Elias Canetti : Die Fackel im Ohr

Die Fackel im Ohr

Elias Canetti

Die Fackel im Ohr

Die Fackel im Ohr Carl Hanser Verlag, München / Wien 1980
Buchbesprechung

Inhaltsangabe

2. Teil der Autobiografie von Elias Canetti
1921 - 1931: Gymnasium in Frankfurt am Main – Leben mit dem Bruder in Wien – Chemiestudium – Begeisterung für Karl Kraus – Freundschaft mit Veza – Semesterferien in Berlin – Beschäftigung mit dem Thema "Masse und Macht"
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Kritik

In seiner dreibändigen Autobiografie reflektiert Elias Canetti nicht nur über die ersten 32 Jahre seines Lebens, sondern er vermittelt auch einen Eindruck seiner Zeit, in der viele berühmte Künstler und Schriftsteller wirkten.
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Nur ungern verlässt Elias Canetti das Internat bei Zürich. Die Mutter quartiert sich mit ihm in einer Pension in Frankfurt am Main ein, wo sie die Auswirkungen des Weltkriegs und der Inflation zu spüren bekommen und bei den Mitbewohnern während der gemeinsamen Mahlzeiten beobachten können.

Prägende Eindrücke für seine künftige Geisteshaltung erfährt er auf dem Gymnasium durch Lehrer und Schulkameraden sowie durch viele Theater- und Museumsbesuche. 1921 wird er erstmals in einer Massenveranstaltung in Frankfurt mit dem Erlebnis konfrontiert, wie sich der Mensch in größeren Ansammlungen verhält.

Die angespannte Situation wegen der täglichen Auseinandersetzungen mit der Mutter setzt sich fort und wird unerträglich.

Ab 1924 ist Elias Canetti wieder in Wien. Zusammen mit seinem Bruder, dem sechs Jahre jüngeren Georg, mietet er ein Zimmer. Um nicht einen kaufmännischen Beruf ergreifen zu müssen – alles Kommerzielle verabscheut er –, beschließt der Neunzehnjährige, Chemie zu studieren, „ohne sicher zu sein, ob [er] dabei bleiben würde“.

Der Student erfährt von den Lesungen, die Karl Kraus aus seinem umfangreichen Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ hält und von seiner Zeitschrift „Die Fackel“. Bei allen Intellektuellen in Wien steht dieser den Krieg anprangernde, die Korruption bekämpfende und Übelstände aufdeckende Publizist hoch im Kurs. Seine Vorlesungen sind überlaufen. Canetti ist ebenfalls begeistert und lässt sich keine entgehen. Bei den Veranstaltungen fällt Elias eine junge, aparte Frau auf: Veza.

Sie sah sehr fremd aus, eine Kostbarkeit, ein Wesen, wie man es nie in Wien, wohl aber auf einer persischen Miniatur erwartet hätte. Ihre hochgeschwungenen Brauen, ihre langen, schwarzen Wimpern, mit denen sie, auf virtuose Weise, bald rasch, bald langsam spielte, brachten mich in Verlegenheit. Ich schaute immer auf die Wimpern statt in die Augen und wunderte mich über den kleinen Mund.

Er kommt mit ihr ins Gespräch, aber es dauert noch einige Zeit, bis er sich traut, sie zu besuchen.

Seit seinem Erlebnis in Frankfurt beschäftigt Elias Canetti das Verhalten des Individuums in der Masse. Hier in Wien wird er durch einen Vetter, der sich mit agitatorischen Reden hervortut, erneut mit dem „Phänomen Masse“ konfrontiert.

Ich fragte ihn nach seiner eigenen Verfassung, wenn er rede, ob er dann immer wisse, wer er sei, ob er nicht fürchte, sich selbst in der begeisterten Masse zu verlieren. „Nie! Nie!“ sagte er mit größter Entschiedenheit. „Je begeisterter sie sind, um so mehr fühle ich mich selbst. Man hat die Menschen in der Hand wie weichen Teig. und kann mit ihnen machen, was man will. Man könnte sie dazu aufreizen, Feuer zu legen, an ihre eigenen Häuser, es gibt keine Grenzen für diese Art von Macht. Versuch es selbst! Du must es nur wollen! …“
„Ich habe die Masse erlebt“, sagte ich, „in Frankfurt. Ich war selbst wie Teig. Ich kann es nicht vergessen. Ich möchte wissen, was das ist. Ich möchte es verstehen.“
„Da gibt es nichts zu verstehen. Es ist überall dasselbe. Du bist entweder ein Tropfen, der in der Masse aufgeht, oder der, der sich darauf versteht, ihr eine Richtung zu geben. Eine andere Wahl hast du nicht.“
Es schien ihm müßig, sich zu fragen, was diese Masse eigentlich sei. Er nahm sie als etwas Gegebenes hin, etwas, das man hervorrufen kann, um bestimmte Wirkungen damit zu erzielen. Aber hätte jeder, der es vermochte, ein Recht darauf?
„Nein, nicht jeder!“, sagte er mit der größten Bestimmtheit. „Nur der, der es für die wahre Sache einsetzt.“
„Wie kann er wissen, dass es die wahre Sache ist?“
„Das fühlt er“, sagte er, „hier!“. Er schlug sich mit Kraft mehrmals gegen die Brust. „Wer das nicht fühlt, der kann es auch nicht!“
„Dann kommt es also nur darauf an, dass einer an seine Sache glaubt. Und sein Feind, der glaubt vielleicht an das Gegenteil!“

Elias‘ Mutter kommt nach einem Sanatoriumsaufenthalt wieder nach Wien. Sie quartieren sich in einer kleinen Wohnung ein. Die beengten Verhältnisse erhöhen die Spannungen zwischen den beiden in dramatischer Weise.

Inzwischen treffen sich Elias und Veza häufiger, und es entwickelt sich ein fruchtbarer Interessenaustausch. Der Mutter verheimlicht er seine Freundschaft mit Veza. Er muss befürchten, dass sie eine Frau an der Seite ihre Sohnes ablehnen würde.

Der Zwanzigjährige wird sich bewusst, dass er sich aus der Umklammerung seiner Mutter lösen muss. Er beschließt, mit einem Freund eine Wanderung durchs Gebirge zu machen. Nach anfänglicher Zustimmung der Mutter, verbietet sich ihm zuletzt die Exkursion. Darauf reagiert er mit einem Wutanfall und fährt gegen ihren Willen in die Berge.

Elias Canetti führt sein Chemiestudium leidenschaftslos fort. Seine Bindung an Veza vertieft sich.

Ein Aufstand der Arbeiter am 15. Juli 1927, der mit dem Brand des Justizministeriums, Schießereien der Polizei und neunzig Toten endet, ist ein Ereignis, das auf Canettis späteres Leben tiefsten Einfluss hat. „Es ist der deutlichste Tag, dessen ich mich entsinne, deutlich aber nur, weil das Gefühl von ihm, während er ablief, unablenkbar blieb.“

Es könnte sein, dass die Substanz des 15. Juli in „Masse und Macht“ ganz eingegangen ist. Dann wäre eine Rückführung auf das ursprüngliche Erlebnis, auf die sinnlichen Elemente jenes Tages in irgendeiner Vollständigkeit unmöglich.

In den Semesterferien 1928 fährt Canetti auf Anregung einer Freundin nach Berlin. Er wohnt bei dem Verleger Wieland Herzfelde, der ihn mit unaufdringlicher Gastfreundschaft aufnimmt und „als Freund und Mitarbeiter“ in die Künstlerkreise einführt. „Wieland kannte jeden, weil er schon lange da war.“

So hat Elias Canetti zum Beispiel Gelegenheit, den von ihm geschätzten George Grosz kennenzulernen.

Mir gefiel, dass es stark und rücksichtslos war, was man auf diesen Zeichnungen sah, schonungslos und furchtbar. Da es extrem war, hielt ich es für die Wahrheit. Eine vermittelnde, eine abschwächende, eine erklärende und entschuldigende Wahrheit war für mich keine.

Elias Canetti erinnert sich auch an Bertolt Brecht:

Der einzige, der mit unter allen auffiel, und zwar durch seine proletarische Verkleidung, war Brecht. Er war sehr hager, er hatte ein hungriges Gesicht, das durch die Mütze etwas schief wirkte, seine Worte kamen hölzern und abgehackt, unter seinem Blick fühlte man sich wie ein Wertgegenstand, der keiner war, und er, der Pfandleiher, mit seinen stechenden schwarzen Augen, schätzte einen ab. Er sagte wenig, über das Ergebnis der Schätzung erfuhr man nichts. Unglaublich schien es, dass er erst dreißig war, er sah nicht aus, als wäre er früh gealtert, sondern als wäre er immer alt gewesen.

Weitere bekannte Persönlichkeiten, zum Beispiel der Schriftsteller Isaak Babel und der begnadete Rezitator Ludwig Hardt machen auf Canetti großen Eindruck.

Im Juni 1929 hat Elias Canetti in Chemie promoviert „und damit ein Studium beschlossen, das … zum Aufschub gedient hatte und sonst nichts bedeutete.“ Seinen Lebensunterhalt kann er mit dem Auftrag zum Übersetzen zweier Bücher aus dem Amerikanischen bestreiten.

Canetti mietet eine hübsche Wohnung am Stadtrand von Wien. In der Nachbarschaft fällt ihm ein junger Mann auf, der im Garten im Rollstuhl sitzt. Thomas Marek ist seit seiner Kindheit gelähmt. Er studiert Philosophie. Die Seiten der Bücher kann er mit den Fingern nicht umblättern; er macht dies blitzschnell mit seiner Zunge. Zu dem hochintelligenten, willensstarken Gelähmten, kommt ein berühmter Professor von der Universität Wien ins Haus. Mit Thomas Marek verbindet Elias Canetti mit der Zeit eine ehrliche freundschaftliche Beziehung. Auch hier ist das Thema „Masse“ häufige Diskussionsgrundlage.

Wenn ich aber zu Thomas etwas über Masse sagte, spürte ich eine ganz andere Art von Reaktion, über die ich mich anfangs wunderte. Er bezog die Schilderung des Zustandes, der mir zum Rätsel aller Rätsel geworden war, eben das Aufgehen des Einzelnen in der Masse, auf sich und zweifelte daran, dass er je zu Masse werden könne.

Außer mit „Masse und Macht“ beschäftigt sich Canetti mit dem Entwurf eines Romans: Acht Figuren einer „Comédie Humaine an Irren“ schweben ihm dabei vor:

… und es schien ausgemacht, dass jede zum Zentrum eines eigenen Romans werden würde. Sie liefen nebeneinander her, ich bevorzugte keine, ich wandte mich in raschem Wechsel bald dieser, bald jener zu, keine wurde vernachlässigt, aber keine überwog, jede hatte ihre besondere Sprache und ihre besondere Art zu denken, es war, als hätte ich mich in acht Menschen gespalten, ohne die Gewalt über sie oder über mich zu verlieren. …Sieben von ihnen gingen zugrunde, eine blieb am Leben. Die Maßlosigkeit meines Unternehmens trug ihre Strafe in sich, doch war die Katastrophe, in der es endete, nicht komplett, etwas – es heißt heute „Die Blendung“ – ist davon übrig geblieben.

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„Die Fackel im Ohr“ beschreibt die Jahre 1921 bis 1931. Elias Canetti erinnert sich an seine Erlebnisse bei einer Massenveranstaltung in Frankfurt am Main, die ihn zeitlebens beschäftigen. (Ein Essay „Masse und Macht“ erscheint 1960.) Er berichtet über die Vorlesungen von Karl Kraus in Wien, die ihn sehr beeindrucken. Und er lernt Veza, seine spätere Frau, kennen. Während eines Aufenthalts in Berlin macht er die Bekanntschaft vieler berühmter Schriftsteller und Künstler, zum Beispiel Wieland Herzfelde, George Grosz, Bertolt Brecht. Nachdem er sein Chemiestudium beendet hat, geht er seinen schriftstellerischen Interessen nach.

Das autobiografische Werk in drei Teilen ist nicht nur eine Reflexion des Autors über sein Leben bis zum Alter von 32 Jahren. Es vermittelt auch einen Eindruck dieser Zeit, in der viele berühmte Künstler und Schriftsteller wirkten, und von denen Elias Canetti mehrere kennenlernte und sich zum Teil mit ihnen befreundete. Durch alle drei Bände der Autobiografie – „Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“, „Das Augenspiel“ – zieht sich der Konflikt mit der dominierenden Mutter, unter dem er Zeit seines Lebens litt. In seinen Erinnerungen kommt auch immer wieder seine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Thema „Masse und Macht“ zur Sprache, das ihn seit seiner Jugend beschäftigt (und 1960 unter diesem Titel als großangelegter Essay erscheint.)

Seine Frau Veza starb 1963.

Den Nobelpreis für Literatur erhielt Elias Canetti 1981.

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Inhaltsangabe und Rezension: © Irene Wunderlich 2003
Textauszüge: © Elias Canetti

Wolfgang Welsch - Ich war Staatsfeind Nr. 1
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Wolfgang Welsch

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