Wilhelm Genazino : Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Wilhelm Genazino

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman

Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München / Wien 2003 ISBN 3-446-20269-2, 160 Seiten, 15.90 € (D) Ungekürzte Taschenbuchausgabe: dtv, München 2005 ISBN 3-423-13311-2, 160 Seiten, 8.50 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Weigand fliegt mit siebzehn vom Gymnasium. Seine Mutter findet für ihn eine Lehrstelle in einer Spedition. Zur gleichen Zeit beginnt er, Reportagen für die Lokalzeitungen zu schreiben, und bald verdient er damit mehr als in der Lehre. Als ihm nach einigen Monaten die frei werdende Stelle eines Redakteurs angeboten wird, lehnt er jedoch ab. Eigentlich will er Schriftsteller werden, und dafür glaubt er, eine Frau, eine Wohnung und einen Roman zu benötigen ...
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Kritik

"Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman" spielt um 1960 im Rhein-Main-Gebiet. Das Leben ist bieder und banal. Es passiert nichts Großes, aber gerade deshalb gelingt es Wilhelm Genazino, das Besondere im Alltäglichen einzufangen und es mit leiser Komik und verhaltener Ironie wiederzugeben.
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Mit siebzehn trudelte ich ohne besondere Absicht in ein Doppelleben hinein. Kurz zuvor war ich vom Gymnasium geflogen und sollte, auf Drängen meiner Eltern, eine Lehrstelle übernehmen. (Seite 7)

Mit diesen beiden Sätzen beginnt der Roman. Die Mutter geht mit dem Siebzehnjährigen zu Bewerbungsgesprächen, und weil er dabei den Mund nicht aufbekommt, redet sie für ihn. Aber er gefällt den Chefs ebenso wenig wie diese ihm gefallen.

Seit seinem fünfzehnten Lebensjahr schickt er Kurzgeschichten ein. Eine Tierschutz-Illustrierte und ein Mitteilungsblatt des Apotheker-Verbandes druckten bereits Texte von ihm.

Es war klar, die Lehre, in die ich früher oder später eintreten würde, war nichts weiter als eine Übergangslösung. In Wahrheit wollte ich schreiben, hauptberuflich, und zwar sofort. (Seite 9)

Am 1. April fängt der Junge – er heißt Weigand – als kaufmännischer Lehrling bei einer Spedition an. Etwa zur gleichen Zeit schaut er bei der Redaktion des Lokalblatts „Tagesanzeiger“ vorbei, um einige seiner neuen Kurzgeschichten anzubieten. Da fragt ihn der Redakteur Herrdegen, ob er nicht zweimal in der Woche eine Reportage schreiben wolle. Beim ersten Auftrag handelt es sich um einen Bericht über den Dia-Vortrag eines Herrn, der an den norwegischen Fjorden war.

Ab sofort führte ich ein Doppelleben. Tagsüber war ich kaufmännischer Lehrling, abends Reporter. (Seite 21)

Schließlich arbeitet Weigand für alle drei Lokalzeitungen, aber weder seine Eltern, noch die Vorgesetzten und Kollegen in der Spedition wissen etwas davon, und jeder der zuständigen Redakteure glaubt, er arbeite nur für ihn. Bald reichen zwei, drei Stunden Nachtarbeit nicht mehr aus, um die Artikel zu schreiben, und die Mittagspause benötigt Weigand, um seine Manuskripte abzuliefern. Der Zeitdruck macht ihm zu schaffen, zumal es angeblich zu seiner Ausbildung bei der Spedition gehört, Eisenbahnwaggons zu entladen und ihm oft vor einer Abendveranstaltung, über die er schreiben soll, nicht genügend Zeit zum Umziehen bleibt.

Befreundet ist er mit Gudrun, einer drei Jahre älteren Sekretärin, deren Vater vom Krieg nicht nach Hause gekommen war und die zusammen mit ihrer Mutter in einer Souterrainwohnung lebt. Abgeschreckt durch Gudruns Schwester Karin, die vor einem Vierteljahr heiraten musste, weil sie schwanger war, knutschen sie zwar, haben sich aber vorgenommen, erst einmal auf den Geschlechtsverkehr zu verzichten. Als jedoch Gudruns Mutter für drei Tage zu einer Schwester nach Berlin gefahren ist, nimmt die Zwanzigjährige ihren Freund mit in die Wohnung, legt sich auf die Couch und setzt sich noch einmal auf, um die Bluse auszuziehen und den Büstenhalter abzulegen. Im Hörfunk läuft gerade ein Werkstattgespräch von Horst Bienek mit Heinrich Böll; das fesselt Weigands Aufmerksamkeit stärker als Gudruns Verführungsversuche. Als er schon damit rechnet, dass sie ihm eine Szene macht, kleidet sie sich wieder an und bedankt sich dafür, dass er nicht nachgab: „Wir wollen uns die Zukunft nicht verderben.“

Bei den Veranstaltungen, die Weigand im Auftrag des „Tagesanzeigers“ besucht, trifft er nicht selten eine Kollegin, die für ein anderes Lokalblatt arbeitet. Linda teilt seine Liebe zur Literatur. Ihr Lieblingsschriftsteller ist Joseph Conrad; Weigand schwärmt für Franz Kafka. Linda will einen Roman über eine Reise schreiben, die sie vor zwei Jahren machte: Sie fuhr als Küchenhilfe auf einem Frachter von Bremerhaven nach New York. Während der zwölftägigen Überfahrt, der drei Tage in New York und der Rückfahrt wurde sie von einem Seemann bedrängt. Schließlich musste sie ihm eine Bratpfanne auf den Kopf hauen, um ihn sich vom Leib zu halten.

Herrdegen bietet Weigand an, im Juli drei Wochen Urlaubsvertretung für den Redakteur Wettengel zu machen. Weigand freut sich und meldet bei der Spedition drei Wochen Urlaub an.

Unmittelbar vor Weigands Urlaub veranstaltet die Spediton wie in jedem Jahr einen Betriebsausflug. Am Morgen werden die Arbeiter und Angestellten mit Bussen in ein hundertfünfzig Kilometer entferntes Weindorf gefahren. Den ganzen Tag über wird kräftig gegessen und getrunken, gelacht und getanzt. Am Abend sind die ersten Arbeiter so betrunken, dass sie von ihren Frauen in die abgestellten Busse gezerrt werden müssen.

Die Musiker spielten jetzt nicht mehr so sorgfältig, dafür aber ununterbrochen. (Seite 66)

Bei der Heimfahrt im dunklen Bus schlafen fast alle ein. Weigand sitzt ganz hinten neben Frau Kiefer, mit der er seit einigen Wochen in der Registratur arbeitet. Sie ist ungefähr dreißig, verheiratet und bringt hin und wieder ihr zweieinhalbjähriges Kind mit in die Firma. Unversehens küsst Weigand ihren „magnolienartig aufgeblühten Busen“. Sie zieht den Rock hoch, rutscht auf ihrem Platz ein Stück nach vorn, lehnt sich zurück und spreizt die Beine. Zwischendurch dösen sie und Weigand immer wieder kurz ein, aber nach einer Weile ist er in ihr drin.

Am nächsten Samstagnachmittag geht er mit Gudrun ins Freibad. Während sie schwimmt, bleibt er auf der Decke liegen und liest, wobei ihn allerdings die vielen lauten Leute stören.

Je weiter der Nachmittag voranschritt, desto stiller wurde es zwischen Gudrun und mir. Als sie gegen 18.00 Uhr die Brotkrümel und den Sand von der Wolldecke herunterschüttelte, wusste ich, dass es mit uns beiden zu Ende war. (Seite 86)

Eines Tages erhält Weigand seinen Verdacht bestätigt, dass Linda mit dem Seemann zusammen ist. Kurze Zeit später erfährt er, dass sie sich erhängt hat. Herrdegen gewährt ihm zwei Tage Sonderurlaub, damit er zu der Beerdigung fahren kann, die in Lindas Heimatort an der Nordseeküste stattfindet.

Seine „Nebeneinkünfte“ übertreffen inzwischen das Lehrlingsgehalt. Herrdegen bietet ihm die Stelle des Redakteurs Wettengel an, der zum Jahresende gekündigt hat, aber Weigands anfängliche Begeisterung für die Zeitungsarbeit hat bereits stark gelitten, und er tut sich schwer mit einer Entscheidung. Doch als er zu einem Interview mit dem Rentner Erich Wagenblaß nach Griesheim fährt, der in eintausendfünfhundert Arbeitsstunden einen meterhohen Eiffelturm aus Streichhölzern baute, beschließt er, lieber erst einmal kaufmännischer Lehrling und Freizeitreporter zu bleiben. Ohnehin will er nach wie vor Schriftsteller werden.

Ich dachte, du brauchst eine Frau, eine Wohnung, einen Roman. (Seite 147)

Obwohl Weigand sich noch in der Ausbildung befindet, macht der Prokurist ihn zum Vorarbeiter. Zu seinen Aufgaben gehört es jetzt, frühmorgens zu einer Außenstelle des Arbeitsamtes zu fahren und dort geeignete Tagelöhner auszuwählen.

Es drängte mich nicht, ein elender Arbeiter zu sein, der noch elendere Arbeiter für brauchbar oder nicht brauchbar befand. Es verlangte mich aber auch nicht danach, beim Tagesanzeiger mehr und mehr zu verdünkeln und am Ende in meinem eigenen Hochmut unterzugehen. (Seite 143)

Eine Kollegin von einer anderen Zeitung, die in Kürze heiratet, sucht einen Nachmieter für ihr Appartement und zeigt es Weigand.

Das Appartement war kaum mehr als ein Klo mit etwas Umgebung. (Seite 152)

Owohl es ihm überhaupt nicht gefällt, nimmt er es in dem Gefühl, hier einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können. Als er seinen Eltern mitteilt, dass er auszieht, befürchtet der Vater zunächst, er werde dann nicht mehr die Hälfte seines Lehrlingsgehaltes abliefern. Aber der Junge versichert ihm, er wolle die Familie weiterhin finanziell unterstützen. Als Gegenleistung bietet ihm der Vater an, er könne der Mutter jede Woche seine schmutzige Wäsche vorbeibringen.

Am Samstag geht Weigand zum Frühstücken ins Terrassen-Café und beobachtet die Menschen.

Ich zweifelte nicht, dass ich mich in einem ungeschriebenen Roman bewegte. Ich sah auf mein Frühstück herunter und wartete auf das Aufzucken des ersten Wortes. (Seite 160)

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Der Protagonist von „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ erzählt in der Ich-Form und reiht dabei scheinbar einfache, häufig sehr kurze Sätze aneinander. Dieses Lapidare passt vorzüglich zu der unbeholfenen, zurückhaltenden und unsentimentalen Natur dieses siebzehnjährigen Schulversagers, der Schriftsteller werden möchte und die Mitmenschen im Alltag beobachtet, um darüber zu schreiben. „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“ ist eine Art Entwicklungsroman und spielt um 1960 im Rhein-Main-Gebiet. (Damals war auch Wilhelm Genazino siebzehn Jahre alt und lebte in Mannheim.) Das Leben ist bieder und banal: Die Mädchen schwärmen für den Schnulzensänger Rex Gildo, in den Kinos lacht man über „Peter Alexanders Faxen“, in einem Lokal machen sich einige der Gäste bei „Je-ka-mi“-Wettbewerben (von: jeder kann mitmachen) auf der Bühne zum Affen, und ein Warenhaus wirbt mit einer italienischen Woche um Kunden. Es passiert nichts Großes in „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“, aber gerade deshalb gelingt es Wilhelm Genazino, mit viel Liebe zum Detail das Besondere im Alltäglichen einzufangen und es mit leiser Komik und verhaltener Ironie wiederzugeben.

2004 erhielt Wilhelm Genazino den Georg-Büchner-Preis.

Wilhelm Genazino: Bibliographie (Auswahl):


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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2005
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

Wilhelm Genazino: Abschaffel
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Liz Jensen - Die da kommen
Dass "Die da kommen" als Thriller verkauft wird, ist irreführend. Wer am Ende eine Auflösung, eine überraschende Erklärung der geschilderten Ereignisse erwartet, wird das Buch enttäuscht zuklappen.
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