Leonhard Frank : Die Räuberbande

Die Räuberbande

Leonhard Frank

Die Räuberbande

Die Räuberbande Originalausgabe: 1914 Bibliothek des 20. Jahrhunderts, hg. von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki Stuttgart / München o. J., 320 Seiten
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Eine Bande 14-Jähriger rebelliert 1899 in Würzburg nicht nur gegen sadistische Lehrer und ausbeuterische Lehrherren, sondern gegen die Welt der Erwachsenen überhaupt. Abenteuer-Romantik prägt ihr Denken. Sie planen, Würzburg niederzubrennen und in den Wilden Westen auszuwandern. Einer von ihnen, Michael Vierkant alias Oldshatterhand, bricht seine Lehre ab und schlägt sich mit Gelegenheitsarbeiten durch, bis er in München anfängt, Kunst zu studieren ...
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Kritik

Der Roman "Die Räuberbande" von Leonhard Frank ist eine Mischung aus Überschwang und Resignation, Humor und Schwermut. Die Figur Michael Vierkant alias Oldshatterhand weist einige autobiografische Züge auf.

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Würzburg 1899. Zwölf vierzehnjährige Jugendliche haben sich unter dem Anführer Oskar Benommen alias bleicher Kapitän zu einer „Räuberbande“ zusammengeschlossen: Michael Vierkant alias Oldshatterhand, Andreas Steinbrecher alias Winnetou, der einäugige Georg Bang alias Falkenauge, der Waise Theobald Kletterer alias rote Wolke, Hans Lux, der König der Lüfte, und Hans Widerschein, der Schreiber, um nur einige von ihnen zu nennen. Sie rebellieren gegen die Erwachsenen im Allgemeinen und sadistische Lehrer wie Herrn Mager und hartherzige Lehrherren wie Meister Tritt im Besonderen. Die Abenteuer-Romantik der Romane von Karl May prägt ihr Denken. Sie planen, Würzburg niederzubrennen und in den Wilden Westen auszuwandern. Winnetou meint:

„Ach, die Hauptsache ist ja nur, dass sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des Wilden Westens, bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, dass wir angekommen sind … Auf unsere ersten Taten kommt’s an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.“ (Seite 23)

Glasermeister Johann Jakob Streberle zeigt die Räuberbande wegen Diebstahls von Trauben aus den Königlichen Weinbergen an, aber bei der Gerichtsverhandlung kommen sie glimpflich davon.

Einige Zeit später fertigt die Glaserei alle 367 Fenster für das neue Krankenhaus um einen Zentimeter zu schmal an. Die gesamte Lieferung ist unbrauchbar. Der Schaden und die zu bezahlende Konventionalstrafe treiben Johann Jakob Streberle in den Bankrott, und er verschwindet aus Würzburg.

Als Winnetous Schwester ein Kind bekommt, weiß die ganze Stadt, dass der Kaplan der Vater ist. Dem Geistlichen wird bald darauf eine eigene Pfarrei außerhalb von Würzburg zugewiesen, und Winnetous Schwester zieht als Haushälterin zu ihm. Ihre Mutter erkrankt vor Scham und stirbt an einer Lungenentzündung.

Georg Bang trägt den Namen Falkenauge, weil er bei einer von ihm provozierten Schlägerei mit fünf Gymnasiasten ein Auge verlor und seither ein Glasauge trägt. Inzwischen macht er eine Lehre in einem Lederwarengeschäft. Als der bleiche Kapitän und der Schreiber ihn in seiner Dachkammer besuchen wollen und er nicht da ist, entdecken sie sein Glasauge in einem Glas Wasser auf dem Nachttisch. Der bleiche Kapitän stellt es sich auf den Kopf und fordert den Schreiber auf, mit dem Zimmerstutzen, den sie mitgebracht haben, darauf zu schießen. Das Glas zerspringt, das Wasser spritzt, und das Glasauge kullert unters Bett. Von dort holt es der bleiche Kapitän hervor und hält es mit zwei Fingern als Ziel für den Schreiber. Der Schuss katapultiert das Glasauge aus dem Fenster. Übermütig schießen die beiden Jungen weiter im Zimmer herum. – Von da an spricht Falkenauge kein Wort mehr mit den anderen Mitgliedern der Räuberbande.

Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich aufgelöst. (Seite 135)

Eines Tages hält Oldshatterhand es bei seinem Lehrherrn, dem Mechaniker Tritt, nicht mehr aus. Er läuft davon, setzt das Versteck der Räuberbande auf dem Schlossberg in Brand und verschwindet aus Würzburg. Eigentlich will er nach Amerika, aber er gelangt erst einmal nach Frankfurt am Main, wo er zum ersten Mal eine Opernaufführung besucht und von „Carmen“ begeistert ist. In Dresden fängt er als Hilfsarbeiter in einer Fahrradfabrik an und mietet einen Schlafplatz in einer Dachkammer, die er sich mit drei anderen Männern teilt, aber als er Wanzen in seinem Bett entdeckt, verlässt er das Haus. Ein Jahr nach seiner Abreise kehrt Oldshatterhand nach Würzburg zurück, und seine Mutter, die ihn vom Bahnhof abholt, erkennt ihn kaum wieder.

Einmal steigt er mit seiner zwei Jahre älteren Schwester, einer Näherin, und deren Freundin Lenchen Leisegang zum „Käppele“ hinauf. Als Lenchens Vater, der seit fünfundzwanzig Jahren als Klinikdiener im Würzburger Juliusspital arbeitet, wegen seines Alters ein Hilfsdiener zugeteilt werden soll, sorgt sie dafür, dass Oldshatterhand die Stelle erhält.

Oldshatterhand träumt allerdings davon, Künstler zu werden und fühlt sich in diesem Vorhaben bestärkt, als er von einem Herrn angesprochen wird, während er das alte Rathaus und den Dom malt: Freiherr von Habenberg kauft ihm das Bild für 60 Mark ab und lässt es sich ins Hotel „Kronprinz“ bringen.

Einen Teil der Einnahmen gibt Oldshatterhand bei seinem ersten Bordellbesuch aus, aber als die Prostituierte nackt vor ihm steht, ist er so eingeschüchtert, dass er zu nichts weiter in der Lage ist.

Der ältere Sohn der Gastwirtswitwe Benommen, also der Bruder des bleichen Kapitäns, war vor einigen Jahren als Ingenieur in die USA ausgewandert. Mittellos kehrt er zurück. Weil er in Amerika keine Ingenieur-Stelle fand, blieb er auif Gelegenheitsarbeiten angewiesen, bis er auf einem Schiff nach Europa einen Platz als Hilfsheizer bekam.

Und die Witwe Benommen, eine vermögende, gefürchtete und ob ihrer strengen Prinzipien hochgeachtete Bürgersfrau, empfand dadurch, dass ihr Sohn, der Stolz der Familie Benommen, zerrüttet und abgerissen wie ein Landstreicher in die Heimat zurückgekehrt war, ihr altes Geschäft, ihren toten Mann und ihre grauen Haare besudelt. (Seite 198)

Der Rückkehrer bildet sich ein, die alte Mainbrücke durch einen eigenen Neubau ersetzen zu können. Daraufhin bringt man ihn in die Kreisirrenanstalt, wo er vier Wochen nach der Einlieferung stirbt.

Oldshatterhand ist inzwischen mit Franziskus Grünwiesler befreundet, wohnt mit dem Kunstmaler in einem leer stehenden Haus und lässt sich von ihm unterweisen. Christinus Immermann, ein anderer Freund Grünwieslers, hält nichts davon, dass dieser sich mit Michael Vierkant abgibt und schimpft, als er erfährt, dass die beiden eine Obdachlose – eine „Tippelschickse“ – aufgenommen haben, die nichts arbeitet und sich stattdessen bei schönem Wetter nackt an den Waldsee legt. Darüber kommt es zum Streit mit Oldshatterhand.

Der wird einige Zeit später von der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in München aufgenommen.

Seine Mutter schreibt ihm aus Würzburg, Lenchen Leisegang habe ein Verhältnis mit einem Artillerie-Sergeanten angefangen.

Oldshatterhand begegnet in München einer Malerin, die Sandalen trägt und unterm Kleid kein Korsett. Sie lockt ihn in ihr Atelier. Als sie sich auszieht, weist Oldshatterhand sie verschämt zurück. Am anderen Morgen hat er es sich anders überlegt und geht noch einmal hin, aber die Portiersfrau klärt ihn darüber auf, dass man die Verrückte am Vorabend ins Irrenhaus gebracht habe.

Einmal besuchen ein paar Mitglieder der früheren Räuberbande Oldshatterhand in München. Der Schreiber bringt seine Freundin Liesl mit und der bleiche Kapitän seine Braut Käthchen, die Tochter des Würzburger Weinwirts und Bäckermeisters Schlauch. Rote Wolke bleibt noch einen Tag länger, denn er möchte zum Theater und dem Hofschauspieler Konrad Drauer vorsprechen. Der arrogante Mime hat jedoch keine Zeit und erklärt ihm kurzerhand, er sei ohnehin zu klein für die Bühne.

Oldshatterhand reist über Basel nach Genua. Dort erhält er einen Brief von Franziskus Grünwiesler. Der Künstler schrieb Oldshatterhand vor einiger Zeit, er habe seiner Tante 6000 Mark gestohlen und befürchte nun ständig, dass sie den Diebstahl bemerkt. Oldshatterhand schlug ihm in seiner Antwort vor, sich mit einem Revolver in der Hand vor die Tante zu stellen und für den Fall einer Anzeige mit Selbstmord zu drohen. Nun teilt Grünwiesler mit, er habe den Rat befolgt, sei inzwischen nach München gezogen und sehne sich nach seinem Freund.

Unverzüglich kehrt Oldshatterhand nach München zurück. Da stellt sich heraus, dass Grünwiesler überhaupt nichts gestohlen hat, sondern sich wegen einer lang zurückliegenden Sache an Oldshatterhand rächen wollte, indem er ihn dazu brachte, kompromittierende Briefe zu schreiben und dann anzeigte.

Die Staatsanwaltschaft München ermittelt denn auch gegen Michael Vierkant wegen versuchter Aufforderung zu räuberischer Erpressung, und er wird in den Justizpalast vorgeladen, wo ihn der Gerichtspsychiater Dr. Karl Robert verhört. Glücklicherweise hat Oldshatterhand den Brief aufgehoben, in dem Grünwiesler den angeblichen Diebstahl gestand.

Obwohl er sich auf diese Weise entlasten konnte, ist Oldshatterhand verzweifelt. In seiner Kammer hält er sich den Lauf eines alten Revolvers in den Mund und hofft noch, dass die Waffe wieder einmal versagt, als er abdrückt. Kurz darauf findet die Zimmerwirtin seine Leiche. Sie wollte ihm einen Brief der Staatsanwaltschaft bringen, die das Strafverfahren gegen ihn eingestellt hat. Am nächsten Morgen steht in der Zeitung, dass der Kunststudent Michael Vierkant zum ersten Preisträger der Akademie erkoren wurde.

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„Die Räuberbande“ – der 1914 veröffentlichte erste und noch im selben Jahr mit dem Fontane-Preis ausgezeichnete Roman von Leonhard Frank (1882 – 1961) – handelt von Jugendlichen, die gegen die Welt der Erwachsenen rebellieren. Es ist eine Mischung aus Überschwang und Resignation, Humor und Schwermut, die zwar inzwischen altmodisch wirkt, aber vor mehr als neunzig Jahren die Gefühle einer ganzen Generation widerspiegelte. Bemerkenswert ist, wie Leonhard Frank seinen Debütroman mit visuellen, akustischen und olfaktorischen Eindrücken beginnt.

Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich – man hörte keinen Laut, Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.
Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder hörbar.
Über der Stadt lag Abendsonnenschein […]
Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch. (Seite 7)

Mehrmals tritt ein geheimnisvoller Fremder auf, der rund fünfzehn Jahre älter als Oldshatterhand und die anderen Mitglieder der Räuberbande ist:

Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.
Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um nach ihm. „Ah, Herr Baron“, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb stehen und blickte ihm mit großen Augen nach […]
Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde, rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.
Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, der aus der „Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen“ trat.
Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten, er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert, sein Haar war noch dunkel, der Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer […]
Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf zum „Schwarzen Walfisch von Askalon“.
„Mit ’n Grünober hättst stech müss, dann hättst die Herzas heimgebracht“, sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren versammelt […]
Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen Tisches […]
Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten Kinde in der Hoffnung […]
Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder, großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg.
„Ooooskar!“, brüllte der Matrose. „Seid ihr alle da?“
„Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her?“
„Haargott“, riefen die Räuber und ihre Mäuler blieben offen.
„Aus Cha… Cha… Cha… China!“, stotterte der Duckmäuser und blieb auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. „Pf… Pf… Pf… Pfeilgrad aus Cha… China!“ (Seite 311ff)

Einige Übereinstimmungen zwischen der Biografie des Autors und der Romanfigur Michael Vierkant alias Oldshatterhand sind unübersehbar: Beide wuchsen in armseligen Verhältnissen in Würzburg auf, machten eine Mechanikerlehre, schlugen sich als Klinikdiener durch und studierten in München Kunst.

1927 erschien der Roman „Das Ochsenfurter Männerquartett“, in dem Leonhard Frank auf einige Mitglieder der „Räuberbande“ zurückkam, die sich in der Zwischenzeit mit der Gesellschaft arrangiert und eine – nun allerdings durch die Inflation gefährdete – Existenz aufgebaut hatten.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2007
Textauszüge: © Nymphenburger Verlagshandlung

Leonhard Frank (Kurzbiografie und Bibliografie)

T. C. Boyle - América
"América" ist eine mitreißende, erschütternde Geschichte aus kunstvoll verflochtenen Handlungsfäden. Tom Coraghessan Boyle erzählt sie in bildhaften, wie in einem Spielfilm montierten Szenen und Rückblenden.
América

T. C. Boyle

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