Lawrence Durrell : Justine

Justine

Lawrence Durrell

Justine

Originalausgabe: Justine Faber & Faber, London 1957 Justine Übersetzung: Maria Carlson, 1958 Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1965
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Der irische Lehrer Darley erinnert sich an seinen Aufenthalt in Alexandria. Während er dort mit der Prostituierten Melissa zusammen lebte, befreundete er sich mit dem Millionär Nessim und begann ein verwirrendes Verhältnis mit dessen nymphomanischer Ehefrau Justine, die am Ende allein aus Alexandria fortging, um zu sich selbst zu finden.

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Kritik

"Justine" ist ein geistvoller Roman in einer geschliffenen Sprache, in der ausgefallene, einprägsame Vergleiche aufblitzen. Henry Miller urteilte über das Buch seines Freundes Lawrence Durrell: "Dieser Roman hat alle Schönheiten einer symphonischen Dichtung."
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In einem abgelegenen Ort auf einer Mittelmeerinsel erinnert der irische Lehrer Darley sich an seinen Aufenthalt in Alexandria, der ägyptischen Stadt, von der es heißt, sie „sei die große Kelter der Liebe“ (Seite 8).

[In Alexandria] heuchelt man keine Tugend. Und auch kein Laster. Beides ist natürlich. (Seite 15)

Noch einmal durchlebt Darley, was damals geschah.

Ich selbst bin weder glücklich noch unglücklich; ich schwebe wie ein Haar oder eine Feder im Gewölk der Erinnerung. (Seite 10)

Er teilte sich in Alexandria eine Wohnung mit dem Konsulatsbeamten Georges-Gaston Pombal, der mehrmals im Jahr für einige Zeit verreiste.

Hin und wieder verirrt sich eines von Georges‘ Mädchen, wenn es in die Wohnung kommt und ihn nicht antrifft, in meine Netze, aber das verschärft für eine Weile mein taedium vitae nur noch. Georges ist in dieser Beziehung großzügig und äußerst entgegenkommend; bevor er wegfährt, bezahlt er oft (weil er weiß, wie arm ich bin) eine der Syrerinnen aus Golfos Taverne im Voraus und ordnet an, dass sie gelegentlich eine Nacht in unserer Wohnung verbringt, en disponibilité, wie er es nennt. Ihre Aufgabe ist es, mich aufzuheitern; ohne Zweifel ein mühsames Unterfangen, obwohl es mir äußerlich keineswegs an Heiterkeit zu mangeln scheint. Als nützlich hat sich stets eine kleine Plauderei erwiesen, die sich ganz von selbst, fast automatisch entwickelt und die noch andauert, wenn eine Unterhaltung schon gar nicht mehr erforderlich ist; wenn es sein muss, kann ich auch einmal mit einer Frau ins Bett gehen und das durchaus als angenehm empfinden, da man hier ja ohnehin schlecht schläft; aber ich tue es ohne Leidenschaft, ohne Interesse. (Seite 15)

Auf dem Weg zum Café Al Aktar, wo Darley sich jeden Tag mit seinem Freund Balthazar traf, einem Päderasten, der als Arzt in der Klinik für Geschlechtskrankheiten arbeitete und zum inneren Kreis einer Vereinigung von Kabbalisten gehörte, sah der Ire regelmäßig Melissa, eine mittelmäßige Nachtklubtänzerin, die früher in der Akademie Modell gestanden hatte und inzwischen die Geliebte eines älteren Pelzhändlers war. Eines Abends lernte er sie kennen. Pombal hatte seine Wohnung einem Schriftsteller namens Pursewarden überlassen, der jede Woche zweimal lärmende Partys feierte.

Eines Abends klopfte es zu später Stunde an meiner Tür. Im Flur stand Pursewarden, blass und hoch aufgerichtet, als sei er wie ein Zirkusartist soeben aus einer Kanone in ein Netz geschossen worden […] „Hören Sie“, schrillte Pursewarden, „Pombal hat mir erzählt, Sie seien Arzt; können Sie nicht herüberkommen, jemand ist krank geworden.“ (Seite 42)

Tatsächlich hatte der Lehrer dem Mitbewohner lediglich von seinen zwei Semestern Medizin erzählt, aber er zog einen Regenmantel über seinen Pyjama und folgte Pursewarden. Bei der kranken Person handelte es sich um Melissa, die in Begleitung einer anderen Prostituierten an der Gesellschaft teilgenommen hatte. Sie war schweißüberströmt zusammengebrochen. Darley wickelte sie in einen Bokhara-Teppich und ließ sich von anderen Männern helfen, sie in sein Zimmer zu tragen und dort aufs Bett zu legen. Dann rief er einen alten griechischen Arzt und fragte nach der Untersuchung, was Melissa fehle.

„Es ist alles zusammen“, sagte er, „Unterernähung, Hysterie, Alkohol, Haschisch, Tuberkulose, Spanische Fliege … was Sie wollen.“ (Seite 44)

Als Melissa sich erholt hatte, Darleys Geliebte geworden und zu ihm gezogen war, verfolgte der Pelzhändler seinen Rivalen wochenlang mit einer allerdings ungeladenen Pistole. Schließlich ergab sich daraus eine Art Vertrautheit, aber keiner der beiden wagte es, den anderen anzusprechen.

In dieser Zeit begegneten sich Darley und Justine. Die exzentrische Jüdin schleppte den irischen Lehrer mit nach Hause, um ihn ihrem Ehemann vorzustellen, dem überaus reichen Bankier Nessim Hosnani.

Wir gingen von Zimmer zu Zimmer und zerbrachen die Stille. Endlich antwortete er aus dem großen Atelier unter dem Dach, und sie rannte ihm entgegen wie ein Jagdhund, legte mich ihm zu Füßen und trat schwanzwedelnd zur Seite. Sie hatte mich apportiert. (Seite 23)

Justine war vor ihrer Ehe mit Nessim kurze Zeit mit Jacob Arnauti verheiratet, einem in Albanien geborenen französischen Schriftsteller, der darüber in den Dreißigerjahren den Tagebuchroman „Mœurs“ veröffentlicht hatte. Darin heißt es über das „sybaritische Luxusgeschöpf“ Justine:

Sie ist so untreu, wie sie schön ist. Ich muss mich damit abfinden. Sie nimmt die Liebe hin wie Pflanzen das Wasser, leicht und gedankenlos. (Seite 64)

Kein Schmerz ist so groß wie der, eine Frau zu lieben, die dir zwar ihren Körper gibt, aber unfähig ist, dir ihr Selbst zu schenken – weil sie nicht weiß, wo es zu finden ist. (Seite 107)

Erst später fand Darley heraus, dass Justine als Jugendliche vergewaltigt worden war und seither in der sexuellen Vereinigung nur dann zur Erfüllung kam, wenn sie das traumatische Ereignis neu durchlebte. Während Justine nymphomanisch veranlangt war, blieb Nessim seiner Frau trotz seines Reichtums treu. Er ließ Justine beschatten, aber das geschah nicht nur aus Eifersucht, sondern vor allem, um sie zu beschützen.

Zwischen Darley, Justine und Nessim entwickelte sich eine Freundschaft.

Alle diese Erlebnisse sind in gewisser Weise eine Ouvertüre zu der ersten eigentlichen Begegnung, bei der das bisherige gegenseitige Verstehen – die heitere Freundschaft, die gegründet war auf den uns dreien gemeinsamen Neigungen – sich verwandelte; nicht in Liebe – wie wäre es möglich gewesen? –, sondern in eine geistige Besessenheit, an der die Fessel gieriger Sexualität nur geringen Anteil hatte. (Seite 34)

Als Darley bei einem seiner Besuche Justine überraschend allein vorfand, weil Nessim zu einer Geschäftsbesprechung nach Kairo gefahren war, beschlossen sie, im Meer zu schwimmen und legten sich danach am Strand von Bourg El Arab in den Sand. Da küsste Justine ihren Begleiter spöttisch und angriffslustig auf den Mund.

Melissa spürte es sofort, dass Darley auch in ihrem Beisein an Justine dachte: „Du hast dich in Justine verliebt.“ Er antwortete: „Nein, Melissa, es ist viel schlimmer.“ (Seite 37) Dabei hätte er allerdings nicht erklären können, was es war.

Darley und Justine versuchten, ihre Liebesbeziehung zu verbergen, und sie fühlten sich schuldig.

Nessims Haltung mir gegenüber hatte sich inzwischen gewandelt, oder besser gesagt vertieft zu einer besorgten und fast unangenehmen Liebenswürdigkeit. (Seite 116)

Das hielt Darley für ein Zeichen dafür, dass Nessim wusste, was geschah, und er fühlte sich von dessen Sekretär Selim bedroht. Doch allen Warnungen zum Trotz setzten er und Justine ihr Verhältnis fort. Einmal saßen sie in Nessims Haus, und während im Rundfunk eine aufgezeichnete Rede Nessims übertragen wurde, hörten sie ihn auf der Feuerleiter und sahen seinen Schatten hinter einer Milchglastür. Nachdem Nessim einige Zeit dort gestanden hatte, ließ er einen Gegenstand – wohl eine Pistole – in die rechte Manteltasche gleiten und entfernte sich wieder.

In ihrer Eifersucht trat Melissa im Nachtklub an Nessims Tisch und sagte: „Ihre Frau betrügt Sie!“ Daraufhin traf Nessim sich mit ihr, und sie betrogen Darley und Justine.

Als Nessim Freunde und Bekannte zu einer Entenjagd einlud, befürchtete Darley einen als Jagdunfall getarnten Mordanschlag, konnte sich der Jagdgesellschaft jedoch nicht entziehen.

Als ich in die ausdruckslos glitzernden Augen Nessims sehe, habe ich Angst, zum erstenmal. (Seite 166)

Tatsächlich gab es bei der Jagd einen Toten, aber es war nicht Darley, sondern ein Frauenheld namens Capodistria. Erst später erfuhr Darley, dass es der Mann war, der Justine vergewaltigt hatte.

Justine reiste allein aus Alexandria ab. Nessim litt sehr unter dem Verlust und fuhr nach Kenia, um auf andere Gedanken zu kommen. Darley war froh, einen Zwei-Jahres-Vertrag für eine katholische Schule in Oberägypten unterschreiben zu können, um ebenfalls aus Alexandria fortzukommen.

Durch die englische Künstlerin Clea hörte er von Justine. Clea war eine Malerin, die weder eine Familie noch Liebhaber hatte, mit Balthazar befreundet war und für ihn medizinische Anomalien auf Gemälden festhielt.

Sie ist, noch warm, in den Körper einer jungen Grazie gegossen worden – in einen Körper ohne Triebe oder Begierden. (Seite 101)

Von Clea erfuhr Darley, dass Justine inzwischen auf einem jüdischen Kibbuz in Palästina lebte und glaubte, ihr Glück im Dienst an der Gemeinschaft gefunden zu haben. Clea war es auch, die ihn anrief, um ihm mitzuteilen, dass Melissa schwer erkrankt sei. Darley nahm den Nachtzug nach Alexandria. Balthazar holte ihn vom Bahnhof ab: Melissa war einige Stunden zuvor gestorben. Mit Melissas von Nessim gezeugten Kind verließ Darley Alexandria. Das Mädchen trug noch keinen Namen, aber er wird es wohl „Justine“ nennen.

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Den Titel „Justine“ wählte Lawrence Durrell wohl in Anspielung auf den 1791 veröffentlichten erotischen Roman „Justine oder Das Unglück der Tugend“ („Justine ou Les malheurs de la vertu“) von Donatien Alphonse-François Marquis de Sade. Die Liebe ist in Durrells Roman Symptom einer auseinanderfallenden Wirklichkeit und zugleich ein Stimulans für die Suche nach dem Sinn des Lebens. Es geht zwar auch um Sexualität, jedoch hält Lawrence Durrell sich von jeglicher Obszönität fern.

Das Geschehen wird von dem irischen Lehrer Darley in der Ich-Form erzählt, und zwar nicht chronologisch, sondern assoziativ und durchwirkt mit Auszügen aus Briefen und aus einem autobiografischen Roman von Justines erstem Ehemann.

Das Wichtigste für mich ist, von Erfahrungen zu berichten, nicht in der chronologischen Reihenfolge – denn das wäre Geschichte –, sondern in der Reihenfolge, wie sie für mich Bedeutung erhielten. (Seite 90)

„Justine“ ist ein geistvoller und poetischer Roman in einer geschliffenen Sprache, in der ausgefallene, einprägsame Vergleiche aufblitzen. Henry Miller urteilte über das Buch seines Freundes Lawrence Durrell: „Dieser Roman hat alle Schönheiten einer symphonischen Dichtung.“

Mit „Justine“ begann Lawrence Durrell eine Tetralogie: „The Alexandria Quartett“. Sie besteht aus den Romanen „Justine“ (1957), „Balthazar“ (1958), „Mountolive“ (1958) und „Clea“ (1960). In jedem der vier Romane wird das Geschehen in Alexandria unter einer anderen Perspektive dargestellt. In „Justine“ heißt es:

Ich entsinne mich noch, wie sie [Justine] vor dem mehrteiligen Spiegel beim Schneider saß, sich ein Sommerkostüm anprobieren ließ und sagte: „Schau! Fünf verschiedene Bilder von derselben Gestalt. Wenn ich ein Schriftsteller wäre, würde ich versuchen, eine vieldimensionale Wirkung der Charaktere zu erreichen, eine Art Prismenansicht. (Seite 19)

Ich hatte mich darangemacht, die Vergangenheit zu speichern, zu kodifizieren, zu kommentieren, ehe ich sie ganz verlöre – das war zumindest eine Aufgabe, die ich mir gestellt hatte. Ich war dabei gescheitert (vielleicht war es aussichtslos?) – denn kaum hatte ich einen Aspekt in Worten balsamiert, brachen schon neue Erkenntnisse über mich herein, zerstörten den Rahmen der Bezogenheiten, und alles floh auseinander, nur um sich zu einem überraschenden, unberechenbaren Muster wieder zusammenzufügen … (Lawrence Durrell: Clea; Übersetzung: Walter Schürenberg, Rowohlt Verlag)

In „Balthazar“ gibt Darley seinem Freund Balthazar den Entwurf seines Romans „Justine“ zu lesen. Aus den Kommentaren, die der homosexuelle Arzt in das Manuskript schreibt, begreift Darley, dass Justine ihn missbraucht hatte, um ihren eifersüchtigen Ehemann von ihrem Verhältnis mit dem Schriftsteller Pursewarden abzulenken.

Eine dritte Perspektive ergibt sich durch Mountolive, den britischen Botschafter in Alexandria, der eine Affäre mit Leila hatte, der Mutter von Nessim und dessen Bruder Narouz.

Erst im vierten Band setzt Lawrence Durrell die Geschichte fort: Durch einen Brief Nessims wird Darley nach Alexandria („gleichsam in die Unterwelt“) zurückgerufen. Diesmal steht sein Verhältnis zu der Künstlerin Clea im Mittelpunkt.

Lawrence Durrell wurde am 27. Februar 1912 als Sohn eines irischen Kolonialbeamten in Indien geboren. Er betätigte sich als Barpianist, Rennfahrer und Immobilienmakler, unternahm größere Reisen, lebte einige Zeit auf Korfu, in Paris, Athen, Kairo und Alexandria, auf Rhodos, in Belgrad, auf Zypern, in Argentinien und Südfrankreich. Den Durchbruch als Schriftsteller schaffte er im Alter von fünfundvierzig Jahren mit seinem Roman „Justine“. Lawrence Durrell starb am 7. November 1990 in Sommière.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2004
Textauszüge: © Rowohlt

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