Wilhelm Genazino : Das Glück in glücksfernen Zeiten

Das Glück in glücksfernen Zeiten

Wilhelm Genazino

Das Glück in glücksfernen Zeiten

Das Glück in glücksfernen Zeiten Originalausgabe: Carl Hanser Verlag, München 2009 ISBN: 978-3-446-23265-5, 158 Seiten, 17.90 € (D) Taschenbuch: dtv, München 2011 ISBN: 978-3-423-13950-2, 158 Seiten, 8.90 € (D)

Inhaltsangabe

Bei dem promovierten Philosophen Gerhard Warlich, der Hauptfigur in "Das Glück in glücksfernen Zeiten", handelt es sich um einen antriebsschwachen, grüblerischen Mann ohne Ehrgeiz, der das Leben für viel zu anstrengend hält. Den gewohnten Gang der Dinge bringt der Wunsch seiner langjährigen Lebensgefährtin nach Kind und Eheschließung aus dem Tritt. Als er dann auch noch seinen Arbeitsplatz verliert, verzweifelt Warlich vollends, und die Scham über sein Versagen und seine Lebensuntüchtigkeit überwältigt ihn ...
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Kritik

Wilhelm Genazino hält in "Das Glück in glücksfernen Zeiten" nicht nur die Balance zwischen Tragik und Komik bzw. Melancholie und Heiterkeit, sondern auch zwischen Absurdität, Realismus und Satire.

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Gerhard Warlich ist einundvierzig Jahre alt. Vor vierzehn Jahren, kurz nachdem er über Heidegger promoviert hatte, fing er als Ausfahrer in einer Großwäscherei in Frankfurt am Main an. Inzwischen brachte er es zum Organisationsleiter. Zu seinen Aufgaben gehört es, dass er neue Kunden akquiriert. Außerdem muss er Ausfahrer observieren, um sicherzustellen, dass sie ihre Pausen nicht überziehen. Die Kontrolle der Kollegen widerstrebt Warlich, denn er hält das Leben schon für anstrengend genug:

Wenn ich könnte, würde ich das Projekt „Halbtags leben“ erfinden. Jeder Mensch sollte das Recht haben, sich in der zweiten Hälfte des Tages von der ersten zu erholen.

Seit zehn Jahren wohnt Warlich mit Traudel zusammen in einer dreieinhalb-Zimmer-Wohnung in einem Frankfurter Mietshaus. Traudel wohnte hier auch schon vorher mit einem Bankangestellten. Sie leitet eine Bankfiliale in einer Kleinstadt, achtzig Kilometer außerhalb von Frankfurt.

Während Traudel über einen „starken Gestaltungsdrang“ verfügt, Entscheidungen trifft und zupackt, neigt Warlich zum Grübeln.

[…] dass es hinter der ersten Wirklichkeit eine zweite und eine dritte gibt, an denen ich teilhabe und die ich, so ich Glück habe, irgendwann zu meinem Beruf machen werde. Davon bin ich leider noch ziemlich weit entfernt. Bis jetzt habe ich es nur zum Beinahe-Künstler gebracht; ich mache Collagen, ich zeichne und male, ich filme, ich schreibe Nonsens-Gedichte, aber nichts davon so richtig, ich meine: leidenschaftlich und also ohne Ausweg.

So ähnlich, wie Traudel über Tage hin das Verwelken der Rosen beobachtet, so ähnlich werde ich die Verwitterung meiner Hose auf dem Balkon beobachten. Ich werde die Hose auf dem Balkon aufhängen, sie dort aber nicht mehr (oder erst nach langer Zeit) wieder wegnehmen, weil ich von der Wohnung aus beobachten will, wie sich die Hose unter dem Einfluss des Wetters und des Klimas und des Staubs langsam auflöst und sich dann wieder (so stelle ich mir das vor) in einen Teil der Natur zurückverwandelt. Ich werde über diese Vorgänge ein Tagebuch der Verwitterung oder so etwas Ähnliches führen.

Gegen meinen Willen beschleicht mich das vertrauteste Unbehagen: Dass mein Leben nicht so bleiben kann, wie es ist. Groteskerweise bin ich im Großen und Ganzen mit unseren Verhältnissen zufrieden. Dennoch habe ich den Eindruck, dass die ganze Zeit eine unhaltbare Sache abläuft: mein Leben.

Durch Zufall blicke ich auf den Betonboden hinunter und sehe dort ein paar Ameisen mit Flügeln umhergehen. Trotz der Flügel können die Ameisen nicht abheben. Vermutlich sind die Flügel zu lang und zu schwer für die winzigen Körper der Ameisen. Mit diesem Anblick gelingt mir die Tröstung meiner Seele […] Sie schleppen ihre unnützen Flügel durch die Gegend und klagen nicht!

Eines Tages äußert Traudel den Wunsch, doch noch zu heiraten. Falls ihr Lebensgefährte einmal auf der Intensivstation eines Krankenhauses liege, so begründet sie ihr Anliegen, wolle sie sicher sein, ihn besuchen zu dürfen. Das lässt Warlich allerdings nicht gelten:

Muss man sich verheiraten, weil man nur so die Bürokratie von Krankenhäusern überlisten kann?

Einige Zeit später kommt Warlich auf Traudels Heiratsabsicht zurück:

Ich fasse mir ein Herz und sage: Du hast vor einiger Zeit gesagt, dass du heiraten willst.
Das macht dir Kummer?
In gewisser Weise, sage ich.
Dann kann ich dich beruhigen. Ich will nicht unbedingt heiraten. Meine Mutter möchte, dass ich heirate.
Deine Mutter, seufze ich.
Du kennst sie ja. Sie setzt mich unter Druck. Meine Schwester ebenfalls. Mir ist es egal, ob ich verheiratet bin. Ich möchte etwas anderes, sagt Traudel.
Du willst eine Eigentumswohnung.
Traudel lacht.
Falsch? frage ich.
Völlig falsch, sagt Traudel.
Mit einer Wohnung gibst du dich nicht zufrieden. Du willst ein Haus.
Noch falscher, sagt Traudel, ich will ein Kind.
Obwohl ich es geahnt habe, fällt mir jetzt nichts ein.

Traudel gibt zu, dass ihre Mutter hinter dem Heiratswunsch steckt, weil diese der Ansicht ist, dass Traudel im Fall einer Schwangerschaft einen Ehemann haben sollte. Warlich will weder einen Trauschein noch ein Kind. Er denkt:

Sie braucht, um das Leben zurückzugewinnen, ein paar deutliche Geschmacksverstärker, sie braucht Kinder.

Laut sagt er:

Als meine Mutter ehemüde wurde, wollte sie plötzlich ein eigenes Haus mit Garten, und als sie beides nicht bekam, kriegte sie zwei Kinder, meine Schwester und mich.

Am Ende lässt er Traudel in dem Glauben, dass sowohl eine Hochzeit als auch ein Kind für ihn denkbar wären. Aber dann unterläuft ihm beim Vorspiel ein Fehler: Er packt ein Kondom aus. Beleidigt klappt Traudel die Beine zusammen, und als er sie wieder auseinanderdrücken will, schlägt sie ihn mit der Fernsehzeitschrift auf den Kopf.

Eigendorff, sein Chef, beauftragt ihn, einen Zahlungsbefehl gegen ein Hotel zu erwirken, das seit drei Monaten die Rechnungen nicht mehr bezahlt und auf Mahnungen nicht reagiert hat. Warlich gibt Eigendorff zu bedenken, dass das Hotel möglicherweise in finanziellen Schwierigkeiten steckt und durch den Zahlungsbefehl endgültig in den Bankrott getrieben werden könnte. Schließlich lässt Eigendorff sich davon überzeugen, dass ein persönliches Gespräch mit dem Hotelier aussichtsreicher wäre. Also fährt Warlich hin. Es stellt sich heraus, dass das Hotel von zwei Brüdern geleitet wurde. Weil Ulrich Pfetsch in letzter Zeit Rechnungen und Mahnungen wegwarf, führt Hermann Pfetsch den Betrieb jetzt allein. Das Geschäftsgebaren seines Bruders habe das Hotel beinahe ruiniert, erklärt Hermann Pfetsch, deshalb könne er die Rechnungen der Großwäscherei augenblicklich nicht begleichen. Stattdessen schlägt er vor, eine Schuldanerkenntnis zu unterschreiben, aber darauf verzichtet Warlich.

Auf dem Rückweg gerät er in eine Kundgebung von Anarchisten, wird aufgehalten und sinniert:

Ich selbst glaube nicht mehr an die Veränderbarkeit irgendwelcher Verhältnisse.

Eigendorff entlässt ihn nach der Rückkehr ins Büro fristlos, und zwar mit der Begründung, jemand habe ihn während der Arbeitszeit als Teilnehmer einer Demonstration beobachtet.

Ein paar Tage später bringt Traudel ihm einen Zeitungsausschnitt mit dem Stellenangebot einer Wohnungsbaugesellschaft, die einen „Allrounder“ sucht. Warlich bewirbt sich zwar, legt es jedoch beim Vorstellungsgespräch darauf an, nicht genommen zu werden. Er will lieber eine „Schule der Besänftigung“ gründen.

Sobald es die Schule der Besänftigung gibt, werde ich Vorlesungen über den Aufbau des Glücks in glücksfernen Umgebungen halten. Das ist mein Spezialgebiet.

Auf die Unterredung mit Dr. Heilmeier vom Kulturamt bereitet er sich im Café gegenüber zwanzig Minuten lang gedanklich vor. Der Kulturreferent empfängt ihn mit den Worten:

Sie kommen in einem günstigen Augenblick. Die Stadt trägt sich schon länger mit der Absicht, eine Pop-Akademie zu eröffnen.
Das Wort Pop-Akademie lässt mich kurz erstarren. Eine Pop-Akademie ist das krasse Gegenteil dessen, was mir vorschwebt.

Die Sätze, die Warlich sich im Café zurechtlegte, sind damit unbrauchbar geworden.

Nach dem Termin im Kulturamt sieht Warlich, wie eine ältere Frau am oberen Ende einer Rolltreppe stürzt. Ihre Brille geht zu Bruch, und die Einkaufstüte fällt zu Boden. Warlich beeilt sich, der Frau zu helfen, tritt ihr dabei jedoch versehentlich auf die linke Hand.

Ein anderer Mann klopft der Frau den Straßenschmutz vom Rock. Haben Sie sich verletzt, fragt der Mann zweimal. Die Frau nimmt schon auf mich Rücksicht, untersucht nicht die von mir malträtierte Hand und sagt: Vielen Dank, Gott sei Dank nicht. Ich beneide den anderen Mann um seinen routinierten Umgang mit dem Unglück […] Ich mache mir Vorwürfe, dass ich weder die Brille noch die Tasche aufgehoben habe. Diese ins Leere gehende Fürsorge ist ganz typisch für mich. Deswegen komme ich mir jetzt oberflächlich, halb zerfleddert und nichtswürdig vor. Mir passt nicht, dass ich erschöpft und müde bin, obwohl ich nicht gearbeitet habe.

Ich weiß nicht, warum ich für alles, was scheitert oder im Niedergang begriffen ist, Sympathie empfinde.

Nach dem Vorfall kauft er sich an einer Imbissbude eine Bockwurst, aber die Brötchen sind aus, und er bekommt stattdessen eine Scheibe Brot. Weil er die nicht mag, steckt er sie in die linke Innentasche seines Jacketts.

Dann läuft er seiner Jugendliebe Annette und deren Sohn über den Weg. Zum Abschied reicht er ihr statt der Hand die Scheibe Brot. Annette blickt ihn befremdet an. Der Sohn ist noch stärker irritiert. Da beginnt Warlich krampfhaft zu schluchzen. Er zieht einen Zettel mit Traudels Namen und Telefonummern aus der Tasche. Den reicht Annette der Bedienung eines Straßencafés. Die eilt damit ins Innere, kommt dann mit dem Zettel und einem Glas Wasser zurück. „Es kommt gleich jemand“, sagt sie. Zwanzig Minuten später holt Traudel ihren Lebensgefährten ab. Aber statt ihn nach Hause zu bringen, fährt sie weinend mit ihm zu einer psychiatrischen Klinik vierzig Kilometer außerhalb von Frankfurt und liefert ihn dort ab.

Dem Therapeuten Dr. Treukirch erklärt Warlich:

Ich leide an einer verlarvten Depression mit einer akuten Schamproblematik.

Dabei glaubte Warlich noch bis vor kurzem, nicht verrückt zu sein:

Echte Verrückte sind laut, aggressiv, pöbelnd, unberechenbar. Ich dagegen bin leise, duldsam und verhuscht wie ein vergessener Fisch in einem Aquarium.

Als Traudel ihn besucht, die Türe seines Zimmer von innen abschließt und ihre Bluse aufknöpft, weist Warlich den „quasi ehemäßigen Samariterdienst“ zurück.

Mit einem anderen Patienten, Dr. Adrian, einem Meteorologen Anfang fünfzig, dessen Ehefrau und Kinder in Friesland leben, verbringt Warlich viel Zeit. Adrian stellt seine Frühverrentung als großen Erfolg seines Lebens dar. Darüber möchte Warlich mehr wissen. Aber er verheimlicht Traudel sein Interesse:

Traudels Moralismus könnte eine solche Strategie der Lebenserleichterung niemals gutheißen.

Als Adrian im Rahmen der Therapie eine Nacht als Obdachloser verbringen darf, begleitet Warlich ihn ein paar Stunden. Dann kehrt er aus freien Stücken in die Klinik zurück.

Eine Art Glück durchzittert mich. Offenbar kann ich, trotz allem, immer noch wählen, wie ich in Zukunft leben will.

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Bei dem promovierten Philosophen Gerhard Warlich, der Hauptfigur in „Das Glück in glücksfernen Zeiten“, handelt es sich um einen antriebsschwachen, grüblerischen Mann ohne Ehrgeiz, der das Leben für viel zu anstrengend hält. Den gewohnten Gang der Dinge bringt der Wunsch seiner langjährigen Lebensgefährtin nach Kind und Eheschließung aus dem Tritt. Als er dann auch noch seinen Arbeitsplatz verliert, verzweifelt Warlich vollends, und die Scham über sein Versagen und seine Lebensuntüchtigkeit überwältigt ihn.

Warlich zaudert zwar, wenn er handeln soll, beobachtet jedoch mit wachen Sinnen, was um ihn herum geschieht. Das ist zumeist recht banal, ergibt jedoch in der pointierten Schilderung des Ich-Erzählers die eine oder andere ironische, tragikomische Miniatur. In vielen Fällen bleibt allerdings zumindest bei mir ein Aha-Effekt aus, etwa wenn ein Bettler von seinen Einnahmen in einem Straßencafé am nächsten Kiosk eine Flasche Cognac kauft oder ein Kind im Restaurant Nudeln bestellt, aber lieber Fleisch mit Knödeln möchte, wenn die Nudeln serviert werden.

Wilhelm Genazino hält in „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ nicht nur die Balance zwischen Tragik und Komik bzw. Melancholie und Heiterkeit, sondern auch zwischen Absurdität, Realismus und Satire.

Angenehm sind die stilistische Zurückhaltung, die Lakonie und die geschliffene Sprache von Wilhelm Genazino.

Den Roman „Das Glück in glücksfernen Zeiten“ von Wilhelm Genazino gibt es auch als Hörbuch, gelesen von Sylvester Groth (Regie Gabriela von Sallwitz, Hamburg 2009, 4 CDs, ISBN 978-3-455-30658-3).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Carl Hanser Verlag

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