antoine ab und schlug mit dem Kopf gegen ein Brückengeländer. Louis eilte zu ihm. Antoine war entsetzlich blass, aber er hielt Louis davon ab, Hilfe zu holen, denn er wollte ihr gemeinsames Geheimnis bewahren. Als er sich etwas erholt hatte, brachte Louis ihn nach Hause. Am nächsten Morgen, unmittelbar vor der Abreise, ging er noch einmal zu seinem Freund ins Zimmer, um sich zu verabschieden. Er erschrak über die blutleeren Lippen und die violetten Augenringe. Seinen Eltern werde er sagen, er sei von einer Schaukel gefallen, meinte Antoine und gab Louis ein in Zeitungspapier eingewickeltes Geschenk mit.

In Paris wickelte Louis es aus. Es enthielt den Schlüssel für den Saint-du-Loup-Park. Weil die Eltern vom folgenden Jahr an mit ihm ans Mittelmeer statt in die Normandie fuhren, sah er Antoine nie wieder. Und er hörte auch nichts mehr von ihm.

An diesem Abend wäre Louis zum Sex mit Helena bereit, aber sie weist ihn zurück. Trotzdem geht er später zu ihr ins Schlafzimmer. Sie liegt weinend im Bett, zieht ihn zu sich und schläft mit ihm.

Mitten in der Nacht wacht er auf und geht zu ihrem Schreibtisch. Er liest ein paar Seiten ihres Manuskripts und stellt fest, dass sie Erlebnisse mit ihm verwendet hat, zum Beispiel die Szene, in der sie ihn masturbierte. Helena ertappt ihn und erklärt ihm höhnisch, er brauche sich nicht einzubilden, das alleinige Vorbild für die Figur zu sein.

Jérôme ruft aus Paris an: Das Internat drängt auf eine rasche Entscheidung. Louis soll Iannis am nächsten Tag nach Paris bringen. Jérôme will die beiden an der Gare Saint-Lazare abholen und dann mit seinem Sohn nach Belgien fahren. Weil Iannis plötzlich ins Lenkrad greifen oder Louis umschlingen könnte, wäre eine Autofahrt zu zweit zu gefährlich. Deshalb fahren Louis, Helena und Iannis am nächsten Morgen mit dem 2 CV zum Bahnhof in Caen. Dort stellt Louis seinen Wagen ab. Bevor Helena mit dem Taxi zurück nach Horville fährt, bedeutet sie ihm, dass er sie nicht zu besuchen brauche, wenn er sein Auto abholt.

Louis denkt über seine Erlebnisse mit Iannis nach:

Wie war es ihm gelungen, eine so enge Beziehung zu mir zu schaffen? Trotzdem musste ich diese Verbindung jetzt lösen und von nun an ohne das junge Medium leben, das in meinen Gedanken las. Ich werde nach Paris zurückkehren, versuchen, mein Studium fortzusetzen, doch ich werde nicht wieder in diese Teilnahmslosigkeit zurückfallen, die mich hierher gebracht hat. Der chronisch Gehemmte, der große Schweiger, der meine Eltern beunruhigte, der angepasste Junge, der Helenas Annäherungsversuche zurückwies, gehören der Vergangenheit an, ein Monat hat genügt, um diese abzulegen wie ein altes Kleidungsstück auf dem Strand von Horville. Meine Gespenster, meine Ängste sind verschwunden.

Während der Zugfahrt schläft er ein. Ein Ruck schreckt ihn auf. Er sieht, dass Iannis seinen Namen an die angelaufene Scheibe geschrieben und die Notbremse gezogen hat. Spontan nimmt er die Reisetaschen, fasst die ausgestreckte Hand des Jungen und arbeitet sich mit ihm durch die aufgeregten Fahrgäste hindurch bis zu einer Tür vor. Louis und Iannis klettern hinaus und gehen übers Feld weg vom Zug.

Spätestens in ein paar Tagen wird man sie finden. Louis weiß das, aber bevor er Iannis für immer verliert wie Antoine, will er noch so lange wie möglich mit ihm zusammen sein.

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Protagonist des Romans „Ein besonderer Junge“ ist nicht der 16-jährige Iannis, der in einer Stellenanzeige als „besonderer Junge“ bezeichnet wird, sondern der introvertierte, mehr an Büchern als an mitmenschlichen Kontakten interessierte Student Louis, an dem die sexuelle Revolution der Achtundsechziger scheinbar spurlos vorbeigegangen ist. Er ist auch der Ich-Erzähler. Was geschieht, erleben wir also aus seiner Perspektive. Durch die Begegnung mit dem Autisten Iannis wird Louis von einem Kindheitstrauma befreit, und er kehrt verändert aus Horville nach Paris zurück – anders als seine Vorgänger, die Iannis nach kurzer Zeit nicht mehr ertrugen. Dessen Mutter sagt einmal zu Louis:

„An einem der ersten Abende nach Ihrer Ankunft, als wir unsere Eindrücke austauschten, sagten Sie mir, mein Sohn hätte Antennen für unsere geheimsten Gedanken, er sauge unsere Gefühle, unsere Ängste auf. All diese jungen Leute fürchteten sich nicht vor Iannis, sondern vor sich selbst, vor dem, was Iannis ihnen zurückwarf. Es war ihre dunkle Seite, die sie erschreckte.“

Philippe Grimbert plädiert in dem Coming-of-Age-Roman „Ein besonderer Junge“ für einen offenen Umgang mit Menschen, die „anders“ sind.

Am eindrucksvollsten ist die Lektüre, wenn das unberechenbare und auf den ersten Blick unverständliche Verhalten des Autisten geschildert wird. Der Psychoanalytiker Philippe Grimbert hat hier offenbar eigene Erfahrungen im Umgang mit Autisten feinfühlig verarbeitet.

Weniger überzeugend ist die Beziehung von Louis und Iannis‘ Mutter: Eine einsame, frustrierte Frau verführt einen sehr viel jüngeren Mann, den sie angestellt hat, damit er auf ihren psychisch kranken Sohn aufpasst. Das ist weder besonders originell, noch einfallsreich in Szene gesetzt.

Philippe Grimbert entwickelt die im Grunde sehr einfache Handlung in zahlreichen sehr kurzen Kapiteln. Eingeflochten sind immer wieder Erinnerungen Louis‘ an seinen letzten Ferienaufenthalt in Horville vor zehn Jahren.

Das Bürohochhaus Tour Nobel im Pariser Stadtteil La Défense heißt übrigens inzwischen Tour Initiale.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2013
Textauszüge: © Deutscher Taschenbuch Verlag

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