Joan Didion : Menschen am Fluss

Menschen am Fluss

Joan Didion

Menschen am Fluss

Originalausgabe: Run River Obolensky, New York 1963 Menschen am Fluss Übersetzung: Gesine Strempel Rowohlt Verlag, Reinbek 1995 ISBN: 3-499-13454-3, 251 Seiten, 12.90 DM (D) List Verlag, Berlin 2014 ISBN: 978-3-548-61177-8, 333 Seiten, 9.99 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

1940, zwei Jahre nachdem der kalifornische Farmer Walter Knight sein Mandat im Repräsentantenhaus verlor, heiratet seine 17-jährige Tochter in San Remo den vier Jahre älteren Nachbarsohn Everett McClellan. Den Eltern hat sie vorher nichts gesagt, und sie lässt sich zu der Eheschließung ohne Überzeugung hinreißen. Während die Beziehungen von Bekannten und Verwandten scheitern, wird Lily von einem anderen Mann schwanger und lässt eine Abtreibung vornehmen. Als Everett sie 1959 bei einem weiteren Seitensprung ertappt, kommt es zu einer Tragödie ...
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Kritik

In dem Familienepos "Menschen am Fluss" verzichtet Joan Didion auf jeglichen Schnickschnack. Die Sprache wirkt lakonisch, und die Grundstimmung ist schwermütig: Keine der Figuren erlebt eine hoffnungsvolle Entwicklung. Das Leben scheint sinn- und zwecklos zu sein.
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Seit der Republikaner Walter Knight Senator ist, lässt er seine Farm im Sacramento Valley von einem Latino verwalten.

Im Sommer 1938, einige Monate bevor Walter Knight sein Mandat im Repräsentantenhaus dem Demokraten Henry („Hank“) Catlin, einem Postangestellten, abtreten muss, bereist seine an Anämie leidende Frau Edith mit der 16-jährigen Tochter Lily Europa.

[…] und später dachte Lily, dass der Höhepunkt der Reise für ihre Mutter, deren Uhr immer auf die Pazifik-Standard-Zeit eingestellt blieb, weder Paris war noch London, sondern der Abend in New York, als sie mit Rita Blanchard bei Luchow’s zum Abendessen verabredet waren, ehe sie an Bord der Normandie gingen. Rita, die aus Paris kam und auf der Heimreise in New York Station machte.

Im Juni 1940 kommt der verwitwete Nachbar John McClellan mit seinem 21-jährigen Sohn Everett auf einen Drink zu den Knights. Everett hat zwei Schwestern: Sarah und Martha. Die Mutter, Mildred McClellan, war bei Marthas Geburt gestorben. Sarah ist bereits verheiratet und lebt in Philadelphia. Edith Knight drängte Martha vergeblich, sich nach Lilys Vorbild in Berkeley einzuschreiben: Die 16-Jährige zieht es vor, in Davis Landwirtschaft zu studieren.

Lily Knight hält sich in den Ferien zu Hause auf und hat ihren Eltern bereits gesagt, dass sie ein Semester aussetzen wolle. Tatsächlich mag sie überhaupt nicht mehr nach Berkeley zurück.

Nachdem sie mit Everett McClellan im Fluss geschwommen ist, streift sie die Träger des Badeanzugs ab und lässt sich von ihm deflorieren. Aber bald schon wird ihr seine ständige Gegenwart lästig. Everett macht ihr einen Heiratsantrag und fordert sie auf, ihren Eltern Bescheid zu sagen, aber damit zögert sie. Im Oktober fährt Everett mit ihr nach Reno, und sie lassen sich dort trauen. Lily ist allerdings bewusst, dass die Eheschließung ohne weiteres annulliert werden kann, weil sie ein falsches Alter angegeben hat, um ihre Volljährigkeit vorzutäuschen. Nach der kurzen Zeremonie telegrafiert sie ihren Eltern: „HABE EVERETT GEHEIRATET. BIN IM RIVERSIDE RENO. BALD WIEDER ZU HAUSE. GRUSS, LILY“. Das frisch getraute Paar bleibt noch eine Woche in Reno.

Anschließend zieht Lily auf John McClellans Hopfenfarm.

Im Februar 1942 erfährt sie, dass sie zum zweiten Mal schwanger ist. Einen Sohn hat sie bereits: Knight McClellan wird vom Dienstmädchen betreut.

Knights Geburt hatte Everett gefallen. Knights Geburt hatte ihr gefallen, als er erst mal da war. In den sechs Monaten nach Knights Geburt hatte sich jedoch nichts verändert. China Mary kümmerte sich um ihn, so wie sie sich um alles andere kümmerte, was im Haus erledigt werden musste.

Als Lily bewusst wird, dass sie keine Freundin hat, verschickt sie 18 Einladungen zu einem kleinen Lunch, aber daraus entwickeln sich keine Freundschaften, und es gibt auch keinen Freundeskreis ihres Mannes, den sie pflegen könnte.

Ein Autofahrer wundert sich über das Licht im Fluss, und es dauert eine Weile, bis er begreift, dass die Scheinwerfer eines verunglückten Wagens durch das zehn Meter tiefe trübe Wasser strahlen. Um fünf Uhr morgens wird Edith Knight angerufen und gebeten, den Toten im Leichenschauhaus zu identifizieren: Es handelt sich um ihren Mann Walter. Neben ihm liegt seine Beifahrerin: Rita Blanchard. Als Edith Knight gefragt wird, ob die Tote bei ihr und ihrem Mann zu Besuch gewesen sei, antwortet die Witwe schroff:

„Miss Rita Blanchard hat ihr ganzes Leben in der achtunddreißigsten Straße gewohnt […]. Sie stammt aus einer sehr, sehr alten Familie des Valleys. Einer Familie“, fügte sie hochherzig hinzu, „die noch ein Jahr vor meiner eigenen über die Prärie gekommen ist.“

Edith weiß, dass ihr Mann und Rita Blanchard ein langjähriges Verhältnis hatten. Nun stellt sich heraus, dass Walter Knight 1933 einen Häuserblock in Sacramento von seiner Geliebten kaufte, weil sie Geld benötigte. In seinem Testament legte er fest, dass die Immobilie nach seinem Tod wieder Rita Blanchard gehören sollte. Da sie nun aber mit ihm zusammen ums Leben kam, erbt Edith alles, und sie triumphiert über ihre Rivalin.

Zwei Monate nachdem Lily McClellan die Tochter Julie geboren hat, hält Everett es für seine Pflicht, sich zur Armee zu melden.

1944 ruft ihn seine Schwester Martha zurück: Der Vater erlag einem Schlaganfall. Während Sarah ein Flugzeug nimmt, reist Everett mit dem Zug – und trifft erst sechs Stunden nach der Beerdigung auf der Farm ein.

Er hat Sarah seit ihrer Hochzeit im August 1936 nicht mehr gesehen. Als Martha sie nach ihrem Ehemann Peter fragt, antwortet Sarah, sie habe sich vor fünf Jahren von ihm getrennt. Inzwischen ist sie mit Robert Carr Warfield verheiratet. „Steht alles auf meinem Briefpapier“, sagt Sarah, um Gelassenheit bemüht.

Everett kehrt nach der Trauerfeier nicht mehr zu seiner Einheit nach Fort Bliss zurück und wird im Februar 1945 entlassen.

Er und Lily werden mehrmals von dem befreundeten Ehepaar Joe und Francie Templeton zu Partys eingeladen. Als Everett mit Joe über den Kauf eines gebrauchten Pick-ups verhandeln möchte, ist Francie allein zu Hause. Die Alkoholkranke hat zu viel getrunken und versucht, Everett zu verführen, aber er bindet ihr die Träger des Oberteils wieder zu.

Ein paar Monate nach seiner Rückkehr aus Fort Bliss eröffnet Lily ihm: „Ich bin schwanger, und ich glaube, nicht von dir.“ Everett ahnt, dass Lily ihn mit Joe Templeton betrog.

Lily fährt allein nach San Francisco und lässt dort eine Abtreibung vornehmen. Ihrem Mann hinterlässt sie einen Zettel: „Everett, Darling, ich werde alles wieder in Ordnung bringen. Bitte. L.“ Joe Templeton wagt nicht einmal, ihr die 500 Dollar für die Abtreibung zu geben, weil er befürchtet, dass Francie es merken könnte.

Martha McClellan hat seit 1944 eine Affäre mit Ryder Channing, einem etwa 30 Jahre alten Captain der Luftwaffe aus Tennessee, obwohl sie ihn nicht liebt.

„Ich lasse mich mit Ryder ein, der mich nicht nur nicht heiraten will und meine Bedürfnisse nicht versteht, sondern auch derart ungeeignet für all das ist, was ich möchte. […] Ich mag Ryder noch nicht mal“, sagte Martha.

Sie beklagt sich bei ihrer Schwägerin Lily darüber, dass es sich bei Ryder um einen sozialen Aufsteiger handele, der andere Menschen für seine Zwecke zu benutzen versuche.

Im Dezember 1948 liest sie die Verlobungsanzeige von ihm und Nancy Dupree aus Piedmont. Bald darauf wird zur Hochzeit eingeladen. Lily und die Kinder sind grippekrank, und Everett sagt deshalb seine Teilnahme an der Feier ebenfalls ab. Aber Martha geht hin.

Ryder Channing macht mit der Eheschließung einen Sprung nach oben: Sein Schwiegervater Larry Dupree überträgt ihm die Verantwortung für ein Großprojekt von Dupree Developments Inc.: Riverside City. Dabei handelt es sich um den Bau von 37 000 Häusern für den Lebensabend. Noch steht kein einziges davon, aber die 1000 Quadratmeter großen Parzellen werden bereits von Maklern zum Kauf angeboten.

Im März 1949 ertrinkt Martha McClellan im Fluss. Lily findet ein Notizbuch ihrer Schwägerin, das Aufschluss darüber geben könnte, ob die 26-Jährige mit ihrem Boot verunglückte oder sich absichtlich das Leben nahm. Aber nachdem Lily darin geblättert und einige Passagen gelesen hat, verbrennt sie das Buch, ohne Everett etwas davon zu sagen.

Drei Jahre später will sich Francie Templeton, die inzwischen herausfand, dass ihr Mann sie mit Lily betrog, scheiden lassen und das alleinige Sorgerecht für die Zwillinge beantragen. Joe fragt Lily, ob sie bereit sei, Everett für ihn zu verlassen. Ihre Antwort lautet „nein“.

Die Ehe von Ryder und Nancy Channing scheitert. Aber nicht nur aus diesem Grund entzieht Larry Dupree seinem Schwiegersohn die Projektleitung für Riverside City. Er entlässt Ryder Channing vor allem, weil dieser selten zur Arbeit erschien und dann auch noch versuchte, den Unternehmer zu betrügen.

Im Sommer 1957 reist Lily mit ihrem Sohn Knight und ihrer Tochter Julie nach Europa. Paris, London und Rom stehen auf dem Programm, aber alle drei leiden unter Heimweh. Anschließend lässt Lily die Kinder noch für eine Woche bei ihrer zum dritten Mal verheirateten Schwägerin Sarah in Bryn Mawr/Pennsylvania und fliegt allein von New York nach San Francisco zurück. Ihr betrunkener Sitznachbar, ein fetter Italiener, malt ihr in einem obszönen Monolog aus, was er nach der Ankunft mit ihr drei Stunden lang in einem Hotelbett tun wolle. Erschrocken registriert Lily, dass sie darauf eingegangen wäre, wenn der Zwei-Zentner-Mann nicht in San Francisco aus dem Flugzeug hätte getragen werden müssen – zum Glück, denn Everett holt Lily überraschend ab.

Als Knight McClellan 1959 einen Autounfall verursacht, nachdem er zwei Gläser Bier getrunken hat, bittet er seinen Vater, bei der Highway Patrol anzurufen und zu erklären, dass er auf ihn als Lastwagenfahrer angewiesen sei. Weil Everett das rundweg ablehnt, kommt es zum Streit.

„Bleib du nur ruhig sitzen“, fügte Knight hinzu, seine Stimme wurde lauter. „Bleib ruhig sitzen, so wie du es immer getan hast, und verschließ die Augen vor dem, was um dich herum passiert. Tu einfach so, als würden wir nicht existieren. Bleib du nur ruhig sitzen, während deinem Sohn die Fahrerlaubnis entzogen wird und deine Tochter sich von jedem Schwachkopf am Fluss besoffen machen lässt und nackt schwimmen geht –
„Halt den Mund“, sagte Everett.
Knight stand auf. „Letzten Sonntagabend, mit beiden Templeton-Zwillingen. Genau letzten Sonntagabend, als deine Frau sich am Lake Tahoe bumsen ließ.“

Everett, der Lily am letzten Wochenende mit Ryder Channing in Harrah’s Lake Tahoe sah und seither kein Wort mit ihr geredet hat, wirft seinen Sohn hinaus.

Im August 1959 hört Lily nach dem Duschen einen Schuss.

Neun Stunden zuvor, um vier Uhr, hatte Lily beschlossen, dass sie nun doch nicht zu der Party der Templetons gehen würde. Es war einfach zu heiß. Den ganzen Nachmittag hatte sie oben verbracht und bei geschlossenen Fensterläden und mit angestelltem Ventilator im Slip auf dem Bett gelegen. Everett war draußen auf den Hopfenfeldern und zeigte einem Farmer, der weiter unten am Fluss lebte, das neue Bewässerungssystem; Knight war in die Stadt gefahren; Julie war vermutlich irgendwo mit einem der Templeton-Zwillinge unterwegs.

Julie verbringt die Schulferien zu Hause, wird aber in ein paar Wochen zu den Dominikanerinnen zurückkehren. Knight hat seine Sachen gepackt, denn vom nächsten Semester an will er in Princeton studieren.


Wenn Sie noch nicht erfahren möchten, wie es weitergeht,
überspringen Sie bitte vorerst den Rest der Inhaltsangabe.


Als Lily hinausgeht, entdeckt sie Everett am Bootssteg. Auf den Planken liegen Ryder Channings Leiche und der Revolver, der Everetts Vater gehört hatte. Das Leuchten einer ins Wasser gefallenen Taschenlampe ist ebenfalls zu sehen.

„Ich schätze, er war hier, um sich mit dir zu treffen“, sagte Everett.

Lily rät Everett, Sheriff Ed McGrath anzurufen und ihm zu sagen, er habe in Notwehr gehandelt.

Er war nach Hause gekommen, hatte Lily auf dem Steg schreien gehört, hatte nach dem Revolver gegriffen und war hinausgerannt, um zu sehen, was los war.

Schließlich folgt Everett seiner Frau ins Haus und wählt die Privatnummer des Sheriffs.

„Kennst du Ryder Channing? Genau. Nein, sie sind geschieden.“ Er machte eine Pause. „Hör zu. Ich habe ihn erschossen. […] Komm her, und ich erzähle dir alles.“

Über die Gründe sagt Everett nichts. Nach dem kurzen Telefongespräch beteuert Lily, sie habe ihn geliebt, und er versichert ihr, es gewusst zu haben. Dann sagt er noch:

„Hör zu […]. Du musst ein bisschen zunehmen. Du musst anfangen, mehr zu essen und mehr zu schlafen. Versprich mir das.“

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Bei „Menschen am Fluss“, dem Debütroman der 1934 in Sacramento geborenen Journalistin Joan Didion, handelt es sich um ein Familienepos. Die 1938 beginnende und 1959 endende Geschichte dreht sich um den Niedergang von zwei Farmerfamilien im Sacramento Valley.

Dabei bilden die letzten Ereignisse einen Rahmen für die vorherigen, denn die ersten drei und die letzten zwei der 26 Kapitel spielen im August 1959, und „Menschen am Fluss“ ist dementsprechend in drei Teile gegliedert: „August 1959“, „1938 – 1959“, „August 1959“. Diese Struktur ermöglicht es Joan Didion, gleich zu Beginn erkennen zu lassen, dass „Menschen im Fluss“ tragisch endet. Der erste Halbsatz des Romans lautet: „Als Lily den Schuss hörte […].“

Der Hauptteil („1938 – 1959“) wird chronologisch entwickelt. Joan Didion verzichtet dabei wie ihre literarischen Vorbilder Ernest Hemingway und Henry James auf jeglichen Schnickschnack. Vieles wird nur angedeutet, nichts breitgetreten. Die Sprache wirkt lakonisch, und die Grundstimmung von „Menschen am Fluss“ ist schwermütig: Keine der Figuren erlebt eine hoffnungsvolle Entwicklung. Das Leben scheint sinn- und zwecklos zu sein.

Sie hat oft erzählt, dass sie ihr Schreiben von Ernest Hemingway gelernt habe: „He taught me how sentences worked.“ Er hat ihr beigebracht, wie Sätze funktionieren. Direkt, unverstellt, konzentriert, wie ruhige Flüsse oder klares Wasser über Granit, ohne Hohlräume oder Strudel. Es gibt nicht wenige, die behaupten würden, Didion könne es besser als Hemingway. (Jana Hensel, Die Welt am Sonntag, 1. Oktober 2006)

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2015
Textauszüge: © Rowohlt Verlag

Joan Didion (kurze Biografie / Bibliografie)

Douglas Adams - Das Restaurant am Ende des Universums
Douglas Adams erzählt zwar in "Das Restaurant am Ende des Universums" von fremden Welten und anderen Zeiten, aber damit parodiert er auf intelligente Weise irdische Unzulänglichkeiten. Außerdem spielt er mit unseren Vorstellungen von Raum und Zeit.
Das Restaurant am Ende des Universums

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