Mario Desiati : Zementfasern

Zementfasern

Mario Desiati

Zementfasern

Originalausgabe: Ternitti Manuskript: 2006 – 2010 Arnoldo Mondadori Editore, Mailand 2011 Zementfasern Übersetzung: Annette Kopetzki Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2012 ISBN: 978-3-8031-3244-4, 285 Seiten, 19.90 € (D)
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

Mimi ist 14, als die Eltern 1975 mit ihr von Apulien in die Schweiz ziehen, wo der Vater nun in einer Eternitfabrik findet. Bald darauf wird sie schwanger. Im letzten Augenblick entscheidet sie sich gegen die Abtreibung. Sie kehrt mit ihrer Tochter Arianna nach Tricase zurück, zieht sie allein auf und arbeitet in einer Fabrik. Die meisten Männer in Tricase, die im Ausland arbeiteten, erkranken. Auch Mimis Vater stirbt 1999 an Asbestose ...
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Kritik

Der Roman "Zementfasern" ist episodenhaft und mit einigen Ausnahmen nicht sehr anschaulich inszeniert. Mario Desiati schreibt schnörkellos und erzählt die tragische, tragikomisch endende Geschichte in einer rauen Sprache.
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Der italienische Tagelöhner Antonio Orlando zieht mit seiner Ehefrau Rosanna, der Tochter Domenica („Mimi“) und dem Sohn Biagino 1975 aus Tricase in Apulien in die Schweiz, um in der Eternit-Fabrikationsanlage in Niederurnen im Kanton Glarus zu arbeiten.

Ternitti war eine entstellte Form des Wortes Eternit, Ternitti wurden auch die Fabriken genannt, wo man mit Asbestzement zu tun hatte; schließlich war Ternitti im Salento das Synonym für Dach, Ziegel, Zement und den Großteil des Materials, das auf Baustellen benutzt wurde, auch wenn es kein Asbest war.

Zunächst erhält er die Aufgabe, Jutesäcke mit Krokydolith zu füllen, dann muss er Blöcke aus Asbestzement zerteilen. Den Orlandos wird eine Behelfsunterkunft zugewiesen, die sie sich mit vielen anderen italienischen Gastarbeitern teilen.

Die 14-jährige Mimi verliebt sich in den vier Jahre älteren Arbeiter Ippazio, den sie Pati nennt. Nachdem ihre Eltern eingeschlafen sind, schleicht sie zu ihm. Als sein Bett einmal leer ist, legt sie sich dennoch hinein und wartet auf ihn. Aber statt Ippazio kommen zwei Kerle, die es auf ihn abgesehen haben. Mimi kriecht unters Bett, wird jedoch entdeckt.

Als sie schwanger ist, schickt Ippazio sie zu dem Arzt Berto Brancaccio („Accio“) in Zürich, der bereit ist, gegen gute Bezahlung Abtreibungen vorzunehmen. Im letzten Augenblick entflieht Mimi ihm, und im Alter von 15 Jahren wird sie Mutter eines Mädchens, dem sie den Namen Arianna gibt. Da hat Ippazio sich bereits von ihr getrennt.

Gut ein Jahr später kehrt Mimi nach Tricase-Lucugnano zurück, und als sie volljährig ist, beginnt sie dort in der Krawattenfabrik zu arbeiten. In der Abendschule holt sie die mittlere Reife nach, und sie wird Vorarbeiterin.

Einmal spricht sie einen verwahrlosten Straßenmusikanten an. Der nimmt sie mit in seinen Wohnwagen. Als sie sagt, sie menstruiere, hört er nicht auf sie.

Kaum war er nackt, drang er in sie ein, dabei zog er ihr das Kleid bis übers Gesicht […]
Die Liebe dauerte wenige Sekunden, der Mann merkte, dass Mimi blutete, er fasst sich an und steckte sich einen Finger in den Mund.
„Was ist das?“
„Blut.“
Der Mann spuckte auf den Boden und war mit einem Satz auf den Beinen […]
„Was glotzt du? Siehst du, was du angerichtet hast?“ Seine Worte überschwemmten die feuchte, warme Luft.
Mimi fühlte sich ungerecht behandelt, sie trug keine Schuld an dem, was er ihr vorwarf. Sie streichelte sein nacktes Bein und fühlte die knotige Haut, als wäre dort eine riesige Narbe, ein alter Schnitt, der die Haut in Rinde verwandelt hatte. Der Mann verstand die Liebkosung nicht, eine eher mitleidige als erotische Geste, er schob ihre Hand weg, suchte mit seinem Schwanz ihren Mund. Ein beißender Geruch nach ihrem eigenen, getrockneten Blut und einem unbekannten, süßlichen Schweiß stach Mimi in die Nase und ätzte ihren Gaumen, sie weigerte sich.

Ein Anwalt, mit dem Mimi eine Affäre hat, arrangiert einen flotten Dreier, ohne dies vorher mit ihr abzusprechen. Als das Mädchen fort ist, stellt Mimi ihn zur Rede und meint, er hätte sie fragen müssen, vielleicht hätte sie sich dann statt des Mädchens einen Mann gewünscht. Danach trennt sie sich von ihm.

Mimis Bruder Biagino Orlando, der sich jetzt Celestino nennt, verlässt seine Clique von Trinkern, als diese sich dem Heroin zuwenden. Er zieht es vor, weiter beim Alkohol zu bleiben und trinkt nicht selten bis zur Bewusstlosigkeit [Alkoholkrankheit].

Antonio Orlando stirbt im Sommer 1999 an Asbestose. Fast alle Männer in Tricase, die in Fabriken in Deutschland, der Schweiz oder weiter im Norden arbeiteten, werden krank. Die einen erkranken an Asbestose, andere haben zu viel Kohlestaub eingeatmet oder Chemikalien in ihren Körper aufgenommen.

Mimi sieht ihre Tochter Arianna, die in Rom Medizin studiert, nur zwei-, dreimal im Jahr. Als die 27-Jährige 2003 wieder einmal für zwei Tage nach Lucugnano kommt, gesteht sie ihrer Mutter, vor einer Woche abgetrieben zu haben. Ob das Kind von ihrem Lebensgefährten Federico war, weiß sie nicht, weil sie auch mit anderen Männern Geschlechtsverkehr hatte. Von Federico will sie sich trennen.

Arianna engagiert sich für die Asbest-Opfer, zu denen auch die Frauen gehören, die die Arbeitskleidung ihrer Männer wuschen und dabei Asbestfasern einatmeten. 2006 hält Arianna auf einer öffentlichen Veranstaltung in Tricase eine Rede zu diesem Thema. Ein Komitee wird gegründet. Die Frist für Anträge auf Entschädigungszahlungen ist allerdings schon abgelaufen.

Mimi erfährt 2006, dass Ippazio wieder in Apulien lebt. Sie findet ihn auf der Marina di Guardiola. Er erkennt sie nicht, aber sie sagt ihm schließlich, wer sie ist.

Ippazio erzählt ihr, dass er damals in der Fabrik in Niederurnen versäumte, einen Schaden am Laufsteg zu melden. Deshalb stürzte ein Arbeiter aus Kalabrien namens Giacomo in den Asbestzement und starb. Die Männer, die ihn und Mimi im Schlafsaal suchten, wollten Giacomo rächen. Sie fanden ihn schließlich in der Autowerkstatt, in der er an seinem einzigen freien Tag in der Woche arbeitete und schlugen ihn zusammen. Im Krankenhaus lernte er eine Deutsche namens Franca kennen, die ihren Freund wegen eines Knochenbruchs hingebracht hatte. Franca kam aus einer guten Familie, engagierte sich jedoch als Hausbesetzerin, rauchte Marihuana und hatte bereits in London, Paris und Amsterdam gelebt. Er habe Mimi wegen Franca verlassen, gesteht Ippazio, aber auch, weil er den Gedanken nicht ertrug, dass das Kind vielleicht nicht von ihm, sondern bei einem Gewaltakt im Schlafsaal gezeugt worden war. Franca hat ihm zwei Söhne geboren.

Als die Krawattenfabrik in Lucugnano 2011 geschlossen werden soll, harrt Mimi mit anderen protestierenden Frauen tagelang auf dem Wellblechdach einer Halle aus. Ippazio fährt hin, steigt zu Mimi hinauf, überschüttet sich mit Benzin und nimmt Streichhölzer in die Hand, um sich anzuzünden. Mit der Selbstverbrennung werde er die Aktion der Frauen wirkungsvoll unterstützen, meint er, und endlich Mut beweisen. Aber ein Wolkenbruch durchnässt die Streichhölzer und spült das Benzin von seiner Kleidung.

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Die Handlung des Romans „Zementfasern“ von Mario Desiati beginnt 1975 und endet 2011, überspannt also einen Zeitraum von 36 Jahren. Im Mittelpunkt stehen drei starke italienische Frauen: Rosanna Orlando, ihre Tochter Mimi und ihre Enkelin Arianna. Die Fabrikarbeiterin Mimi gerät mit den gesellschaftlichen Erwartungen an die Rolle einer Frau in Konflikt. Bei ihrer Tochter wird das noch deutlicher: Arianna studiert in Rom Medizin, sie ist eigenständig, beansprucht für sich Freiheit auch in der Wahl ihrer Sexualpartner und ermutigt italienische Gastarbeiterfamilien, die durch Schadstoffe in den Fabriken zu Schaden kamen, Gerechtigkeit zu verlangen.

Mario Desiati (* 1977) spielt in „Zementfasern“ auf die Eternit-Fabrikationsanlage in Niederurnen im Schweizer Kanton Glarus an. Dort, so berichtet er im Nachwort, hätten zwischen 1960 und 1980 fast 2000 Bewohner der Gemeinden des Capo di Leuca im Osten des Gargano gearbeitet, und die meisten davon seien inzwischen krank oder verstorben.

Der Roman „Zementfasern“ ist episodenhaft und mit einigen Ausnahmen nicht besonders anschaulich inszeniert. Mario Desiati schreibt schnörkellos und erzählt die tragische, tragikomisch endende Geschichte in einer rauen Sprache.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Dieter Wunderlich 2012
Textauszüge: © Verlag Klaus Wagenbach

Simon Beckett - Schneefall / Ein ganz normaler Tag
Während "Schneefall" verblüffend banal ist, wechselt Simon Beckett in "Ein ganz normaler Tag" immerhin zwischen zwei Ebenen und thematisiert die Tendenz zur Vernachlässigung der Rechte, die auch Menschen am Rand der Gesellschaft zustehen.
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