Milena Michiko Flašar : Ich nannte ihn Krawatte

Ich nannte ihn Krawatte

Milena Michiko Flašar

Ich nannte ihn Krawatte

Ich nannte ihn Krawatte Originalausgabe: Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012 ISBN: 978-3-8031-3241-3, 144 Seiten, 16.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Taguchi Hiro hat sich seit zwei Jahren in seinem Zimmer eingeschlossen und die Türe nur geöffnet, um ins Bad zu gehen oder das von seiner Mutter abgestellte Tablett mit Essen aufzunehmen. Als er erstmals wieder das Haus verlässt und sich im Park auf eine Bank setzt, ist er 20. Drei Monate später fällt ihm dort ein älterer Mann im Anzug und mit Krawatte auf, der von da an auch die Tage mit Ausnahme des Wochenendes im Park verbringt ...
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Kritik

Unaufdringlich erzählt Milena Michiko Flašar eine ernste, anrührende und tiefgründige Geschichte. "Ich nannte ihn Krawatte" ist ein poetisches Buch; das gilt sowohl für die ausgewogene Komposition als auch für die virtuose Sprache.
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Ich nannte ihn Krawatte.
Der Name gefiel ihm. Er brachte ihn zum Lachen.
Rotgraue Streifen an seiner Brust. So will ich ihn in Erinnerung behalten.

Mit diesen Worten beginnt Milena Michiko Flašar ihren dritten Roman.

Taguchi Hiro ist ein Hikikomori: Er hat sich seit zwei Jahren in seinem Zimmer eingeschlossen und die Türe nur geöffnet, um ins Bad zu gehen oder das von seiner Mutter abgestellte Tablett mit Essen aufzunehmen. An einem Februar-Morgen verlässt der inzwischen Zwanzigjährige erstmals wieder das Haus, geht in den Park und setzt sich auf eine Bank.

Nach wie vor ging es mir darum, für mich zu sein. Ich wollte niemandem begegnen. Jemandem zu begegnen bedeutet, sich zu verwickeln. Es wird ein unsichtbarer Faden geknüpft. Von Mensch zu Mensch. Lauter Fäden. Kreuz und quer. Jemandem zu begegnen bedeutet, Teil seines Gewebes zu werden, und dies galt es zu vermeiden.

Den Besuch im Park wiederholt er nun Tag für Tag.

Im Mai setzt sich ein Mann auf die Bank gegenüber, offenbar ein Salaryman, denn er hat eine Aktentasche bei sich, trägt einen Anzug, ein weißes Hemd und eine rotgrau gestreifte Krawatte. Der Mann verbringt nun ebenso wie Hiro die Tage im Park. Nur am Wochenende bleibt er fort. Nach zwei Wochen blickt er sein Gegenüber unvermittelt an, und Hiro erschrickt.

Ich war aus meiner Unbemerktheit gefallen, aus meinem Gehäuse.

Als der Mann am nächsten Morgen auftaucht, wartet Hiro bereits und nickt ihm einladend zu. Daraufhin stellt der Fremde sich vor – er heißt Ohara Tetsu – und setzt sich neben ihn auf die Bank. Nach dem Austausch von ein paar Höflichkeitsfloskeln schweigen die beiden, aber im Lauf der Zeit kommen sie ins Gespräch.

Herr Ohara ist achtundfünfzig Jahre alt. Vor kurzem wurde er nach fünfunddreißig Jahren Betriebszugehörigkeit wegen Ineffizienz entlassen. Er war am Schreibtisch eingeschlafen.

Eine Last fiel von mir ab. Ja, ich schäme mich zuzugeben, dass ich einen köstlichen Augenblick lang nichts anderes als Erleichterung empfand. Man brauchte mich nicht. Ich musste nichts mehr beweisen. Das Gefühl, endlich versagt zu haben, berauschte mich. Ich war das stürmische Aufflackern einer Kerze, deren Flamme nur noch von einem verschwindenden Rest Wachs genährt wird. Sie weiß, dass sie bald verglühen wird. Und deshalb glüht sie, ein letztes Mal noch, heller als jemals zuvor.

Seiner Frau Kyoko hat er nichts davon gesagt. Stattdessen geht er weiterhin von Montag bis Freitag zur gewohnten Zeit mit einem von ihr am frühen Morgen liebevoll zubereiteten Bento (Mahlzeit zum Mitnehmen) aus dem Haus. Er schämt sich und hat seine Selbstachtung eingebüßt.

Ohara Tetsu und Kyoko lernten sich durch eine Vermittlerin kennen. Kyoko, die einzige Tochter eines Bankbeamten, war damals eine dreiundzwanzigjährige Typistin. Tetsu ist zwei Jahre älter als sie, und er hatte damals bereits einen gut bezahlten Job. Seine Eltern waren nervöser als er, als sie sich mit der Vermittlerin Okada-san, Kyoko und deren Eltern in einem Hotel zum Abendessen trafen. Vor dreiunddreißig Jahren heirateten Tetsu und Kyoko, und er hat sie nie mit einer anderen Frau betrogen.

Als Tetsu zehn Jahre alt war, schickten die Eltern ihn zum Klavierunterricht. Dass der Lehrer lachte, obwohl dessen Ehefrau sterbend im Nebenzimmer lag, verstörte den Jungen. Der Lehrer brach daraufhin den Musikunterricht ab, denn für ihn war klar, dass sein Schüler nur oberflächlich hörte. Sonst hätte der Junge begriffen, dass er für seine Frau lachte und in das Lachen Trauer und Dankbarkeit legte.

Ich lache für sie. Hörst du? Er lachte. Ich lache, weil ich weiß, sie liebt es, wenn ich lache.

Als es nach Regen aussieht, sagt Herr Ohara, er werde im Jazzcafé Miles to Go zu finden sein, falls es für einen Aufenthalt im Freien zu nass sei. Zwei Tage bleibt Hiro in seinem Zimmer; erst am dritten Regentrag wagt er es, hinzugehen. Sobald das Wetter wieder besser wird, setzen die beiden ihre Gespräche im Park fort.

Nach und nach erzählt Hiro seine Geschichte, nicht chronologisch, sondern indem er mit der unverfänglichsten Episode beginnt und sich dann zu traumatischen Erlebnissen vortastet.

Für mich ist der Zug jedenfalls abgefahren, und ich bin froh darüber, dass er ohne mich losgerollt ist. So weit ich zurückdenken kann, hatte ich niemals den Wunsch, irgendein Ziel zu erreichen. Nicht von mir aus, meine ich. Die guten Noten waren nicht für mich, sondern für die Eltern, die dachten, es würde einmal etwas Solides aus mir werden. Es war ihr Ehrgeiz, nicht meiner. Es war ihre Vorstellung von einem nach vorwärts gerichteten Leben.

Als er vierzehn Jahre alt war, kam ein Schüler in seine Klasse, der in den USA aufgewachsen war und mit seinen schulischen Leistungen nicht nur in Englisch herausstach: Kobayashi Takeshi. Den Mitschülern gefiel das nicht. Sie mobbten Takeshi, lauerten ihm auf und schlugen ihm einen Zahn aus. Hiro schaute zu, ohne etwas zu unternehmen, denn er befürchtete, er könne selbst zum Opfer der anderen werden.

Zwei Jahre später stellte er zu Beginn des neuen Schuljahres überrascht fest, dass Miyajima Yukiko in seiner Klasse saß. Yukiko war die Tochter der Nachbarsfamilie. Als Kinder hatten sie zusammen gespielt. Dass die Miyajima bettelarm waren, vom Abfall anderer lebten und Yukikos Strümpfe Löcher hatten, bekümmerte Hiro damals nicht. Erst als sie zehn Jahre alt waren, stellte er Fragen. Da schämte sie sich so, dass sie den Kontakt mit ihm abbrach. Nach vier Monaten forderte Hiro sie zu einem Abschiedstreffen auf. Yukiko kam. Sie waren beide befangen. Plötzlich hatte er Lust, ihr weh zu tun. Er packte, schüttelte und schlug Yukiko. Widerstandslos ließ sie es über sich ergehen. Dann riss er sie an sich, küsste sie, nur um sie anschließend wegzustoßen. Von da an gingen sie sich aus dem Weg. Hiro erfuhr nur, dass Yukiko bei einem Mathematikwettbewerb den ersten Platz erreicht hatte. Auch als sie jetzt in einer Klasse zusammen waren, mied er sie. Die anderen grenzten sie nicht nur aus, sondern schimpften, sie stinke und mobbten sie. Hiro schaute nur zu – bis Yukiko sich in der Schule aus einem Fenster im 5. Stockwerk stürzte und starb.

Für Hiro war das ein traumatisches Erlebnis, zumal es ihn daran erinnerte, dass er auch Kobayashi Takeshi nicht geholfen hatte. Aber er hätte es vielleicht geschafft, darüber hinweggekommen, wenn nicht Kumamoto Akira gewesen wäre.

Akira war Hiros Schulfreund. Sein Weg war vorgezeichnet: Wie sein Urgroßvater, sein Großvater und sein Vater sollte er Jurist werden. Aber er schrieb Gedichte und träumte von einem Leben als Dichter. In einer Physikstunde schob er seinem Freund einen Zettel zu: „Heute um acht. Bei der Kreuzung.“ Als Hiro hinkam, erblickte er ihn schon von Weitem. Akira hob die Hand. Dann stürzte er sich in den Straßenverkehr und wurde sofort umgefahren. Hiro nahm an, dass Akira tot war, aber so genau wollte er das gar nicht wissen.

Am nächsten Morgen blieb er im Bett liegen. Er hatte schon häufiger die Schule geschwänzt, aber diesmal verließ er sein Zimmer zwei Jahre lang nicht mehr.

Herr Ohara spricht von seinem Sohn. Kyoko und er hatten sich sehr auf das Kind gefreut, aber es kam behindert und mit einem Herzfehler zur Welt. Das war vor einunddreißig Jahren.

Eine Woche später kamen sie nach Hause. Sie, das waren Kyoko und Tsuyoshi. Ich selbst zählte mich nicht dazu. Das Wort Familie, mit dem ich einst zergangen war, hatte sich in meinem Mund zu einem zählen Klumpen verfestigt.

Den Kollegen erzählte er, das Kind sei gesund. Um möglichst wenig zu Hause zu sein, machte er Überstunden. Seine Mutter äußerte die Überzeugung, dass das schlechte Erbe in der Familie ihrer Schwiegertochter zu suchen sei. Erst als Tsuyoshi starb, erkannte der Vater den Verlust und bedauerte, ihn kein einziges Mal bei seinem Namen gerufen zu haben. Als er sagte, es sei vielleicht besser so, hasste Kyoko ihn.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Hiro fordert Herrn Ohara auf, seiner Frau noch an diesem Freitagabend die Wahrheit zu sagen und ihr die Arbeitslosigkeit zu gestehen. Im Gegenzug verspricht er, sich die viel zu langen Haare zu schneiden. Danach nickt er auf der Parkbank ein. Als er aufwacht, ist Herr Ohara bereits fort, aber seine Krawatte hängt über der Lehne, und Hiro nimmt sie mit.

Wie versprochen, schneidet er sich noch am Abend die Haare.

Sieben Wochen lang wartet er im Park vergeblich auf Herrn Ohara. Dann fährt er zu der Adresse auf der Visitenkarte, die Herr Ohara ihm zu Beginn ihrer Freundschaft gab. Hiro klingelt. Es scheint niemand da zu sein. In der nächsten Minute kommt eine Frau, in der Hiro Ohara Kyoko vermutet. Er stellt sich als Freund ihres Mannes vor und gibt ihr die Krawatte. Obwohl ihr Mann offenbar nichts von Hiro erzählt hat, lädt sie diesen zu einer Tasse Tee ein. Hiro erfährt, dass Herr Ohara tot ist. Er starb am Freitag vor sieben Wochen auf dem Heimweg im Zug an Herzversagen. Seine Frau fühlt sich schuldig, weil sie wusste, dass er arbeitslos war und ihm nicht half, es zuzugeben.

Unterwegs hört Hiro seinen Namen rufen und erblickt seinen tot geglaubten früheren Mitschüler Kumamoto Akira. Er hinkt wegen eines steifen Beins, aber er hat den Selbstmordversuch überlebt. Akira berichtet, er sei nach dem „Unfall“ fünf Wochen lang im Koma gelegen. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus drehte er zu Hause das Gas auf, aber er wurde gerettet und in eine psychiatrische Klinik gebracht. Die Tabletten, die er seither nimmt, haben ihn behäbig gemacht und seinen Körper aufgeschwemmt, aber er schreibt noch immer Gedichte.

Als Hiro nach Hause kommt, sitzen seine Eltern beim Abendessen. Statt gleich wieder in seinem Zimmer zu verschwinden, bleibt er stehen. Sein Vater bricht als Erster das Schweigen, indem er der Mutter aufträgt, den mit einem Packen Zeitungen beladenen dritten Stuhl für Hiro freizuräumen.

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Zwei Männer begegnen sich. Der eine ist achtundfünfzig, der andere zwanzig. Beide sind aus dem „System“ herausgefallen und weigern sich, die an sie gestellten gesellschaftlichen Erwartungen zu erfüllen. Zögernd kommen sie ins Gespräch und erzählen sich von ihren traumatischen Erlebnissen. Wird am Ende wenigstens der Jüngere einen Neuanfang wagen?

Milena Michiko Flašar, die 1980 in St. Pölten geborene Tochter einer Japanerin und eines Österreichers, entführt uns in ihrem Roman „Ich nannte ihn Krawatte“ nach Japan und versetzt sich mit großer Feinfühligkeit in die Rolle eines jüngeren männlichen Ich-Erzählers. Mit wachen Sinnen nimmt sie das Geschehen wahr und gibt ihre differenzierten Beobachtungen ebenso präzise wie nachdenklich wieder. Die Szenerie ist bildhaft, aber mitunter glauben wir auch zu hören und zu riechen. Unaufdringlich erzählt Milena Michiko Flašar eine ernste, anrührende und tiefgründige Geschichte in 114 kurzen Kapiteln. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist ein poetisches Buch; das gilt sowohl für die ausgewogene Komposition als auch für die virtuose Sprache.

Vor „Ich nannte ihn Krawatte“ veröffentlichte Milena Michiko Flašar bereits die Romane „[Ich bin]“ (2008) und „Okaasan. Meine unbekannte Mutter“ (2010).

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2011
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

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