Günter Grass : Die Blechtrommel

Die Blechtrommel
Die Blechtrommel Manuskript: 1956 - 1959 Erstausgabe: Hermann Luchterhand Verlag,Neuwied / Berlin 1959 Taschenbuchausgabe: dtv, München 1993 731 Seiten, ISBN 3-423-11821-0
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Im Alter von drei Jahren weigert sich Oskar Matzerath weiter zu wachsen, weil er nicht so wie die Erwachsenen werden möchte. Er protestiert gegen die Gemeinheit der Spießbürger, indem er auf seine rotweiße Kindertrommel schlägt und mitunter seine schrille Stimme so anschwellen lässt, dass Glas zerspringt ...
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Kritik

"Die Blechtrommel" ist ein grotesker Schelmenroman über die Zeit des Nationalsozialismus und die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Mit überbordender Fabulierlust und großer erzählerischer Kraft türmt Günter Grass Geschichte auf Geschichte.
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An einem späten Oktobernachmittag im Jahr 1899 sitzt Anna Bronski am Rande eines Kartoffelackers „im Herzen der Kaschubei“. Unter ihren vier Röcken versteckt sich der Brandstifter Joseph Koljaiczek vor den beiden Feldgendarmen, die ihn verfolgen. Anna Bronski seufzt, während die Polizisten sie nach dem Gesuchten befragen. Sobald sie außer Sichtweite sind, eilt sie mit ihrem Schützling zu ihrem Bruder Vinzent, damit er den Priester holt, der sie und Joseph Koljaiczek noch am selben Abend traut. Neun Monate später wird Anna Koljaiczek von ihrer Tochter Agnes entbunden.

Joseph Koljaiczek arbeitet unter dem falschen Namen Wranka als Flößer. Das geht lange Zeit gut. Erst 1913 erkennt ihn ein Sägemeister und meldet ihn der Polizei. Joseph springt in den Fluss und taucht. Da man weder eine Spur noch seine Leiche findet, kommt das Gerücht auf, es sei ihm gelungen, in die Vereinigten Staaten von Amerika zu entkommen.

Anna Koljaiczek heiratet Gregor, den älteren Bruder ihres verschollenen Mannes. Weil der aber alles vertrinkt, was er verdient, mietet sie einen leer stehenden Kellerladen in einem Mietshaus in Danzig und eröffnet ein Kolonialwarengeschäft. Von den Einnahmen bleibt erst etwas übrig, nachdem Gregor Koljaiczek 1917 an Grippe gestorben ist.

Vinzent Bronskis kränklicher Sohn Jan kommt im Alter von zwanzig Jahren nach Danzig, um eine Verwaltungslaufbahn bei der Hauptpost einzuschlagen. Seine drei Jahre jüngere Cousine Agnes Koljaiczek verliebt sich in den verheirateten Verwandten.

Im Sommer 1918, während sie als Hilfskrankenschwester im Lazarett Silberhammer bei Oliva Dienst tut, lernt sie den Rheinländer Alfred Matzerath kennen, der sich dort von einem Oberschenkeldurchschuss erholt. 1923 findet die Hochzeit statt, die für Agnes Matzerath keinen Grund darstellt, ihr Verhältnis mit Jan Bronski zu beenden.

1924 bringt sie einen Sohn zur Welt, der dreißig Jahre später als Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt im Sauerland seine Memoiren schreibt und behauptet:

Ich gehörte zu den hellhörigen Säuglingen, deren geistige Entwicklung schon bei der Geburt abgeschlossen ist und sich fortan nur noch bestätigen muss.

Bei seiner Geburt erlebt Oskar Matzerath, wie ein Falter zwischen zwei 60-Watt-Glühbirnen hin und her taumelt und dabei eine „Trommelorgie“ veranstaltet. Das prägt ihn.

An seinem dritten Geburtstag im September 1927 trifft Oskar eine schwerwiegende Entscheidung:

Da sagte, da entschloss ich mich, da beschloss ich, auf keinen Fall Politiker und schon gar nicht Kolonialwarenhändler zu werden, vielmehr einen Punkt zu machen, so zu verbleiben – und ich blieb so, hielt mich in dieser Größe, in dieser Ausstattung viele Jahre lang.

Um nicht mehr weiter zu wachsen und so wie die Erwachsenen zu werden, klettert er heimlich durch die offen stehende Falltür in den Lagerkeller hinunter, legt seine neue rotweiße Kindertrommel vorsichtig auf den Zementfußboden, steigt dann wieder ein Stück nach oben, schätzt die Höhe ab, wählt schließlich die neunte Stufe und springt mit dem Kopf voran ab, im Fall ein Regal voller Flaschen mit Himbeersirup mitreißend.

Vier Wochen liegt Oskar im Krankenhaus. In dieser Zeit trommelt er ein Loch in seine Trommel. Wegen der zackigen scharfen Blechkanten will Alfred Matzerath seinem Sohn die Kindertrommel wegnehmen. Da schreit das Kind durchdringend, bis das Glas der Standuhr zerspringt. Und als der Hausarzt Dr. Hollatz, den Agnes Matzerath regelmäßig wegen ihres nicht mehr weiter wachsenden Sohnes konsultiert, nach der Kindertrommel greift, bringt Oskars Geschrei die Spiritus gefüllten Glasgefäße zum Platzen, in denen der Mediziner Schlangen, Kröten und Embryonen verschiedener Herkunft sammelt.

Mit seinem Trommeln protestiert Oskar gegen die Gemeinheit der Spießbürger.

Die Fähigkeit, mittels einer Kinderblechtrommel zwischen mir und den Erwachsenen eine notwendige Distanz ertrommeln zu können …

Der Gnom beobachtet seine Mitmenschen aus der Froschperspektive, ohne nach Erklärungen zu fragen.

An seinem ersten (und einzigen) Schultag in der Pestalozzischule wendet sich die Lehrerin, Fräulein Spollenhauer, scheinheilig an ihn:

„Du bist sicher der kleine Oskar. Von dir haben wir schon viel gehört. Wie schön du trommeln kannst. … Doch nun wollen wir die Trommel im Klassenschrank verwahren, sie wird müde sein und schlafen wollen.“

Um Fräulein Spollenhauer daran zu hindern, die Trommel anzufassen, lässt Oskar die Fensterscheiben zu Bruch gehen und dann auch noch die Brillengläser seiner Lehrerin zerspringen.

Von den anderen Kindern im Hinterhof des Mietshauses versucht Oskar sich fern zu halten. Einmal spielen die etwa drei Jahre älteren Jungen und Susi Kater das Kochen einer Suppe. Einer spuckt in den Topf, der nächste wirft zwei lebende Frösche ins brodelnde Wasser, dann urinieren die Kinder hinein. Oskar steht abseits und beobachtet sie dabei. Als sie auf ihn aufmerksam werden, fallen sie über ihn her und flößen ihm zwangsweise ein paar Löffel von der „Suppe“ ein.

Mittwochs geht Agnes mit Oskar zu Dr. Hollatz in die Sprechstunde. Donnerstags macht sie Einkäufe in der Stadt. Bei dieser Gelegenheit trifft sie sich regelmäßig mit Jan Bronski in einer Pension. Oskar vertraut sie währenddessen Sigismund Markus an, dem Besitzer des Spielwarengeschäftes, bei dem sie auch fast jede Woche eine neue Kindertrommel kaufen muss. Einmal entschlüpft er dem freundlichen Ladeninhaber, steigt auf den Stockturm und schreit in die Tiefe, bis die Fenster im Foyer des Stadttheaters bersten. Als er zurückkommt, kniet Sigismund Markus weinend vor Oskars Mutter und schlägt ihr vor, mit ihm nach London zu gehen. Aber darauf geht Agnes Matzerath nicht ein.

Beim Besuch einer Zirkusveranstaltung im Frühjahr 1934 lernt der zehn Jahre alte und 94 cm große Oskar einen etwa gleich großen Liliputaner kennen, den 43 Jahre älteren Musikclown Bebra.

Alfred Matzerath tritt in die NSDAP ein.

Bei einer Massenveranstaltung auf der Maiwiese in Danzig versteckt Oskar sich unter dem Rednerpult. Als er dort auf seiner Blechtrommel „himmlisch locker“ Walzertakt vorgibt, wechselt auch die Musikkapelle in diesen Rhythmus, und das Volk beginnt zu tanzen.

Am Karfreitag 1934 bleibt der Kolonialwarenladen geschlossen. Alfred Matzerath, Agnes, Jan Bronski und Oskar fahren mit der Straßenbahn zum Badeort Brösen und gehen auf der Mole spazieren. Alfred Matzerath sieht einem Stauer zu, der den an einer Schnur angebundenen Kadaver eines Pferdekopfs aus dem Wasser holt, in dem sich Aale angesammelt haben. Der Mann zieht die sich windenden Tiere aus den Öffnungen des Schädels und steckt sie in einen mit grobkörnigem Salz halb gefüllten Kartoffelsack, damit sie ihren Schleim absondern. Agnes würgt ihr Frühstück auf die Steine. Jan hält ihr den Kopf.

Matzerath aber kümmerte sich überhaupt nicht um Mama. Der lachte und äffte den Stauer nach, machte auf starke Nerven, und als der Stauer fast fertig war und zum Abschluss dem Gaul einen mächtigen Aal aus dem Ohr zog, mit dem Aal die ganze weiße Grütze aus dem Hirn des Gaules sabbern ließ, da stand zwar gleichfalls dem Matzerath der Käse im Gesicht, aber die Angeberei gab er dennoch nicht auf, kaufte dem Stauer für ein Spottgeld zwei mittlere und zwei starke Aale ab und wollte den Preis noch nachträglich runterhandeln.

„Bild dir bloß man nich ein, dass ich von dem Aal ess“, stöhnt Agnes. „Überhaupt kein Fisch ess ich mehr und Aale schon ganz und gar nicht.“

Zu Hause verschwindet Alfred Matzerath in der Küche, tötet die Aale und – während Agnes und Jan sich im Wohnzimmer bei den Händen halten – bereitet er eine Terrine Aalsuppe mit Salzkartoffeln zu. Als er damit aus der Küche kommt, kreischt Agnes auf, läuft ins Schlafzimmer und wirft sich schluchzend aufs Ehebett. Jan folgt ihr.

„Nu komm Agnes, wir wolln das jetzt endlich vergessen. Alfred hat die Aale schon längst rausgebracht und ins Klo geschüttet. Wir dreschen jetzt einen anständigen Skat, von mir aus auch Viertelpfennigskat, und wenn wir dann alles hinter uns haben und wieder gut sind, macht Alfred uns Pilze mit Rührei und Bratkartoffeln.“

Zwei Wochen nach Ostern beginnt Agnes, Fisch zu verschlingen, von morgens bis abends, auch direkt aus den Büchsen. Bis sie mit einer Fischvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert wird und vier Tage später stirbt. Vom Arzt erfährt Alfred Matzerath, dass seine Frau im dritten Monat schwanger war.

Während der Beerdigung taucht auch der jüdische Spielwarenhändler Sigismund Markus auf. Aber er wird von einem der Trauergäste abgefangen und fortgestoßen.

Im Herbst 1937 oder im Frühjahr 1938 trifft Oskar erneut Bebra, der sich mit seiner Artistentruppe in den Dienst des Reichspropagandaministeriums gestellt hat. Der Musikclown macht Oskar mit seine ebenfalls zwergwüchsigen Begleiterin Roswitha Raguna bekannt und lädt ihn ein, mitzukommen. Oskar zieht es vor, in Danzig zu bleiben.

Im November 1938 beobachtet er, wie SA-Männer in Sütterlinschrift „Judensau“ an das Schaufenster des Spielzeuggeschäfts von Sigismund Markus schreiben und dann mit den Stiefelabsätzen die Scheibe eintreten. Sie verwüsten den Laden und brechen das Büro auf. Da sitzt Sigismund Markus tot am Schreibtisch. Vor ihm steht ein ausgetrunkenes Wasserglas.

Nun gibt es niemand mehr, von dem Oskar Ersatz für seine durchgeschlagene Trommel bekommt. Deshalb lauert er am 31. August 1939 Jan Bronski auf und verlangt von ihm, dass er für eine Reparatur sorgt. Er weiß, dass Kobyella, der invalide Hausmeister der Polnischen Post am Heveliusplatz, dazu in der Lage ist. Jan Bronski fügt sich und fährt mit Oskar in der Straßenbahn hin.

Die SS-Heimwehr, die das Gebäude belagert, hält die beiden für harmlos und lässt sie passieren. Im Inneren wird Jan Bronski misstrauisch begrüßt, denn seine Kollegen dachten bereits, er wolle sich vor der Verteidigung des Postamts drücken. Während Jan Bronski sich mit den anderen hinter den Sandsäcken verschanzt, findet Oskar in der verlassenen Dienstwohnung des Oberpostsekretärs Naczalnik eine weiß-rot lackierte Kindertrommel. Sie liegt auf dem obersten Brett eines Regals, unerreichbar für den kleinen Oskar. Trotzdem strebt er darauf zu. Kobyella zerrt ihn zurück. Der Invalide wird von Granatsplittern getroffen. Durch die von der Explosion ausgelöste Erschütterung fällt Oskar die ersehnte Blechtrommel in die Arme.

Kobyella stirbt. Die Belagerten ergeben sich. Mit erhobenen Armen, die Hände im Nacken verschränkt, stellen sich die Männer an die Hofmauer. Oskar tritt Schutz suchend zwischen zwei gutmütig aussehende Männer der Heimwehr, imitiert klägliches Weinen und weist mit anklagenden Gesten auf Jan, als ob dieser ein unschuldiges Kind in die Polnische Post geschleppt habe. Jemand bringt den Jungen in die Städtischen Krankenanstalten, von wo Alfred Matzerath ihn später abholt.

Einunddreißig Männer, darunter Jan Bronski, werden füsiliert.

Jans Witwe Hedwig erhält zuerst eine Anweisung zur Räumung der Wohnung, in die ein deutscher Offizier einziehen will, dann die offizielle Mitteilung über die Erschießung ihres Mannes.

Da Oskar nicht die erforderliche Größe hatte, auch nicht gewillt war, hinter dem Ladentisch zu stehen, Knäckebrot, Margarine und Kunsthonig zu verkaufen, nahm Matzerath, den ich der Einfachheit halber wieder meinen Vater nenne, Maria Truczinski … ins Geschäft.

Maria war, wenn ich von all den anonymen Krankenschwestern absehe, Oskars erste Liebe.

Im Sommer 1940 geht der sechzehnjährige Oskar mit der ein Jahr älteren Maria mehrmals zum Baden an die Ostsee. Da man ihn für ein Kind hält, hat niemand etwas dagegen, dass er seiner Begleiterin in Umkleidekabinen der Damenabteilung folgt. Bei so einer Gelegenheit schüttet er Maria etwas Brausepulver mit Waldmeistergeschmack in die hohle Hand, beugt sich vor und lässt es mit seinem Speichel zischen und aufschäumen. Erregt leckt Maria ihre Hand ab.

Etwa zur gleichen Zeit beginnt Alfred Matzerath sich regelmäßig in einer Kneipe mit Skatbrüdern zu treffen. An diesen Abenden nimmt Maria den Sohn ihres Arbeitgebers mit zu ihrer Mutter, die im selben Haus wohnt. Frau Truczinski findet nichts dabei, dass Oskar mit ihrer Tochter im selben Bett schläft. Immer häufiger wiederholen die beiden das Spiel mit dem Brausepulver. Da Maria dabei mit den Beinen strampelt, rutscht ihr das Nachthemd hoch und rollt sich unter ihren Brüsten zusammen. Oskar füllt ihre Nabelgrube mit Brausepulver. Maria sträubt sich zunächst dagegen, dass er sie am Bauch leckt, aber als es in dem Krater zu kochen beginnt, lässt sie ihn gewähren – auch als seine Zunge sich in Gegenden verliert, „wo kein nach dem Sammelschein fragender Förster sein Revier“ hat.

… fand ich wie zufällig an anderen Orten Pfifferlinge. Und da die tiefer versteckt unterm Moos wuchsen, versagte meine Zunge, und ich ließ mir einen elften Finger wachsen, da die zehn Finger gleichfalls versagten. Und so kam Oskar zu einem dritten Trommelstock – alt genug war er dafür.

Maria wird schwanger. Oskar hält sich für den Vater des Ungeborenen und lässt sich von dieser Überzeugung auch nicht abbringen, als er sie mit Alfred Matzerath auf der Chaiselongue im Wohnzimmer überrascht.

Dem Matzerath hing die Unterhose in den Kniekehlen. … Marias Kleid und Unterrock hatten sich über den Büstenhalter bis vor die Achseln gerollt.

Sie befahl ihm, nein, legte ihm ans Herz, diesmal besondes aufzupassen. Dann erkundigte er sich, ob es bei ihr bald soweit sei. Und sie sagte: gleich ist soweit. Da hatte sie wohl einen Krampf in jenem Fuß, der ihr von der Chaiselongue hing, denn sie stieß den in die Zimmerluft, doch die Schlüpfer blieben dran hängen. Da biss er wieder ins Sammetkissen, und sie schrie: geh weg, und der wollte auch weg, doch dann konnte er nicht mehr weg, weil Oskar drauf war auf den beiden …

Alfred Matzerath heiratet Maria Truczinski.

Je dicker meine Geliebte wurde, um so mehr steigerte sich Oskars Hass. Dabei hatte ich nichts gegen die Schwangerschaft einzuwenden. Nur dass die von mir gezeugte Frucht eines Tages den Namen Matzerath tragen sollte, nahm mir alle Freude an dem zu erwartenden Stammhalter.

Im fünften Monat der Schwangerschaft führt Oskar den ersten Abtreibungsversuch durch: Er wirft die Leiter um, auf der Maria steht, um Papierschlangen für den Karneval aufzuhängen. Danach muss sie das Bett hüten. Drei Wochen vor dem errechneten Datum der Niederkunft schleicht Oskar sich an, um ihr eine Schere in den dicken Bauch zu rammen. Im letzten Augenblick öffnet sie die Augen und dreht ihm die Schere aus der Faust.

Am 12. Juni 1941 wird Maria von ihrem Sohn Kurt entbunden.

Oskar trifft Bebra und Roswitha Raguna erneut. Der Musikclown trägt inzwischen eine deutsche Hauptmanns-Uniform und ist Angehöriger einer Propagandakompanie. Roswitha gesteht Oskar, sie habe ständig an ihn denken müssen. Das rührt ihn, und diesmal schließt er sich den beiden an, als sie im Sonderabteil eines Fronturlauberzugs nach Metz fahren.

Auf der Bühne kündigt Roswitha ihren Geliebten als ihren am 21. Oktober 1912 in Neapel geborenen Bruder Oskarnello Raguna an. Dann demonstriert er seine Fertigkeiten, indem er beispielsweise eine halb volle, von einem Soldaten hochgehaltene Bierflasche zersingt. Wenn die Darbietung noch etwas derber sein soll, lässt er einen gläsernen Nachttopf mit einem paar Wiener Würstchen zerspringen.

Im April 1944 verlassen die Artisten Paris und reisen zu Auftritten an den Atlantikwall.

Zwei Monate später landen die Alliierten in der Normandie. Bebras Künstlertruppe soll mit dem Regimentsstab zurückverlegt werden. Roswitha hat noch nicht gefrühstückt und bittet Oskar, ihr einen Becher Kaffee aus der Feldküche zu holen. Der befürchtet, die Abfahrt des Lastwagens zu verpassen und weigert sich. Da springt Roswitha selbst von der Ladefläche, läuft mit Kochgeschirr und Stöckelschuhen hin und „erreicht[e] den heißen Morgenkaffee gleichzeitig mit einer dort einschlagenden Schiffsgranate“.

Roswitha ist tot. In Berlin trennt Oskar sich von Bebra und reist allein weiter nach Danzig, wo er am 11. Juni 1944 eintrifft, einen Tag vor dem dritten Geburtstag seines Sohnes oder Halbbruders Kurt.

Die Bewohner des Mietshauses verstecken sich vor den anrückenden Russen im Keller. Alfred Matzerath löst das Parteiabzeichen vom Jackettaufschlag und lässt es fallen. Kurt und Oskar balgen sich darum. In dem Augenblick, als eine Gruppe mit Maschinenpistolen bewaffneter russischer Soldaten die Falltür aufklappt, kriegt Oskar das Parteiabzeichen seines Vaters zu fassen. Drei Russen vergewaltigen der Reihe nach Lina Greff, die Witwe des päderastisch veranlagten Gemüsehändlers, der sich im Oktober 1942 aufhängte. Ein anderer Soldat nimmt Oskar auf den Schoß. Der entdeckt Läuse am Kragenrand des Mannes. Um sie fangen zu können, muss er beide Hände frei haben. Deshalb drückt er das Parteiabzeichen seinem Vater in die Hand. Alfred Matzerath erschrickt. Statt es in der Hand zu lassen, will er es verschlucken, aber mit der offenen Nadel bleibt es im Hals stecken. Er würgt, läuft rot an, hustet, weint und kann die Hände nicht mehr oben lassen.

[Das] bewirkte, dass mein Kalmück, der bisher ruhig und leichtgeschlitzt zugesehen hatte, mich behutsam absetzte, hinter sich langte, etwas in die Waagerechte brachte und aus der Hüfte heraus schoss, ein ganzes Magazin leer schoss, schoss, bevor Matzerath ersticken konnte.

Beim Begräbnis seines Vaters beschließt der einundzwanzigjährige Oskar, wieder zu wachsen und wirft deshalb die Trommel ins offene Grab. Fast gleichzeitig wird er am Hinterkopf von einem Stein getroffen, den Kurt geworfen hat, und stürzt selbst in die Grube. Sein Nasenbluten zeigt an, dass er jetzt wieder wächst. Bald misst er 121 cm.

Der Desinfektor Mariusz Fajngold macht der Witwe Maria Matzerath einen Heiratsantrag und erklärt sich bereit, auch die Kinder Oskar und Kurt aufzunehmen, aber die Zweiundzwanzigjährige lehnt den Antrag ab. Sie will ins Rheinland zu ihrer Schwester Auguste („Guste“). Die ist mit einem Oberkellner namens Köster verheiratet, der sich in russischer Gefangenschaft befindet.

Am 12. Juni 1945 beginnt die Reise in einem Güterzug. Oskars Großmutter Anna Bronski bleibt allein in Danzig zurück.

In Lüneburg wird Oskar mit Fieber ins Krankenhaus eingeliefert und bald darauf in die Universitätsklinik von Hannover überwiesen. Erst nach einiger Zeit willigen die Ärzte in eine Weiterreise nach Düsseldorf ein. Dort ist Oskar Matzerath von August 1945 bis Mai 1946 Patient der Städtischen Krankenanstalten.

Als er entlassen wird, findet er in der Mietswohnung von Guste Köster eine von Maria und Kurt geleitete Schwarzhändlerzentrale vor.

Im Frühjahr 1947 stellt ihn der Steinmetz Korneff als Praktikant ein.

Nachdem Maria Oskars Heiratsantrag abgelehnt hat, kündigt er und beginnt etwas Geld zu verdienen, indem er den Studenten der Kunstakademie Modell steht, auch zusammen mit der Schneiderin Ulla als nacktes Paar für Themen aus der griechischen Mythologie. Einmal auch als Jesuskind, das auf dem linken nackten Oberschenkel der Madonna sitzt und trommelt. Als Maria Matzerath dieses Bild bemerkt, das für ein Plakat zur Ankündigung einer Kunstausstellung verwendet wird, schlägt sie Oskar mit dem Schullineal Kurts und fordert ihn auf, sich eine eigene Wohnung zu suchen.

Oskar zieht als Untermieter in ein ehemaliges Badezimmer des Ehepaares Zeidler.

Dort wohnt auch ein Mann, der sein übel riechendes Zimmer kaum verlässt und tagelang in einem schmutzigen Bett liegen bleibt.

Er faulte bei bester Laune, hielt sich in Reichweite einen altmodischen, recht barock anmutenden Spirituskocher, ein gutes Dutzend Spaghettipackungen, Dosen Olivenöl, Tomatenmark in Tuben, feuchtklumpiges Salz auf Zeitungspapier und einen Kasten Flaschenbier, das, wie sich herausstellen sollte, lauwarm war. In die leeren Bierflaschen urinierte er liegend …

Die Spaghetti kocht er in immer demselben Wasser, das dadurch zu einer sämigen Brühe wird, bevor es völlig eindickt. Der verwahrloste Untermieter, der Egon Münzer heißt, sich jedoch „Klepp“ nennt, fordert Oskar auf, mit ihm Spaghetti zu essen.

Ich wagte nicht, mir den klebrigen Topf auszubitten, um ihn im Spülstein einer gründlichen Reinigung zu unterwerfen. Klepp kochte, nachdem er sich auf die Seite gedreht hatte, das Gericht wortlos mit schlafwandlerisch sicheren Bewegungen. Das Wasser goss er vorsichtig in eine größere Konservendose ab, langte dann, ohne die Haltung seines Oberkörpers bemerkenswert zu verändern, unter das Bett, zog einen öligen, mit Tomatenmarkresten überkrusteten Teller hervor, schien einen Augenblick lang unschlüssig, fischte abermals unter dem Bett, brachte zerknülltes Zeitungspapier ans Tageslicht, wischte damit in dem Teller herum, ließ das Papier wieder unter dem Bett verschwinden, hauchte die verschmierte Platte an, als wollte er noch ein letztes Stäubchen wegblasen, reichte mir dann mit fast nobler Geste den scheußlichsten aller Teller und bat Oskar, ungeniert zuzugreifen.

Plötzlich eilt Oskar in sein Zimmer und kommt mit seiner Kindertrommel zurück, die er seit langer Zeit nicht mehr angefasst hat. Während er trommelt, springt Klepp aus dem Bett, reißt das Fenster auf und wäscht sich. Ein Auferstandener!

In einem anderen Zimmer bei den Zeidlers wohnt die Krankenschwester Dorothea Köngetter zur Untermiete. Obwohl Oskar sie noch nie gesehen hat, schwärmt er für sie wie für alle Krankenschwestern, die ihre weißen Kittel tragen. Als Oskars Schlafanzug bei Maria in der Wäsche ist und er sich das abgeschnittene Stück eines auf dem Flur neu verlegten Kokosläufers vorhält, um durch den dunklen Korridor zur Toilette zu schleichen, stößt er gegen die Knie der dort sitzenden Schwester Dorothea. Sie schreit auf, will ihn zurückdrängen, greift zunächst über seinem Kopf ins Leere, kriegt dann etwas von dem Kokosläufer zu fassen und stammelt: „Oh Gott, der Teufel!“ Sie wälzen sich auf dem Kokosläufer im Flur. Dabei flüstert Schwester Dorothea fortwährend: „Ach Gott, ach Gott.“

Es gelang mir nicht, den Anker zu werfen. Was sich zu Brausepulverzeiten und oft genug danach als steif und zielstrebig erwiesen hatte, ließ im Zeichen der Kokosfaser den Kopf hängen, blieb lustlos, kleinlich …

Schließlich stellt Oskar sich vor. Da schließt sich Dorothea Köngetter in ihrem Zimmer ein, packt ihre Sachen und zieht noch in der Nacht aus.

Unternehmungslustig schlägt Klepp vor, eine Jazz-Band zu gründen. Klepp spielt Flöte, Oskar seine Trommel. Zusammen mit dem Gitarristen Scholle bilden sie „The Rhine River Three“ und werden von dem Wirt Ferdinand Schmuh in dessen Düsseldorfer Gaststätte „Zwiebelkeller“ engagiert. Allabendlich verteilt Ferdinand Schmuh Zwiebeln an seine Gäste, damit sie sich ausweinen können. (Ohne Stimulans scheint das den Menschen nicht mehr möglich zu sein.) Einmal versetzt Oskar die Anwesenden mit einem Solo in ihre Kindheit zurück, und die meisten von ihnen nässen sich ein, auch der Wirt, Klepp und Scholle. Daraufhin entlässt Schmuh „The Rhine River Three“ und stellt einen Stehgeiger ein, aber als die Gäste ausbleiben, teilt er die Abende unter dem Geiger und der Jazz-Band auf.

Endgültig verlieren Oskar, Klepp und Scholle ihr Engagement, als Ferdinand Schmuh wieder einmal auf Sperlingsjagd geht, sich nicht, wie üblich, mit einem Dutzend begnügt, sondern einen dreizehnten Vogel abschießt und seine Frau bei der Rückfahrt von einem Vogelschwarm so abgelenkt wird, dass sie die Kontrolle über den Wagen verliert und in einen Abgrund stürzt, wobei ihr Mann ums Leben kommt.

Der arbeitslose Oskar wird von einem Dr. Dösch angesprochen, einem Mitarbeiter einer Konzertagentur in der achten Etage eines Bürohochhauses in Düsseldorf. Dort soll Oskar sich beim Chef der Agentur vorstellen. Es handelt sich um Bebra, der inzwischen gelähmt ist, im Rollstuhl sitzt und bald nach dem Wiedersehen stirbt.

Mit Tourneen und Plattenaufnahmen verdient Oskar viel Geld. Weil er sich darüber ärgert, dass bei Maria deren Chef Stenzel ein- und ausgeht, bietet er ihr an, ein Feinkostgeschäft für sie zu kaufen – unter der Bedingung, dass sie sich von Stenzel trennt. Maria ist damit einverstanden.

In einer Hundeleihanstalt leiht Oskar sich Ende Juni 1951 einen Rottweiler aus, der auf den Namen Lux hört, und geht mit dem Tier zwischen Getreidefeldern und Schrebergärten bei dem Vorort Gerresheim spazieren. Der Hund stöbert in einem Roggenfeld herum und apportiert Oskar einen weiblichen Ringfinger, an dem ein Ring mit einem Aquamarin steckt. Oskar wickelt den Fund in sein Kavalierstüchlein aus Seide und nimmt ihn mit. Da wird er von einem Mann angesprochen, der in der Astgabel eines Apfelbaumes liegt und die Szene beobachtet hat. „Gottfried von Vittlar“, stellt er sich vor.

Die beiden Männer befreunden sich. Am 7. Juli 1951 fordert Oskar Gottfried von Vittlar auf, ihn anzuzeigen. Er schläft im Freien, fährt dann mit der Bahn nach Paris – und wird dort verhaftet.

Weil der Finger von der ermordeten Krankenschwester Dorothea Köngetter stammt, wird Oskar als Mörder verdächtigt, wegen Unzurechnungsfähigkeit allerdings nicht in ein Zuchthaus, sondern in eine Heil- und Pflegeanstalt im Sauerland gesperrt.

Dort bittet er den Pfleger Bruno Münsterberg, Schreibpapier zu besorgen und beginnt mit seinen Memoiren.

Ihnen allen, die Sie außerhalb meiner Heil- und Pflegeanstalt ein verworrenes Leben führen müssen, Euch Freunden und allwöchentlichen Besuchern, die Ihr von meinem Papiervorrat nichts ahnt, stelle ich Oskars Großmutter mütterlicherseits vor.

Als er seine Finger wegen des fortschreitenden Wachstums anschwellen und er den Füller nicht mehr halten kann, bittet er um kalte Umschläge und lässt Bruno Münsterberg weiterschreiben.

Die durchgeschlagenen Kindertrommeln beschriftet Oskar sorgfältig mit Daten und kurzen Angaben „über den Lebenslauf des Bleches“, bevor er sie Maria bei ihren Besuchen mitgibt, damit sie die Trommeln im Keller für ihn aufbewahrt.

An seinem 30. Geburtstag im September 1954 erhält Oskar von seinem Anwalt die Nachricht, dass das Gerichtsverfahren neu aufgerollt werde und er mit einem Freispruch rechnen könne. Inzwischen heißt es nämlich, Dorothea Köngetter sei nicht von Oskar, sondern von der mit ihr befreundeten Krankenschwester Beate aus Eifersucht umgebracht worden.

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Mit seinem Schelmenroman „Die Blechtrommel“ löste Günter Grass 1959 teils heftige Abneigung, teils begeisterte Zustimmung aus und wurde über Nacht berühmt. Vierzig Jahre später erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Mit orientalischer Fabulierlust, erzählerischer Kunst und virtuoser Collagentechnik türmt Günter Grass in „Die Blechtrommel“ Geschichte auf Geschichte und schreckt dabei auch vor furios-ekelhaften Szenen nicht zurück. Häufig wechselt er innerhalb eines Satzes zwischen der ersten und der dritten Person („Je dicker meine Geliebte wurde, um so mehr steigerte sich Oskars Hass“). Mit dem von Bruno Münsterberg verfassten Abschnitt der Memoiren und dem seitenlangen Zitat aus dem Protokoll über die Aussage Gottfried von Vittlars führt Grass zwei weitere Erzählperspektiven ein. Außerdem ist da noch der theatermäßige Dialog im Kapitel „Beton besichtigen – oder mystisch barbarisch gelangweilt“.

Es ist wohl kein Zufall, dass Oskar Matzerath Ähnlichkeiten mit Günter Grass aufweist – der Geburtsort Danzig, die Eltern: der kleine Lebensmittelhändler Alfred Matzerath und dessen kaschubische Ehefrau Agnes, die Ausbildung als Steinmetz –, aber „Die Blechtrommel“ ist keine Autobiografie. Auf grotesk verfremdete Weise beschäftigt Günter Grass sich mit dem Nationalsozialismus und der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, dem Wirtschaftswunder und der kollektiven Verdrängung der jüngsten Vergangenheit.

Ob Günter Grass bei dem bösartigen, blasphemischen und verrückten Monstrum Oskar an Hitler gedacht hat? Jedenfalls hat dieser sich bis zu seiner Verhaftung im November 1923 (zum Beispiel 1922 gegenüber Arthur Moeller van den Bruck) als Trommler bezeichnet.

In der Zeit des Wirtschaftswunders ist Oskar dagegen einer der wenigen, die nichts verdrängen. Er bekennt sich zu seiner Schuld am Tod von Jan Bronski, Alfred Matzerath und Roswitha Raguna und lässt sich sogar von einem Freund als Verdächtiger in einem aktuellen Mordfall anzeigen, um sich in einem Irrenhaus von der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft distanzieren zu können.

Oskar Matzerath ist ein radikaler Neinsager und verkörpert die totale Verweigerung.

Vielleicht hätte Günter Grass den 700 Seiten dicken Roman besser mit dem zweiten Buch beendet – also mit der Abreise aus Danzig –, denn das folgende Drittel fällt m. E. gegenüber der Kraft und Geschlossenheit der Darstellung bis zum Kriegsende etwas ab.

So ist es nicht verwunderlich, dass Volker Schlöndorff sich bei der Verfilmung – „Die Blechtrommel“ – auf die ersten beiden Bücher beschränkt.

Auf jeden Fall ist „Die Blechtrommel“ ein großartiger, im Doppelsinn des Wortes fantastischer Roman. Hervorzuheben ist auch Günter Grass‘ unverwechselbare, wohltönende Sprache.

 

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2002

Volker Schlöndorff: Die Blechtrommel

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